Rainer Bonhorst / 03.02.2021 / 11:00 / 13 / Seite ausdrucken

Die Schönheit des Flickenteppichs in der Krise

Zwei Seelen wohnen, ach, in der deutschen Brust. Eigentlich sogar drei, aber die dritte kommt erst später dran. Hier die ersten zwei: Die eine Seele sehnt sich nach lokaler, regionaler und landsmannschaftlicher Unabhängigkeit und Eigenverantwortung. Es ist die föderale Seele, die sagt: Was vor Ort besser geregelt werden kann, soll vor Ort geregelt werden. Die andere Seele ist die Ordnungsseele. Sie sehnt sich nach Einheitlichkeit und Stromlinienform. Das ist die zentralistische Seele. Im Kampf gegen Corona hat die zentralistisch gesonnene Ordnungsseele die individualistisch gesonnene Vor-Ort-Seele ziemlich an die Wand gedrängt. Deswegen sind wir Kontaktverbots-Weltmeister und Impf-Totalversager.

Interessanterweise ist Markus Söder, der Herr über das eigenwillige und besonders föderal gesonnene Bayern, in der Corona-Krise zum Chef-Zentralisten mutiert. Ein notorischer Oberbayer wird sagen: Was soll man von einem Franken auch anderes erwarten. Der eigentliche Grund für den in München amtierenden Neuzentralisten Söder aber dürfte nicht sein fränkischer Migrationshintergrund sein, sondern sein verdeckter, aber nur schwer zu unterdrückender Blick nach Berlin.

Ein erster Bayer im Kanzleramt – das wäre fast so revolutionär wie eine erste Frau im Kanzleramt. Und dazu die Aussicht, 16 Jahre und mehr in der preußischen Zentrale die Zügel in der Hand zu halten. Im Übrigen stimmt der – wenn auch fränkische – Bayer auf seine ganz spezielle Weise in den Gesang der Einheitlichkeit ein: Er preist den bayerischen Weg als den Königsweg für ganz Deutschland an. Man könnte von einem Scheinföderalismus mit zentralistischer Invasionsneigung sprechen. 

Mehr Flickenteppich wagen!

Dabei wäre ein Sieg der individualistisch gesonnenen Föderalisten-Seele keineswegs abwegig. Abgesehen davon, dass er der deutschen Geschichte entspräche, hätte er praktische Vorteile. Warum nicht mehr Flickenteppich wagen, angepasst an die Lage vor Ort? Warum nicht mehr individuelle Lösungen wagen, angesichts der Tatsache, dass die Leute nach Alter und Wohnort völlig unterschiedlich gefährdet sind? Warum Schulen und Kindergärten in ein Corona-Korsett stecken, anstatt sie lagegerecht atmen zu lassen? Warum Gaststätten und Geschäften nicht die Chance eröffnen, sich – coronagerecht präpariert – wenigstens eine Rumpfkundschaft zu erhalten?

Nun gut, es gibt noch individuelle Strömungen in einzelnen Bundesländern. Aber sie werden von Berlin aus missbilligend beäugt und eingedämmt. Die Schönheit des Flickenteppichs in der Krise wird verkannt und nur in Ansätzen geduldet. Der zentral gesteuerte Rasenmäher mäht durch, ohne Rücksicht auf die Blumen, die dabei ihre Köpfe lassen müssen. So wird ganz Deutschland zum Golfplatz-Green. Ganz Deutschland? Ein kleiner Ort im Südwesten Deutschlands mit einem Bürgermeister, der gerne vom Zaubertrank der Eigenverantwortung schlürft, wagt es, in Tübingen eigene Wege zu gehen. Mal sehen wie weit Boris Palmer, der Asterix im Corona-Land, damit kommt. 

So viel zum weitgehenden Sieg der einen Seele, der Stromlinienseele über die andere, die Individualisten-Seele. Doch wie eingangs erwähnt, schlagen nicht nur zwei Seelen in der deutschen Brust, sondern, ach, auch noch eine dritte Seele. Das ist die Europa-Seele. Es ist die Seele, die zum Luther-Spruch passt: Aus einem verzagten Arsch kommt selten ein fröhlicher Furz. 

England – die Alternative zur europäischen Alternativlosigkeit

Diese dritte Seele, getragen von nationaler Verzagtheit und übernationaler Gesinnungstüchtigkeit, sagt, wenn es brenzlig wird: Europa geh du voran. Diese Seelenübertragung nach Brüssel – so edel und frei von Egoismus sie anmutet – führt dann auf den Gipfel des Zentralismus, gegen den individuellere Wünsche und Lösungen gar keine Chance haben. So gesellte sich zur zentral gesteuerten Kontaktverbotsmeisterschaft auch noch die zentraleuropäische Impfpleite.

