Wolfgang Röhl / 24.11.2014 / 12:46 / 2 / Seite ausdrucken

Die tausend tumultuarischen Tage des HME

Nachrufe auf Hans Magnus Enzensberger, Jahrgang 1929, liegen seit längerem in den Schubladen feuilletonangebender Blätter auf Stand-by. Auch in den Dateien der Nachrichtenagenturen, natürlich. Denn Letztere müssen auf der Stelle liefern, wenn sich die Kunde von einer großen Leiche verbreitet. Und HME ist fraglos einer der paar Großintellektuellen Nachkriegsdeutschlands, auf jeden Fall der lesbarste und amüsanteste von ihnen. Jetzt hat der alte Herr den auf-Vorrat-Schreibenden einen hübschen Strich durch die Rechnung gemacht. Indem er sie mittels einer unerwarteten, partialen Autobiografie zwang, große Teile ihrer Setzkasten-Bausteine („eleganter, kunstvoll beiläufiger Formulierer“, „Meister vieler Disziplinen“, „unvereinnahmbares politisches Chamäleon“, „ewig neugierig-rastloser Reisender“) schon mal ante mortem zu verballern.

Über „Tumult“, das auf die Jahre 1967 bis 1969 und auf Enzensbergers damaliges Treiben in diesen 1000 Tagen scharfstellt, ist bereits alles geschrieben worden. Jede Eloge stimmt, und es fliegt einem der Zwanziger für das Spätwerk förmlich aus der Brieftasche, sobald man eine Buchhandlung betritt (einen „Enze“ bei Amazon zu bestellen, wäre ungefähr so angemessen wie den Autor auf ein Gläschen Liebfraumilch einzuladen). Ich für meinen Teil habe bloß zwei Anmerkungen.

Erstens geht es natürlich in Ordnung, wenn HME seine Rolle in der „Studentenbewegung“ klein schreibt. Tatsächlich war er ja nie ein bekanntes Gesicht der Achtundsechziger, zumal in diesen Tagen oft mit der Besichtigung von erst später als solche erkannten Irrtümern beschäftigt, die sich weit entfernt von Berlin abspielten - zum Beispiel auf Kuba. Aber im Unterfutter des Revolutiönchens hat er doch an so einigem mitgewirkt, was er in „Tumult“ ein bisschen unter den Teppich schummelt.

Da ist etwa seine durchaus teilnehmende Moderation des unfassbaren „Gespräch über die Zukunft“ in der von ihm gegründeten Zeitschrift „Kursbuch“ vom August 1968. Ein Almanach linksradikalen Größenwahns, dieser Diskurs; vollkommen verblendet, manchmal regelrecht faschistoid. Wenn zum Beispiel in der Runde ernsthaft erwogen wird, nicht “umerziehbare” Rentner und andere Reaktionäre aus einem zu schaffenden sozialistischen Shangi-La namens Berlin West zu deportieren. Es schaudert einen noch heute bei dem Gedanken, dass Leuten wie Rudi Dutschke, Bernd Rabehl und Christian Semler, die das Kursbuch-Gespräch zusammen mit HME bestritten, irgendeine handfeste Macht zugefallen wäre. Von Typen wie Horst Mahler zu schweigen.

Zweitens: Ein Autor unterschreibt in seinem Verlagsvertrag gewöhnlich, dass er im Zuge der Buchveröffentlichung zwecks Promotion des Werkes Journalisten für Interviews zur Verfügung steht. Bei „Tumult“ (Suhrkamp) wird es sich nicht anders verhalten haben. Aber es muss doch Grenzen der Zumutbarkeit geben, oder? Wer immer HME dazu genötigt oder überredet hat, die schaurig erwartbaren Volontärsfragen des öffentlich-rechtlichen Literaturkaspers Denis Scheck („Druckfrisch“, ARD) zu beantworten, dem gebührt eine Watschn. Man erspürt beim Anschauen des Interviews aus der verspannten Körperhaltung und durch die ebenfalls lieblos-schablonenhaften Antworten des Befragten, wie sehr dieser das Ende des törichten Geplänkels mit dem dicken Denis herbeisehnt.

