Cora Stephan / 09.02.2023 / 10:00 / Foto: Sven Mandel / 41 / Seite ausdrucken

Die Stimme der Provinz: Juli Zeh

Hier die urbanen genderfluiden Wokis, dort die sture, aber dennoch geerdete und gefährdete Landbevölkerung. Über das neue Buch von Juli Zeh und Simon Urban regt man sich im feinsinnigen Milieu derzeit auf. 

Das Landleben macht schlau und schön. Oder führt wenigstens zu vernünftigen Ansichten und einer brauchbaren Frisur. Wer die Bücher der Bestsellerautorin Juli Zeh „Unterleuten“ und „Über Menschen“ gelesen hat, müsste längst gemerkt haben, dass sie die Blase verlassen hat, in der sie „Everybody’s Darling“ war.

Zu dieser Einsicht hätte es das neue Buch nicht gebraucht, das sie mit Simon Urban geschrieben hat, über das man sich im feinsinnigen Milieu derzeit aufregt. Es setzt das Thema der beiden Vorgänger fort: hier die urbanen genderfluiden Wokis, dort die sture, aber dennoch geerdete und gefährdete Landbevölkerung.

Im neuen Buch kulminiert diese Versuchsanordnung aufs Schönste. Diesmal tritt der woke Städter leibhaftig auf: Es ist Stefan Jordan, 46 Jahre alt, der Kulturchef eines in Hamburg angesiedelten Wochenblatts namens „Der Bote“, der einen beachtlichen Vorrat an Gendersternchen bewirtschaftet, an die Klimakatastrophe glaubt und „Antirassist“ sein will. Jordan ist einer der Selbstgerechten aus der neuen Mittelklasse, der alles besser weiß, aber keine Ahnung hat. Die geerdete Landfrau heißt Theresa Kallis, 43 Jahre, schaut gern in milde Kuhaugen und bewirtschaftet den Bauernhof ihres Vaters in Brandenburg unter schwierigsten Bedingungen – ein wenig Klischee und viel Realität.

Die „Existenzfragen unserer Epoche“

Beide haben sich zwanzig Jahre zuvor im Studium kennengelernt und eine Wohnung geteilt, ohne ein Liebespaar zu sein. Zufällig begegnen sie sich wieder, und nun entspinnt sich ein reger Mail- und Whatsapp-Austausch. Daraus besteht das Buch – große Literatur ist das nicht und vielleicht noch nicht einmal ein Roman.

Egal. Die eine Ebene des Buchs besteht aus einer immer wieder zum Lachen reizenden Parodie auf Wokistan. Wobei – das, was der Kulturjournalist Stefan so von sich gibt, mag immer mal ins Klischee abgleiten, aber so und so ähnlich hat man das oft genug im wahren Leben gehört und gelesen. Da wird zwanghaft gegendert, das Klima gerettet und der Jugend das Wort erteilt, was nicht gut geht. Gar nicht. Von der Welt, in der Theresa lebt, hat er ganz offenkundig nicht den blassesten Schimmer.

Seine Konformität mit allem, was sich moralisch gut dünkt, trifft bei Theresa auf ein solides und fest geschlossenes Scheunentor, an dem er sich immer wieder den Kopf einrennt. Was er für die „Existenzfragen unserer Epoche“ hält, ist für sie pipifax. Sie stellt Fragen, die so hart an der Realität sind, dass der Gute darauf nichts zu sagen weiß: etwa danach, ob Elektromobilität wirklich dem Klima nützt, wenn der Strom dafür aus Kohlekraftwerken kommt und die Batterien aus China. Ein Wunder, dass die Korrespondenz dennoch weiter geht – aber hallo: Wir befinden uns ja in einem Roman, da ist das erlaubt.

„Einstehen für das nationale Interesse“

Wir hier in der Provinz jedenfalls finden weit interessanter als Stefans Bemühungen um die korrekte Linie seines Blattes das Landleben, das Theresa schildert. Ihr Bauernhof war vor der Wende eine LPG, und ihr Vater hatte es versäumt, die Eigentumsverhältnisse zu klären und den Hof zu modernisieren. Angesichts des Zugriffs großer Agrarkonzerne auf das Pachtland eine prekäre Situation. Wie prekär, erfährt man am Beispiel eines ihrer Nachbarn, der sich darauf verlassen hat, dass Biogasanlagen die Wirtschaftsform der Zukunft seien. Nun ist er hochverschuldet, ohne Aussicht auf Besserung.