Dass dies alles nicht nur Theorie ist, können wir am Beispiel Englands ablesen, das seit dem Brexit gleich vor unserer Haustür eine Alternative zur angeblichen europäischen Alternativlosigkeit bietet. Die Briten sind, nachdem sie sich vom europäischen Dickschiff losgelöst haben, ihren eigenen Kurs in der Corona-Krise gefahren. Im Besitz eines eigenen Schnellboots haben sie sich zunächst in ein Unwetter manövriert, dann aber den Vorteil des eigenen Kapitänspatents genutzt.

Da man – personifiziert durch Boris Johnson – zu einem gewissen Unernst und Phlegma neigt, waren die Briten anfangs dem Anschlag des Virus fast schutzlos ausgeliefert. Mit dramatischen Folgen. Dann tauchte der Lichtblick des Impfstoffs auf. Und da hat man, von den Solidaritätsfesseln Europas befreit, in eigenverantwortlicher Entscheidung ohne Zögern zugeschlagen. Boris Johnson, der Unordentliche, hat jetzt die Impfstoffe, die die ordentlichen und verzagten Europäer gerne hätten. Europa-Chefin Ursula von der Leyen wollte dem frechen Briten noch durch die Hintertür ein paar Impfstoffe abluchsen, hat sich aber nur den Ruf einer schlechten Verliererin eingehandelt.

Jedenfalls sind uns die Briten beim Impfen zügig vorausgeeilt. 13 Prozent Geimpfte gegen unsere nicht mal drei Prozent. Sind sie also Sieger im Impfstoff-Rennen? Nur im Vergleich mit den lahmenden Kontinentaleuropäern, unter denen sich die Deutschen noch als besonders lahm auszeichnen. Nein, im Vergleich mit Impf-Weltmeister Israel (über 50 Prozent Geimpfte) sind auch die Briten noch hoffnungslos abgeschlagen. Aber sie haben wenigstens in der Impf-Krise die Genugtuung, sagen zu können: Da hat sich der Brexit schon mal gelohnt. Ein positives Anglo-Gefühl, das man in Brüssel und im europatreuen Berlin fürchtet wie der Teufel das Weihwasser.

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Leserpost

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Elias Schwarz / 03.02.2021

Und wie hieß es noch vor ein paar Monaten? Die größte Angst der Deutschen heißt Donald Trump. Aber wenn’s weiter so läuft, dann bekommen wir noch bald genug eine schöne Wirtschaftkriese. Übrigens, nict alles war in Bayern so toll. Auch zu Eddie’s Zeiten. Z.B. mit hochqualifizierten Jobs war es problematisch. Nur Großkonzerne mit ihrer Politik. Da warren Ba-Wü und NRW viel besser. Und Sachsen auch.

Charles Brûler / 03.02.2021

“Vielfalt statt Einfalt” heißt es doch immer. Aber wohl nur, wenn es um die Pläne der Herrscher geht.

Oskar Kaufmann / 03.02.2021

Meines Wissens war der zweite Bundeskanzler, Ludwig Erhard, in Fürth, Mittelfranken und damit im Bundesland Bayern geboren. Der sechste Bundeskanzler, Helmut Kohl, ist in Ludwigshafen in der damals bayerischen Pfalz (“Kurpfalz”) geboren. Es gabalso bereits zwei gebürtige Bayern, die Bundeskanzler waren

Otto Nagel / 03.02.2021

Zieht doch bitte nicht so über Söder, seine CSU mitsamt seiner Reserve-Partei FW, her. Ihm ist der Länderfinanzausgleich aber so was von ...., daß er ihn abschaffen will. Geht es nicht politisch, dann aber wirtschaftlich. Muß halt alles schlimmer als bei den Preißen werden, runtergewirtschaftet. Daran arbeitet er. Notfalls auch als Kanzlerdarsteller von Berlin aus.

Mathias Rudek / 03.02.2021

So ist das Herr Bonhorst, der bunte Flickenteppich gefällt mir viel viel besser.