Mein gelesenes Exemplar von „Tumult“ hat viele Eselsohren. Einen Absatz möchte ich zitieren, mit Politik hat er gar nichts zu tun. Es geht um einen Besuch Enzensbergers bei einem der damals letzten schwedischen Großkapitalisten:

„Wir stellten beide fest, dass uns an Bildern, wie die Kinder, das interessiert, was darauf ist. Das Desaster der abstrakten Malerei: Sie zeigt nichts, oder nur Seelenzustände, aber die kennen wir schon. Oder eine Avantgarde-Literatur, in der außer ihr selbst nichts vorkommt. Auch in der Musik gibt es, je avancierter sie ist, desto weniger zu hören. Dass das ‚Volk’ an Trivialromanen und kitschigen Bildern festhält, hat seinen Grund. Der röhrende Hirsch ist gewissermaßen Statthalter für Bedürfnisse, die von der zeitgenössischen Kunst verleugnet werden.“
http://www.suhrkamp.de/buecher/tumult-hans_magnus_enzensberger_42464.html

 

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Max Wedell / 25.11.2014

Das sind eben unterschiedliche Auffassungen… Kunst als Befriediger von Bedürfnissen, oder Kunst als Verunsicherer, als Hinterfrager von allem, inklusive der Bedürfnisse…. der eine meint, man müsse alles so machen wie immer, der andere, man müsse immer alles ganz anders machen. Daß Dumme ist, daß Letzteres inzwischen auch schon oft in einer Pose erstarrt ist, das “Andersmachen” zum Zwecke der Aufrüttlung schon seit Jahrzehnten ziemlich automatisiert bzw. schablonenhaft abläuft, also eigentlich gar kein Andersmachen mehr ist. Vielleicht lag Enzensbergers anklingender Kritik am Avantgardistischen in der Kunst auch schon ein früher Fall der Langeweile an diesem Getue zugrunde. Daß der Absatz mit Politik gar nichts zu tun hat, könnte man meinen, aber wird nicht auch oft postuliert: Kunst = Politik (seltener auch umgekehrt)? Die Studenten waren die politischen “Künstler” jener Tage, die dem Volk ein avantgardistisches politisches Alternativangebot machten, teilweise auf recht aggressive Weise, wie von sich selbst überzeugte Künstler nun manchmal halt so sind. Vor die Möglichkeit gestellt, sich im Politischen sozusagen von Texten, bei denen jedes Wort mit E anfängt,  von unbekleideten und mit Nudelsauce garnierten Bühnenschauspielern oder von dadaistisch anmutendem Getöne verführen zu lassen, entschieden sich die Menschen in der großen Mehrheit dann letztendlich doch immer wieder für den politischen röhrenden Hirschen… weil der die Bedürfnisse besser ansprach als das große Unbekannte oder reichlich wirr Erscheinende… und sie auch tatsächlich besser befriedigte, nimmt man den real mal existierend gewesenen Sozialismus als Maßstab dessen, was uns durchaus auch hätte blühen können, hätte man diese studentischen Politkünstler mal einfach machen lassen… Im Politischen wurde das System, in dem die Umerziehungsnotwendigkeit des Menschen ein Dauerzustand ist, (vorerst!) abgewehrt, und daß wir uns in der Kunst jetzt solch einem System unterworfen haben, gibt doch irgendwie den Anschein des Bußetuns dafür ab.

Karl Baumgart / 24.11.2014

Volle Zustimmung. Nicht erst seit heute finde ich die Tatsache - es ist ja eine -, dass sich in der Bezirksverordnetenversammlung des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg eine Mehrheit gefunden hat, im alten Berliner Zeitungsviertel nach Dutschke eine Straße zu benennen.

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