Mit anderen erarbeitet Tessa eine „Empfehlung für die Zukunft der Landwirtschaft“: „Das Agrar- und Ernährungssystem muss so angelegt sein, dass positive Ziele wie Klima, Umwelt, Biodioversität, Tierwohl und menschliche Gesundheit im unternehmerischen Interesse liegen.“ Der Landwirtschaftsminister aber, dem sie das Papier übergeben wollen, lässt sie nicht vor.

Angesichts der wachsenden Bauernproteste hierzulande könnte kaum etwas aktueller sein als Tessas Geschichten vom Bauernsterben. Kein Wunder, dass sie sich radikalisiert. „Ich will glückliche Kühe, hochwertige Milch und die Erhaltung unserer Kulturlandschaft“ – mitsamt einem „Einstehen für das nationale Interesse“. Na, das geht aber gar nicht. Theresa kämpft gegen alle Knebelverordnungen aus der EU und von Seiten der Grünen – und gegen Stefan, für den die Kühe „falsch“ sind fürs Klima.

Achtung, Spoiler!

Stefan Jordan aber macht alles richtig, sein Aufstieg ist unausweichlich. Der von ihm so geschätzte Chefredakteur hat die Tapsigkeit begangen, eine neue Mitarbeiterin bester Laune als „verehrte Quoten-Schwarze“ zu bezeichnen. Die nimmt das mit Humor, nicht aber die Feinfühligen im Lande, die darob über den Chefredakteur und seine Familie herfallen, der den öffentlichen Schauprozess namens Entschuldigung ablehnt.

Stefan ist schockiert. Aber nur kurz. Denn plötzlich ist er der neue Chef des in „Bot*in“ umgetauften Blattes. Und alles, was er von Theresa über die Realität gelernt haben mochte, ist vergessen. Auch die beginnende zarte Liebe zu ihr. Denn die kämpferische Landfrau, die sich in Berlin vor dem Landwirtschaftsministerium mit anderen Protestierern neben einem Pool mit Schweineblut eingefunden hat, wurde fotografiert, wie sie voller Wut den Minister ohrfeigt. Und dieses Foto von Theresa steht nun auf dem Titelblatt der neuen Ausgabe der „Bot*in“.

Und Stefan? Ist einverstanden damit. „Du bist schön und wild und gebrandmarkt“, schreibt er ihr in seiner letzten Mail. „Du bist eine Vogelfreie, ein weiblicher homo sacer.“ Er hat Theresa geopfert. Die Rache des Mediums an der Realität.

Ja, doch, man kann sich denken, warum manch eine*r das Buch nicht gefällt. „Es ist ein Buch, das nichts will, außer den Effekt (…) es wird sicher wieder ein Superbestseller“, nörgelt eine Neiderin, die das Buch offenbar nicht gelesen hat – oder jedenfalls nicht die detailreichen Ausführungen Theresas zum Zustand der deutschen Landwirtschaft. Die hat die Frau vom Spiegel offenbar gar nicht erst zur Kenntnis genommen, die mediale Blase ist, ebenso wie die Romanfigur Stefan, nur an der eigenen Befindlichkeit interessiert. So bestätigt sich der Befund des Buchs: Die journalistische Zunft leidet an Wahrnehmungsschwäche. Getroffen. Versenkt.

Das Buch von Juli Zeh und Simon Urban ist nicht nur teils äußerst vergnüglich zu lesen, es bietet auch viel Bedenkenswertes. Dagegen spricht nun wirklich gar nichts.

„Zwischen Welten“ von Juli Zeh und Simon Urban, 2023, München: Luchterhand. Hier bestellbar.

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Dr. Volker Rachui / 09.02.2023

“Ja, doch, man kann sich denken, warum manch eine*r das Buch nicht gefällt.” (Zitat aus Ihrem Beitrag) Was ist das denn?! ...manch einer bzw. einem… Selbst getappt! “manch einem” - basta!

Juergen Krebs / 09.02.2023

Mich interessiert weder das NichtskönnerInnen Milieu noch diese Quotentussy mit dem beknackten Namen, die das lauwarme Wasser entdeckt hat und nun wohl fest von sich überzeugt ist, sie müsse darüber berichten. Angesprochen auf “ihre Bücher” wurde ich von einer Bekannten, in der Hauptsache vorzeitig pensionierte Altphilologin. Da wußte ich, das kommt mir nicht auf den Tisch.

