Roger Letsch / 07.11.2016 / 20:00 / Foto: Raimond Spekking / 14 / Seite ausdrucken

„Anne Will“ – die Sendung mit der Niqab-Maus

Eigentlich wollte Frau Will in ihrer Sendung am 6.11.2016 ja etwas darüber erfahren, wie es dazu kommt, dass sich Jugendliche hierzulande so leicht islamistisch radikalisieren lassen und wie man das verhindern könne. Wenn man sich dazu aber eine vollverschleierte und zum Islam konvertierte Schweizerin einlädt, muss man sich nicht wundern, wenn die Sendung zur Dauerwerbesendung für den Dschihad verkommt. Nur die Tatsache, dass Wolfgang Bosbach und Ahmad Mansour gekonnte und vehement dazwischen grätschten ist es zu verdanken, dass es zu erhellenden Unterbrechungen der Dschihad-Werbung kam.

Und wieder was gelernt im Bildungsfernsehen der ARD! Unter dem Schleier wohnt die Freiheit der Frau, über dem Schleier von Frau Illi ist viel Platz für Bling-Bling und dahinter leider noch mehr Platz für Plemm-Plemm. Frau Illi, die uns mit dem Schweizer Dialekt einer Schokoladenverkäuferin den Islam erklärt, ist nicht zum ersten Mal im Fernsehen. Bei jeder Gelegenheit erklärt sie, dass sie freiwillig so rumläuft und es ganz toll findet. Geschenkt! Der Lappen ist halt ihr Fetisch.

Talkshows zum Oberthema Islam sind mittlerweile ein Dauerläufer wie die Lindenstraße, nur inhaltlich vorhersehbarer. Die Vorwürfe sind immer dieselben, die Entschuldigungen auch. Muslime würden ausgegrenzt, benachteiligt, hätten keine Chancen in Bildung und Beruf und deshalb radikalisieren sie sich. Diese pauschalisierte Opferhaltung erinnert verdächtig an die Mehrheit der adoleszenten Jugend überall auf der Welt, die hormonell bedingt alles ablehnen, sich unverstanden und benachteiligt fühlen, ausschließlich in ihren Gruppen und Cliquen Anerkennung suchen und denen Bildungsperspektiven und Berufschancen gepflegt am Arsch vorbei gehen.

Eine Schweizer Konvertitin tritt die Werte, denen sie alles verdankt, mit Füßen

Zum Glück ist für die meisten nach einigen Jahren Schluss mit der Pubertät und man erkennt, dass es die unkontrollierbare Chemiefabrik im eigenen Kopf war, die Anerkennung, berufliche Perspektive und Bildung verhindert hat – nicht die Gesellschaft. Anders bei so mancher Radikalinski-Moschee, wo muslimische Jugendliche in genau dieser Phase abgegriffen und aufgeladen werden. Man bietet Gruppengeborgenheit, Struktur und nicht hinterfragbaren Sinn und verlangt dafür nur die Preisgabe einer Kleinigkeit. Etwas, das die Chemiefabrik im Kopf sowieso weitgehend erschwert und anstrengend macht: Selbstkritisches Denken.

Die Islamfeindlichkeit steigt in Deutschland, Frau Illi? Das könnte daran liegen, dass sich der Islam in Deutschland und Europa mehr und mehr fordernd bis feindlich verhält und der islamische Druck auf die Demokratien von innen wie von außen zunimmt. Das Ergebnis ist zunehmende Ablehnung des Islam aus Gründen des Selbsterhalts der Gesellschaft, nicht eben ein Grundrecht im Islam, der bekanntlich „Unterwerfung“ bedeutet. Dabei ist Frau Illi das beste Beispiel für die Toleranz des Westens, der es zulässt, dass eine Schweizer Konvertitin die Werte, denen sie Wohlstand und Freiheit verdankt – auch die Freiheit, sich in der Öffentlichkeit zu äußern – mit Füßen tritt. Niemand trachtet ihr nach dem Leben. Dagegen muss die aus Pakistan stammende Sabatina James seit sie zum Christentum konvertiert ist, in Österreich unter Polizeischutz leben – in ihrer Heimat Pakistan wäre sie längst tot.

