Mehmet Hayri İpar gründete in den 1920er Jahren die erste Zuckerfabrik der Türkei. Seine Familie wurde zum Symbol der Modernisierung des Landes. Doch sowohl für die İpars als auch die Türkei ging es bald bergab.
Wenn man sich eine Familiengeschichte vorstellt, die in der kleinen türkischen Hafenstadt Mudanya bei Bursa beginnt – und sich dann über Jahrzehnte bis nach Beverly Hills, über Ozeane, Paläste, Krieg und Glanz zieht –, würde man sagen: Das kann man sich nicht vorstellen. Doch die Familie İpar gab es wirklich. Und sie war eine Zeit lang die reichste Familie der jungen Republik Türkei – ein Symbol des Aufstiegs, der Nähe zur Macht und schließlich auch ihres unausweichlichen Falls.
Im Jahr 1886 wird Mehmet Hayri İpar in einem Haus geboren, das selbst bald Geschichte schreiben sollte: jenem Haus, in dem 1922 das Waffenstillstandsabkommen von Mudanya unterzeichnet wurde – das Ende des türkischen Unabhängigkeitskriegs.
Der junge Hayri İpar besuchte die Militärschule, studierte später Jura, sprach Französisch, war Lehrer an einer Militärschule in Istanbul und kämpfte im Ersten Weltkrieg unter İsmet İnönü. Nach dem Krieg quittierte er den Dienst als Hauptmann, um Geschäftsmann zu werden – ein Schritt, der ihn in die Annalen der türkischen Wirtschaft führen sollte. Er war einer der Gründer der Alpullu-Zuckerfabrik, der ersten Zuckerproduktion des Landes. Ein Symbol der Industrialisierung der Republik – und ein Tor zu einem Leben im Wohlstand. Von da an nannte man ihn den „Şeker Kralı“, den Zuckerkönig.
Das goldene Zeitalter der İpars
Hayri İpar baute sich mit seiner Frau Tevhide ein Leben zwischen Tradition und Moderne auf. Sie bekamen sechs Kinder: Şaziye Muazzez, Ali Muzaffer, Selma und Mehmet.
In den dreißiger Jahren gehörte der Name İpar zu Istanbul wie die Bosporusbrücken, die es damals noch gar nicht gab. Sie besaßen die prunkvollsten Adressen der Stadt: das Mısır-Apartmanı am Taksim, das Park-Apartmanı in Teşvikiye, die Villa in Çiftehavuzlar, den İpar-Koru über den Hängen von Bebek.
Sommerfeste, Jazzabende, Champagner aus Paris, Sakkos aus London, Zigaretten aus Alexandria – Istanbul war ein Tanz auf Parkettböden, und die İpars waren die Musik.
Sie luden Diplomaten, Schauspieler, Literaten ein. Der Name stand für Erfolg, für eine neue, säkulare, mondäne Türkei, die an sich selbst glaubte.
Und doch wuchs in Hayri İpar das Gefühl, dass dieser Glanz auf unsicheren Fundamenten stand. Als der Zweite Weltkrieg drohte, zog er mit seiner Familie in die Vereinigten Staaten – zunächst nach New York, dann nach Beverly Hills, in eine Villa, die aus einem Film hätte stammen können. Dort begegnete er echten Filmfiguren.
Hollywood und die türkische Familie
Was wie eine Episode aus einem Film klingt, wurde zum Mythos. Die Familie İpar war plötzlich Teil der High-Society von Los Angeles. Tochter Şaziye tanzte auf Empfängen mit Cary Grant, Sohn Ali İpar verliebte sich in die Welt des Kinos – und in eine der berühmtesten Frauen ihrer Zeit, Rita Hayworth. Später heiratete er die Schauspielerin Virginia Bruce, elf Jahre älter, Mutter zweier Kinder, ein Star der Dreißigerjahre.
Hollywood schrieb mit an der Familienchronik, und Istanbul las mit. Zeitungen berichteten, Illustrierte druckten Fotos, und irgendwo zwischen Glanz und Gossip verlor die Familie den Boden unter den Füßen. 1945 kehrten Hayri İpar und seine Frau in die Türkei zurück. Ihre Söhne blieben in Amerika. Doch Ali İpar, vom Kino verführt und von der Heimat gerufen, kam wenig später ebenfalls zurück – mit Virginia Bruce an seiner Seite.
In Istanbul wurden sie empfangen wie König und Königin einer fernen Welt. Dinners, Einladungen, Reportagen – alle wollten das Paar sehen. Doch das Paradies hielt nicht lange. Virginia Bruce, die einst auf dem Hollywood Boulevard gewohnt hatte, fand in der Stadt am Bosporus keinen Frieden. Sie sprach kein Türkisch, verstand die Blicke nicht, und als ihr Mann zum Militär eingezogen wurde, packte sie ihre Koffer und ging. Die Ehe endete in der Boulevardpresse – und in Melancholie.
Ein Imperium auf Zeit
Die fünfziger Jahre brachten für die Familie mehr Schatten als Licht. Der jüngste Sohn Mehmet beging Selbstmord, die Mutter zog sich zurück. Nur Ali İpar hielt das Erbe am Leben – als Unternehmer, als Optimist, als Mann mit Kontakten bis ganz nach oben. Er übernahm die Zuckerfabriken, Versicherungen, Beteiligungen – und erweiterte das Familienreich. Er gründete eine Reederei: İpar Transport. Es war die Zeit von Premierminister Adnan Menderes, die goldenen Jahre der Wirtschaftsliberalisierung.
