Die Geschichte lehrt, wie man sie fälscht, ist mein Lieblings-Bonmot des Satirikers Stanisław Jerzy Lec, weil es genau meiner Erfahrung entspricht. Ich habe die DDR, ihre Opposition seit den 70er Jahren und die Unabhängige Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsbewegung seit Anfang der 80er Jahre hautnah und aktiv miterlebt – den Mauerfall an der Bornholmer Straße, den Zentralen Runden Tisch, die Volkskammerzeit bis zur Vereinigung und danach den ersten gemeinsamen Bundestag. Ich habe erlebt und erlebe immer noch die vielen Lügen, die um das Ende der DDR, die Vereinigung und die geschichtliche Einordnung gesponnen werden. Ich kann nur hoffen, dass die Legenden nicht stärker sind als die historische Wahrheit. Deshalb sind Bücher wie das von Monika Lembke „Wir dulden noch viel zu viel“ so wichtig. Sie enthalten die wichtigen Körnchen Wahrheit, die eines Tages hoffentlich Allgemeingültigkeit gewinnen.
Monika Lembke müsste eigentlich so prominent sein wie Bärbel Bohley, die bekannteste Bürgerrechtlerin der DDR. Sie war zwar nicht die „Mutter der Revolution“, aber die Erfinderin des „Weißen Kreises“ von Jena, der nur sieben Sonnabende lang existierte, aber überall in der DDR Nachahmer fand und der Staatssicherheit der DDR schwer zu schaffen machte. Lembkes war es in der DDR zu eng. Sie wollten raus. Als ihr Ausreiseantrag abgelehnt wurde, begannen die üblichen Schikanen gegen die Ausreisewilligen. In Lembkes Fall führten diese Schikanen zum Selbstmord ihres ältesten Sohnes Ingo. In ihrer Verzweiflung sann Lembke darüber nach, wie man die Ausreise beschleunigen könnte, ohne noch schärferen Repressionen ausgesetzt zu werden. Mit einer „zusammengewürfelten Notgemeinschaft“ wurde diskutiert, man verfasste Briefe an den Staatsratsvorsitzenden Honecker und den UNO-Generalsekretär, aber kam schließlich zu der Erkenntnis, dass man selbst aktiv werden musste.
Keine Losungen, keine Transparente, keine Reden. Am Ende kam die Idee heraus, dass man an einem Sonnabend mit weißer Kleidung auf einem zentralen Platz in Jena einen Schweigekreis bilden wolle. Los ging’s am Sonnabend, dem 18. Juni 1983. Ein Dutzend Menschen, nur teilweise in Weiß, bildeten eine Stunde lang einen Kreis. In dessen Mitte lag eine Wanderkarte. Nichts passierte, man ging auseinander. Der zweite Kreis wurde am 25. Juni von 16 Teilnehmern gebildet. Wieder passierte nichts. Beim dritten Kreis mit 25 Teilnehmern am 2. Juli erschien die Volkspolizei, blieb aber entspannt. Beim vierten Kreis am 9. Juli mit 37 Ausreisewilligen passierte wieder nichts. Das änderte sich am Sonnabend darauf, als die 45 Demonstranten von einem westdeutschen Journalisten fotografiert wurden. Die Nachricht über diese Aktion erreichte die Medien in der Bundesrepublik. Die Staatssicherheit erfuhr auf diesem Weg, dass sie ein neues Problem hat. Am nächsten Sonnabend, dem 23. Juli, war schon ganz Jena in Aufruhr. Die Nachricht hatte sich über den Westen wie ein Lauffeuer in der ganzen DDR verbreitet. Ausreisewillige aus dem ganzen Land reisten an, in anderen Städten hatten sich bereits Ausreisekreise gebildt. Für Lembkes hatte es zur Folge, dass sie ganz schnell ihre Ausreisegenehmigung bekamen – mit der Auflage, sich von weiteren Ausreisekreisen fernzuhalten. Von der weiteren Entwicklung bekamen sie nichts mehr mit.
Von Historikern stark unterschätzt
Beim siebten Ausreisekreis gab es Verhaftungen. Das erfuhren Lembkes erst lange nach dem Fall der Mauer bei einem Zeitzeugengespräch. Ihre Idee war zur materiellen Gewalt geworden. Die Ausreisebewegung erfasste das ganze Land und trug zu seiner Delegitimierung bei. Die Staatssicherheit bekam die Lage nicht mehr in den Griff. Obwohl mit Lembkes im Sommer 1983 insgesamt 143 Menschen aus Jena in den Westen entlassen wurden, wurde es in der Stadt wie im ganzen Land nie wieder ruhig. Mitte der 80er-Jahre stieg die Zahl der Ausreisewilligen an wie heutzutage der Silberpreis.
