Cora Stephan / 08.04.2021 / 10:00 / Foto: bundesregierung.de / 12 / Seite ausdrucken

Cora Stephan: Die Stimme der Provinz – Nix mit Kälberstreicheln

Schöne Grüße aus dem Vivarais, einem Landstrich am Rande der Cevennen! Hier hat sich in Olims Zeiten der gallische Krieg abgespielt, hier haben sich die rebellischen Hugenotten gegen des Königs Armee verbarrikadiert, weshalb noch immer eine gewisse Melancholie über den Karstplateaus liegt, in deren Höhlen sich einst Rebellen, Schmuggler und Schutzsuchende versteckten. Hier ist gottlob nicht die Provence.

Fronkroisch, das Land von Chèvre und Pastis, von Cigarette und Baguette – n’existe pas, wie der große französische Historiker Fernand Braudel festgestellt hat. Das Land ist, wie Deutschland auch, ein Reigen von Provinzen, denen vor allem eines gemein ist: Die Abneigung gegen Paris und seine arroganten Eliteschulabgänger, die glauben, auf die politische Macht per Abstammung Anspruch zu haben. Wer in der Schule das Pariser Französisch zu verstehen und zu sprechen gelernt hat, wird in der Provinz womöglich auf Schwerhörigkeit treffen, aus Unverständnis oder gar Ablehnung. Es gibt hier Leute, die den Parisern sogar Deutsche vorziehen.

Bekanntlich wird auch in Deutschland in vielen Zungen gesprochen. Ich habe dank meiner rechtzeitig aus Thüringen in den Westen geflohenen Eltern das Pech (oder das Glück), ganz und gar ohne lokale Klangfärbung aufgewachsen zu sein und verfüge noch nicht einmal über das Talent, andere Dialekte zu imitieren. Ausnahme: jene beliebte Szene aus den Zeiten der DDR, in der der Grenzer fragt: „Hamse Woffn, Munition oder Funkgeräde?“, worauf der Berliner antwortet: „Wieso? Braucht man det hier?“ Ach, selbst das bringe ich nicht wirklich überzeugend rüber.

Buntscheckiger, als man in den Städten glaubt

Meine Nachbarn im Vogelsberg verstehe ich nur, wenn sie zweisprachig aufgewachsen sind und Hochdeutsch mit mir reden – oder wenn ich genügend intus habe. Intus kommt schließlich von Intuition, zutrauliche Betrunkene wissen einfach, wie’s gemeint ist, auch wenn sie nichts verstehen. Leider verblassen die lokalen Feinheiten allmählich – doch das geniale „Landexamen“ von F. W. Bernstein lehrt uns noch immer, wie schwer es ein Städter in der Provinz haben kann. Die eingeborenen Vogelsberger verfügen über eine Geheimsprache, die sich auch noch von Ort zu Ort unterscheidet. In Ulrichstein heißt das Mutterschwein Mock, in Herbstein hingegen Freckelsau. Wer in Stockhausen Uffzieher sagt, liegt falsch, dort heißt es Uffzug, was in Grebenhain Onzugg wäre und in Volkartshain Schuhlöffel genannt wird.

Insofern, und um den Wunsch von M. zu erfüllen, den mir B. übermittelt hat: ja, doch, man muss warnen vor der Provinz, vor allem jene Städter, die sich von einem Umzug hierhin liebevolle Idylle mit Kälbchenstreicheln versprechen. Dörfliche Strukturen lösen sich auf, regionale Unterschiede verblassen, aber noch immer ist die Provinz weit buntscheckiger als man in den Städten glaubt.

Ihre Selbstgenügsamkeit und ihre Bindung ans Territorium machte die landwirtschaftlichen Siedlungen einst zu Inseln in der Fläche, wodurch eine wirkungsvolle Integration oder gar Homogenisierung beinahe unmöglich wurde – agrarische Reiche waren stets Riesen auf tönernen Füßen, wie es Rolf Peter Sieferle in seiner großartigen Untersuchung der Geschichte des Menschen und seiner Umwelt schreibt. Informationen gelangten über wandernde Boten in die Dörfer, so oder so ähnlich wie im Film „Neues aus der Welt“, in dem Tom Hanks als Bürgerkriegsveteran Captain Jefferson Kyle Kidd durchs Land zieht, um abgeschiedene Orte mit den neuesten Nachrichten zu versorgen.

Eine allgemein verständliche Sprache entstand dort, wo gehandelt wurde, also in Häfen und Städten. Die Provinz, ein Flickenteppich aus eigensinnigen Gemeinschaften, die sich gegeneinander abschotten, auf der einen und die Städte mit ihrer „Weltoffenheit“, wie das Wieselwort heutzutage heißt, auf der anderen Seite. Nun, das Klischee vom misstrauischen Ländler hat sich weitgehend erledigt. Einer unserer Lieblingsnachbarn spricht auch noch nach Jahren nicht richtig Deutsch und den Unterschied zwischen Uffzieher und Uffzug kennt er erst recht nicht. Außerdem, trara, auch wir hier haben Internet und kennen den Weg zum nächsten Flughafen. Und sind nicht die Städte mittlerweile auch nur noch Ansammlungen von gegeneinander abgeschotteten Parallelgesellschaften? Dort scheint es besonders viele Grünwähler zu geben, die ebensoviel von der Provinz und der Landwirtschaft verstehen wie Annalena Baerbock von Stromversorgung.

