Cora Stephan / 23.09.2021 / 11:00 / Foto: Tim Maxeiner / 14 / Seite ausdrucken

Die Stimme der Provinz: Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen!

Just im Moment seines Untergangs widerfährt dem Landleben innige Zuwendung – auch von unerwarteter Seite. Ab und zu gibt es ein regelrechtes Erweckungserlebnis.

Just im Moment seines Untergangs widerfährt dem Landleben innige Zuwendung – auch von unerwarteter Seite. Das Landleben gerät kurz vor seinem Ende vor die Augen staunender Städter: Ach, da war doch noch was? Man staunt. Was findet vor, wer sich nach dörflicher Idylle sehnt? Und was wird sein, wenn der Trend sich fortsetzt?

Verfallende Dorfkerne, aber jede Menge Neubausiedlungen auf dem Acker, den zu bestellen sich nicht mehr lohnt. Die Beliebtheit der Provinz geht einher mit dem Niedergang des bäuerlichen Lebens. Einer aktuellen Studie zufolge könnte es im Jahre 2040 nur noch 100.000 Bauernhöfe geben – als Unternehmen, nicht mehr als bäuerlicher Familienbetrieb. 

Dass Schriftsteller sich gern aufs Land oder ins Dorf zurückziehen – geschenkt. Auch wenn das vielleicht nicht unbedingt zur Verdorfung der Literatur führen müsste. Doch mittlerweile begibt sich auch manch städtischer Bobo auf die schlammigen Fährten jenseits der Autobahnen. 

Ja, da war was und da ist noch was. Man muss sich nur mal ins Abseits begeben. Wie einst ein Journalist der „Zeit“, Henning Sussebach, der eines Tages beschloss, einmal durch ganz Deutschland zu laufen, möglichst ohne Asphalt zu betreten. Er hatte mit Mitte vierzig gemerkt, dass er das betonierte Rheinland-Pfalz lange nicht mehr verlassen hatte und Hessen nur aus den Fenstern des ICE kannte. Er wollte das Abseitige erkunden – genau genommen also fast das ganze Land.  

Dabei erlebte er die seltsamsten Dinge: etwa, dass es ein Leben außerhalb der Großstadt gibt, dass auch AfD-Wähler nette Leute sein können, dass man auf dem Land die Kosten für die moralischen Moden der Stadt trägt, dass das Leben dort dennoch nicht das schlechteste ist. Ja, Zitat: „dass es überhaupt viel weniger Arschlöcher gibt, als wir denken“ und dass Journalismus sich zu sehr aufs urbane Milieu konzentriert. Kurz: Journalisten sollten häufiger in die „toten Winkel“ ihrer Wahrnehmung schauen, sich aus ihrer Filterblase herausbewegen und das Andere entdecken. „Wir übersehen bei aller Bedeutung des Extremen das Normale.“

Klenk traute sich hin und siehe da – Realität wirkt 

Ein ähnliches Erweckungserlebnis widerfuhr jüngst einem anderen Journalisten, einem aus Wien, der dafür allerdings nicht ganz so viel Zeit brauchte. Florian Klenk ist seit 2012 Chefredakteur der Wiener Wochenzeitung Falter und rühmt sich, besonders interessiert an Personen zu sein, die ihn beschimpfen. Wie etwa Christian Bachler, der 37-jährige „Ackerdemiker mit Niveau“, der den höchstgelegenen Bauernhof der Steiermark bewirtschaftet. Der Bauer beschimpfte Klenk als ahnungslosen Oberfalter und lud ihn zum Praktikum auf seinen Hof, um ihm das Weltbild zurechtzurücken. Klenk traute sich hin und siehe da – Realität wirkt. 

Das Buch, das der Begegnung entsprungen ist, liest sich wie eine Liebeserklärung – nicht an den Bauernstand an sich, wohl aber an den Kleinbetrieb eines gewitzten Dickkopfs, der auf 1.450 Metern Höhe in der steirischen Krakau liegt, der höchstgelegene, ganzjährig bewirtschaftete landwirtschaftliche Betrieb der Steiermark. Bachler hält alte Haustierrassen wie das Mangalitzaschwein – um die hundert glückliche Tiere, die das ganze Jahr über draußen leben – sowie, neben Hochrindern, Gänsen, Hühnern und Puten, auch etwas so Exotisches wie Yaks. Das klingt wie ein erzgrüner Traum – und tatsächlich engagierte sich Bachler einmal bei den Grünen Bauern, bis die Ökos dazu aufriefen, sich auf rosa Traktoren mit schwulen Bauern zu solidarisieren.

