Dieser Text wurde von der Achgut Edition im Sammelband „So geschah es. 7. Oktober. Vor aller Augen.“ zum dritten Jahrestag des Pogroms vom 7. Oktober 2023 herausgegeben, den Sie hier im Achgut-Shop bestellen können.
„Die Krise besteht gerade darin, dass das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann: In diesem Interregnum kommt es zu den unterschiedlichsten Krankheitserscheinungen“, heißt es in den Gefängnisheften von Antonio Gramsci. Eine dieser Krankheitserscheinungen ist der Antisemitismus. Doch wir würden es uns zu einfach machen, wenn wir meinen, Antisemitismus steige stets in Zeiten allgemeiner Krisen hervor, sodass wir lediglich diese Krise überstehen müssten, um ihn wieder zum Verschwinden zu bringen. Die These dieses Essays lautet vielmehr: Der Antisemitismus von heute erweist sich zu einem großen Teil als Folge der Nachkriegsideologie, aus deren innerer Logik sich die jüdische Frage des 21. Jahrhundert entwickelt.
In seinem Essay American Strong God beschreibt der amerikanische Autor N.S. Lyons die Entstehung der Nachkriegsideologie und bezieht sich dabei auf den Historiker Eric Hobsbawm. Dieser prägte den Begriff des „langen 19. Jahrhunderts“, das sich von 1789 bis 1914 erstreckte und eine historische Epoche war, die vom Fortschrittsglauben, imperialer Expansion und rationalistischem Denken der Aufklärung geprägt war. Sie kulminierte im Hyper-Nationalismus, im Ersten und Zweiten Weltkrieg und in der Shoa.
Das eigentliche 20. Jahrhundert, so Lyons, begann erst nach 1945. Sein Gründungsimpuls und das Paradigma der folgenden 80 Jahre sei das kollektive „Nie wieder“. Dieses (westliche) „Nie wieder“ sei von drei miteinander verflochtenen Projekten bestimmt gewesen: der Dekonstruktion kultureller Normen und nationaler Grenzen, der Etablierung eines technokratischen Verwaltungsstaates sowie der Hegemonie einer liberalen internationalen Ordnung. Lyons bezeichnet diesen Rahmen schlicht als Liberalismus, wobei es sich meiner Ansicht nach eher um einen egalitären Liberalismus handelt, der Freiheitsprinzipien mit egalitären Zielen verbindet.
Demgegenüber sehe ich – und hier gehe ich über Lyons hinaus – ein anderes „Nie wieder“, das jüdische. Denn im Gegensatz zum westlichen „Nie wieder“ bejaht das jüdische „Nie Wieder“ einen starken Nationalstaat, nämlich den jüdischen, sowie eine starke ethnisch-kulturell-religiöse Kollektividentität, nämlich die des jüdischen Volkes.
Zwei gegensätzliche Arten des „Nie wieder“
Schon auf den ersten Blick ist die weltanschauliche Spannung zwischen diesen beiden Arten des „Nie wieder“ erkennbar. Doch bevor ich weiter auf diese Spannung eingehe, gilt es zunächst, die Ideologie des egalitären Liberalismus genauer zu erläutern.
Der egalitäre Liberalismus lässt sich auf Hitler und den Nationalsozialismus zurückführen. Über allem schwebt bei ihm das Ziel, die Wiederkehr Hitlers und des Nationalsozialismus zu verhindern. Wenn man eine Wiederkehr verhindern möchte, muss man zunächst verstehen, wie Hitler und der Nationalsozialismus überhaupt entstehen und an die Macht kommen konnten. In der dominanten Deutung waren sie das Produkt einer Epoche, in der kollektivistische Ideologien – in diesem Fall der nationale Kollektivismus – zu Krieg und Massenmord führten. Wenn sich dies nicht wiederholen soll, muss eine Ordnung etabliert werden, die verhindert, dass sich Menschen in mächtigen, gegeneinander gerichteten Kollektiven organisieren.
Der liberale Ansatz setzt daher auf eine kapitalistische, globalisierte Welt, in der Staaten durch Handel und wirtschaftliche Verflechtung so eng miteinander verbunden sind, dass kriegerische Auseinandersetzungen unwahrscheinlich werden. Auf der Ebene des Einzelnen dominiert das Ideal autonomer, rationaler Individuen mit frei wählbaren Identitäten, weitgehend losgelöst von kulturellen, religiösen und nationalen Bindungen. Diese individualisierte und zugleich kosmopolitische Gesellschaft soll als Gegenpol zum nationalen Kollektivismus wirken und somit als ein Abwehrmechanismus gegen die Wiederkehr des Totalitären wirken.
