Rainer Bonhorst / 27.12.2016 / 06:15 / Foto: DIE LINKE / 6 / Seite ausdrucken

Die Sehnsucht nach Zensur – gestern, heute, morgen

Die Sehnsucht nach Zensur ist zutiefst menschlich. Wenn einer frech wird, kriegt er was auf die Schnauze. Diese Kneipen-Philosophie stammt aus der Zeit vor der Erfindung der Schrift, aber sie wird weitere Jahrtausende überdauern. Bei dieser Form der Faust-Zensur besteht – nicht immer aber oft genug - immerhin Waffengleichheit. Wenn Mächtige zensieren, ist die Auseinandersetzung um Meinungsäußerungen ziemlich einseitig, die Zensur greift von oben nach unten.

Sie greift mit unterschiedlicher Härte. Das war schon bald nach der Erfindung des Buchdrucks so. Ein gewisser Jobst Weißbrodt aus Dresden kam im 16. Jahrhundert einigermaßen glimpflich davon. Er hat ein unbotmäßiges, ziemlich protestantisches Pamphlet in Umlauf gebracht und musste zur Strafe sein Schriftwerk öffentlich und vor Zeugen verspeisen. Diese Form der Zensur hat sich auf Dauer nicht durchgesetzt. Im Zeitalter der kaum löschbaren und schon gar nicht essbaren Online-Texte ist sie auch technisch obsolet geworden.

Sehr viel zeitnäher wirkt die Strafe, die den Nürnberger  Drucker und Buchhändler Hans Hergot ereilte. Auch er wurde im 16. Jahrhundert wegen einer aufrührerischen Schrift verurteilt. Anders als Weißbrodt durfte Hergot seine dünne und darum eigentlich leicht verdauliche Schrift nicht verspeisen. Er wurde statt dessen auf dem Marktplatz in Leipzig mit dem Schwert hingerichtet.

Die Suche nach subtileren Mitteln der Unterdrückung von Meinungen

Die Hinrichtung mit dem Schwert ist heute zwar seltener geworden, als Ersatz hat sich das jahrelange Dahinschmoren in ziemlich unangenehmen Gefängnissen eingebürgert. Der Leib mag sowas überleben, die Seele im Allgemeinen nicht. Auch Bücherverbrennungen waren bis in die Neuzeit hinein üblich, als Ersatz oder Ergänzung zur Autorenvernichtung.

Mit den Menschenrechten und der Demokratie ist immerhin in einigen Ländern der Erde die Zensur abgeschafft worden. Aber die Sehnsucht der Mächtigen ist geblieben. Und damit begann die Suche nach subtileren Mitteln der Unterdrückung von Meinungen und Informationen.

In der Frühphase der deutschen Demokratie ging es noch ziemlich grob zu. Franz-Josef Strauß haute kräftig auf die Pauke, als er sich einem Abgrund an Landesverrat gegenüber sah. Er versank dann – wenigstens für eine Weile - selber in dem Abgrund. Das Volk und die Medien entlarvten gnadenlos die Fake News der Adenauer-Regierung. Ein großer Sieg des freien Wortes.

Er hielt sogar eine Weile. Dann geschah etwas Merkwürdiges. Die Zensur von oben wurde überflüssig, weil sich in Form der Political Correctness eine freiwillige Selbstkontrolle eingebürgert hat. Diese neue, informelle Methode der Zensur fordert unter Androhung sozialer Sanktionen sprachliche Selbstbeschränkung bis hin zur verbalen Selbstentmannung. Bei dieser Form von Gutsprech halten sich Vernunft und Lächerlichkeit mühsam die Waage.

Ausschluss aus der universitären Debatte

Es begann ganz harmlos aber schon gleich lächerlich damit, dass man Lehrlinge zu Azubis machte. Diesem missglückten Schönsprech-Versuch folgten einige vernünftige Wortkorrekturen, zum Beispiel der Verzicht auf negativ belegte Rassenbezeichnungen. In Richtung Lächerlichkeit ging es dann wieder mit einer Reihe sprachlicher Gender-Verrenkungen, die allerdings mit heiligem Ernst durchgeboxt wurden. Die Briten, deren Sprache eigentlich ziemlich geschlechtsneutral ist, versuchten es trotzdem zum Beispiel mit „herstory“ als Ergänzung zu „history“.

Der Wunsch nach posthumen Säuberungen klassischer Autoren in eine Art Konformsprech gehört ebenfalls in die Kategorie der gesellschaftlich getriebenen Zensurlust.

Ernster zu nehmen ist der Ausschluss politisch unkorrekter oder einfach unerwünscht kritischer Intellektueller aus der universitären Debatte. Dies geschieht hier und da (vorzugsweise, aber nicht nur in England und Amerika) unter dem Vorwand, die Studenten vor unzumutbaren Debattenaussagen und gedanklichen Unreinheiten zu schützen. Eine paternalistische oder maternalistische(?) Zensur durch Einengung der Debattenkultur. Also eine Art Nichtsprech.

