Das Netz als politische Lausungs-Gesellschaft

Von Gerald Wolf.

Ist der Mensch ein politisches Tier? So jedenfalls könnte Aristoteles verstanden werden, als er vor mehr als zweieinhalbtausend Jahren dem Menschen das Etikett „Zoon politikon“ verpasst hatte. Ähnliches behauptete vor ihm schon Platon. Zwar klingt „ζῷ·ον“ (zoon) wie Zoologie, es riecht nach Tier, kann aber getrost auch mit „Wesen“ übersetzt werden. Und tatsächlich meinte Aristoteles, ein Wesen der Polis seien wir, ein Wesen eines in der Antike verbreiteten Stadtstaates. Auf die Gesellschaft käme es bei uns Menschen an. Hier und nur hier würde das sittlich Gute realisiert, die Gemeinschaft stelle den geistigen und rechtlichen Rahmen dar, in welcher der Mensch lebt und handelt und zur Selbstverwirklichung findet. Zoon politikon – ein „geselliges Wesen“ also wären wir, oder noch freier übersetzt und oft auch als Definition für unsere eigene Spezies verwendet: „Der Mensch ist ein von Natur aus geselliges Wesen“.

Und ob wir das sind! Denn wer wollte sie zählen, alle diejenigen, die zu uns gehören und wir zu ihnen, alle, die wir kennen, die wir uns einander grüßen? Hunderte sind es, Tausende vielleicht. Andere zu mögen und sich mit ihnen zu gesellen, ist auch aus heutiger Sicht eine der charakteristischsten Eigenschaften von uns Menschen. Allemal die wohl liebenswerteste. Jedoch stehen wir damit nicht alleine da. Die Neigung zur Gesellung teilen wir mit vielen Tieren, und so eben auch mit unseren nächsten tierischen Verwandten. Geselligkeit ist ein Markenzeichen für sämtliche Affenarten. Für die äffische Sippschaften aber bleiben die Kontakte immer überschaubar. Man „laust“ sich halt, und das nur mit den Allernächsten. Zu ihnen zählen die Familie und ein paar Angeheiratete.

Moderene Lausungsgesellschaften

Intimkreise kennen wir auch von uns.  Wie bei den äffischen Verwandten gehören die Familienmitglieder dazu, außerdem einige wenige Freunde. Nur selten geht es hier um Haar- oder Hautpflege, stattdessen teilt man Leid und Freud und liest sich, wenn nötig, auch mal die Leviten. Die Sorgen, die einen umtreiben, werden gebeichtet, man zeigt die Schrammen, die einem das Leben so zufügt, und besonders gern auch Erfolge. In diesem Kreis wird man verstanden, ohne geheucheltes Mitleid befürchten zu müssen oder vorgespiegelte Mitfreude. Zumindest gibt es gute Gründe, das zu hoffen. Jeder sollte sich einmal fragen, aus wie vielen Partnern seine eigene Lausungs-Gesellschaft besteht. Sind es fünf oder acht, oder nur zwei? Ein einziger Mensch vielleicht? Oder gar niemand? Sie, verehrte Leserin, verehrter Leser, haben darüber noch nie so richtig nachgedacht? Aber das ist wichtig. Familie und Freunde zu haben, erhält gesund! Selbst Hund oder Katze sind dafür gut.

Wie sich Freunde auf unsere Gesundheit auswirken und ob überhaupt, dazu gibt es neben unzähligen Beobachtungen und Behauptungen recht verlässliche Statistiken. Auch entsprechende Tests. Sie alle ergeben: Freunde heben das Wohlbefinden, Stress wird abgebaut, der Blutdruck normalisiert sich, die Immunabwehr wird verstärkt. US-amerikanische Autoren der Universität von Utah haben eine umfangreiche Übersichtstudie (doi.org/10.1371/journal.pmed.1000316) angefertigt, die belegt, dass Freunde zu haben sich sogar in einer verminderten Häufigkeit von bösartigen Tumoren widerspiegelt. Zur Begründung der positiven Effekte werden gern Auswirkungen auf den Hormon- und den Immunstatus herangezogen, da diese am ehesten belegbar sind. Zum Beispiel lässt sich nachweisen, dass bei emotionaler Zuwendung die Konzentration des sogenannten Liebes- oder Vertrauenshormons Oxytocin im Blut ansteigt, ebenso die der Endorphine („Glückshormone“), während umgekehrt der Spiegel des Stresshormons Cortisol fällt. Und zwar sowohl auf Seiten des Empfängers wie auch bei dem, der Zuneigung spendet. Bei Streit passiert das Umgekehrte, überhaupt immer dann, wenn negative Emotionen ins Spiel kommen.

Freunde zu haben ist gesund

Beobachtungen solcher und ähnlicher Art haben zu dem Begriff „soziale Ansteckung“ geführt. Sehr überzeugend lässt sich demonstrieren, wie bei Affen während der gegenseitigen Fellpflege die Konzentration von Oxytocin und Endorphinen im Blut ansteigt. Auch im Gehirn. Nicht nur bei denen geschieht das, die „gelaust“ werden, gleichermaßen bei denen, die den Partner bearbeiten. Selbstlosigkeit hat also seinen Selbstzweck! Entsprechend gibt es Untersuchungen zu den Blutspiegeln für Menschen. „Does Hugging Provide Stress-Buffering Social Support?(Haben Umarmungen einen stressmindernden sozialen Effekt?), fragten sich unter der Leitung von S. Cohen eine Gruppe US-amerikanischer Psychologen (Psychological Science 26, 135–147, 2016) und wiesen nach, dass die Ansteckungsrate von Versuchspersonen, wurden sie experimentell einem Erkältungsvirus ausgesetzt, umso geringer ausfiel, je öfter sich die Leute umarmten! Andererseits geht von Menschen, die schlecht drauf sind und dazu neigen, uns stets und ständig mit ihren Nöten zu nerven, eine eher ungünstige gesundheitliche Wirkung aus. Auch das lässt sich objektivieren. Man hüte sich also vor Geburtstagsrunden, bei denen fortwährend über Tod, Krankheit und sonstige Unannehmlichkeiten geredet wird! Könnte man meinen. Vielleicht stimmt auch das Gegenteil, denn die Schilderung von Unangenehmen vermag beim Gegenüber Positives bewirken. Man freut sich, dass es einem besser als dem Anderen geht, oder auch darüber, dass man mit seinem eigenen Ungemach nicht alleine dasteht.