Es gehört zu den bitteren Kapiteln der Geschichte der Bürgerbewegung der DDR, dass die beiden Widerstandsbewegungen nie gemeinsame Sache machten. Das lag an den Friedensgruppen, die jede Zusammenarbeit mit den Ausreisern ablehnten. Deutlich wurde das besonders im Januar 1988, als Aktive der Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsbewegung beschlossen, mit eigenen Plakaten zu der von der SED organisierten Liebknecht-Luxemburg-Demonstration zu gehen – und sich auch nicht davon abhalten ließen, dass an der Aktion auch Ausreiser teilnehmen würden. Das wurde vom radikalen Teil scharf kritisiert. Die Kritik mündete im Vorwurf des Verrats, als die Staatssicherheit Massenverhaftungen vornahm und zehn inhaftierte Bürgerrechtler in den Westen abschob, teils mit DDR-Pass. Ich war damals die Einzige, die schon in einem Schnellverfahren wegen „versuchter Zusammenrottung“ zu sechs Monaten Haft verurteilt war, und die Letzte, die sich entschied, statt die Strafe abzusitzen, mit DDR-Pass ein Jahr nach England zu gehen. Prompt wurde in den alternativen Medien der DDR verbreitet, ich wäre „keine richtige Revolutionärin“. Richtige Revolutionäre hätten, Kinder oder nicht, die Strafe abgesessen. Die Spaltung, die sich damals schon in der DDR-Opposition abzeichnete, hält bis heute an. Was die Ausreisebewegung betrifft, wird sie nach wie vor von Historikern als wichtiger Faktor der Delegitimierung der DDR stark unterschätzt oder als Randphänomen bezeichnet. Das macht Monika Lembkes Buch so interessant und wertvoll. Sie rückt eine Bewegung in den Fokus, deren Verdienste und Erfolge zu erkennen unverzichtbar ist, wenn man verstehen will, was die SED-Diktatur zu Fall gebracht hat.
Dieser Beitrag erschien zuerst auf Vera Lengsfelds Blog.
Beitragsbild: Bundesarchiv

Diese Verbortheit nicht zusammen arbeiten zu wollen sehen wir auch heute. Die Freiheit wird beschnitten, der Bevölkerungsaustausch findet statt – ich verwende diesen Ausdruch deshalb, weil gerade eine spanische Sozialistin explizit mehr (sic!) Bevölkerungsaustausch gefordert hat – die Wirtschaft wird der Klimareligion geopfert, die Sprache instrumentalisiert und die Konservativen/Rechten können sich weder hier noch im EU-Parlament zusammen reissen. Danke für diesen aufklärenden Artikel. Die Idioten gehen nicht aus.
Wir wurden alle verscheissert. Die DDR vor dem Mauerfall, die BRD nach dem Mauerfall. Und dann wir alle zusammen.
Und das sollte auch für Frau Lengsfeld interessant sein. Gleich nach dem Mauerfall hat Helmut Kohl das GG verbotenerweise manipuliert, um den verfassungswidrigen Maastricht Vertrag irgendwie durchzudrücken. Meines Erachtens waren die Parteispenden dafür gedacht. Wäre das herausgekommen, hätte der Vertrag storniert werden müssen. Darum hat man geschwiegen!
Das ist jetzt nicht das Kernthema, sondern, daß damit auch „Soziale Markwirtschaft“ abgeschafft worden ist.
Die BRD war ein Erfolgsmodell, weil der Staat Monopole hatte, Eisenbahn, Post, Energieversorgung, Telekommunikation, Öffentlicher Nahverkehr, Kraftwerke und das Monopol auf bestimmte Rohstoffe. Bis zur Wiedervereinigung waren Völkerrecht und Grundrechte die Achsen von dt. Innen- und Aussenpolitik.
Der Staat darf keine Gewinne machen, die Monopole haben dafür gesorgt, daß Infrastruktur und Energie für alle billig zur Verfügung standen.
Zudem war die DDR samt aller Betriebe und Ländereien verstaatlicht! Das heißt, das war Volkseigentum. Man lese mal das Völkerrecht, was das dazu zu sagen hat. Praktisch sind wir alle die Opfer eines Raubszugs geworden!
Das ist doch bemerkenswert, daß die Monopole sofort nach der Ratifizierung des Maastricht Vertrags privatisiert worden sind? Das riecht schon sehr penetrant nach Beschissmus und einem Kartell!
@ Dirk Jungnickel Ich bin mir nicht sicher, ob etwas unterschlagen wird, aber zu lange Texte ermüden den Leser. In einer Kolumne oder Rezension konzentriert man sich auf das Hauptthema.
Leider unterschlägst Du, liebe Vera, – sicher unbeabsichtigt – die Fluchtbewegung aus der „DDR“ !
Zitat KI:
Von 1949 bis 1990 verließen rund 3,8 bis 4 Millionen Menschen die DDR in Richtung Westen, davon 2,8 Millionen allein bis zum Mauerbau 1961, was die Wirtschaft massiv schwächte, während nach 1961 Fluchtversuche gefährlicher wurden, aber dennoch zigtausende Menschen riskierten es, oft mit tödlichem Ausgang…..
( Ich hatte Glück, der 2.Versuch hätte mit mindestens vier Jahre Knast eingebracht, wenn man mich erwischt hätte…)