Cora Stephan / 29.09.2022 / 12:00 / Foto: Bildarchiv Pieterman / 77 / Seite ausdrucken

Die Stimme der Provinz: Über den deutschen Untertan

Das Kaiserreich war im Vergleich zu allem, was vorher und nachher kam, aufstrebend, dynamisch, innovativ. Und nicht dem Kaiser, sondern Bismarck muss man ankreiden, dass er für Staatsfrömmigkeit gesorgt hat.

Eigentlich mag ich das überhaupt nicht, die geläufige und stets leicht angeekelt intonierte Verachtung „der“ Deutschen. Ihre Obrigkeitshörigkeit! Ihr Untertanengeist! War schon immer so!

Heinrich Manns „Untertan“ ist ein Roman, bitteschön, den man nicht mit der Wirklichkeit verwechseln sollte, und dessen literarische Qualität im übrigen unter seinem pädagogischen Impetus durchaus gelitten hat. „Das wichtigste literarische Dokument über das Kaiserreich“? Ach, was. Das Reich unter Wilhelm Zwo war im Vergleich zu allem, was vorher und nachher kam, aufstrebend, dynamisch, innovativ – und der Reichstag weit lebendiger als der Bundestag heute. Das lag wahrscheinlich daran, dass damals die Sozialdemokratie im wahrsten Sinn Opposition war.

Und nicht dem Kaiser, sondern Bismarck muss man ankreiden, dass er für Staatsfrömmigkeit gesorgt hat. Genau, mit seiner Sozialgesetzgebung, er hat es selbst zugegeben: „Mein Gedanke war, die arbeitenden Klassen zu gewinnen, oder soll ich sagen zu bestechen, den Staat als soziale Einrichtung anzusehen, die ihretwegen besteht und für ihr Wohl sorgen möchte.“

Das, nicht Stechschritt, Uniform und Kaisertreue, war schon damals nicht nur Segen. Bestechung ist seither Staatsräson, wobei keiner merken soll, dass er mit dem bestochen wird, was man ihm vorher abgenommen hat. Schon unter Merkel wurde jedes Problem mit Geld zugeschissen. Diese Methode erlebt soeben ihren Höhepunkt: Eine unfähige Regierung versucht, von ihren Versäumnissen mit Staatsknete abzulenken. Die ist zwar schon lange nichts mehr wert, Deutschland ist pleite, aber „wir sind ein reiches Land“ ist noch immer das Lied, das angestimmt wird, wenn dem Bürger etwas abverlangt wird, vom Willkommen für syrische Fachkräfte bis zu einer Gasumlage.

Antifaschistische Kämpferin gegen „rechts“

Kurz: Man könnte tatsächlich an ihnen verzweifeln, „den“ Deutschen. Sie lassen sich das alles brav gefallen, die Untertanen. Und sollten sie aufmucken wollen, macht Innenministerin Nancy Faeser wie einst Gustav Noske den Bluthund: „Demokratiefeinde warten nur darauf, Krisen zu missbrauchen, um Untergangsfantasien, Angst und Verunsicherung zu betreiben.“ Als ob nicht unsere benevolente Regierung besonders gewitzt darin wäre, Krisen zu missbrauchen. Jedenfalls: „Wir sind vorbereitet, auch auf mögliche neue Protestgeschehen.“

Fast möchte man den Sozialdemokraten Gustav Noske in Schutz nehmen, er bekämpfte mit dem Spartakusaufstand die nicht gerade republik- und demokratiefreundlichen kommunistischen Aufrührer, während Frau Faeser sich natürlich als antifaschistische Kämpferin gegen „rechts“ versteht. Und rechts ist alles, was mit der Regierung nicht übereinstimmt.

Ach, da hofft man doch langsam auf einen gehörigen Rechtsruck. Schweden! Italien! Woanders siegt doch auch schon mal die Vernunft!

Doch wer sich des deutschen Traumas bedient, kriegt sie im Handumdrehen klein, die Untertanen. Rechts ist Nazi, und wer sich schon mal als einen solchen hat anschreien lassen, geht irgendwelchen Konflikten lieber aus dem Weg. Schlimmer als künstlerischer Antisemitismus oder arabischer Judenhass auf den Straßen ist immer noch – genau. Der deutsche Reichsbürger, Querulant, Schwurbler, Coronaleugner, oder, neueste Variante, Putinist, also Tyrannenfreund. (Mit anderen Tyrannen versteht man sich derweil prächtig.) Kurz: alles, was der normaldeutsche Bürger nicht sein will.

Da möchte ich ihn gleich wieder in Schutz nehmen, den Deutschen. Doch es will mir nicht gelingen: Der deutsche Untertan ist so verdammt leicht zu erkennen. Er trägt etwas vor Mund und Nase, von dem er glaubt, es schütze ihn und die liebe Nachbarin. Dabei schützt, wenn einer rotzt und niest, nur der Aufenthalt im eigenen Bett, nicht aber ein Lappen, der ein prima Nährboden für Pilze und Bakterien ist, die freie Atmung behindert und genau gegen jenen Feind nichts nützt, der damit an seiner Verbreitung gehindert werden soll.