Nun sind solche Reden wie die von Frau Illi nicht neu, wenn es auch zugegeben noch einen Zacken schärfer ist, wenn eine Frau aus ihrem selbstgewählten Gefängnis heraus über ihre kuschelige Einzelzelle spricht. Die islamischen Terrorerklärer drehen seit Jahrzehnten auf dem dünnen Eis der Opferbegriffe ihre Pirouetten und es empfiehlt sich, von Zeit zu Zeit auf einige besonders tiefe Furchen hinzuweisen, die da ins Eis geritzt wurden. Also, Google ist mein Freund. Zeig mir doch mal, Google, was ein anderer White-Washing-Beauftragter über Radikalisierung so dachte und sagte und ob sich das von dem unterscheidet, was Frau Illi im Jahr 2016 von sich gibt.

Aus dem selbstgewählten Gefängnis über die kuschelige Einzelzelle sprechen

Nehmen wir zum Beispiel den Lobbyverband „Zentralrat der Muslime“, dessen Cheflobbyist Aiman Mazyek der „Welt“ im März 2011 ein Interview gab. Erschienen unter der Headline „Scharia und Demokratie sind vereinbar“. Die "Welt" fragte „Warum also ziehen junge Leute aus Deutschland in den Dschihad, warum werden sie zu Terroristen?“ und aus Herrn Mazyek antwortete es:

„…weil sich diese Menschen ungerecht behandelt oder diskriminiert fühlen und dann kommen noch Minderwertigkeitsgefühle dazu. Ich glaube, die Mechanismen sind ähnlich. In den siebziger Jahren hatten wir den Terror der RAF. Da gab es dieses subjektive Empfinden der Gruppe, ausgegrenzt zu sein. Ihre ursprünglichen Ideen traten so immer weiter in den Hintergrund und die Gruppe radikalisierte sich. Solche Prozesse gibt es auch anderswo.“

Donnerwetter! Nicht mal die RAF-Anwälte Otto Schily und Christian Ströbele waren so kreativ bei der Erklärung der Beweggründe ihrer Mandanten. Ausgrenzung, ausgerechnet! Dabei gibt es zwischen der RAF in ihren „besten“ Jahren und dem Islam in seinen jüngsten Jahren tatsächlich mehr Gemeinsamkeiten, als Sie wahrhaben wollen, Herr Mazyek. Nur haben diese Gemeinsamkeiten nichts mit Ausgrenzung, Minderwertigkeitsgefühlen und subjektivem Empfinden zu tun – in beiden Fällen nicht. Beide, der Islam und die RAF, wähnen oder wähnten (das Wort ist nicht von ungefähr mit „Wahn“ verwandt) sich im Besitz einer höherwertigen Ideologie und dadurch im Recht, im Namen dieser Ideologie, die keine Zweifel und keine Gegenentwürfe zulässt, zu morden. Subjektiv ist höchstens das Gefühl der Ausgrenzung, das als Alibi nach innen dient, sollte sich doch mal so etwas wie ein schlechtes Gewissen leise melden. Dann nämlich ruft man sich lautstark zum Opfer aus, das aus Verzweiflung handele. Toleranz war die Sache der RAF nicht, noch etwas, das Baader, Meinhof oder Raspe mit den Vertretern des politischen Islam gemeinsam haben.

Geld für Moscheen, für Personal, Tagungen, Sendezeit, Kolumnen und Interviews

Und noch ein Aspekt verbindet Sie mit den Protagonisten der bombenden, mordenden und politisch phantasierenden RAF. Genau wie Sie beide, Frau Illi und Herr Mazyek, die fundamentalen Webfehler ihrer Ideologie, des Islam, nicht sehen wollen, waren auch die RAF-Genossen gegenüber dem Versagen des „real existierenden Sozialismus“ in der DDR vollkommen blind. Und das, obwohl sie dort viel Zeit unter falschen Identitäten verbracht haben. Man las lieber Marx, als Honeckers Reden zu lauschen, und phantasierte sich lieber die klassenlose Gesellschaft herbei, als in die Mangelwirtschaft der DDR zu blicken. Ähnlich wie Sie suchte man die Feinde immer woanders und stellte die eigene Ideologie nie in Frage. Genau wie die Islamisten benutzten die RAF-Mitglieder jedes Argument der anderen Seite als Ziegelstein für die Mauer, die man in den eigenen Köpfen hochgezogen hat.

Wie man sieht, gibt es also durchaus Parallelen zwischen dem Terror der RAF und muslimischen Dschihadisten. Aber es sind gerade nicht Ausgrenzung und Chancenlosigkeit – Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan Carl Raspe hatten abgeschlossene Studien und materiell fehlte ihnen nichts. Genau wie die RAF-Mitglieder haben auch die Islamisten keine Scheu davor, alle materiellen Vorzüge des Westens zu nutzen, obwohl sie ihn ideologisch verteufelten. Man hatte eine Vorliebe für PS-starke BMW-Autos und Maschinenpistolen der deutschen Rüstungsschmiede Heckler & Koch. Die „Kämpfer“ des IS fahren gern Toyota-Trucks und lieben das amerikanische M16-Gewehr.

