Die „Tafel“ auf kubanisch

Die Tage, in denen in Deutschland das Thema der „Tafeln“ hochkochte, sind bereits wieder aus dem kollektiven Gedächtnis herausgefallen. Geblieben ist die Beschwörung der Armut in unserem Land, mit dem linke Gruppierungen einen erheblichen Teil ihrer Politik betreiben. Hingegen hat sich in den Köpfen dieser antikapitalistisch eingestellten Gruppen die Vorstellung festgesetzt, in einem sozialistischen System gäbe es keine Armut mehr.

Als 1990 die Sowjetunion zusammenbrach, stellte Russland – und ebenso alle ihre Nachfolgestaaten – die Zahlung von Subsidien an Kuba ein. War bereits durch die Enteignungen in den ersten Jahren der Revolution ein Teil der kubanischen Bevölkerung verarmt, und musste die Regierung durch die Einführung der Lebensmittelrationierung bereits drei Jahre nach der sozialistischen Revolution ihren wirtschaftlichen Bankrott eingestehen, entstanden jetzt erstmalig auf Kuba breitflächig Hungersnöte. Der bis dahin gepriesene Lebensstandard Kubas, wenngleich ein bescheidener, einschließlich seines Gesundheits- und Bildungssystems, erwies sich als das, was er immer war, als eine Subvention der Sowjetunion, aber keinesfalls als eine eigenständige „Errungenschaft“ der kubanischen Revolution.

Etliche kubanische Schriftsteller haben diese Periode drastisch veranschaulicht. Damals flohen hunderttausende Kubaner über die Meeresenge nach Florida.

Ab Mitte jenes Jahrzehnts fand die kubanische Regierung eine zeitweilige Lösung für ihre wirtschaftliche Not, indem sie zahlreichen westlichen Unternehmen den Zugang zu ihrem Markt öffnete. Vornehmlich stellte sie spanischen Hotelkonzernen Land zur Verfügung, und diese errichteten in großem Stil Hotelanlagen für den westlichen Tourismus. Zugleich verkaufte die Regierung Anteile an den natürlichen Ressourcen des Landes sowie an noch funktionstüchtigen Unternehmen an westliche Firmen.

Ein „weißer Ritter“ namens Hugo Chavez

Beispielsweise erhielt Nestlé mit Wasser, Softgetränken, Eis sowie mit Maggi wieder Zugang zum kubanischen Markt und konnte dort quasi eine Monopolstellung aufbauen. Das kanadische Unternehmen Sheritt konnte Nickel- und andere Erzvorkommen ausbeuten, ein großer Teil der Rum-Produktion ging an Pernod Ricard und die Bierproduktion an INBEV, der Zigarrenexport an Altadis / Imperial Brands und die Zigaretten an Brascuba (brasilianisch), der Fischfang wurde an Pescafina (Spanien) verpachtet und anderes mehr. Die früheren sozialistischen Versprechungen von Unabhängigkeit gegenüber dem Kapitalismus hatten sich in ihr Gegenteil verkehrt. Nach einigen Jahren befand sich ein größerer Teil der Wirtschaft Kubas unter westlichem Einfluss als vor der Revolution. 

Indessen half dies nur für wenige Jahre, aber wider alles Erwarten tauchte gerade im rechten Augenblick ein „weißer Ritter“ namens Hugo Chavez auf. Der Präsident Venezuelas subventionierte mit den Einnahmen aus seiner Erdölproduktion Kuba wie einst die Sowjetunion, allerdings mit zwei wesentlichen Unterschieden. Zum einen ist Venezuela gegenüber der Sowjetunion ein kleiner Staat und zum anderen ruinierte es sich weitaus schneller als die Sowjetunion. Niemals reichte die venezolanische Unterstützung aus, um auch nur annähernd die Wirtschaft und den Lebensstandard an das Niveau von 1989 heranzubringen. 