Nicht alle Menschen, die wir kennen, gehören zum engeren Freundeskreis, natürlich nicht. Selbst dann nicht, wenn wir sie gut kennen. Für durchschnittlich 150 Personen soll unser Gehirn eine nähere Bekanntschaft bewältigen können. Das entspricht der Größe eines durchschnittlichen Dorfes. Mit ihnen pflegen wir dann und wann einmal geselligen Umgang, wir kennen ihre Namen (auch wenn wir im Moment nicht gleich draufkommen), wir wissen um ihre Eigenheiten – nicht nur um positive, vielleicht nehmen wir lieber noch nachteilige zur Kenntnis? –, und mit wem diese Leute sonst alles noch in Verbindung stehen.

Auch Ungleich zieht sich an

Ab und an finden sich Menschen, denen wir gern näher kämen. Durchaus geht es uns nicht immer um möglichst Gleichartige, nein, Ungleich hat auch seine Reize. Mann und Frau ziehen einander wohl gerade deshalb an. Dennoch haben Kontakte zu Menschen gleichen Geschlechts ihren besonderen Reiz. Da kann man sich gegenseitig mal so lausen, wie das mit dem Partner des anderen Geschlechts nicht geht. Frauen machen das am liebsten mittels zeitaufwändiger Telefonate oder bei Kaffee und Kuchen, Männer tendieren eher dazu, gemeinsam etwas unternehmen. Skaten zum Beispiel oder im Sport- oder Philatelistenverein. Bei Streit reden sie schon mal Tacheles, Frauen gehen ihm lieber aus dem Weg.

Nicht zu vergessen die Scheinbeziehungen zu Prominenten, zu Menschen, die man nur aus der Zeitung oder dem Fernsehen kennt. Auch wenn das reine Einbahnstraßen sind, beim öffentlichen Tratsch spitzt man genauso die Ohren, als wenn es Neues aus dem Kreis der Freunde und persönlich Bekannten zu erfahren gäbe. Wer gern etwas von sich selbst loswerden möchte, muss das ja nicht den Prominenten sagen, die einen sowieso nicht kennen, nein, dafür genügt dann wieder der eigene Kreis.

Wir können uns ja nicht mit jedem lausen

Und wie verhalten wir uns in Großgesellschaften mit ihrem Übermaß an Kontaktangeboten? Wir schotten uns ab. Jeder Großstädter kennt das, mittlerweile auch jeder Dörfler, da er ja ein Handy hat und jederzeit und allerorten von jederfrau und jedermann erreichbar ist. Nein, sagen wir uns, wir können uns ja nicht mit jedem lausen! Es sei denn, pure Höflichkeit zwingt dazu, und dann eben nur ausnahmsweise. Umgekehrt, trotz Hochbetriebs rundherum mag für unsereiner niemand da sein, eben weil sich die Anderen alle abschotten.

Manch einer findet niemand zum Lausen, weil er ein Langweiler ist. Dann sollten sich für ihn andere Langweiler finden, denn gewöhnlich langweilen sie sich unter einander nicht. Viele, die eigentlich auf Kontakte aus sein müssten, halten sich dennoch zurück. Entweder sind sie schüchtern oder kriegen es einfach nicht hin, Sympathien zu erlangen. Oder sie leiden unter der Einsamkeit nicht, weil sie einsame Käuze sind, Eigenbrötler, womöglich ergötzen sie sich an dem Wahlspruch: Je klüger, umso einsamer. Gleichwohl, was kümmert diese Leute die Anderen, was kümmert sie die Welt! Schlimmstenfalls so lange nicht, bis umgekehrt sie dann irgendwann mal die Welt brauchen.

Das echte Zoon politikon verhält sich anders. Menschen dieses Typus‘ kümmert der Zustand ihrer Gesellschaft. Sie tun Gutes, hoffen mit ihrer Polis, bangen um sie und lassen sich die Verfassung ihres Gemeinwesens nicht schönreden, wenn sie nicht schön ist oder nicht schön genug. Mit anderen Kümmerern rückt man sich dann gegenseitig auf den sozialen Pelz und bildet politische Lausungsgesellschaften. Im engsten Kreise nur oder auch in größeren Zirkeln, mitunter in großen Internet-Foren, den digitalen Lausungsgesellschaften unserer Zeit.

Professor Gerald Wolf ist Hirnforscher und emeritierter Institutsdirektor. Er widmet sich in seinen Vorträgen und Publikationen und regelmäßig im Fernsehen (MDR um 11, Sendung „GeistReich“) dem Gehirn und dem, was es aus uns macht. Neben zahlreichen Fachpublikationen und Fach- und Sachbüchern hat er auch drei Wissenschaftsromane veröffentlicht.

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