Rainer Bonhorst / 06.12.2017 / 13:00 / Foto: Mecnarowski / 6 / Seite ausdrucken

Die Rückkehr des Menschen?

In meinem Ort kündigt sich ein bescheidener, aber – wie ich finde – potenziell weltbewegender Vorgang an. Demnächst werden wieder leibhaftige Müllmänner unsere Mülltonnen persönlich vom Haus wegrollen, in mechanisch unterstützter Handarbeit dem Müllwagen zuführen und die entleerten Tonnen dann „händisch“ wieder zurückrollen. Damit geht eine Periode der nahezu müllmännerfreien Abfallentsorgung zu Ende.

Die Müllwende kommt, weil sich herausgestellt hat, dass die automatisierte Müllentsorgung zwar den ökonomischen Vorteil der Humanvermeidung, aber auch eine unerwünschte Nebenwirkung hat: Die automatisierte Entsorgung funktioniert nur dank problematischer Platzierungsvorgaben. Die Tonnen müssen auf dem Gehsteig und direkt am Straßenrand stehen. Diese Positionierung hat, wie sich überraschenderweise herausstellte, die fatale Nebenwirkung, dass auf dem Bürgersteig Engpässe entstehen. Fatal für Rollstuhlfahrer, Kinderwagenschieber(innen) und Rolli-Benutzer, die plötzlich kein Durchkommen mehr haben. Also kommen die dicken Tonnen wieder weg vom Bürgersteig und in die Hände flexibler Müllpersonen.

Ich begrüße diese Entwicklung, einerseits aus Solidarität mit den Rollstuhlfahrern, Kinderwagenschieber(innen) und den Rolli-Benutzern, zu denen ich womöglich auch bald zählen könnte. Vor allem aber aus gesellschaftspolitischen Gründen. Denn wir erleben hier nicht mehr und nicht weniger, als die Rückkehr des Menschen in eine Profession, von der er durch die Technik scheinbar unwiderruflich vertrieben worden war. Die Zukunft schien jenem hochtechnologischen Müllauto zu gehören, das als einzige Humanbesatzung nur noch vorn den Fahrer duldete. Und auch das wohl auf Abruf. Das fahrerlose Auto schien startbereit und in der Lage, bald völlig menschenfrei für die Beseitigung des menschlichen Abfalls zu sorgen.

Und nun dies: die Wiedergeburt, um nicht zu sagen: die Auferstehung des Müllmannes oder – um genderkorrekt zu sein – der Müllperson.

Ähnliche Vertreibungsschicksale haben ja viele Menschen ereilt, die auf Feldern tätig waren, auf denen sie heute (scheinbar?) nicht mehr benötigt werden. Was bedeutet die Müllauto-Wende für diese Schicksale? Haben wir es mit einem Einzelfall einer Branche zu tun, der nicht auf den Rest der Gesellschaft übertragen werden kann? Also mit einer Lerche, die noch keinen Sommer macht? Oder deutet sich viel Größeres, nämlich eine Zeitenwende an? Ist die Rückkehr des Menschen auf breiterer Front denkbar?

Wirft womöglich eine Zukunft ihre Schatten voraus, in der wir auch eine Gegenreformation in den Telefonzentralen erleben werden? Die Rückkehr der Humanbesetzung und die Ablösung des digitalen Horrors? Und könnten in den Supermärkten – entgegen aller BWL-Kalkulation – bald wieder häufiger Dienst tuende Menschen jenseits der Kassen und in Regal-Nähe erscheinen und für kurze Wortwechsel zur Verfügung stehen?

Oder bin ich zu optimistisch? Wird – im Gegenteil – der Mensch auch noch von den Kassen verschwinden, und werden die Kunden gänzlich zum Selbstbezahlen an stummen Computern verdammt sein? Ja, schlimmer noch: Ist es denkbar, dass das Müllauto der Zukunft nicht nur vorne keinen Fahrer mehr hat, sondern hinten statt der soeben freudig begrüßten Müllpersonen bald nur noch menschenähnliche Roboter trägt, die – ohne zu murren – bei Wind und Wetter ihren Dienst versehen? Ist die Neuerscheinung der Müllperson nur eine Sternschnuppe am Abfallhimmel? Ein letztes Aufflackern des Menschlichen in einer Zeit, die den Menschen eigentlich längst überwunden hat?

Ich weiß es nicht. Ich werde die erste Müllperson, die demnächst wieder vor meiner Haustür erscheint, als ein gutes Omen willkommen heißen, selbst wenn sie sich über kurz oder lang eben doch nur als Sternschnuppe entpuppen sollte.

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Leserpost (6)
Manfred Haferburg / 06.12.2017

Ein wichtiger Artikel zu einem wichtigen Problem. Nach linker Ideologie sind wir ja alle gleich begabt und einige sind nur deshalb weniger Qualifiziert, weil es keine Chancengleichheit gibt. Die Linken verwechseln Chancengleichheit gerne mit Ergebnisgleicheit. Wir sind eben nicht alle gleich begabt - sonst gäbe es keine grüne Parteiführung. Es gibt eben auch Leute mit abgebrochenem Studium. Es ist ein Wahnsinn, erst alle niedrig qualifizierten Jobs wegzurationalisieren um dann die weniger Ausgebildeten in eine entwürdigende Arbeitslosigkeit zu schicken - bei nahezu gleichen Kosten für die Gesellschaft. Und dabei noch rum zu jammern, dass es für viele Menschen keine passenden Jobs gibt. Hier in der Innenstadt von Paris haben wir ein Heer von Strassenfegern, die mit Kunstoffimitationen-Reisigbesen in ihren grünen Uniformen täglich unsere Trottoirs mit Hingabe putzen, die Gullis aufdrehen und mit dem fliessenden Wasser die Blätter der Platanen und die Kippen der Raucher wegspülen. Und diese chic grün uniformierten Männer sind Beamte des Staates! Hier trennen wir auch den Müll nicht in sieben verschiedene Tonnen, das machen industrielle Trennanlagen mit vielen Jobs. Automatische Müllautos habe ich noch nie gesehen, da sind hinten immer ein paar sportliche Typen drauf, die zu den Mülltonnen joggen. Und wenn ich Sperrmüll habe, rufe ich bei der Mairie an und er wird zeitnah von den grünen Männern abgeholt. Was die da alles drin finden - ein ganzer Schatzsuche-Industriezweig.

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