Der egalitäre – also linke – Ansatz unterscheidet sich davon insofern, als linke Denkschulen Kollektivismus nicht grundsätzlich ablehnen, wohl aber den nationalen Kollektivismus innerhalb des Westens. Ihrem Axiom zufolge sind alle Menschen, Gruppen, Kulturen und Zivilisationen nicht nur gleichberechtigt, sondern absolut gleich in ihren Interessen, Zielen und Fähigkeiten. Daraus folgt die Forderung nach Ergebnisgleichheit. Da in freien, kapitalistischen Gesellschaften Ergebnisgleichheit nicht vorkommt, weil Menschen, Gruppen, Kulturen und Zivilisationen ungleich sind, muss die Ursache innerhalb dieses Weltbildes struktureller Natur sein. Folgerichtig gelten alle erfolgreichen Gruppen als im Besitz eines unrechtmäßigen Privilegs und somit als Gegner.
Der Westen selbst erscheint aufgrund seines überproportionalen Erfolges als strukturell privilegiert und damit als Systemträger, der bekämpft werden muss. In den USA werden daher nicht nur Weiße oder Männer als Träger struktureller Privilegien bezeichnet, sondern zunehmend auch Juden von links angegriffen, weil sie überproportional in Universitäten, Medien, Kultur und Wirtschaft vertreten sind und von links somit als Weiße verstanden werden. In dieser Logik gelten der globale Süden, nicht-weiße Minderheiten, Frauen und LGBTQ-Personen als „revolutionäres Subjekt“, die durch interdisziplinäre Zusammenarbeit das System mit seinen privilegierten Gruppen stürzen sollen.
Aus der Verschmelzung dieser beiden Denkrichtungen ist ein hybrides Modell entstanden, das heutzutage als Wokeness beschrieben wird. Vom Liberalismus übernimmt es die supra- und postnationale Ordnung, wie etwa die EU, die UN und die fortschreitende Individualisierung der Gesellschaft, die mit einem Verlust der nationalen Identität der Mehrheitsbevölkerung einhergeht. Von der Linken stammt hingegen die positive Aufwertung nicht-westlicher, nicht-weißer Kollektividentitäten, während kollektive Identitäten der westlichen Mehrheitsgesellschaft als rückwärtsgewandt und gefährlich gelten.
Ein weiterer Faktor, der zu dieser Entwicklung beigetragen hat, ist der Postmodernismus, der die Existenz einer objektiven Wahrheit grundsätzlich infrage stellt und sie als Machtkonstrukt von Diskursen deutet. Diese Denkrichtung verband sich mit einem Hyper-Individualismus, der alles subjektivierte. Die logische Konsequenz ist, dass jede Aussage über Realität – selbst über biologische Tatsachen – als Machtausübung und daher böse interpretiert wird.
„Nie wieder“ als judenfeindliche Formel
Der egalitäre Liberalismus – also das westliche „Nie wieder“ – muss zwangsläufig zu einer feindseligen Haltung gegenüber Juden und Israel führen. Erstens widerspricht die Tatsache, dass Juden im Westen in vielen Bereichen überdurchschnittlich repräsentiert sind, der Grundannahme, dass Minderheiten im Westen grundsätzlich unterdrückt werden und somit nicht erfolgreich sein können. Die Lösung lautet daher: Juden gehören in Wirklichkeit zum „System“ und sind damit Teil des Machtgefüges, das es zu zerschlagen gilt.
Zweitens ist Israel ein Nationalstaat – der Staat der Juden. Die ethnisch-kulturell-religiöse Mehrheit des Landes ist jüdisch und politischer Konsens ist, dass dies so bleiben soll, auch wenn Minderheiten staatsbürgerliche Rechte und teilweise Autonomie besitzen. Wie klar dieser Konsens ist, zeigt sich auch an der israelischen Linken. Ein zentrales Argument für die Zwei-Staaten-Lösung lautet, dass die Siedlungspolitik langfristig zu einem Ein-Staat-Gebilde führen könnte, in dem Juden nicht mehr die demografische Mehrheit stellen.
Überträgt man dieses Prinzip auf europäische Staaten, wird die Spannung sichtbar. Würde jemand fordern, Migrationspolitik müsse angepasst werden, um zu verhindern, dass das spanische, französische oder deutsche Volk zur Minderheit im eigenen Land werde, entstünde unmittelbar eine Debatte über Rechtsextremismus und ob es sowas wie ein spanisches, französisches und deutsches Volk überhaupt gebe. Die Existenz arabischer, asiatischer oder afrikanischer Völker würde natürlich nicht bestritten werden. Abgesehen davon ließe sich beobachten, wie die Existenz einer oder mehrerer weißer Kulturen verneint werde, aber gleichzeitig genau jene Kulturen, als per se böse diffamiert und verantwortlich für das Böse gemacht werden.