Dr. Jäger / 03.02.2021

Viele Leute glauben zu wissen, dass es in Bayern,im Vergleich zu den kaputten Bundesländern, wegen der CSU so gut läuft.Das stimmt seit langer Zeit nicht mehr, Söder ist nur der Gipfel der Dummheit , sozusagen der sichtbare Teil des Deppeneisbergs der CSU, der mit “Amigo” , seinen Anfang nahm,später “in 10-Minuten”-Stoiber eine Steigerung erfuhr, bis heute zur “Rache Frankens an Bayern”,dem Spezi von “Stalins Rache an Deutschland” . Früher hat die CSU die Leute machen und arbeiten lassen,die das Land vom teils armen Agrargebiet zum “Mia san Mia” Land machten, das die A-Sozialdemakraten-Länder durchfüttert.Das ist ihr Verdienst,von dem sie zehrt,aber Södolf schafft das endgültig ab.

Jochen Pfeuffer / 03.02.2021

Es mag für viele neu sein, allerdings ist der bayerische Staat nach innen keineswegs föderalistisch ausgerichtet. Das Vorbild Bayerns war als Königreich das zentralistische Frankreich und ist es bis heute geblieben. Und durch diese politische Schule ist eben Söder auch gegangen. Der Zentralstaat steht über allem, mit dem Leuchtturm München - wobei ja Leuchttürme vor Gefahrenstellen warnen. Da ist es z.B. schon ein Quantensprung, wenn im fränkischen Teil Bayerns z.B. eine Technische Universität oder ein Forschungsinstitut von Bayerns Gnaden entsteht. Deshalb ist auch diese Fixierung Söders auf die Gleichschaltung des ganzen Landes hiermit leicht zu verstehen.

Frank Rotschedl / 03.02.2021

Das ist ja alles ganz nett zu lesen, aber auch wenn in 10 Jahren heraus kommt, dass alles gut gelaufen ist und nicht wie bei der Schweinegrippe eine Anzahl Menschen behindert mit Narkolepsie oder Hirnschäden auf der Strecke geblieben ist - ist es tatsächlich eine Glanztat im Hauruck-Verfahren wie die Bekloppten zu Impfen… obwohl man nichts über Langzeitfolgen weiß... obwohl man den Nutzen nur schemenhaft umreißen kann und auch sonst nicht besonders viel zu wissen scheint…? Was ist denn nun - kann ein Geimpfter übertragen oder nicht? Oder soll es die Privilegien, mit denen die Politiker immer wieder mal winken, nur für die Bereitschaft den Arm hinzuhalten geben - auch wenn es epidemologisch für’n Popo sein könnte?  Und was davon zu halten ist, dass man schwache, ggf. kranke, alte Menschen mit der schützenden Impfung ins Jenseits befördert… das lasse ich mal unkommentiert…

Karl Eduard / 03.02.2021

Alle glotzen auf Corona aber Corona ist nicht das Problem. Das Problem ist die Abschaffung der kläglichen Reste der Demokratie in Deutschland. Impfen oder Nicht Impfen ist überhaupt nicht die Frage aber wenn sogar so, ähm, kluge Köpfe, der Rattenfängerin von Hameln folgen, was will man dann vom Rest erwarten? England in irgendeiner Weise zum Vorbild zu erheben, ist genau so blindäugig, wie das im Falle Schwedens zu tun. Schon die Massenvergewaltigungen in regelrechten “Vergewaltigungsringen” vergessen, die jahrzehntelang von der Politik gedeckt wurden? Meint jemand, das wird durch den Brexit besser? Vergessen, daß in England inzwischen weiß zu sein als Makel gilt. Trotz Brexit strömen dort immer noch täglich Hunderte Ungebetener ein und die britische Politik ist nicht Willens das zu ändern. England ist erledigt. Seine Kultur und Geschichte werden umgedichtet. Seine Vergangenheit wird ausgelöscht. Daß da Vieles besser funktionieren scheint, muß daran liegen, daß noch nicht in jede Entscheiderposition eine Quotenfrau oder ein Quotenmigrant eingezogen ist, die nichts anderes qualifiziert als Geschlecht oder Herkunft. Aber das wird noch.

Bernd Ackermann / 03.02.2021

Auch bei der Impfung sollte eine Triage zur Anwendung kommen und zunächst Personen geimpft werden, die unverzichtbar für das Fortbestehen des Staates sind. Also Haltungsjournalisten und Politiker, bilden sie doch das Fundament unserer Gesellschaft und die Säulen der Demokratie in diesem Land. Um absolut sicher zu gehen sollte jeder von ihnen jeden Impfstoff jedes Herstellers bekommen, am besten 3-, 4- oder 5-mal, dann kann nichts mehr passieren. Deutschland krempelt die Ärmel hoch, dann mal los ihr Vorkämpfer für das beste Deutschland das es je gab. Warum das gute Zeug an bockiges Krankenhauspersonal und alte weiße Männer verschwenden?

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