D. Katz / 09.02.2023

Es genügt (oder “reicht” im doppelten Sinn), das im Artikel verlinkte Interview mit den beiden Autorx in der NZZ zu lesen. Wischiwaschi vom feinsten. Belletristisches Geblubber vom übelsten, hochnäsiges Wir stehen über den Dingen, denn Wir sind zu allen Seiten hin irgendwie irgendwo ganz doll offen, ohne wirklich Position einzunehmen. Außer der, gerne in der SPD sein. Laberal (kein Verschreiber) bis zum Erbrechen. Auf in die ÖR Talkshows!

Franz Klar / 09.02.2023

@Claudius Pappe : “Auch auf dem Lande gehen einige Lichter ( Melkmaschinen ) aus wenn das Gas teurer wird”. Nönönö, die Melkmaschinen laufen heute auf Biogas , die moderne umweltbewußte Wokuh ist energieautark und melkt sich quasi selbst . Außerdem wählen die Braunen und Schwarzbunten Landmädels schon lange ” Grün ” !

Wilfried Düring / 09.02.2023

(1)  Julia Barbara Zeh - ist ein mediale TÄTERIN. DESHALB war sie ‘EveryBodies Darling’ in ihrer woken Blase! Und in solchen Blasen werden Abweichler, Ketzer und Dissidenten ausgegrenzt und gejagt und verfolgt. Dies spürt nun auch Frau Zeh an eigenem Leib und eigener Seele, seitdem sich sich zum Krieg in der Ukraine und zu Rußland ‘abweichend’ geäußert hat. Gut so! Denn es ist erst vier Jahre her, da holte sie in der allgemeinen Hetze gegen ‘Dunkel-Deutsche’ (Pfarrer und Ex-Bundespräsident Gauck; wir dachten mal, er sei ‘einer von uns’) - zum Schlag aus und drehte das ganz große Rad. Erinnern wir uns:  Die ‘wichtige Intellektuelle und Schriftstellerin’ (Cicero) bezeichnete die brandenburgische / ostdeutsche Landbevölkerung pauschal als ‘rückständig’ bezeichnet. O-Ton: ’ ... Da gibt es noch ein PAAR JAHRZEHNTE RÜCKSTAND in der ENTWICKLUNG bestimmter Werte. ...’ . Ein solche Frau mit DIESEM Gedankengut - natürlich aus dem Westen stammend - ist seit Dezember 2018 auf dem Ticket der SPD Brandenburg ‘ehrenamtliche Richterin’ am Landesverfassungsgericht Brandenburg. Fassen wir also zusammen: Frau Zeh diffamiert und stigmatisiert Menschen, in deren Namen sie angeblich ‘Recht’ sprach und IMMER NOCH spricht. DAS ist die Wahrheit! Wenn Frau Zeh ein Mensch von Anstand und Ehre wäre, hätte sie selber merken müssen, daß sie sich im Ton vergriffen hat! Aber als Dunkel-Deutsche sind wir Herrenmenschen-Mentalität besser-deutscher Volkserzieher ja inzwischen gewohnt. Die ‘rückständige’ Dorfbevölkerung in Dunkel-Deutschland muß ‘Demokratie’ eben noch ‘etwas üben’. (Zitat Ex-Landesbischöfin Frau Dr. Junkermann). Die Menschen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen haben längst verstanden! Sie sind weder dumm noch faul noch rückständig. Aber sie spüren, wenn man sie herabsetzt und verachtet. Sie werden intellektuellen Besser-MenschInnen wie Zeh und Junkermann die gebührende Antwort an der Wahlurne ERNEUT geben1 Gut, das es in Deutschland eine ALTERNATIVE gibt!

Micha Ludwig / 09.02.2023

Gelesen hat Frau Stephan die Bücher scheinbar nicht,  sonst wäre aufgefallen, dass die Titel: “Unter Leuten” und “Über Menschen” heißen,  bitte korrigieren! (Anm. d. Red.: „Über Menschen“ ist korrigiert. „Unterleuten“ ist aber korrekt. Danke für den Hinweis.)

Jürgen Frohwein / 09.02.2023

@Claudius Pappe Hmm, das SPD-Mitglied Juli Zeh mochte laut eigener Aussage als Verfassungsrichterin des Landes Brandenburg anno 2020 “den Rechtsstaat verteidigen”, sehr nobel, aber gegen wen oder was? Gegen die Klagen der AfD?

Matthias Böhnki / 09.02.2023

Vielen Dank, Frau Stephan. Ich mag die Bücher ( und die bisherige Verfilmung dazu ) von Frau Zeh. Ich hoffe, sie bleibt sich auch weiterhin treu.

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