Vor diesem Hintergrund sind auch die zunehmenden Plakatierungen Israels als „weißer Kolonialstaat“ oder gar als neues „NS-Regime“ zu betrachten. Diese Zuschreibungen ergeben sich aus der inneren Logik des egalitären Liberalismus: Ein westlich-europäisch geprägter Staat, der sich ausdrücklich als Nationalstaat eines bestimmten Volkes definiert und seine Mehrheitsstruktur sichern will, widerspricht dem westlichen Nachkriegskonsens. Der entscheidende Punkt ist daher: Die gegenwärtige Linke mit ihrem Vernichtungswillen gegenüber dem Staat Israel hat sich nicht vom westlichen „Nie wieder“ entfernt. Sie führt dessen Prämissen konsequent zu Ende.
Der einzige Grund, aus dem das westliche „Nie Wieder“ parallel zum jüdischen „Nie Wieder“ koexistieren konnte, war die Shoa. Doch nach acht Jahrzehnten möchte die Neue Linke, wie schon gezeigt, als auch die Neue Rechte diesen Widerspruch auflösen.
Das Recht auf nationale Selbstbestimmung – nur für Israel oder für alle?
Verständlicherweise stellt die Neue Rechte – und mit ihr ein wachsender Teil der jüngeren Generation im Westen – die Frage: Warum besitzt das jüdische Volk das Recht auf nationale Selbstbestimmung, während europäischen Völkern dieses Recht abgesprochen oder zumindest relativiert wird? Und weshalb verstehen sich Juden als Volk, wenn es um Israel geht, betonen jedoch zugleich ihre nationale Identität als Deutsche, Franzosen oder Briten, als sei das Judentum lediglich eine religiöse Konfession?
Zwar betrachten Teile der Neuen Rechten Juden als Partner im Kampf gegen Islamogauchismus, bewundern ihren überproportionalen Beitrag zur abendländischen Zivilisation und sehen in Israel ein Vorzeigemodell für Patriotismus, hohe Geburtenraten sowie der Verbindung von Tradition und Moderne. Jedoch wächst der Anteil derer, die den bestehenden Widerspruch als ein „jüdisches Doppelspiel“ interpretieren: Juden hätten ein ideologisches System etabliert, das den europäischen Völkern die nationale Selbstbestimmung verwehre, die sich die Juden selbst zugestehen.
Eine ausführliche Widerlegung dieser Interpretation würde den Rahmen sprengen. Doch auch wenn der „zwanglose Zwang des besseren Arguments“ (Habermas) bei einer Masse, die sich in Zeiten der Orientierungslosigkeit einem Trend anschließt, der ihr eine Weltanschauung und eine Gemeinschaft verspricht, nur sehr begrenzt wirkt, sind dennoch einige Punkte festzuhalten. Erstens ist der egalitäre Liberalismus kein jüdisches Produkt. Der Liberalismus – mit seinen großen Errungenschaften, aber auch Fehlentwicklungen – wird von vielen Intellektuellen als säkularisierte Form des Christentums bezeichnet. Seine Vorstellung gleicher Würde aller Menschen speist sich zwar mittelbar auch aus der jüdischen Idee der Ebenbildlichkeit G’ttes, ist jedoch aufgrund seiner universalistischen sowie über- und teils antinationalen Haltung vor allem christlich geprägt. Gleiches gilt für den Egalitarismus.
Zweitens ist es zutreffend, dass Juden im Milieu, das diese Ideologie trägt und weiterentwickelt, überproportional vertreten sind. Allerdings handelt es sich bei den meisten dieser Akteure um antizionistische und assimilierte Juden – also um Juden, die sich in die bestehende Ordnung mitsamt ihrer Ideologie eingegliedert, ihr Denken aufgenommen und weiterentwickelt haben. Des Weiteren sind Juden ebenso überproportional unter jenen vertreten, die dieser ideologischen Entwicklung kritisch gegenüberstehen und sie aktiv bekämpfen.
Trotzdem bleibt ein realer Punkt bestehen. Im Grunde genommen vertritt fast das gesamte institutionalisierte Judentum in den westlichen Ländern eine Position, die widersprüchlich ist: Zustimmung zum jüdischen Nationalstaat bei gleichzeitiger Kritik westlicher Nationalstaatlichkeit und ethnisch-kultureller Identität.
Es gibt mehrere Gründe, warum das „jüdische Establishment“ an dieser Argumentation festhält. Erstens sind auch seine Vertreter Kinder ihrer Zeit. Wie große Teile der westlichen Gesellschaften reflektieren sie die ideologische Essenz des Nachkriegskonsenses mitsamt der Widersprüche, die weit über das Thema Juden und Israel hinausgehen, nur begrenzt.
