Henryk M. Broder / 06.12.2009 / 10:33 / 0 / Seite ausdrucken

Die Schweizer und das Krokodil

Es fällt schwer, angesichts der europaweiten Hatz auf die Schweiz nicht doch einen Hauch von Schadenfreude zu empfinden. Vor vier Jahren, Ende 2005/Anfang 2006, war das kleine Dänemark das Objekt der aufwallenden Aggression, nachdem die Tageszeitung Jylland-Posten 12 harmlose Karikaturen über den Propheten Mohammed abgedruckt hatte. Damals schaltete die Firma Nestle in einer Reihe arabischer Zeitungen großformatige Anzeigen, in denen sie sich von den Dänen distanzierte und versicherte, Nestle würde keine dänischen Zutaten für ihre Produkte benutzen.

Und nun erfahren die Schweizer, dass Anpassung, Appeasement und vorauseilender Gehorsam sich nicht bezahlt machen. Der Souverän hat von seinem selbstverständlichen Recht Gebrauch gemacht, nun bekommt er dafür die Quittung, sogar von der eigenen Regierung, der die Außenhandelsbilanz wichtiger ist als die demokratische Verfassung des Landes. „Wir können unser Volk nicht desavouieren“, sagt Bundespräsident Hans-Rudolf Merz und warnt die Regierung davor, sich allzu deutlich vom Schweizer Volk zu distanzieren. Es fehlt nicht mehr viel und die Berner Exekutive wird den Vorschlag von Bert Brecht an die Regierung der DDR aus den 50er Jahren aufgreifen und sich ein anderes Volk wählen.

Ebenso absurd sind die Reaktionen im „befreundeten“ Ausland. Dieselben Zeitgenossen, die uns seit Jahren versichern, die Terrorgang Hamas sei „auf demokratischem Wege“ an die Macht gekommen, möchten nun die „undemokratische“ Entscheidung der Schweizer von einem Gericht aufheben lassen; dieselben Populisten, die ein Plebiszit über den Bau bzw. den Abbau von Kernkraftwerken fordern, finden nun, das Volk sei in der Minerattenfrage überfordert. Dieselben Aufklärer, die das Kreuz aus Schulen verbannen wollen, möchten den öffentlichen Raum mit Minaretten füllen.

Die Schweizer ihrerseits gehen in Deckung und hoffen, dass der Sturm sich bald legen wird. Das wird nicht der Fall sein, und wenn, dann nur temporär. Klüger wäre, so zu reagieren, wie es die Chinesen und die Russen in einem solchen Fall tun würden und sich jede Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Schweiz zu verbitten. Verbunden mit einem Hinweis, dass es das gute Recht des Souveräns ist, religiöse Freiheiten einzuschränken. Die Vielehe, in Saudi-Arabien ein Grundrecht, ist in der Schweiz verboten. Und kämen Hindus auf die Idee, ihre Witwen unter dem Matterhorn verbrennen zu wollen, würde sich dagegen sicher auch Widerstand regen.

Aber so weit werden die Schweizer wohl nicht gehen. Denn auch für sie gilt, was Winston Churchill mal gesagt hat: „Ein Appeaser ist jemand, der das Krokodil füttert – in der Hoffnung, es werde ihn als Letzten auffressen.
C: Aargauer Zeitung, 5.12.09

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