Zweierlei können deutsche Journalisten nicht ausstehen: Wenn Wahlen nicht so ausgehen, wie sie es gerne hätten und wenn Politiker zurücktreten, ohne sie vorher gefragt zu haben. Dann nehmen sie übel. Beide Phänomene kann man derzeit von frühmorgens bis spätabends erleben, im Radio, im Fernsehen, in den Zeitungen, im Unisono der Kommentare zum Brexit.
Vergangenen Montag fing Thomas Roth die Tagesthemen der ARD mit folgenden Worten an: „Ein ganzes Land stürzte sich in ein Referendum, wählte sich aus der EU und dann – dann suchten die wichtigsten politischen Antreiber schnurstracks das Weite. Der vorerst letzte in der Reihe machte sich heute in London davon, Nigel Farage... trat völlig überraschend zurück. Er hatte mit allen Mitteln, auch dem der Vorspieglung falscher Tatsachen, die Brexit Kampagne vorangetrieben, aber jetzt ist ihm wohl nach mehr Freizeit zumute...“
So etwas könnte in Deutschland nicht passieren, noch nie hat ein deutscher Politiker zum Mittel der Vorspiegelung falscher Tatsachen gegriffen und etwa behauptet, die Renten wären sicher, die Griechenland-Rettung würde uns keinen Euro kosten und mit den Flüchtlingen kämen „Facharbeiter“ ins Land, die von der deutschen Wirtschaft dringend gebraucht würden.
Vor allem aber: Noch nie ist ein deutscher Politiker völlig überraschend zurückgetreten. Normalerweise nehmen sich deutsche Politiker viel Zeit, wie Ex-Präsident Christian Wulff, der wochenlang durch das Mediendorf gejagt wurde. Wer gleich zurücktritt, versaut der Meute den Spaß am Jagen.
Damit war der Ton für Bericht der Londoner ARD-Korrespondentin gesetzt, die ihrerseits gleich in medias res ging: „Mit einem Lächeln macht er sich vom Acker, noch einmal die große Bühne suchen, alle überraschen und dann den Bettel einfach hinschmeißen, so einfach kann Politik sein, wenn man keine Verantwortung tragen muss, für Nigel Farage, den gnadenlosen Populisten ist das nur folgerichtig...“ Farage habe „rücksichtslos gegen Einwanderer gehetzt, das politische Klima vergiftet und jetzt macht er sich aus dem Staub“, nach Boris Johnson „der zweite Brandstifter, der einfach geht“.
Einfach gehen, das geht nicht. Ein richtiger Politiker muss schon bis zum bitteren Ende durchhalten und sich dann die Kugel geben.
Zuerst erschienen in der Züricher Weltwoche
Beitragsbild: mattbuck CC-BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Dabei ist es einfach: "Nein heißt nein!" Auch wenn ein Land eine Entscheidung durch ein Referendum trifft.
Nigel Farage. Was fällt mir dazu ein? Es waren Wahlen in England - Parlamentswahlen. Die UKIP schaffte nicht den Sprung hinein - trotz reichlich Stimmen. Dem Auszählungs- & Eintrittsprozedere in England sei "Dank", daß eine UKIP nun dennoch draussen bleiben muß. Aber Farage hatte damals schon Zurücktreten wollen - ließ sich aber dazu überreden das "Brexit-Projekt" noch durchzuführen. Er wäre so, oder so nach dem Volksentscheid zurück getreten - das stand vorher schon fest. Egal, wie es ausgegangen wäre. Nur wird das entweder von den Medien vergessen, oder...."vergessen"? ^^
Wie hat Dieter Hildebrandt einmal am Ende einer Scheibenwischersendung gesagt? "Es heißt ja, oft, 'Nach uns die Sintflut'. Es geht aber noch schlimmer. Nach uns kommen die Tagesthemen."