Annette Heinisch / 06.09.2018 / 06:19 / Foto: Bundesregierung.de / 52 / Seite ausdrucken

Die Unbelehrbaren

Anfangs wollt' ich fast verzagen und ich glaubt', ich trüg es nie; und ich hab es doch getragen, aber fragt mich nur nicht wie.

Diese Worte schrieb Heinrich Heine über seine drückenden Ballschuhe, meine Mutter benutzte das Zitat, um einer Antwort auf Fragen bezüglich ihrer Kindheit im Krieg in Hamburg und den Jahren danach aus dem Weg zu gehen. 

Heute sind die Zeiten unvergleichlich besser, dennoch verzagen viele Bürger. Sie wollten nie in einem Staat leben, der Andersdenkende diffamiert und in irgendwelche Ecken stellt, das geht nicht nur den Sachsen so. Vor allem verstehen viele nicht, warum sie es überhaupt ertragen sollen, als Versuchskaninchen eines Politexperiments herhalten zu müssen – wieder einmal. Und gerade diejenigen, die eigene Erfahrung mit der Diktatur gemacht haben, haben ein sehr feines Gespür für falsche Töne und reagieren verständlicherweise besonders allergisch auf jede Form der Unterdrückung.  

Es ist ein altbekanntes Phänomen: 

Ein Herrscher hat sich etwas in den Kopf gesetzt, will seinen Plan durchsetzen, die Untertanen sind in diesem Konzept nur die Bauern im Schachspiel, die hin- und her geschoben werden können, zur Not auch geopfert. Sind diese not amused, wird der Herrscher erst ungehalten und versucht ihnen deutlich zu machen, dass er über eine überlegene Weisheit verfügt. Hilft das nichts, weil die dummen Untertanten gar nicht so hirnlos sind, wie ihnen unterstellt wird, sondern schlicht und einfach die Sache anders sehen, wird er wütend, beschimpft sie und versucht sie mundtot zu machen. Besonders heftig fallen derartige Reaktionen bei berechtigter Kritik aus, denn nichts macht wütender als das Gefühl, die Kritik könnte ein Körnchen Wahrheit enthalten. Das kränkt das Selbstgefühl, also ist die Reaktion übertrieben heftig und emotional.

Hauptsache gehorsam

Hätte der eine oder andere Politiker die Möglichkeit dazu, so hätte er Teile der Bevölkerung wohl schon längst hinausgeworfen und sich dafür Gefügigere geholt. Falls diese nicht annähernd so leistungsstark sind wie die zickenden Bürger, ist das auch egal: Hauptsache gehorsam. Es müsste eigentlich die Sternstunde des Liberalismus sein, der für die Freiheit eintritt. Aber weit gefehlt.

Nun hat so gut wie jeder von uns in seinem Leben schon einmal Mist gebaut. Im privaten Leben hat das meist nicht so verheerende Wirkungen wie bei Politikern, aber ihre Zukunft haben damit schon einige vermasselt. Fast jeder von uns kennt es auch, dass man aus Wut Dinge sagt, die besser ungesagt geblieben wären. Die meisten von uns haben aber auch gelernt, dass man sich – nachdem die erste Wut verraucht ist –  für seine Worte entschuldigt und sein Verhalten korrigiert. Wer blind vor Wut andere beleidigt, zeigt, dass ihm die Argumente ausgegangen sind und verliert damit sein Gesicht. Macht er verstockt weiter, so hat er keine Chance, es wiederzugewinnen. Daher ist es nicht nur ein Gebot des Anstands, sondern auch der Klugheit, sich zu entschuldigen.

Würde also ein maßgeblicher Politiker und ein Teil der Presse sich hinstellen und sagen: „Unsere Herrscherallüren waren deplatziert, die Beleidigungen gingen gar nicht, wir bitten um Entschuldigung“, dann gäbe es eine Chance, aus dieser verfahrenen Situation herauszukommen. Wertschätzung der Ansichten und Erfahrungen der Bürger wäre der Weg aus der Polarisierung.