Zwar ging der Hunger zurück, aber die Armut blieb. 1999 war die Regierung gezwungen, über das traditionelle System der Lebensmittelrationierung („Libreta“ in der „Bodega“) hinaus ein zweites System der Ernährung aufzubauen. Es fungiert unter der offiziellen Bezeichnung „S.A.F. – Sistema de Atención a la Familia“. Im Ausland ist es weitgehend unbekannt, denn die kubanische Regierung hat keinerlei Interesse, das Ansehen ihres sozialistischen Systems mit dem Kennzeichen „Armenküche“ zu verbinden, aber das genau sind die S.A.F. In der entsprechenden Verordnung der Regierung wird dieses System als „Ergänzung der Ernährung der Bevölkerung mit geringem Einkommen“ charakterisiert.

Suppe, Reis, Huhn, Mehlspeise

Im Stadtbezirk Arroyo Naranjo von Havanna befindet sich am Ende der viel befahrenen Straße Porvenier auf der rechten Seite ein flacher Betonbau. Sein schmaler Eingang lässt nicht erkennen, dass sich seine Räume weit nach hinten hinziehen. Sein Sockel ist in kräftigem Pastell-Blau gehalten, die Wände darüber sind in hellem Blau angestrichen. Die Farbe ist frisch, und auch das Dach aus einfachem Metallblech sowie die Fenster mit ihren Metalljalousien, jedoch ohne Glas, weisen auf ein erst kürzlich restauriertes Gebäude hin. An seinem First prangt in Weiß auf Rot: „S.A.F. La Palma“

Auch im Innenraum fehlen die sonst in ähnlichen Gebäuden üblichen Abnutzungsspuren. Seine Eingangstür ist weit offen, so dass die zwei Wandventilatoren Außenluft durch den Raum wedeln können. An einer weiteren Wand hängt ein Farbfernseher, aus dem eine Musikshow plärrt. Auf einem der Tische liegen Dominosteine und die Utensilien für ein Brettspiel. Zwei von den zehn Tischen fallen auf. Sie sind mit weißen Tischtüchern, Servietten, Gläsern und Stahlbesteck gedeckt. Allerdings dürfen sie nicht benutzt werden. Sie sind eventuell unangemeldet hereinkommenden Inspektionen vorbehalten.

Selbst in einer kubanischen Armenküche ist die sozialistische Gleichheit nur eine Propagandalüge. Die übrigen Plastiktische sind immerhin noch mit einer braunen Decke versehen. Am Ende des Raumes befindet sich an seiner Stirnwand ein schmaler, gefliester Tresen mit zwei kleinen Ausgabefenstern. Dahinter ist der Küchenraum zu erkennen. Rechts daneben liegt die Toilette, und da diese neu ist, kann sie sogar, gemessen an normalen kubanischen Verhältnissen, benutzt werden. 

An der Seite des rechten Fensters steht eine kleine Stecktafel mit dem handgeschriebenen Menü des heutigen Mittagessens: Suppe, Reis, Huhn, Mehlspeise. Daneben stehen die Preise; sie betragen insgesamt noch nicht einmal einen Peso (wenige als fünf Eurocent) für das komplette Menü. Das Frühstück kostet nur einen halben Peso und das Abendessen auch nur knapp einen. Nirgendwo kann man in Kuba günstiger speisen. Allerdings benötigt das „man“ und das „speisen“ eine geringfügige Ergänzung.

Die „Kunden“ der S.A.F. haben keine Hoffnung mehr 

Die S.A.F.-Restaurants stehen nur bedürftigen Kubanern zur Verfügung, insbesondere jenen mit der Mindestrente von 200 Pesos (ca. 8 Euro) monatlich, oder Kubanern, die überhaupt keine Rente beziehen, weil sie niemals beim Staat angestellt waren sowie gleichfalls wegen Krankheit ständig arbeitsunfähigen jüngeren Kubanern. Kubaner, die zu einer dieser drei Gruppen gehören, müssen bei der Stadtverwaltung eine Bescheinigung beantragen, um im S.A.F. essen zu dürfen. Kubaner ohne Rente erhalten von der Behörde ca. 45 Pesos monatlich für das Essen hier. In jedem der 15 Stadtbezirke Havannas gibt es ungefähr 15 S.A.F., in denen jeweils etwa 100 Bedürftige in Listen registriert sind.