Schnell sind sich die beiden Fremden einig über all das, was sie verabscheuen: die Fleischindustrie, die Agrarpolitik, die bürokratischen Schikanen und die Banken. Bachlers Hof war hochverschuldet – dank Florian Klenks Mithilfe fanden sich binnen zweier Tage die 400.000 Euro, die es brauchte, um Bachler aus dem Schuldturm zu befreien. Und wer half dabei? Der als reaktionär verschriene Andreas Gabalier, auch einer, der Klenk einmal beschimpfte. 

So einfach sind die Fronten eben nicht. Großschlachthöfe wie Tönnies verdanken sich den immer strengeren Auflagen, die Hausschlachtung praktisch unmöglich und lokalen und regionalen Schlachthöfen den Garaus gemacht haben. Die politischen Rahmenbedingungen werden verschärft, die Bauern an den Pranger gestellt, besonders von den Grünen. Freilebende Schweine gibt es in Deutschland nur dort, wo die Bestimmungen keine allzu aufwändigen Zäune gegen den Kontakt mit Wildschweinen vorsehen. Auch die globale Konkurrenz gefährdet eine bäuerliche Wirtschaft, in der ans Tierwohl gedacht wird und die Ackerflächen nicht mit Energiepflanzen wie Mais zugepflastert werden, weil man eine „Energiewende“ will. Wer bäuerliche Landwirtschaft erhalten möchte, muss nicht nur lokal, sondern ebenso national denken. Ob wir das hierzulande schaffen?

Florian Klenks Buch ist nicht immer realistisch, manchmal sentimental, oft rührend. Aber gut, das einer mal hingeschaut hat! 

Mehr von Cora Stephan lesen Sie in ihrem neuen Buch „Lob des Normalen: Vom Glück des Bewährten“. Hier bestellbar.

Foto: Tim Maxeiner

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Leserpost

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lutzgerke / 23.09.2021

@ Claudius Pappe Carl Friedrich von Weizäcker - Der bedrohte Friede / Im Netz gibt es eine pdf-Datei mit einer Zusammenfassung. 10. Zum Zweck der Machterhaltung wird man die Weltbevölkerung auf ein Minimum reduzieren. Dies geschieht mittels künstlich erzeugter Krankheiten. Hierbei werden Bio- Waffen als Seuchen deklariert, aber auch mittels gezielten Hungersnöten und Kriegen. Als Grund dient die Erkenntnis, dass die meisten Menschen ihre eigene Ernährung nicht mehr finanzieren können, jetzt wären die Reichen zu Hilfsmaßnahmen gezwungen, andernfalls entsteht für sie ein riesiges, gefährliches Konfliktpotential. / Faktenshaker halten den Inhalt der pdf für nicht authentisch. Was aber interessant ist, daß die pdf schon arschlange im Netz gelegen war und was drinnen steht, den Nagel auf den Kopf trifft. Man müßte das Buch von Weizäcker haben, um das zu überprüfen, denn Google-Books könnte die Stellen zensiert haben. / Die Ernährung wird das Problem Nr. 1 werden. Da bin ich mir auch sicher. Ohne Pretrochemie ist das unmöglich, das weiß man schon lange. Ob’s einem gefällt oder nicht. Die Lieferketten brechen auch zusammen und die Regierung tut alles dafür, daß es schlimmer wird. Es fehlen LKW-Fahrer und die werden vom ÖPNV mit besseren Bedingungen rekrutiert.  Im Übrigen sind auch die Produktionskosten gestiegen um 11%. / Der Witz an der Corona-, Space-x-, Klimawindel-Geschichte ist, daß Dostojewsky in seinem Roman “Die Dämonen” prophezeit hat, die Nihilisten werden am Ende selber herbeiführen, was sie so radikal bekämpfen, ihren Untergang.

Klaus Keller / 23.09.2021

Ach das Landleben. Meine Sorge ist: Wie lange dauert im Notfall der Transport zur nächstgelegenen, geeigneten Klinik und in welchem personellen und materiellen Zustand ist sie. Freie Arztwahl - ist ohnehin eine eher theoretische Überlegung bei Wahleingriffen.