Zweitens war die Nachkriegsepoche historisch außergewöhnlich. Zum ersten Mal seit Beginn des Exils waren Juden in der westlichen Diaspora vollständig gleichgestellt, Antisemitismus war gesellschaftlich weitgehend delegitimiert, und zugleich existierte ein jüdischer Nationalstaat. Die Sorge, diese Epoche zu verlieren, führt dazu, dass jede grundlegende Infragestellung des zugrunde liegenden Paradigmas Unsicherheit auslöst. Ein Ergebnis dieser Unsicherheit ist der Versuch, Israel im Sinne des westlichen „Nie wieder“ zu legitimieren.
Die erste typische Abwehrlinie lautet: „Das Existenzrecht Israels leitet sich aus dem Antisemitismus und der Shoa ab.“ Man demonstriert damit einen Opferstatus, der einen im egalitären Liberalismus zum „Guten“ macht, und appelliert an die Shoa, um mit ihr den Widerspruch zwischen dem jüdischen Nationalstaat und der westlichen Selbstauflösung zu überdecken.
Diese Argumentation ist nicht nur würdelos, weil sie jüdische Souveränität auf das Opfersein reduziert und damit ontologisch anti-zionistisch ist – der Zionismus wollte das Opfersein gerade überwinden –, sondern sie ist auch wirkungslos und falsch. Denn das jüdische Volk besitzt das Recht auf nationale Selbstbestimmung in seiner historischen Heimat, unabhängig von Verfolgung oder Vernichtung. Des Weiteren hat es nicht nur das Recht, sondern es sich auch selbst erkämpft. Der Staat Israel wurde den Juden eben nicht von der Welt nach der Shoa als Kompensation „geschenkt“. Er wäre auch unabhängig von der Shoa und der UN ins Leben gerufen worden.
Eine zweite Abwehrlinie, die vor allem von linken Juden vertreten wird, besteht darin, Israel unter Verweis auf den hohen Anteil nicht-aschkenasischer Juden als „nicht-weiß“ zu definieren, um in der Logik des egalitären Liberalismus auf der Seite „der Guten“ zu sein. Auch diese Abwehrlinie muss scheitern – und sie scheitert. Denn Israel ist, unabhängig von inner-jüdischen Unterschieden, ein erfolgreicher, westlich-europäisch geprägter Nationalstaat. Weder diese würdelosen Abwehrlinien noch eine neue israelische Regierung würden etwas an dem Urteil der aktuellen politisch-kulturellen Hegemonie ändern. In der Logik des egalitären Liberalismus gibt es nur zwei akzeptable Typen des Juden: Der ermordete Jude, der als moralische Rechtfertigung für die Nachkriegsideologie dient, oder der lebende Jude, der den Zeitgeist – ja zur westlichen Selbstzerstörung und Anti-Zionismus – unterstützt. Der einzige Grund, warum der zionistische Jude toleriert wurde, war – wie schon zuvor erwähnt – die Shoa.
Das Ende der Nachkriegsideologie
Nun befinden wir uns an einem Punkt, an dem die Nachkriegsideologie – auch unabhängig von der jüdischen Frage – zu gesellschaftlichen Entwicklungen geführt hat, die innerhalb ihrer eigenen Logik kaum noch lösbar erscheinen.
Die fortschreitende Atomisierung der Gesellschaft und damit die erhöhte Wahrscheinlichkeit für neue Massenbewegungen, wie es Hannah Arendt in Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft analysiert, ist eine Folge des liberalen Individualismus, der sich aufgrund eines fehlenden Korrektivs zu einem Hyper-Individualismus weiterentwickelt hat. Der drastische Rückgang der Geburtenraten infolge sexueller Liberalisierung in nahezu allen westlichen Gesellschaften stellt die langfristige Stabilität sozialer Sicherungssysteme infrage und ist somit ebenfalls eine Konsequenz des Liberalismus.
Der Versuch, die daraus entstehende demografische Lücke durch Masseneinwanderung zu kompensieren, ist Teil derselben Logik. Er wird durch den Egalitarismus verstärkt. Die daraus resultierenden ethnischen, kulturellen und religiösen Spannungen im Westen sind daher keine zufälligen Entwicklungen. Ebenso wenig die zunehmende gesellschaftliche Polarisierung zwischen „somewheres“ und „anywheres“, wie David Goodhart sie beschreibt. Die einen sehen Heimat, Identität und kulturelle Kontinuität bedroht; für die anderen geht der gesellschaftliche Wandel im Sinne des egalitären Liberalismus nicht weit genug.
