Cora Stephan / 11.08.2022 / 10:00 / Foto: Pixabay / 31 / Seite ausdrucken

Die Stimme der Provinz: Ab heute heiße ich Cord!

Bitte sprechen Sie mich ab heute mit Cord an. Sollten Sie trotz dieser ernsthaften und ernstzunehmenden Aufforderung von meinem Deadnamen Gebrauch machen wollen, verweise ich Sie auf das sanktionsbewehrte Offenbarungsverbot, das mich vor derlei schützt. 

Kurz: ich verklage jeden, der mich an das erinnert, wer oder was ich einmal war. Das alles möge der Vergessenheit anheimfallen. Als Cord lehne ich jede Verantwortung ab für das, was sie, deren Name nicht genannt werden darf, einst war, tat, dachte, unterließ, sagte, verschwieg. Die Platte ist geputzt, mein Leben ist wieder so unschuldig, wie es nie zuvor war. 

Nein, dafür muss ich keinerlei medizinischen oder chirurgischen Eingriff an mir vornehmen. Da wird nichts eingenommen oder gar geschnitten und umgebaut. Ich gehe nach meinem eigenen Empfinden, und das sagt: Schluss mit ihr. Aus. Vorbei.

Denn in so einem Leben, das schon eine Weile dauert, kommt einiges zusammen, an das man einfach nicht mehr erinnert werden möchte. Etwa an die Teilnahme an einer Demonstration vor dem Kernkraftwerk Brokdorf im eisigkalten Februar 1981. Cord kann mit Fug und Recht von sich behaupten, nicht dabei gewesen zu sein. Er bedauert im Übrigen zutiefst, dass dieses solide Beispiel deutscher Ingenieurskunst am 31. Dezember 2021 vom Netz ging, nach 35 Jahren zuverlässiger Lieferung von CO2-freier Energie.  

Merkel – ein Irrtum, an dem ich als Cord nicht mitschuldig sein möchte 

Cord hat auch nie die Grünen gewählt, im Unterschied zu Sie wissen schon wer.

Gut, im Jahr 1983, als die Grünen auch mithilfe ihrer Stimme das erste Mal in den Bundestag einzogen, war sie noch halbwegs jung, aber schon lange nicht mehr unschuldig. Cord jedenfalls will damit nichts zu tun gehabt haben. 

Und dann ist da noch die Sache mit Angela Merkel. Sie hat doch tatsächlich einst zur Wahl der Katastrophenkanzlerin aufgerufen – weil sie wohl glaubte, ein genuines Ostmädel würde aufräumen mit westdeutscher Dekadenz, etwa in Sachen Frauenunterdrückung und Feminismus. Die DDR-Muttis waren schließlich bereits emanzipiert, wenn auch notgedrungen, als man in der BRD noch Männe fragen musste, ob Frau arbeiten gehen darf. Doch Angela Merkel hatte schnell erkannt, dass man mit der feministischen Begünstigung angeblich unterdrückter Frauen gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen konnte: einerseits männliche Konkurrenz aus dem Weg räumen und andererseits durch die entsprechende Auswahl von Quotenfrauen weibliche Konkurrenz gar nicht erst aufkommen lassen. 

Nun, Angela Merkel war eindeutig ein Irrtum, an dem ich als Cord nicht mitschuldig sein möchte. 

Es gibt noch viele andere dunkle Flecken in der Biografie jener, deren Namen wir nicht nennen wollen, die man mit einem gezielten kosmetischen Eingriff zum Verschwinden bringen kann. Etwa die Entscheidung für den falschen Lebenspartner oder die sozialdemokratische Haarfarbe. Cord ist frei von alledem. 

Neustart mit porentief gereinigter Festplatte

Besonders freue ich mich nun darauf, Wikipedia zu untersagen, all das zu offenbaren, was in einer Vergangenheit liegt, mit der ich nichts mehr zu tun haben will. Nicht alles muss erinnert werden. Auch vergessen kann tröstlich sein. Und wer träumte nicht von einem Neustart mit porentief gereinigter Festplatte?

Tessa und Georgine sind meine Zeuginnen. Wie neugeboren stiegen sie aus dem Säurebad jener Zwangsidentität, die ihnen einst zugeschrieben worden war. So wird man niemals alt. 