Solche Politiker beziehungsweise Parteien hätten nicht nur große Chancen, gewählt zu werden, es wäre auch die einzige Möglichkeit, das Vertrauen und die Achtung der Bevölkerung wiederzugewinnen. Diese sind die Basis jeder demokratischen Regierung, sonst bleibt nur Unterdrückung großer und tendenziell wachsender Teile der Bevölkerung.

Würden wir den Weg der Spaltung und des dauernden Streits verlassen und wirklich zusammenarbeiten, ließen sich die Probleme lösen. Vor allem könnten wir dann beginnen zu überlegen, welche Faktoren zu der Polarisierung geführt haben, an welchem Punkt wir uns also ändern müssen, um zukünftig erfolgreicher zu sein.

Verschwörungstheorien statt Diskussionen

Das Fehlen einer solchen Diskussion führt leider dazu, dass mittlerweile diverse Verschwörungstheorien kursieren, oft Variationen des alten Themas einer „amerikanisch-jüdischen Weltverschwörung“. Viele können sich nur so das gleichgerichtete Verhalten vieler Politiker im In- und Ausland erklären.

Nun halte ich persönlich nicht viel von derartigen Theorien, wahrscheinlich dürfte die Antwort viel einfacher sein. Könnte es nicht sein, dass die Probleme Folgen eines strukturellen Defizits unseres Systems sind? 

Könnte es nicht sein, dass zum Beispiel die Vorstellung, theoretisches Wissen sei identisch mit Klugheit, falsch ist und dass wir zudem in unseren Bildungssystemen nur ganz einseitige Begabungsstrukturen fördern, die zu solcher Einseitigkeit führen?

Gleichgültig, ob man in die Politik, zur Presse oder in die Wirtschaft geht, heutzutage muss man, um Karriere zu machen, für gewöhnlich Akademiker sein. In den ersten Jahren und Jahrzehnten nach dem Krieg war es in Deutschland anders, damals konnten und kamen noch viele mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung und Berufserfahrung aufgrund ihrer Leistung in führende Positionen. So viele Akademiker gab es hier schlicht nicht. Nach und nach drängten immer mehr Uni-Absolventen nach, anfangs kam es zu nicht unerheblichen Problemen. Die „Grünschnäbel“, die aus Sicht der erfahrenen Profis noch feucht hinter den Ohren waren, wollten alles mögliche neu einführen, von dem die alten Hasen aus Erfahrung wussten, dass es nicht klappen konnte. Aber ihr Wissen und Können war nicht mehr gefragt. Die Entkoppelung der Theorie von der Praxis nahm ihren Lauf.

Anders verlief die Entwicklung in Großbritannien, dort kamen immer nur die Absolventen aus Oxford und Cambrigde in führende Positionen. Bis zur Thatcher-Ära fuhren sie das Land ebenso gnadenlos wie wohlmeinend an die Wand.

Mrs. Thatcher war zwar ebenfalls Oxford-Absolventin, kam aber nicht aus der „besseren Gesellschaft“, lebte also nicht in einer sozialen Blase. Sie war auch bei den Arbeitern immer deutlich beliebter als bei der Upper Class, die ihretwegen hyperventilierte.

Das Orakel von Coventry

Mein englischer Onkel prophezeite vor mehr als 30 Jahren, dass Deutschland genauso an die Wand fahren würde, wenn wir eine ähnliche Entwicklung durchlaufen würden wie das Vereinigte Königreich und nicht mehr lebenserfahrene Praktiker, sondern schöngeistige Theoretiker das Sagen hätten. Mein Onkel, das Orakel von Coventry, hatte recht.

Obgleich wir wissen, dass alle Theorie grau ist und man wie Faust zahlreiche Fächer studieren kann, nur um hinterher genau so klug zu sein wie zuvor, halten wir an der Illusion fest, dass dieser Aspekt der Bildung der alleinseligmachende ist. Mit jeder Generation entfernen wir uns mehr und mehr von der Realität.

