
Das sind eben unterschiedliche Auffassungen… Kunst als Befriediger von Bedürfnissen, oder Kunst als Verunsicherer, als Hinterfrager von allem, inklusive der Bedürfnisse…. der eine meint, man müsse alles so machen wie immer, der andere, man müsse immer alles ganz anders machen. Daß Dumme ist, daß Letzteres inzwischen auch schon oft in einer Pose erstarrt ist, das “Andersmachen” zum Zwecke der Aufrüttlung schon seit Jahrzehnten ziemlich automatisiert bzw. schablonenhaft abläuft, also eigentlich gar kein Andersmachen mehr ist. Vielleicht lag Enzensbergers anklingender Kritik am Avantgardistischen in der Kunst auch schon ein früher Fall der Langeweile an diesem Getue zugrunde. Daß der Absatz mit Politik gar nichts zu tun hat, könnte man meinen, aber wird nicht auch oft postuliert: Kunst = Politik (seltener auch umgekehrt)? Die Studenten waren die politischen “Künstler” jener Tage, die dem Volk ein avantgardistisches politisches Alternativangebot machten, teilweise auf recht aggressive Weise, wie von sich selbst überzeugte Künstler nun manchmal halt so sind. Vor die Möglichkeit gestellt, sich im Politischen sozusagen von Texten, bei denen jedes Wort mit E anfängt, von unbekleideten und mit Nudelsauce garnierten Bühnenschauspielern oder von dadaistisch anmutendem Getöne verführen zu lassen, entschieden sich die Menschen in der großen Mehrheit dann letztendlich doch immer wieder für den politischen röhrenden Hirschen… weil der die Bedürfnisse besser ansprach als das große Unbekannte oder reichlich wirr Erscheinende… und sie auch tatsächlich besser befriedigte, nimmt man den real mal existierend gewesenen Sozialismus als Maßstab dessen, was uns durchaus auch hätte blühen können, hätte man diese studentischen Politkünstler mal einfach machen lassen… Im Politischen wurde das System, in dem die Umerziehungsnotwendigkeit des Menschen ein Dauerzustand ist, (vorerst!) abgewehrt, und daß wir uns in der Kunst jetzt solch einem System unterworfen haben, gibt doch irgendwie den Anschein des Bußetuns dafür ab.
Volle Zustimmung. Nicht erst seit heute finde ich die Tatsache - es ist ja eine -, dass sich in der Bezirksverordnetenversammlung des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg eine Mehrheit gefunden hat, im alten Berliner Zeitungsviertel nach Dutschke eine Straße zu benennen.
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