Ralf.Michael / 23.09.2021

Ich kenne diesen Klenk nicht, deswegen ist er für mich auch nicht relevant und kann nichts taugen sonst würde ich Ihn kennen ! Fest steht aber : Nach dem in etwa 10 Jahren angekündigten Armageddon wird nur die Provinz bleiben weil in der Stadt leiner überleben kann. Wie der asiatische Reisbauer richtig bemerkte,,,,Idioten kommen, Idioten gehen..was bleibt ist das Land !! Tönnes wird sicher viele von den chinesischen Last-Fahrrädern brauchen, um zu überleben. Grüne Blindgänger braucht auf dem Land keiner ;o))

Christian Feider / 23.09.2021

hm,also das mit den toten Dorfkernen und überall Neubaugebieten trifft nur dort zu, wo die “unser Dorf soll schöner werden” Fleishtöpfe nicht geöffnet wurden. Bei uns wurde innerhalb eines genau gezirkelten Kreises bis zum Exzess subventioniert,was die Palette der Renovierungen nur hergab. Einen Meter ausserhalb des Kreises,trotz klarer Zugehörigkeit zum Aldorfkern…niente. energiemais wird übrigens besonders gern von “Öko-Bio-Bauern angebaut,die sind naemlich auch nicht daemlich und nehmen die garantierten Subventionen mit,hier haben Sie sich sogar zusammen geschlossen und einer Riesengär-Anlage auf den Acker gesetzt,solange die Subventionsfüllhörner dazu da waren. Trocknen die aus, ist auch die Anlage unwirtschaftlich und das weiss jedes Bäuerlein. Das es unethisch ist,statt Nahrungsmitteln Energiepflanzen anzubauen in Zeiten von Hunger anderswo wird da gaaanz humanistisch verdrängt,auch wenn der Pope sonntags da eine Klagerede anstimmt

Ulrich Drübbisch / 23.09.2021

Idyllisches Landleben, wie sich ein Städter es sich aus Bullerbü-Büchern vorstellt? Hier im Fettgürtel Stormarn/Holst. habne wir genug von “Denen”. Beschwerden über “dreckige” Strassen, Hahnengeschrei, stinkende Trecker und dem Wunsch endlich nach einer Teerstrasse ins Neubauwohngebiet am “Acker”. Die idyllischen Holperpflaster sind eben nix für Kampfradler. Und kleiden tun “Die” sich, mit Wolfskin-Survivalklammotten mit Panzerstiefeln, als wenn wir hier im Urwald leben. Dazu kommt dann der städtisch gewohnte Bürgersteig und einher dann irgendwann die morgentliche Kehrmaschine. Früher rutschte man auf Kuhschei…e aus und heute auf Rassehundkac…e! ALs altes Landei unterhalte ich mich öfter mit den letzten Bauern und sie stimmen zu, dass hier im Land immer mehr grün gewählt wird, weil es eben immer mehr Städter sind und die Bauern immer mehr zur Wahlminderheit “auf dem eigenen Hof” werden, die nur noch “Opposition” können. Meine Anfrage an einen Bürgermeisterkandidaten, was er denn für die Landwirtschaft tun würde….blieb unbeantwortet, aber dafür haben wir jetzt auf dem Lande….Kreisverkehr!!! Warum bleiben die UrbanisierungIdeologen nicht einfach da, wo sie herkommen? Sic transit gloria mundo

Rolf Schreiber / 23.09.2021

Ich denke , Frau Stephan will hier testen was man den achgut Lesern so auftischen kann ?

Andreas Trapel / 23.09.2021

Bitte nicht Klenk! Das ist einer jener “Journalisten”, die Journalismus so betreiben, wie Angela Merkel die Politik! Schauen Sie sich auf Youtube Klenk vs Norbert Bolz an. Auf Achgut Werbung für ein Buch dieses Typen zu lesen lässt mich an den Betreibern zweifeln!

Armin Vollmer / 23.09.2021

Mir reicht ein Klenk schon, wenn er bei Servus-TV mal wieder seine wirren Ansichten zum besten gibt. Ein Buch von dem, NEIN DANKE!

Alfons Kuchlbacher / 23.09.2021

Leider kann ich Ihrer Folgerung nicht zustimmen. Ich sehe das eher als Beispiel des Förderungswahnsinns in der EU, der diesem Bauern die Illusion vermittelt, er könne wirtschaftlich überleben. € 400.000,- Schulden auf einem Bergbauernhof ansammeln ist eine herausragende Leistung.

Rainer Nicolaisen / 23.09.2021

“Ob wir das hierzulande schaffen?”—Nein, denn seit vielen, vielen Jahren, eigentlich schon seit er “erfunden” wurde, ist der “Verbraucher” ein ZERBRAUCHER.  Und hat für die überaus gründliche Zerstörung der ehemaligen Versorgungsinfrastruktur gesorgt—und die Aldi-Brüder, Schwarz(Lidl) etc. reich gemacht. Und sorgt für irrsinnigen überflüssigen Verkehr. Und hat indirekt dafür gesorgt, daß aus der bäuerlichen Kulturlandschaft eine Kultursteppe wurde; und der Frühling zwischen den Feldern auf dem Lande ist schon ziemlich “silent”.

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