Für Europa bedeutet dies: Der Nachkriegskonsens wird sterben, noch bevor seine demografischen Träger – die Generation, die ihn geprägt hat – vollständig abgetreten sind. Eine neue Leitidee wird entstehen, denn kein Staat und keine Zivilisation ist weltanschaulich neutral. Wie diese Leitidee konkret aussehen wird, ist jedoch noch offen. Der gegenwärtige Kulturkonflikt verläuft zwischen jenen, die den egalitären Liberalismus mit all seinen Konsequenzen verteidigen, und jenen, die seine Folgen ablehnen, bislang jedoch keine konsistente weltanschauliche Alternative formuliert haben.
Angesichts der Massenmigration aus dem islamischen Kulturraum lässt sich jedoch eine doppelte Dynamik beobachten. Einerseits wächst das Phänomen des Islamogauchismus, andererseits kommt es zu einer Wiederbelebung des Selbstbewusstseins autochthoner europäischer Völker. Besonders in jüngeren Generationen artikuliert sich dieses Bewusstsein zunehmend in paneuropäischen Kategorien. Vor dem Hintergrund geopolitischer Verschiebungen spricht daher vieles dafür, dass das kommende europäische Paradigma nicht postnational, sondern patriotisch geprägt sein wird – möglicherweise sogar in einer paneuropäischen Form.
Damit stellt sich die jüdische Frage des 21. Jahrhunderts: Wie können Juden zugleich einen jüdischen Nationalstaat bejahen und innerhalb eines künftig stärker patriotischen Europas als Minderheit leben, ohne die Fundamente des Judentums preiszugeben?
Entwurf einer Antwort
Meine Antwort auf diese Frage lautet:
Erstens
Juden sind eine ethnisch-kulturell-religiöse Gemeinschaft (Am Israel), ein Volk mit einer Religion. Der Versuch, das Judentum von einem Volk in eine bloße Konfession umzudeuten, wie es seit der Französischen Revolution und insbesondere im Reformjudentum geschah, ist keine tragfähige Lösung. Er relativiert den Volkscharakter des Judentums und damit eines seiner Fundamente.
Die historischen Erfahrungen – in Deutschland vor dem Zweiten Weltkrieg wie auch im heutigen Amerika – zeigen, dass das Reformjudentum Assimilation nicht verhindert. Es wirkt allenfalls als Verzögerung. Schon Moses Hess beschrieb in Rom und Jerusalem, wie das Reformjudentum „unter dem Mantel der Aufklärung an das Taufbecken führte“. Andere konvertierten nicht, weil sie wie große Teile der übrigen Gesellschaft säkular wurden, doch sie assimilierten sich kulturell und verloren ihre jüdische Identität.
Da das Reformjudentum historisch dazu tendiert, sich dem jeweiligen Zeitgeist anzupassen, überrascht es nicht, dass wir in den USA zunehmend ein „wokes“ Reformjudentum sehen, das im Sinne des egalitären Liberalismus agiert und sich folgerichtig gegen Israel positioniert. Dass diese Strömung gegenwärtig etwas an Popularität gewinnt, liegt primär daran, dass es im aktuellen Zeitgeist anschlussfähig ist, als Jude Israel feindlich gegenüberzustehen, während eine vollständige Assimilation in die weiße Mehrheitsgesellschaft als Anpassung an das vermeintlich „Böse“ im Sinne des egalitären Liberalismus gilt.
Doch da das Reformjudentum stets nur ein Zwischenschritt zur Assimilation ist, wird auch diese Form langfristig nicht bestehen. Schon jetzt sind die Assimilationsraten enorm hoch. Ändert sich der Zeitgeist, wird auch dieses Reformjudentum mit dem alten Zeitgeist verschwinden.
Zweitens
Die historische und religiöse Heimat des jüdischen Volkes ist das Land Israel (Eretz Israel). Daraus folgt die Legitimität eines jüdischen Nationalstaates.
Drittens
Wer einen jüdischen Nationalstaat bejaht, kann nicht zugleich den legitimen Willen europäischer Völker delegitimieren, ihre eigenen Staaten ethnisch-kulturell zu prägen. Ein Fehler wäre es jedoch, zu glauben, dass dies zwangsläufig einen ethnisch homogenen Staat meint. Zum einen zeigt bereits der Zusatz „kulturell“, dass grundsätzlich die Möglichkeit zur Assimilation besteht. Zum anderen ist fraglich, ob das klassische Ideal des Nationalstaates – in dem Staatsvolk und Volk vollständig identisch sind und sich Minderheiten zwangsläufig assimilieren müssen – nicht überholt ist und sich stattdessen ein Modell herausbildet, das eher dem israelischen ähnelt.
