Das Bezeichnendste an Onlineartikeln sind oft die Debatten, zu denen sie führen. Interessant an Jan Fleischhauers Analyse der drei großen Denkrichtungen Konservatismus, Sozialismus und Liberalismus und ihrer Rezeption ist, wie gründlich er missverstanden wurde. Im Spiegel Online-Forum wird Fleischhauer als Apologet dessen beschimpft, was man hierzulande verächtlich als Neoliberalismus abhakt. Dabei verweist sein Text gerade darauf, dass konservativ und liberal nicht dasselbe ist.
Die Unterschlagung des Liberalismus als eigene Denkrichtung ist Kernmerkmal des deutschen Politdiskurses. Sie gelingt durch die Reduzierung alles Liberalen auf das Themengebiet Wirtschaft. So lässt sich das Bild eines eindimensionalen Raubtierliberalismus konstruieren. Von dem trennt man einen unökonomischen Kuschel-Freiheitsbegriff ab, den man dann „alternativ“ nennt und mit dem Rehblick Claudia Roths versieht.
Die Leugnung eines umfassenden Liberalismus dient vor allem der Konstruktion einer Scheindebatte „links“ gegen „rechts“. Zwischen diesen vermeintlich riesigen Gegensätzen wählen die Deutschen dann mit großer Geste – vor allem aber in der Gewissheit, dass damit keine Veränderung droht. Die Aussage, beide Parteien der großen Koalition handelten sozialdemokratisch, stimmt zwar; ebenso könnte man aber sagen, beide ticken von Grund auf konservativ.
Womit die am wenigsten konservative Partei die FPD wäre. Die aber fällt allzu leicht auf die eigene thematische Reduktion herein und begnügt sich mit Steuer-runter-Forderungen. Die FDP hat es nie geschafft, alle Themenbereiche liberalen Denkens zusammenzuführen. Dabei wäre das eine echte Provokation. Weil dann klar würde, dass Forderungen nach weniger Steuern und jene nach mehr Freiheit in der individuellen Lebensgestaltung derselben Geisteshaltung folgen.
Vor allem hat die FDP nie den Mut entwickelt, auch das Experimentierfreudige, Chaotische, Wilde zu betonen, das ihr als Geisteshaltung durchaus innewohnen könnte und das vermeintlich linke Denker wie Gilles Deleuze letztlich zu Liberalen werden lässt. Aus Furcht, damit die fleißigen Bankbeamten zu verprellen, die ihr gefühltes Zentrum darstellen, verzichtet die Partei auf jegliches Risiko und auf jene gedankliche Offenheit, die sie faszinierend und für Intellektuelle attraktiv machen könnte.
Dass die mediale Öffentlichkeit die Partei auch immer wieder auf ihre biedere Stammrolle zurückwirft, darin liegt die besondere Tragik der FDP. Besonders offensichtlich wird diese Tragik am Parteivorsitzenden. Guido Westerwelle hätte alle Anlagen zum Revoluzzer: Er ist schwul, hat Lust an der Provokation, sammelt Kunst, die radikaler ist als die Lieblingswerke aller sozialdemokratischer Toskana-Laumänner zusammen. Doch die öffentliche Wahrnehmung reduziert ihn auf die Rolle des kommerzgläubigen Strebers.