Diese Entwicklung wird noch dadurch verstärkt, dass die öffentliche Bildung einseitig ein spezielles Begabungsprofil fördert. Begabung als Oberbegriff verschiedener Ausprägungen von Intelligenz und weiterer Fähigkeiten ist nicht in allen Bereichen gleich hoch oder niedrig. Es gibt nicht den intelligenten oder begabten Menschen, er ist es stets nur in Teilbereichen, woraus sich jeweils individuelle Begabungsstrukturen ergeben. 

Es gibt als Normvariante menschlicher Begabungen – soweit sie für Schule und Ausbildung Bedeutung haben – zwei einander ausschließende Extreme: 

Erstens: Sprachliche Begabung mit einzelheitlich-sequentieller Denk- beziehungsweise Verarbeitungsweise.

Zweitens: Mathematisch-naturwissenschaftliche Begabungen mit bildhaft-simultaner Denk-Verarbeitungsstrategie.

Dimensionen der Intelligenz

Neben diesen beiden Extremgruppen dürften in einem breiten Mittelfeld der Bevölkerung viele Personen liegen, die auf unterschiedlichen Intelligenzniveaus keine so ausgeprägten Begabungsschwerpunkte zeigen und die daher nur tendenziell der einen oder der anderen Gruppe zuneigen. Darüber hinaus gibt es weitere Dimensionen der Intelligenz oder Begabungen, die aber in der Schule weniger auffallen bzw. für Versetzungsentscheidungen und Schulabschlüsse praktisch nicht berücksichtigt werden, wie z.B. handwerkliche Geschicklichkeit (die man auch als Chirurg braucht), musikalische Virtuosität, Begabungen für Malerei und/oder bildendes Gestalten, außerordentliche Körperbeherrschung, wie sie sich als Hochbegabung in olympischen Disziplinen zu erkennen geben. 

Das deutsche Schulsystem begünstigt bisher vor allem Individuen mit sprachlicher Begabung und einzelheitlich-sequentiellem Denken in Verbindung mit guten reproduktiven Gedächtnisleistungen.

Einzelheitlich-sequentielle Denk- und Verarbeitungsweisen sind kausale Vorgänge, eine typische Methode ist „Eines nach dem anderen“ mit Fokussierung auf jeweils einen Schritt. Dies ist ein Denken auf einer Ebene, die Zeitachse wird in kleine Teile geteilt, Fern- und Nebenwirkungen des Handelns oder beeinflussende Störfaktoren auf das eigene Handeln werden nicht mit eingerechnet .

Demgegenüber stellen sich Menschen mit bildhaft-simultaner Denkweise Mehrebene-Modelle vor, was bei komplexen technischen Modellen ebenso unerlässlich ist wie in der Welt der Physik, die mit vier Dimensionen oft nicht auskommt. So ist es nicht überraschend, dass Menschen mit dieser Art zu denken in entsprechenden Berufen überproportional häufig vertreten sind.

Einstein dachte in Bildern

Die Unterschiede dieser beiden Denkweisen gehen aber noch deutlich tiefer. Einstein hatte beispielsweise große Mühe, seine Theorien in Worte zu fassen, weil er nicht in Worten, sondern in Bildern dachte. Er sah Dinge vor sich, kristallklar – aber wie soll man komplexe, dynamische und interaktive Systeme mit der Sprache beschreiben, die dafür keine Instrumente vorhält?

Verbal kann man Gedanken nur begrenzt eindimensional-sequentiell äußern, damit sind die Ausdrucksmöglichkeiten beschränkt. Die verbal denkenden Menschen können sich nicht vorstellen, dass Menschen anders denken, dass Begriffe für sie bedeutungslos sind. Das Denken in „Narrativen“ ist führend in der politischen Welt des Westens und komplett abgeschottet von anderen Denkweisen, was umgekehrt übrigens nicht gilt. In der „geisteswissenschaftlichen Welt“ gab es seit der Aufklärung praktisch keinen Fortschritt. Die durch andere Denkweisen geprägte Welt hingegen plant Flüge zum Mars.