Blickt man auf die jüngeren Generationen, so zeigt sich, dass sich viele Menschen trotz deutscher Staatsbürgerschaft weiterhin primär als Türken, Italiener, Serben oder Ähnliches verstehen. Dies ist auch eine Folge des liberalen Verfassungspatriotismus oder der Idee einer Leitkultur, die in ihrer Abstraktheit häufig keine hinreichende Integrations- oder Assimilationskraft entfaltet. Doch selbst wenn sich eine stärkere Form des Patriotismus entwickeln sollte, bleibt die Frage bestehen, ob nicht auch innerhalb eines Nationalstaates ethnisch-kulturelle Minderheiten ihre kollektive Identität bewahren können – vorausgesetzt, sie stellen keine Bedrohung für den Staat und die Mehrheitsbevölkerung dar.
Viertens
Da das Judentum nicht nur Religion, sondern auch Volkszugehörigkeit ist, sind Juden daher keine „Deutschen jüdischen Glaubens“, sondern deutsche Juden, also eine national-religiöse Minderheit. Individuelle Assimilation bleibt möglich.
Fünftens
Indem Juden sich in Europa ausdrücklich als national-religiöse Minderheit begreifen, lässt sich der Widerspruch der Nachkriegszeit auflösen. Drusen leben in Israel als national-religiöse Minderheit mit starker Bindung an das gesamte drusische Volk und tragen zugleich zum Staat Israel bei. Sie gehören zum Staatsvolk, aber nicht zum jüdischen Volk. Entsprechend ist es möglich, dass wir Juden als national-religiöse Minderheit zum Wohlstand und zur Kultur Europas beitragen – wie wir es über viele Jahrhunderte getan haben – und zugleich offen zum jüdischen Volk und zum jüdischen Nationalstaat stehen.
Gegen die Mentalität der Galut
Mir ist bewusst, dass dieser Vorschlag auf Angst, teils sogar auf Wut stoßen wird, insbesondere weil viele befürchten werden, dass ein offenes national-religiöses Selbstverständnis zu mehr Antisemitismus führe. Doch dieses Argument folgt einer klassischen Galut-Mentalität: defensiv, neurotisch und stets bemüht, niemanden zu „provozieren“. Aus Sorge vor Ablehnung bleibt man passiv, relativiert das Eigene und hofft, durch Zurückhaltung oder durch den Verweis auf den Holocaust, den Hass abwenden zu können.
In diesem Punkt unterscheiden sich viele heutige Diaspora-Juden nicht grundlegend von den westeuropäischen Juden des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass diese nicht auf ihrem Weg der vollständigen Assimilation gestört werden wollten, während die heutigen Diaspora-Juden Zionisten mit Galut-Mentalität sind. Sie bekennen sich also zu einer Bewegung, die ihren psychologischen Zustand bekämpft.
Den Kritikern ist außerdem zu antworten, dass mein Vorschlag keineswegs beansprucht, Antisemitismus zu beseitigen. Antisemitismus existiert unabhängig von jüdischer Selbstdefinition. Er wird mit oder ohne meinen Vorschlag fortbestehen.
Die Frage muss also nicht im Lichte des wachsenden Antisemitismus beantwortet werden, sondern im Hinblick auf die jüdische Zukunft. Denn die junge jüdische Generation und ihre Nachkommen werden in einer Zeit aufwachsen und leben, in der die Welt von Gestern (Stefan Zweig) keine prägende Rolle mehr spielen wird.
Wir können diese Entwicklung bereits an der zunehmenden positiven Betrachtung Hitlers und des Nationalsozialismus in Teilen der jungen Generation beobachten. Hier zeigt sich ein klarer Generationenkonflikt, der als Folge der Nachkriegsideologie verstanden werden kann. Denn Hitler und der Nationalsozialismus sind das absolute Tabu unserer politischen Ordnung, und genau dieses hat achtzig Jahre später auf viele Jugendliche und junge Erwachsene eine rebellische Anziehungskraft.
Hinzu kommt ein zweiter Faktor: Hitler und der Nationalsozialismus dienen bis heute als moralische Begründung politischer Entscheidungen oder Tatenlosigkeit – kurz: der bestehenden Ordnung. Wenn jedoch eben diese Ordnung von Teilen der jungen Generation als gescheitert wahrgenommen wird, richtet sich die Rebellion zwangsläufig auch gegen das historische Symbol, auf dem ihre moralische Legitimation beruht. Viele ziehen daraus den Schluss, dass Hitler und der Nationalsozialismus durchaus positiv gewesen seien. Gewiss: Das ist eine intellektuelle Blamage. Doch was erwartet man in einer Zeit, in der sich große Teile der Öffentlichkeit über soziale Medien politisieren?