Insgesamt dürfte die Armenspeisung in Havanna zwischen 5 und 10 Prozent ihrer älteren Einwohner ausmachen – dies aber nicht in einem Land mit einer bürgerlichen Demokratie, sondern in einem Land, welches für viele Sozialisten in aller Welt immer noch ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft verkörpert. Die „Kunden“ der S.A.F. können mit dieser Hoffnung nichts anfangen. Sie haben keine Hoffnung mehr. Sie gehören zu den „vergessenen“ Kubanern, die weder gutverdienende Verwandte im Lande noch in den USA haben.

Das sozialistische System hat sie jedoch nicht zurückgelassen, denn die Regierung weiß, dass sie sich mit der Mindestrente nicht ernähren könnten. Zum Frühstück finden sich in der „S.A.F. La Palma“ nur wenige Kunden ein, mittags wird es dann richtig voll, und viele nehmen sich sogleich auch ihr Abendessen in einem Essgeschirr mit. Dafür müssen sie jeden Monat etwa einen Viertel ihrer Rente aufwenden, aber sie müssen nicht hungern. Die Regierung fürchtet um ihre Stabilität, würde sich auf den Straßen, wie in den Neunzigern, Hunger ausbreiten. Wie hoch die Subventionen für diese Speisung sind, verschweigt sie wohlweislich.

Aber die S.A.F. sind das Eingeständnis, dass die Mindestrente generell nicht zum Leben reicht. Diejenigen älteren Kubaner, die keine Hilfe von ihren Verwandten erhalten, muss der Staat durch diese Armenküchen ernähren. Hinzu kommen, allerdings über ganz Kuba verstreut, noch zahlreiche weitere von den Kirchen unterhaltene Suppenküchen. Ohne diese würden selbst die staatlichen S.A.F. nicht ausreichen. In Kuba garantiert ein vier Jahrzehnte langes Arbeitsleben kein eigenständiges Leben im Alter.

Kuba hängt von westlichen Einnahmequellen ab

Die meisten der S.A.F. sehen von außen nicht wie ein Restaurant aus, auch nicht wie ein einfaches, und sind schon gar nicht mit einem Fernseher ausgestattet. Ein einfacher dunkler Raum mit Plastikstühlen und Plastiktischen, das ist es. Der Hauptteil eines jeglichen Mittagessens besteht aus Reis, Hühnerteile kommen tiefgefroren und werden aufgewärmt, Schweinefleisch aus einfachen Konserven, sonst Eier. Das Gemüse richtet sich nach der Jahreszeit, manchmal kubanische Wurst, Käse nie.

Die Belieferung erfolgt aus demselben staatlichen Unternehmen wie die der Bodegas. Auch die Familien der drei bis fünf Mitarbeiter der Armenküche leben davon, weshalb die S.A.F. für unqualifizierte Kubaner ein gefragter Arbeitgeber ist. Hier soll nicht gespeist werden, sondern die Kunden sollen sich satt essen können. Allerdings ist dabei nicht zu verkennen, dass die Kunden in ihrem Leben nicht so arg viel Anderes kennengelernt haben, und zudem ist diese Armenküche auch ihr Kommunikationszentrum.

Wird davon ausgegangen, dass die drei wesentlichen Einnahmequellen des kubanischen Staates (abgesehen vom permanent drastisch negativen Außenhandel, nach deutschen Angaben für 2017 nur noch 2,3 Milliarden US-Dollar Exporte, aber für 10, 3 Milliarden Importe) die Tourismuswirtschaft, der Verkauf vornehmlich medizinischer Fachkräfte ins Ausland sowie die Überweisungen der kuba-stämmigen Amerikaner sind, und wird berücksichtigt, dass die „grüne Insel“ Kuba wenigstens zwei Drittel seiner Lebensmittel importieren muss, dann hängt das gesamte Leben Kubas von westlichen Einnahmequellen ab. Der kubanische Sozialismus ist an seinem Ausgangspunkt angekommen: Überwindung der Armut und des Kapitalismus! Allerdings gibt es dafür einen international erprobten Ausweg: Überwindung der Armut durch den Kapitalismus.