C. P. Snow hat bereits 1956 in seinen „Rede Lectures“ über die „zwei Kulturen“ referiert. Er führte aus, dass die naturwissenschaftlich und geisteswissenschaftlich Gebildeten sich in zwei verschiedenen Welten bewegten, die sich so gut wie gar nichts (mehr) zu sagen hätten. 

Der Unterschied zwischen den beiden Kulturen, wie Snow sie beschreibt, liegt nicht allen im ‚bildhaft – ganzheitlichem’ gegenüber dem ‚verbal – einzelheitlichen’ Denken. Es gibt auch eine fast unüberbrückbare Kluft zwischen dem Wissen, das durch naturwissenschaftliche Forschung erlangt und durch Experimente überprüft oder korrigiert wird, und andererseits den Ideen und Theorien der geisteswissenschaftlichen Welt. Wenn solche Theorien nicht überprüft werden oder nicht überprüfbar sind, können sie leicht zu nicht hinterfragten, weil auf Autoritäten zurückgeführten Meinungen werden. So kann eine objektiv falsche Weltsicht, eine Ideologie, entstehen. (Vanselow, Dummer – Smoch, a. a. O. . 95).

Die Gutsherrin und die Armen

Die öffentliche Bildung der gesamten westlichen Welt beruht auf den Humboldtschen Bildungsreformen, die zu seiner Zeit die für den Adel geltenden Ideale auf die gesamten Bildungseinrichtungen übertrug und so zu einer Verfestigung dieser einseitigen, Ideologien fördernden Begabungsstruktur beitrug. Durch die einseitig auf ein sehr eng begrenztes Ideal der „Schöngeistigkeit“ ausgerichtete Bildung wird die Vielfalt menschlichen Denkens und Könnens nicht abgerufen oder gar gefördert. 

Dabei ist es fast drollig, zu beobachten, dass sowohl das Herrschaftsdenken vormaliger Zeit kopiert wird wie auch das mildtätige Wirken der in der Wohlfahrt tätigen Damen. Wenn ich manche PolitikerInnen aus gutbürgerlichem Hause sehe, die sich für sämtliche Armen in der ganzen Welt einsetzen, so kommt mir das Bild der Gutsherrin in den Sinn, die mit dem Korb zu den Hütten der Armen geht, Brot, Obst und gute Ratschläge verteilt und erwartet, dass die Bedachten dankbar ihren Weisheiten lauschen.

Das ganze Verhalten ist strukturell identisch, wurde lediglich institutionalisiert, was den „Vorteil“ hat, dass der eine sich gut vorkommt und der andere dafür zahlt. Die ursprünglich persönliche Gabe und Zuwendung wurde entpersonalisiert. So wurden aus Menschen Nummern und Akten. Durch die Übertragung persönlicher Verantwortung auf eine Gruppe wird der Einzelne zudem nicht besser, sondern verliert neben der Verantwortung für sein Handeln die direkte Rückkoppelung bei Fehlentscheidungen und damit Erkenntnismöglichkeiten.

Vielleicht wäre es klüger gewesen, Humboldt zu folgen, der – was die meisten nicht wissen – Gegner eines allgemeinen staatlichen Bildungswesens war. Humboldt war der Ansicht, dass ein solches Bildungssystem niemals den vielfältigen Talenten und Begabungen gerecht werden könnte. Wer allen das Gleiche gibt, gibt niemandem das Richtige. Außerdem sah er die Gefahr der „Klonbildung“: Wenn man gleich ausbildet, kommt am Ende weitgehend dasselbe heraus. So muss man sich über die Gleichschaltung heute nicht wundern.

Quod erat demonstrandum. 