Fest steht: Offen formulierter, gesellschaftlich anschlussfähiger und politisch nutzbarer Antisemitismus wird zurückkehren. Kein Verweis auf die deutsche Geschichte, auf Shoa-Überlebende, auf Täter-Opfer-Umkehr oder auf die freiheitlich-demokratische Grundordnung wird dies dauerhaft verhindern. Bemerkenswert ist vielmehr, dass dieser wachsende Antisemitismus – zumindest gegenwärtig – auf eine jüdische Generation trifft, deren Identität nicht primär von Religion, historischer Kenntnis oder lebendiger Tradition getragen wird, sondern vor allem von der Shoa und vom Staat Israel.
Diese Entwicklung ist kein Zufall. Jüdische Organisationen haben sie nicht nur nicht aufgehalten, sondern teilweise selbst hervorgebracht und verstärkt. Das Paradoxon zeigt sich auf vielen Veranstaltungen: Man spricht fast nur über Antisemitismus – meist ohne seine tieferen Ursachen zu analysieren –, betont anschließend, nicht auf die Rolle des Opfers reduziert werden zu wollen, und beschreibt Israel zugleich als „letzten Zufluchtsort“.
Es ist also absehbar, dass ein Teil der Juden mit wachsendem sozialem Druck ihre jüdische Identität ablegen werden, da es sich dabei um eine Identität ex negativo handelt. Denn wenn es gesellschaftlich wirklich unangenehm wird, jüdisch zu sein und für Israel einzustehen, werden viele Juden – denen Religion, Geschichte und Tradition kaum noch etwas bedeuten – dazu neigen, sich vom Judentum und dem Staat Israel zu distanzieren.
Eine solche Entwicklung wäre historisch keineswegs neu. Als im 19. und frühen 20. Jahrhundert die Bindekraft des Judentums in Europa nachließ, verlor das jüdische Volk zahlreiche seiner Kinder an drei Alternativen: an die Nationen der Mehrheitsgesellschaften, an den liberalen Universalismus oder an den Kommunismus. Doch im selben Zeitraum entstand auch eine der faszinierendsten Nationalbewegungen der Moderne: der Zionismus. Ihm gelang es, die Galut-Mentalität der jüdischen Diaspora grundsätzlich infrage zu stellen, das jüdische Volksbewusstsein neu zu beleben, eine jahrtausendealte Sprache wieder zur Alltagssprache zu machen, in der historischen Heimat einen Staat für ein über die Welt verstreutes Volk zu errichten, diesen Staat militärisch zu verteidigen und ihn zu einer Regionalmacht sowie zu einem Innovationszentrum von globaler Bedeutung zu entwickeln.
In der Welt von morgen wird es daher nicht ausreichen, lediglich der Toten zu gedenken oder Israel als „letzte Zuflucht“ zu betrachten. Es wird vielmehr darum gehen, in einer Zeit tiefgreifender Umbrüche wieder zum eigenen Ursprung zu finden. Die entscheidende Frage lautet: Wer sind wir, woher kommen wir, welches Erbe tragen wir und warum sind wir verpflichtet, dieses Erbe weiterzugeben?
Bei allen Herausforderungen lohnt es sich, die historische Perspektive zu bewahren. Ein Volk, das seit über dreieinhalb Jahrtausenden existiert, das ein zweitausendjähriges Exil überstanden hat und die Welt in unverhältnismäßigem Maße geprägt hat, besitzt keinen Grund zur Angst – auch nicht vor der jüdischen Frage des 21. Jahrhunderts.
Das 20. Jahrhundert kann in vieler Hinsicht als Übergangsphase der Ent-Galutisierung der Juden verstanden werden. Während der Diaspora-Jude psychologisch noch vielfach in der Galut-Mentalität verharrte, bewunderte er zugleich den selbstbewussten israelischen Juden, der sich aus ihr befreit hatte. Nun sind wir im 21. Jahrhundert angekommen. Es ist an der Zeit, die Galut-Mentalität endgültig hinter uns zu lassen.
Noam Petri wurde 2003 in Tel Aviv geboren. Er studiert Medizin an der Charité Berlin und war Vizepräsident der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD). Er ist Co-Autor des Buches „Die Intellektuelle Selbstzerstörung – Wie der Westen seine eigene Zukunft verspielt“. Als Publizist schreibt er regelmäßig für das Magazin Cicero und die Jüdische Allgemeine.
Im Achgut-Buchshop erhältlich:
„So geschah es. 7. Oktober. Vor aller Augen.“ von Chaim Noll, Simone Schermann (Hrsg.), Achgut Edition 2026, hier bestellbar.