Den deutschen Untertan erkennt man an der medizinischen oder gar FFP2-Maske, die er selbst unter freiem Himmel trägt. Oder einsam im Café sitzend, weil er sich mittlerweile daran gewöhnt hat. Der hackenschlagende Kaisertreue war einmal. Heute setzt der Untertan ein Tugendsignal mit seinem Mund-Nasenschutz, dem er offenbar magische Kräfte zutraut.

Im Iran kann es den Tod bedeuten, wenn Frauen sich ihrer Kopfverhüllung entledigen. Doch sie tun es, massenhaft. Bei uns kostet es nichts, noch nicht einmal Mut, das Zeichen der Untertänigkeit endlich abzulegen.

Foto: Bildarchiv Pieterman

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Jens Kegel / 29.09.2022

Den deutschen Untertanen erkennt man nicht nur am Lappen vorm Gesicht. Man erkennt ihn auch am Schweigen, wenn er’s Maul aufmachen müsste, am Nur-zu-Hause-Meckern, Mitmachen trotz besseren Wissens, am Dulden des Unduldbaren, am Wegblicken und Ohrenverschließen, am Verkriechen in die privaten Niesche. Eine Folge von Bismarck und sicher auch der ersten und zweiten Diktatur, weiterführend dem viel zu dichten sozialen Netz der Bundesrepublik. Der Einzelne konnte seine Verantwortung bequem an den Staat abgegeben, weil sich dieser scheinbar um alles kümmert. Eltern geben ab an Erzieher und Lehrer, Kranke an den Arzt, Angestellte an Arbeitgeber, Arbeitslose ans Amt. Danke für den Hinweis auf Bismarck. Wieder eine Teil-Antwort auf die Frage, die auch ich mir seit Jahren stelle: Warum sind wir so?

Gerd Quallo / 29.09.2022

“Putinist, also Tyrannenfreund. (Mit anderen Tyrannen versteht man sich derweil prächtig.)” Also sollte man sich auch mit Putin verstehen? Was ist denn das für eine Logik. Bisher in jeder Hinsicht der schwächste Beitrag der Autorin hier.

Dirk Jungnickel / 29.09.2022

Der deutsche Untertan ist m.E. vor allem ein ALLES - SCHLUCKER, was sich vor allem in der infantil - dummen Kategorisierung von Rechts und Links manifestiert. (Rechts = schlecht und böse,  Links = gut und richtig ) Grautöne mag der Michel nicht; Differenzierungen schon gar nicht. Gelegentlich schau ich “heute” ( Ja, meine Schuld !)  Wenn z.B. Frau Hahlweg ihre bescheidne Anmoderation präsentiert, dann - wenn ihre Stimme vibriert und ihre Mimik nahezu entgleist - landet ihr (dumm-)linkes Engagement unwiderruflich in den deutschen Fernsehstuben. “Rechte Umtriebe ” gehen ihr so nahe, dass man fast einen emotionalen Zusammenbruch befürchten muß.  Wenn ich nicht irre, geht ihr aber der Gender - Schwachsinn flugs über die Lippen….

Thomas Szabó / 29.09.2022

Heutzutage kann man schon “Nazi” als Kompliment werten.

Volker Kleinophorst / 29.09.2022

@ C. Stephan Auch wenn es immer wieder wohlfeil ist, den deutschen Selbsthass zu zelebrieren. Der Untertanengeist der Massen ist kein deutscher Sonderweg. Das hat doch die Plandemie deutlich gezeigt. PS.: Fällt gerne unter den Tisch. Untertanengeist wird in den Königreichen der Angst erzwungen. Überall. Auch in den anderen europäischen Länder wird deshalb keine Maske mehr getragen, weil die Regierungen es erlauben. Aber natürlich haben Sie recht mit: “Im Iran kann es den Tod bedeuten, wenn Frauen sich ihrer Kopfverhüllung entledigen. Doch sie tun es, massenhaft. Bei uns kostet es nichts, noch nicht einmal Mut, das Zeichen der Untertänigkeit endlich abzulegen.” Es könnt ein Anfang sein. Aber wenn ich mir zu umgucke, wird das freiwillige Maskentragen wieder mehr. “Und da merkte er: Er liebte der/die/das großen Bruderin und Schwesterin.” (1984 in Dummdeutsch) PS.: In Schweden trug man auch keine Maske, weil die Regierung auf die Maßnahme verzichtet hat. Die erzwungene Impfquote war allerdings sehr hoch. Ich hätte damit mehr Probleme als mit dem Sklavenlappen. Der ist , demütigend, ungesund doch nur vor deinem Mund (schlimm genug). Die Impfung bleibt auf ewig in dir drin.

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