Anyway. Für heute zurück in die freundliche Ardeche. Hier haben sich Alteingesessene und die in den 70er Jahren aufs Land Geflüchteten nach knochenharten Anfangsjahren zusammengerauft. Es sind oft gerade die Hinzugekommenen, die alte Traditionen und überkommenes Handwerk neu belebt haben. Die ehemaligen Hippies verstehen sich auf die Käseerzeugung ebenso gut wie aufs Brotbacken. Das ist Grund genug, umgehend die nächste weltoffene Kleinstadt anzusteuern.

 

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Foto: bundesregierung.de

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Mats Skinner / 08.04.2021

Dialog: „Na, wo willst du denn mit dem Schwein hin?“ „Wieso Schwein, das ist doch ein Kälbchen!“ „Wer hat denn mit dir gesprochen?“

Karl Mistelberger / 08.04.2021

Der Dörfler steht dem Berliner in nichts nach. Sucht der Zuagroaste Anschluss und fragt wie er Mitglied der Feuerwehr werden könnte. Antwortet der Ansässige: Lernst erst amoi griaß‘n, dann red’n mia drüber.

K.Bucher / 08.04.2021

Mein Erster Gedanke:  Dieses Bild in vergilbtem Schwarz weiß und in dem Nachlass meiner Oma entdeckt .....und ich würde es sofort glauben wenn Sie behauptet hätte das wäre eine Alte Aufnahme vom Obersalzberg aus der Nazi Zeit . Wie heißt es so schön Bilder ändern sich aber Diktatoren bleiben stets die gleichen ,Ganz Egal ob diese Links oder Rechts und auch Egal ob Männlich oder Weiblich .

Yon Bureitxa / 08.04.2021

Moin Cora. Da haben Sie aber ein hübsches Bildchen hervorgekramt. Das arme Kälbchen*in “Wirbelwind”. Man sieht ihm*ihr an, dass es stantepede göbeln möchte. Ich auch! Ach so, der Maire von Nîmes, mit dem mein Vater seinerzeit eng befreundet war, hat nicht selten über jene Neubürger, oft ausrangierte Pädagogen deutscher Zunge, abgelästert, die meinten ein besseres sept cents backen zu können als Monsieur Darrigard und obendrein noch nicht mal wussten was cohabitation wirklich meint ;-)  Besuchen Sie mal das Pays Basque…

Bechlenberg Archi W. / 08.04.2021

Das Kalb. Erstarrt. In seinen Augen steht der Blanke Hans. / Der Alp, er lacht, die roten Hände taugen für den Totentanz.

Klaus Klinner / 08.04.2021

Die städtische kleinbürgerliche Klientel ist eigentlich relativ leicht zu verstehen. Für sie hat, oft bar jeder Verantwortung für Familie oder Besitz, der Staat zu nahezu 100% die lästige eigene Daseinsfürsorge übernommen. Wer nicht arbeiten will, geht nicht arbeiten, hat trotzdem seine Wohnung, Wasser und Strom aus der Wand, die Heizung läuft und Internet ist Pflicht. Dies alles und die Krankenkasse bezahlt der täglich schaffende dumbe Steuerzahler. Trotzdem braucht fast jeder Mensch in wachen Augenblicken, zur Festigung seines Selbstbildes, eine vorzeigbare Aufgabe. Und die ist dann, mangels eigener Kinder, der vermeintlich noch Schwächere , um den man sich scheinbar hingebungsvoll kümmert. Beispiel gibt es gar viele und täglich neue. Auf dem flachen Land habe ich dazu wenig Zeit, ich gehe zwar jeden Tag mit Ü70 schaffen, bezahle mit meinen Steuern das Gutsein der Anderen(siehe oben), aber keine Minderheit mäht derweil meinen Rasen, bügelt meine Hemden oder beschult meine Enkel.

Sabine Heinrich / 08.04.2021

Ich hoffe, dass sich “Wirbelwind”  (Ich beziehe mich auf das Foto) von der Begegnung mit unserer roten Göttin erholt hat und nicht bereits in Teilen auf diesem oder jenem Teller gelandet ist.

Jörg Themlitz / 08.04.2021

Hallo Frau Bundeskanzlerin, sehr schön, dass Sie zum Mittag bleiben. Es gibt Wiener Schnitzel.

Wolfgang Rentzsch / 08.04.2021

Ich wohne schon seit meiner Geburt in einer dörflich-kleinstädtischen Umgebung. Bitte, Frau Stephan, machen sie nicht weiter Werbung für die ländliche Idylle. Ich möchte sie noch bis an mein Lebensende (noch ca. 13% bleiben) genießen, denn weiter raus dürfen wir dank unseres Politbüros und seinen gerne der diktatorischen Macht dienenden Gestasi und Blockwarte nicht.

Fred Burig / 08.04.2021

Lautet der Titel des obigen Bildes etwa: ” Rindviecher unter sich” ? MfG

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