Insofern ist Cord noch im Säuglingsalter, mit rosigen Wangen und voller Zuversicht. Sollte sich daraus eine nicht in allen Punkten zufriedenstellende Biografie entwickeln, sehe ich durchaus Möglichkeiten am Horizont. Da Identität vom meinem höchstpersönlichen Empfinden abhängt, kann ich sie auch jederzeit wieder ändern und Abschied nehmen von einer Geschichte, mit der ich nicht mehr einverstanden bin. Das, liebe Leute, ist die neue Realität. Ich empfinde, also bin ich. Geschichtslos und selbstvergessen.

Ganz und gar der neue Mensch. 

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Leserpost

netiquette:

Karl-Heinz Boehnke / 11.08.2022

Die Mehrheit der Menschen lebt nicht selbst, sondern läßt sich leben seitens anderer, eine Zeitlang war das die Kanzlerin, davor die Sozialpolitiker, ab dann die grünen Kinder. Es werden also nur wenige zum Standesamt gehen.

Hjalmar Kreutzer / 11.08.2022

Hihi, dann heiße ich ab heute Jarmila. Hjalmar hat mit dem Beitritt der DDR-Bürgerrechtler zu B90/Grüne sogar diese mal gewählt und war Vera Lengsfeld wegen ihres Wechsels zur CDU mächtig böse. Nachdem in der Wiedervereinigung einiges schief lief, ließ sich Hjalmar sogar zur SED-PDS hinreißen, glaubte mit Beginn der Ära Merkel den Versprechen der FDP und fand erst mit deren Entstehen zu einer Alternative für Deutschland und auf dem Wahlzettel. Ach, dazu kann man stehen, und ich behalte den Hjalmar :-)

Gisel Schinnerer / 11.08.2022

Polizei kommt zur Großmutter, erkundigt sich, ob der Basti zu sprechen sei. Die Oma korrigiert: nein einen Basti gibts in ihrer Familie nicht. Der wäre aber zu schnell gefahren, man möchte den Bußgeldbescheid selbst übberreichen (Basti unter 20 J.) Die Oma verweist auf eine Enkeling, Lara, und wo sie anzutreffen ist. Die Beamten erscheinen nach einiger Zeit wieder bei Oma und teilen ihr mit, dass die Lara jetzt Basti heißt, Oma: echt jetzt?

Wolf Hagen / 11.08.2022

Hm, der Cord veröffentlich seinen Artikel aber noch immer unter dem Namen, der nicht gesagt werden darf…. ;)

Fred Burig / 11.08.2022

@Birgit Hofmann:”... Und passiert was im Ausland, dürfte das ganze bestimmt noch weitere Unannehmlichkeiten mit sich bringen, da bin ich mir sicher !” Also dann schon lieber die Augen zuhalten und fest daran glauben, dass einen niemand sieht! MfG

Fred Burig / 11.08.2022

@Cora Stephan: Falls doch nochmal eine Identitätsänderung in die Gegenrichtung erfolgen soll, schlage ich “Corona” vor. Einen aktuelleren Namen gibt es kaum! MfG

Archi W Bechlenberg / 11.08.2022

Ist der Nachname von Cord dann Hose? Wie spießig. Passt das nicht besser zu einem Altenteiler in rentnerbeiger Funktionskleidung, der täglich 1.000 Schritte mithilfe von Nordic-Walking-Stöcken durch Feld und Wald schnürt?

Martin Schmitt / 11.08.2022

Tja Cord, Du kannst deine Vergangenheit nicht einfach so abschütteln - Du kannst Buße tun in dem Du die Fehler deiner Vergangenheit eingestehst und mit all deiner Kraft jetzt für die Vernunft (“rechts”, da ist es wieder, das böse Wort) kämpfst, aber das machst Du ja schon, also alles gut - und als Cora gefällst Du mir schon von der Optik her viel besser.

K.Wilhelm / 11.08.2022

Korach ist passender. Der war auch so widersätzig

Friedrich Richter / 11.08.2022

Auch wenn man sich selbst aus seiner Identität wegstehlen kann: Die ganzen kumulierten Dummheiten und ihre Folgen bleiben ja trotzdem da. Irgendwer muss sie ja begangen haben. Kann man da irgendjemandem zwangsweise seine bisherige Identität aufnötigen?

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