Foto: Bundesregierung.de

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netiquette:

Jochen Giesler / 06.09.2018

“In der „geisteswissenschaftlichen Welt“ gab es seit der Aufklärung praktisch keinen Fortschritt. Die durch andere Denkweisen geprägte Welt hingegen plant Flüge zum Mars”, so Frau Heinisch. Oha, woher kommt diese profunde Erkenntnis? Meine Hypothese: Das ist Selbsthaß pur (und eine Portion Neid auf die Allmacht der “objektiven” Naturwissenschaften). So weit ich weiß, hat die Autorin die Rechte studiert, also auch so eine Art “Geisteswissenschaft”. Ich will gern glauben, daß das ihrer persönlichen “einzelheitlich-sequentiellen Denk- beziehungsweise Verarbeitungsweise” nicht aufgeholfen hat. Immerhin kann sie damit ihr Brot verdienen. Das ist ja auch schon mal was.

Anders Dairie / 06.09.2018

Gute Lehrer waren in meiner Zeit—zwischen 1960 und 1980—eher konsequent und gnadenlos. Da flog so manches Wort her und der Schwamm,  jedoch nie zurück. Niemand wurde gedemütigt.  Komisch aber typisch:  Die Namen vieler anderer habe ich vergessen oder muss bei Klassenfotos schwer nachdenken.  Der Techniker ist ein Individualist,  der die Arbeitsteilung als unverzichtbar verinnerlich hat.  Der Arbeitgeber oder Kunde kauft ihm nur Nützliches ab.

Dr. Ralph Buitoni / 06.09.2018

In manchen Ansätzen zutreffend, Frau Heinisch, so ist in der Tat in der Produktion eines massenhaften Akademikerprekariats über die vergangenen 40 Jahre erst der Treibstoff für den derzeitigen Wahn geschaffen worden, und der Grund zu suchen, warum sich in allen Schaltstellen der Gesellschaft der Typus des nassforschen Einschleimers durchsetzen konnte - und doch fällt Ihr Erklärungsansatz zu kurz aus: er erklärt nämlich nicht die STOßRICHTUNG der derzeitigen Politik - die alte politische Elite Großbritanniens mag dünkelhaft und auf vielen Feldern inkompetent gewesen sein. Aber es wäre ihr nie eingefallen, Millionen von Troglodyten ins Land zu holen und diese auf die eigene working class zu hetzen. Der konservative Unternehmer und Landbesitzer wusste, was er an “guten Leuten” zu schätzen hatte, so wie das jeder gute Unternehmer heute auch weiß. Auch in diesem Forum müsste endlich einmal über geostrategische Interessen und deren Verflechtung mit bestimmten ökonomischen Sichtweisen (und Fehlinterpretationen) gesprochen werden, sowie darüber, wie sich diese Interessen mit denen des oben angesprochenen akademischen Prekariats (in ALLLEN westlichen Ländern übrigens) auf perverse Weise überschneiden. Und nein, das ist KEINE Verschwörungstheorie, sondern nichts als gute alte Soziologie und Milieu- und Elitentheorie - worüber sich gerade die Begründer der modernen Sozialwissenschaften wie Michels, Simmel und Halbwachs schon vor hundert Jahren die Griffel blutig geschrieben haben, die sich aber die Zeitgeistkritiker von heute zu fein sind zu lesen - auch das eine Folge der geistigen Prekarisierung unserer Universitäten.