Wer ist schon für gefälschte Nachrichten?

Und nun also melden sich unsere demokratischen Regierungen im allgemeinen Zensurgeschehen wieder zu Wort. Im sogenannten postfaktischen Zeitalter haben sie den Kampf gegen Fake News und Hate Speach entdeckt. Das Unwiderstehliche an diesem Kampf gegen Fake News und Hate Speach ist, dass er so wunderbar konsensfähig ist. Wer ist schon für gefälschte Nachrichten? Wer für Hassreden? Dagegen muss man doch was unternehmen. Wir haben es hier mit einer scheinbar demokratieverträglichen Form von Verbotsprech zu tun.

Dass die Übergänge von unerwünschter Information zur Fake News sehr fließend sind, weiß jeder, der im Nachrichtengeschäft tätig ist. Was heute Fake ist, kann morgen schon wahr sein. Fake und Echt sind nicht selten eine Funktion der Zeit, weil oft erst geleugnet wird, bevor gestanden wird. Auch die Unterscheidung zwischen scharfer Kritik und Hassrede ist keine exakte Wissenschaft. Wann genau soll denn der Rubikon überschritten sein? Und wer entscheidet das? Ein Amt gegen Hate und Fake? Na, dann Prost Neujahr.

Schönsprech, Gutsprech, Nichtsprech, Konformsprech, Verbotsprech, kurz: Neusprech – so bewegen wir uns, wenn wir nicht aufpassen, schrittweise in ein neues Zeitalter. Aus dem eher harmlosen postfaktischen schlüpft ein ganz und gar nicht harmloses postdemokratisches Zeitalter hervor. Postdemokratie ist die Demokratie, die gar nicht merkt, dass sie dabei ist, sich selbst zu verlieren.

Ja, die Sehnsucht nach Zensur ist so alt, so aktuell und so stark wie der Wunsch nach freier Meinung. Dieser Kampf endet nie. Es sei denn wir betreten ein Postkampf-Zeitalter, weil Angst essen Seele auf.  

Bertolt Brecht: Die Bücherverbrennung

Als das Regime befahl, Bücher mit schädlichem Wissen

Öffentlich zu verbrennen, und allenthalben

Ochsen gezwungen wurden, Karren mit Büchern

Zu den Scheiterhaufen zu ziehen, entdeckte

Ein verjagter Dichter, einer der besten, die Liste der

Verbrannten studierend, entsetzt, daß seine

Bücher vergessen waren. Er eilte zum Schreibtisch

Zornbeflügelt, und schrieb einen Brief an die Machthaber.

Verbrennt mich! schrieb er mit fliegender Feder, verbrennt mich!

Tut mir das nicht an! Laßt mich nicht übrig! Habe ich nicht

Immer die Wahrheit berichtet in meinen Büchern? Und jetzt

Werd ich von euch wie ein Lügner behandelt! Ich befehle euch, Verbrennt mich!

 

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Karla Kuhn / 27.12.2016

Wäre nicht der geeignetste Name dieses “Wahheitsministeriums”  oder “Abwehrzentrums” (wer soll das eigentlich leiten, denn wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein !!)  Ministerium für Staatssicherheit Nummer Zwei ??? Genug untergeordnete Mitarbeiter sind bestimmt noch vorhanden.

David Sohn / 27.12.2016

Hoffentlich meint der Autor mit den Rassebezeichnungen nicht den bei jedermann beliebten Negerkuss bzw Mohrenkopf. Kann mich nicht erinnern, daß dies hier jemals rassistisch gemeint war.

Johannes Fritz / 27.12.2016

Gerade der 1. bin ich nicht, der darauf kommt, aber das mit dem Amt klingt unglaublich nach Miniwahr. Andere Orwell’sche dystopische Erfindungen sind zum Glück schwerer umsetzbar, oder haben ein allzu stalinistisches G’schmäckle.

Dr. Bredereck, Hartmut / 27.12.2016

Ja, Herr Bonhorst, die Konsensfähigkeit- in Sachen Zensur- zwischen CDU und SPD ist mal wieder frappierend. Der SPD Fraktionschef Oppermann war sich schnell mit seinem Unionskollegen Kauder einig, dass man Falschnachrichten und Haßbotschaften streng bestrafen muß. Marktbeherrschende Plattformen, wie Facebook müssen staatlicherseits bekämpft werden. Komisch nur, dass der selbe Oppermann ein Jahr zuvor im “Fall Edathy"entweder falsch ausgesagt hat oder die Wahrheit vertuscht hat. Der Jurist Oppermann ist nichts anderes als ein “fake news” Verbreiter.

Herbert Dietl / 27.12.2016

Schönes Angedenken an Oskar Maria Graf! Einer meiner Lieblingsschriftsteller.

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