Zitiert aus einem Essay von Wolfgang Büscher in der WELT:
“…Lassen wir es bei der Verwunderung über die Indolenz der deutschen Mitte. Wenden wir uns der anderen Seite zu, den Minderheiten. Deren jüngere Geschichte ist die einer historisch beispiellosen Emanzipation. Sie scheint einem Muster zu folgen, man könnte es das H-Muster nennen. Es hat drei Stufen.
H1 – die Zeit der Härte. Homosexuelle sehen sich in ein quälendes Doppelleben voller Lügen und Ängste verbannt, Schwarze in separate Viertel und Sitze im Bus. In manchen Ländern werden behinderte Kinder verborgen oder sogar getötet.
Es folgt H2 – die heroische Zeit. Der Punkt ist erreicht, an dem die Drangsalierten nicht mehr in Lüge und Elend leben wollen, was mit harten Kämpfen einhergeht, die dann einen Befreiungsmythos begründen. So wie die legendäre Weigerung der Schwarzen Rosa Parks 1955 in Alabama, für eine Weiße im Bus aufzustehen.
Oder die Straßenschlachten 1969 in New Yorks Christopher Street, das Fanal des Ausbruchs der Homosexuellen aus ihrer heimlichen Parallelwelt. Dieser Tage wird die Erinnerung daran wieder mit stolzen Paraden beschworen. Denn längst sind wir in Phase H3: Versuchung der Hybris.
Große Teile der emanzipierten Minderheiten betrifft sie gar nicht. Die haben sich, was ganz menschlich ist, im Erfolg der heroischen Phase eingerichtet und leben, oft dezidiert bürgerlich, in den Berufen und im Stil der Mehrheit. Andere verharren in den schrillen Uniformen des eigenen Sondermilieus.
Einer ideologischen Avantgarde reicht das nicht. Ging es bisher darum, der Mehrheit Toleranz für Minderheiten abzutrotzen, so lautet nun die Parole: Wir wollen nicht bloß akzeptierte Minderheit sein. Wir sind die besseren, weil moderneren, multipleren Menschen. So wie wir sollten alle sein.
Minderheit/Mehrheit, das soll es nicht mehr geben, da steckt schon Norm drin und Herrschaft. Das muss weg. Denn es gibt keine Identität, nur eine Welt der Optionen. Einen Menschen auf eine Option festzulegen heißt, ihn darin einzusperren. Ob du schwul bist oder hetero, Mann oder Frau, das sind bloß Zuschreibungen der Gesellschaft. In Wahrheit sind wir alle multioptional. Man könnte auch sagen, unbeschriebene Blätter.
Hier ist ein Umschlagspunkt im Denken erreicht. Nun geht es nicht mehr darum, einer unterdrückten Minderheit zu ihrem Recht zu verhelfen, jetzt geht es darum, die Ideen der Mehrheit in Salzsäure zu baden, ihr die Definitionsmacht aus der Hand zu schlagen. Die Mehrheit findet das schrecklich interessant. Wirft sie doch selbst ihre Formen fröhlich über Bord, Ehe und Familie zuerst. Die Avantgarde nimmt die Huldigung huldvoll an…”