Es ist vielmehr sowohl bei der RAF als auch beim Dschihadisten eine hermetische Ideologie, die zur Barbarei führt. Wer wie Herr Mazyek „Diskriminierung“ und „Ausgrenzung“ ruft, verlangt nichts anderes als mehr Geld und mehr Aufmerksamkeit. Geld für Moscheen, für Personal, Geld für Tagungen und Kongresse, Sendezeit, Kolumnen und Interviews. Und wer wie Frau Illi vom islamistischen Krieg als „Langzeitprüfung mit Hochs und Tiefs“ faselt, wird meiner Meinung in Europa noch viel zu wenig ausgegrenzt.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Roger Letschs Blog Unbesorgt hier.

Foto: Raimond Spekking CC-BY-SA 4.0 via Wikimedia

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Gerhard Huitl / 08.11.2016

Sehr geehrter Herr Letsch, Ich gehe voll konform mit Ihrem Beitrag. Zu Ihrer Einstufung dieses Talks als “Dauerwerbesendung” für den Islam denke und hoffe ich allerdings doch, dass unter den meisten TV-Zuschauern der gegenteilige Effekt vorherrscht. Dass vermutlich vielen unter jenen, die bisher dem Islam wohlmeinend oder gleichgültig gegenüber standen, die hier längst etablierten abenteuerlichen und für unseren Rechtsstaat gefährlichen Facetten dieser Religion plastisch vor Augen geführt wurden. Zahlreiche, oft aufgebrache Beiträge von Zuschauern bzw. Usern zu dieser Sendung in den Foren anderer Medien deuten jedenfalls stark darauf hin. Ich jedenfalls wünsche mir mehr solcher gruseligen Auftritte im TV, immer noch auf das gesunde Urteilsvermögen einer breiten Öffentlichkeit hoffend und halbwegs vertrauend. Übrigens ähnlich dem Wunsche vieler Gegner unserer Mainstreampolitik, deren Verlangen nach viel mehr “Stegners” in der SPD kürzlich hier zum Ausdruck gebracht wurde. Grüße Gerhard Huitl

Sabine Weinberger / 08.11.2016

Ich würde Ihren Kommentar nur zu gerne kommentieren, Herr Letsch, aber es geht nicht. Ich empfinde ihn als in sich geschlossen - und dem ist (meiner Ansicht nach) nichts mehr hinzuzufügen. Daher ein Dankeschön für Ihre Feder. Bitte nur eine kurze (banale) Hervorhebung Ihrer Formulierung ‘blingbling’ an der Oberfläche, ‘plemmplemm’ dahinter - wunderbar! (Denn ich war auch Zeugin dieses Trauerspiels gestern abend.) Das soll die Qualität Ihres Artikels nicht dahinter zurückstellen, sondern nur betonen, dass er auch zum breiten Grinsen anregen konnte.

Daniel Gloge / 08.11.2016

Vielen Dank für den Artikel. Ich habe eine kleine Anmerkung zu diesem Satz: “Die Kämpfer des IS fahren gern Toyota-Trucks und lieben das amerikanische G3-Gewehr.” Das G3 ist ein Sturmgewehr deutscher Fabrikation der Waffenschmiede Heckler & Koch aus den 1960er Jahren. Das amerikanische Pendant aus der gleichen Zeit ist das M16 der Firma Colt. Die amerikanische Waffe gilt als wartungsaufwendig und findet daher bei irregulären Truppen selten Verwendung. Die deutsche Waffe ist im Vergleich zu anderen Gebrauchtwaffen relativ teuer und daher hauptsächlich in Staaten anzutreffen, die ausgiebig mit Entwicklungshilfe bedacht werden. Im Nahen Osten ist hauptsächlich die russische AK 47, AK 74, AK 100+ und deren Plagiate wie das Typ 56 und die M-70 zu finden, deren Munition im Kaliber 7,62 × 39 mm dort leich zu beschaffen ist und die ohne fachkundige Wartung recht langlebig sind. viele Grüße

Thomas Haas / 08.11.2016

Einwandfrei kausale Analyse @ Hr. Letsch. Vielen Dank dafür. Meinerseits hoffe ich, dass genau diese Ihre Worte, möglichst bald, Leitfaden einer Bundesregierung sein werden.

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