Andreas Rühl / 06.09.2018

Alles Spekulation und Stochern im Nebel.  Die Behauptung, die Misere der britischen Wirtschaft in den späten 70er sei der Ausbildung der Eliten in Oxford geschuldet (und noch dazu deren “begrifflichen Denken”) ist hahnebüchen. Und wenn doch, stellt sich die spannende Frage, warum Frau Thatcher, die nicht minder “begrifflich” gedacht (und Naturwissenschaften in Oxford studiert hat), dann die Karre aus dem Dreck gezogen hat. Tut mir leid, selten einen Artikel hier gelesen, der in luftigeren Höhen schwebt - und zugleich dieses Schweben in luftigen Begriffswolken auch noch als den Urgrund eines Systemmangels ausfindet macht. Wie hätte das Karl-Otto Apel mit Inbrunst bezeichnet: “performativer Selbstwiderspruch”. Das Bildungssystem Humboldts hat übrigen Einstein hervorgebracht, der vielleicht “in Bildern” gedacht haben mag, aber dessen physikalisch-theoretisches Werk gleichwohl nichts anderes ist als angewandte Mathematik. Und Herrn Einstein möchte ich nicht zum Regierungschef haben. Jeder dorthin, wo er hingehört nach Begabung, Ausbildung, Leistung und Befähigung. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Begriffliches, rationales und logisches Denken verschwindet aus dem politischen Diskurs, was jeden Tag immer klarer zu Tage tritt. Boshaft gesagt: Die Politik ist weiblicher geworden. “Sinnlicher” könnte man auch sagen. Bildhafter. Jetzt kriegt der politische Gegner “eins auf die Fresse”, wenn man nicht gleich zum Ergebnis kommt, dass er “sie nicht alle hat”. Das, was hier als die Wurzel allen Übels hingestellt wird, ist in Wahrheit deren Heilmittel. Ein trockener, bildloser, entsinnlichter, rationaler Dialog, an dessen Ende eine Entscheidung steht, die auf Vernunftsgründen beruht. Davon entfernen wir uns immer mehr. Mehr Humboldt ist die richtige Antwort, mehr Goethe aber auch. Und ist alles Maß verloren gegangen.

Belo Zibé / 06.09.2018

Zum   «Orakel von Coventry» kommt mir ein kürzlich gelesenes Märchen in den Sinn: Ein Herrscher möchte mit seinem Volk den angestammten Lebensraum auf der Suche nach einem besseren verlassen und ist der Ansicht, dass die Alten seines Volkes für dieses Unterfangen eine Last seien.Er gibt daraufhin den Befehl sie   zu töten .Alle folgen dem Befehl, ausser einem jungen Mann,der seinen alten Vater in einen Sack steckt und ihn heimlich auf die beschwerliche Reise mitnimmt. Unterwegs stehen der Herrscher und sein junges Gefolge immer wieder vor unerklärlichen Phänomenen und existentiellen Herausforderungen, auf die niemand eine Antwort bereithält, sie zu lösen aber unter Androhung von Strafe befohlen wird.Das Los entscheidet. Nach einigen unglücklichen Lösungsversuchen anderer ,trifft es auch immer wieder den jungen Mann .Dieser fragt nachts heimlich seinen alten Vater ,der sich alles schildern lässt und ihm Ratschläge zur Lösung gibt. Am Ende offenbart der junge Mann dem erstaunten Herrscher, wessen Ratschlägen er und sein Volk ihr Überleben zu verdanken hätten.Dieser besinnt sich und der Alte darf nun offen mitreisen.  

Norbert Rahm / 06.09.2018

Unsere Unis brüten in der Tat Gleichgeschaltete aus, während sie Andersdenkende ausmerzen. Ich habe noch einen Magister in Neuere Deutsche Literatur, Ältere Deutscher Philologie und English Linguistics gemacht, nach dem Vordiplom in BWL wollte ich das nicht mehr studieren, denn ich musste meine Statistik-Klausuren jedesmal wiederholen und hatte am Ende eine Karriere, die von keiner meiner Studium wirklich profitierte. Mein Sohn und meine Tochter sind diesbezüglich aus väterlicher Sicht erfolgreicher und wesentlich pflegeleichter. Warum dieser Vorlauf, ich kann auf meine Erfahrungen und die meiner Kinder in Bauingenieurwesen und Anglistik stützen und etwas feststellen, was im Artikel vermieden wurde: Linkes Gedankengut und Ideologien- und Personenkult ist in den Literaturwissenschaften omnipräsent, bis hin zum radikalen Feminismus. Man sollte mit Niklas Luhman konform gehen und Joss Whedon vergöttern, hilft zumindest an einer gewissen Uni. Ich hatte bereits damals damit zu kämpfen. Im Bauingenieurwesen und BWL scheint der etwas verschrobene Statistik-Professor eine Konstante zu sein. Die Naturwissenschaftler setzen sich wenn es um Uni-Politik geht meiner Ansicht nach weniger gut durch als die Sprach- und Politikwissenschaftler. Ganz pauschal gesagt! Weltbild und Einstellung, auch Sympathie und Antipathie beinflussen Noten und Erfolg an der Uni bei letzteren erheblich. Das sollte nicht sein. Das zerstört den Ruf der Literaturwissenschaften zu Recht. Wenn drei Gören in der Vorlesung zur Ruhe gebeten werden mit den Worten “Mädchen, jetzt seid doch bitte mal leise, oder geht raus”, und dem Dozenten daraus ein Strick gedreht werden soll, weil die 17-18 jährigen Frauen durch das Wort Mädchen diskriminiert wurden, nun, ja, so etwas wird an der Uni bis in höchste Gremien verhandelt.