Wer Nähe zur Macht hatte, bekam Devisen, Kredite, Aufträge – und Ali İpar hatte Nähe.
Menderes mochte ihn. Er half ihm, Schiffe aus dem Ausland zu kaufen, als das Land kaum Dollarreserven hatte. Die ersten drei Frachter liefen 1958 unter türkischer Flagge vom Stapel. Einer trug den Namen seiner Ex-Frau: Virginia. Dann, 1960, kam der Putsch.
Vom Zucker zum Schweigen
Am 27. Mai übernahm das Militär die Macht. Adnan Menderes wurde verhaftet, angeklagt, 1961 hingerichtet. Und mit ihm fiel eine ganze Schicht von Unternehmern, die mit seiner Regierung verbunden waren – unter ihnen Ali İpar. Er wurde beschuldigt, illegal Devisen erhalten zu haben. Seine Konten wurden eingefroren, seine Schiffe beschlagnahmt, er selbst monatelang inhaftiert.
Virginia Bruce schrieb in den USA Briefe an Richard Nixon, an John F. Kennedy, sogar an die Vereinten Nationen – vergeblich. Sie wollte, dass ihr Ex-Mann freigelassen wird, der Mann, den sie trotz allem nie vergessen hatte.
Ali İpar kam schließlich frei, floh aus der Türkei, zuerst in die USA, dann nach Brasilien.
Dort gründete er ein Bauunternehmen, das später tatsächlich Erfolg hatte – so sehr, dass er 1968 von der brasilianischen Regierung eine Auszeichnung erhielt. Aber Heimat wurde ihm das Land nie.
Die einstige Jet-Society war verstummt
Zurück in der Türkei starb der Patriarch Hayri İpar 1966 in einer deutschen Klinik. Die Mutter Tevhide folgte 1984 – verarmt, vergessen, in einem Krankenhaus für Bedürftige. Die Töchter zerbrachen an Einsamkeit und Skandalen. Muazzez, die Älteste, wurde tot in ihrem Haus in Çengelköy gefunden. Die Umstände blieben unklar – Selbstmord, sagten die einen, etwas anderes, flüsterten die anderen. Kurz darauf starb auch Şaziye – ebenfalls mit Medikamenten, ebenfalls ein „offener Fall“.
Die einstige Jet-Society war verstummt. Was blieb, waren Gerüchte, Gerichtsstreitigkeiten, Erbstreit um die letzte Villa. Die prächtige Residenz in Çiftehavuzlar wurde an den berüchtigten Banker Cevher Özden, genannt „Kastelli“, verkauft. Doch auch das endete im Streit: Eine Tochter erklärte die Mutter für entmündigt, die anderen zogen vor Gericht. Jahre vergingen. Das Haus blieb leer, der Garten verwilderte.
Der letzte İpar
In den siebziger Jahren war vom Glanz nichts geblieben. Die Familie, die einst den Zucker der Nation geliefert hatte, hatte sich selbst aufgelöst. Ali İpar lebte zurückgezogen in Brasilien, weit entfernt von den Zeitungen, die ihn einst gefeiert hatten. Er schrieb Briefe an alte Freunde in Istanbul, bekam selten Antwort.
Als er 2015 starb – 94 Jahre alt, ein alter Mann mit einem Foto von Virginia Bruce auf dem Nachttisch – war er der Letzte seines Namens. Kein Erbe, keine Kinder, kein Anwesen. Nur ein paar Aktennotizen in den Archiven, alte Schlagzeilen und die Erinnerung an einen Traum, der einmal Zucker war und bitter endete.
Nachklang
Mit dem Namen İpar bin ich das erste Mal in Berührung gekommen, als ich sieben oder acht Jahre alt war. Ich wurde – eine Hausgeburt – nur wenige hundert Meter vom imposanten Anwesen der Familie geboren. Vielleicht habe ich sogar einmal mit den Kindern der İpars gespielt, auf denselben Straßen, am selben Meer, ohne mich an ihre Namen zu erinnern. So zieht das Leben an einem vorbei – lautlos, fließend, scheinbar endlos.
Wie die Geschichte dieser Familie wirklich verlief, erfuhr ich erst ein halbes Jahrhundert später. Und während ich die alten Aufzeichnungen, Fotos und Berichte las, hatte ich das Gefühl, nicht nur über eine Familie, sondern über ein Land zu lesen – über seinen Traum, seine Verführung und seine Verluste.
Ich habe hier nur nacherzählt, was ich hier und dort über die Familie İpar gelesen habe.
Vielleicht stimmt manches, vielleicht auch nicht. Aber was bleibt, ist das Gefühl einer Epoche, die glaubte, sie könne alles gewinnen – und am Ende nur sich selbst verlor. Mudanya, Beverly Hills – und der Rest ist Schweigen.
Ahmet Refii Dener ist Türkei-Kenner, Unternehmensberater, Jugend-Coach aus Unterfranken, der gegen betreutes Denken ist und deshalb bei Achgut.com schreibt. Mehr von ihm finden Sie auf seiner Facebookseite und bei Instagram.