@Theodor Breit: bitte schauen Sie auch in die Jüdische Allgemeine (online). Dort gibt es heute ein Interview mit Güner Balci, der noch „diensthabenden“ Integrationsbauftragten von Neukölln.
Güner Balci ist eine „Frau mit Migrationshintergrund“, wie sie sich jede Einwanderungsgesellschaft nur wünschen kann. Fleißig, leistungs-orientiert und blitz-gescheit; dabei ausgestattet mit (sozialer) Empathie und einem großen Herzen. Einfach Klasse diese Frau!
Wenn man auf Frau Balci und z. B. Ahmad Mansour rechtzeitig gehört hätte, wären die Probleme bzgl. Migration, Clans, Islamismus und Stadtbild heute deutlich kleiner!
Guten Abend Herr Jungnickel,
@ Nichts gegen Zitate … aber man kann es wahrlich auch übertreiben !
Die Nietzsche Zitate stammen aus den Jahren 1886 bis 1888. Was dann nur 45 Jahre später passiert ist, das war dann wohl wahrlich auch … übertrieben … ?
Und heute?
Nietzsche hat nun mal die kräftigste Sprache von allen. Ist diese Sprache der Sache angemessen?
Ist auch thematisiert, daß ein gewisser Herr Nethanjahu just gen VAE reiste, um dem dortigen Emir von Angesicht zu Angesicht -mit welcher ggf alternativ angedrohten Reaktion untermalt- klarzumachen, daß er seine letzten öffentlichen Äußerungen zur vorab gen Israelischem Regierungschef damals kund gegebenen Warnung vor dem „Hamas- Angriff“ gefälligst zurückzunehmen / zu unterlassen habe ? Denn unter Betrachtung dieser ua nicht alleinigen Vorabwarnung erscheinen israelische Maßnahmen wie Militärabzug von der Gaza-Grenze, plötzliche Verlagerung des Tech-Festivals in Grenznähe etc. in vällig anderem Licht. Aber alles sicher nur Verschwörungstheorie, wie die Merkwürdigkeiten zu 9/11 oder „Kennedys Magische Kugel“.
@Hr.Reiger
Nichts gegen Zitate … aber man kann es wahrlich auch übertreiben !
Im übrigen widerspricht die Agenda auch dem Willen Gottes. Endzeit, Apokalypse, Ragnarök – Gott selber, Jesus, Engel und sogar die Götter haben uns auf diesen Tag vorbereitet.
„46 Brüder befehden sich,
Fällen einander,
Geschwisterte sieht man
Die Sippe brechen.
Unerhörtes ereignet sich,
Großes Unrecht.
Beilalter, Schwertalter,
Wo Schilde krachen,
Windzeit, Wolfszeit,
Eh die Welt zerstürzt.
Der Eine schont
Des Anderen nicht mehr.“; Seherin
„ 1Dies ist die Offenbarung Jesu Christi, die ihm Gott gegeben hat, seinen Knechten zu zeigen, was in der Kürze geschehen soll; ..“ Apk 1, 1
„ 8Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende, spricht Gott der HERR, der da ist und der da war und der da kommt, der Allmächtige.“ Apk 1, 7-8
Alpha und Omega, nicht A und Z. Griechisch.
„ 5Und von dem Stuhl gingen aus Blitze, Donner und Stimmen; und sieben Fackeln mit Feuer brannten vor dem Stuhl, welches sind die sieben Geister Gottes.“Apk 4, 4-5
„ 10Da sprach er zu ihnen: Ein Volk wird sich erheben wider das andere und ein Reich wider das andere,
11und es werden geschehen große Erdbeben hin und wieder, teure Zeit und Pestilenz; auch werden Schrecknisse und große Zeichen am Himmel geschehen.“ Lk 21, 9-11
– Große Zeichen am Himmel – Chemtrails!
„ 12Aber vor diesem allem werden sie die Hände an euch legen und euch verfolgen und werden euch überantworten in ihre Schulen und Gefängnisse und vor Könige und Fürsten ziehen um meines Namens willen.“ Lk 21, 11-12
„Das Paradoxon zeigt sich auf vielen Veranstaltungen: Man spricht fast nur über Antisemitismus – meist ohne seine tieferen Ursachen zu analysieren –, betont anschließend, nicht auf die Rolle des Opfers reduziert werden zu wollen“. Das Dauerjammern ist kein Paradoxon, sondern ein Geschäftsmodell und Deutschland der größte Markt dafür. Daher ist Berlin bei Israelis als Wahlheimat so beliebt.
Das soll wohl eine Art Manifest sein? Ganz schön entlarvend. Unbequeme Tatsachen werden ausgeblendet. Das ist die üblichen Vorgehensweise von Rechthabern.
Und nicht überraschend. Das ist Ideologie reinsten Wasser.