Von Klaus Leciejewski ist kürzlich das Buch erschienen: 111 Gründe, Kuba zu lieben, Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin.

Foto: Tim Maxeiner

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Leserpost (5)
Ulla Smielowski / 12.08.2018

Danke für diese Informationen.. Ich persönlich war nie in Kuba.. Für viele andere ist es ein Sehnsuchtsziel, ein Traum… Wenn hier im Kommunalen Kino in Hannover ein Film über Kuba läuft, dann sind die Kinosäle voll mit Lehrern und Sozialarbeitern aus der Oststadt, Kleefeld. Ganz beglückt kehren sie dann in ihre Wohnungen zurück und planen einen Urlaub in Kuba..

Andreas Mertens / 12.08.2018

Mit Verlaub und allem gebotenem Respekt, aber Kuba geht mir soweit am Allerwertesten vorbei wie der Pluto an der Sonne.  Die Probleme Kubas sind die Probleme Kubas, und sie sind hausgemacht. Die Lösung dieser Probleme .. sofern man von einer Lösung sprechen mag, obliegen Kuba. Unsere Probleme, unsere Armut, unsere Tafeln, unsere sozialen Verwerfungen, sind ganz genauso hausgemacht. Während jedoch die Probleme Kubas aus Jahrzehnten menschenverachtenden Sozialismus/Kommunismus/Diktatur resultieren, sind unsere einzig und allein abgrundtiefer Dummheit, Selbstverachtung und wahnhaftem Gutmenschentum zu verdanken. Die Kubaner sind arm weil sie in einer Diktatur leben. Wir sind arm (oder sind dabei zu verarmen) =>weil .. wir .. es .. so .. wollen<=!  Wir haben die Wahl, die Kubaner nicht. Wir könnten unsere Straßen mit Gold und Marmor pflastern .. wenn wir uns nicht so dämlich anstellen, uns nicht so abgrundtief selbst verachten würden. Oder zumindest Politiker wählen, die das für uns übernehmen.

Wolf-Dieter Schleuning / 12.08.2018

Vor Castro war Kuba eines der wohlhabendsten Länder Lateinamerikas. Von der bitteren Armut, vor allem auf dem Land, habe ich mich kürzlich auf einer Rundreise selbst überzeugen können. Die Angebote in den bodegas sind wirklich kümmerlich und das libreta reicht auch nur für den halben Monat. Der Campesino zieht seine Furchen stöhnend hinter einem Joch Ochsen und muss seine mageren Erträge gegen wertlose Pesos an den Staat verkaufen. Es scheint aber auch eine wohlhabende Ober/Mittelschicht zu geben. Wer wohnt hinter Bougainvillea Hecken in Villen mit Pool in Havannas Miramar? Neben den ikonischen Straßenkreuzern und verrosteten Moskwitschs sieht man viel brandneue Geelys und MGs, ab und zu mal auch einen Hundai SUV. Vermutlich sind die Eigentümer Staatsfunktionäre, Militärs oder Schmuggler die sich die Einkünfte aus dem Tourismus teilen. Man kann jedem Linken nur empfehlen nach Kuba zu reisen und die Früchte des Sozialismus zu betrachten, und danach das kapitalistische Singapur, das vor 60 Jahren noch ärmer war als das damalige Kuba.

Dietmar Blum / 12.08.2018

Herr Kemmerling: “.... dass der Sozialismus dafür keine Lösung ist.”. Der Sozialismus kann dafür keine Lösung sei, ist er doch die Ursache. Jüngstes Beispiel ist Venezuela.

Udo Kemmerling / 12.08.2018

Es ist eine unethische Argumentation, die sehr wohl existierende Armut in Deutschland zu verharmlosen, gar zu leugnen, weil Linke sie zu ihrem Nutzen und Frommen instrumentalisieren. Es gibt keine Kausalität zwischen der Existenz von Armut und dem Umstand, dass der Sozialismus dafür keine Lösung ist.

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