Sabine Schönfelder / 06.09.2018

Interessanter Ansatz, aber das menschliche Gehirn ist so vielschichtig, daß es mir sehr kühn erscheint, ein so komplexes Organ auf zwei Ausrichtungen festzulegen. Es würde schon die Fähigkeit des Menschen zur individuellen Weiterentwicklung, und der bewußten Reflexion über seinen Geisteszustand relativieren. Ich denke die Dinge sind weitaus banaler. Die Schulbildung bot (zu meiner Zeit) die Möglichkeit sich sowohl in einzelheitlich-sequentieller, als auch naturwissenschaftlich-bildhaft-simultaner Weise fortzubilden. Eine dieser beiden Entwicklungsrichtung konnte schon früher aufgrund eines unfähigen Pädagogen ins Stocken geraten. Und wer glaubt denn, daß Merkel oder andere despotische Führungsgestalten nach diesen beiden möglichen Denkmustern handeln? Es geht in der evolutionär angelegten Struktur des Gehirns um Triebfedern wie Macht über andere Menschen, und das damit verbundene Gefühl des Selbstbewußtseins und der Befriedigung. Sicher sind diese chemischen Prozesse des Gehirn durch Erbe ( hauptsächlich, hallo Herr Sarrazin!) und teilweise auch Sozilisation bei jedem Menschen verschieden ausgeprägt, aber diese Triebe dominieren Mensch und Tier. Die Herangehensweise, also sprachlich oder naturwissenschaftlich sich einem Thema zu nähern, denke ich, ist eher marginal auf dem Weg zum Ziel. Der Mensch ist für den Lebenskampf geschaffen. Lebt er bequem, wird er träge und manipulierbar. Die äußeren Bedingungen auf der Welt waren noch nie so gut wie heute. Darum leben Grüne von der Angst der irgendwann, eventuell, eintretenden Verschlechterung!

Robert Jankowski / 06.09.2018

Das größte Problem ist zuerst einmal Merkel. Dazu kommt, dass in den meisten Parteien sitzen nur noch Berufspolitiker die in erster Linie in Netzwerken arbeiten und denken. Dadurch wird das nach oben kommen auch wesentlich einfacher. Man muss nur die richtigen Kontakte haben, die richtigen Menschen hofieren und schon hat man ein Mandat sicher. Leute, wie Wehner oder Strauß würden unter diesen Bedingungen nie an die Spitze ihrer Partei gelangen, weil sie keine Arschlecker waren! Das System stinkt und jung zu sein bedeutet in Politkerkreisen einfach, dass man die maximale Stromlinienform beim Arschkriechen erreicht hat oder mit einem männlichen oder weiblichen Parteigranden ins Bett steigt. Wirklich ins Leben gerochen hat in den Parteien mittlerweile kaum noch Jemand. Im Zweifel wird dann einfach mal die eigene Vita maximal geschönt, wie bei der Berliner Senatssprecherin. Die steht beispielhaft für unser Politkerproblem.

madeleine Nass / 06.09.2018

Unsere mittelmäßigen Schulen und mittelmäßigen Universitäten fördern das Mittelmaß. Wir brauchen wieder eine aufgeklärte Elite, welche die Wünsche des Volkes vertritt und nicht ein roamntisches Multikulti.

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