Der Termin liegt bald eine Woche zurück. Die Sonntagsreden sind gehalten und verhallt. Siebzig Jahre Grundgesetz abgefeiert, als sei es um die Straßenverkehrsordnung oder einen Verein zur Pflege des Brauchtums gegangen. Im Garten des Bundespräsidenten trafen sich Angela Merkel und Roland Kaiser bei Kaffee und Kuchen. Die Maisonne strahle über berüchtigten, berühmten und weniger berühmten Gästen sowie über Lieschen Müller und dem kleinen Mann der Straße. Von einer „wunderbaren Tafel“ sprach die Kanzlerin nachher.
Ob sie zuvor selbst einmal in das gefeierte Gesetzeswerk geschaut hat, wissen wir nicht. Spielt auch keine Rolle. Über ihr Verhältnis dazu ist genug gesagt. Dass sie mit dem Text wenig anzufangen weiß, nie begreifen konnte, was da geschrieben steht, pfeifen mittlerweile die Spatzen der eigenen Partei von den Dächern. Die meisten ihrer Kollegen mögen das sogar gut verstehen. Spricht doch wenig dafür, dass die politische Klasse generell in der Sache noch sonderlich belesen ist. Bis zu den Artikeln 56 und 64 scheinen die wenigsten vorgedrungen zu sein. Der darin festgeschriebene Amtseid, demnach die Mitglieder der Regierung ihre „Kraft dem Wohl des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden“ sollen, ist längst ein frommer Wunsch geworden, für viele unvereinbar mit der persönlichen Karriereplanung, den Belangen der Parteien oder der Europäischen Union.
Mit dem Grundgesetz ins Bett
Ober sticht Unter, die Realität das Gesetz. Kein Grund also, sich länger durch den Paragraphen-Dschungel zu schlagen, nicht einmal für den Bürger. Wer, Hand aufs Herz, würde noch mit Grundgesetz unterm Kopfkissen einschlafen, obwohl es doch genug Anlässe gäbe, nach der Deckung des politischen Handelns durch die Verfassung zu fragen. Ob großen Teilen des Volkes als Souverän überhaupt noch bewusst ist, welche Freiheiten das Grundgesetz den Bürgern zusichert.
Man lese nur Artikel 5, wo es heißt: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten“. Wie kann es da sein, dass just einen Tag vor Steinmeiers Kaffeeklatsch zum Siebzigsten des Grundgesetzes bekannt wurde, nur noch 18 Prozent der Deutschen würden es noch wagen, sich im öffentlichen Raum frei zu äußern. Glauben wir der repräsentativen Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach, dann zieht sich eine Mehrheit von 58 Prozent in die Familien oder den Freundeskreis zurück, wenn sie über „Tabuthemen“ wie Islam oder Flüchtlingspolitik sprechen will: die freie Meinungsäußerung hinter vorgehaltener Hand.
Vergessene Freiräume
Gut möglich, dass manche schlichtweg vergessen oder nie gewusst haben, welche Freiräume ihnen das Grundgesetz garantiert. Die Jüngeren zumal dürften davon im multikulturellen Schulunterricht wenig mitbekommen haben. Ebenso und wahrscheinlicher ist jedoch, dass die Bürger, Frauen und Männer, das Vertrauen in eine Verfassung verlieren, auf die das politische Gewerbe selbst nicht mehr viel geben mag – bei einer autokratisch verfügten Grenzöffnung nicht anders als beim Verhökern des Volksvermögen für die Schnapsidee vom vereinten Europa.
Der Fisch aber, hat uns Brecht gelehrt, stinkt stets vom Kopfe her. Der Bundespräsident höchstselbst versprach seinen Gästen an der Kaffeetafel zur Feier des Grundgesetzes, dasselbe „auf die Probe“ zu stellen. Denn: „Freiheit braucht Regeln.“ Und offenbar sollen das andere sein, als sie mit der Verkündigung des Grundgesetzes am 23. Mai 1949 aufgestellt wurden. „Das Verfassungswerk“ müsse sich „fortentwickeln“, sagte die Kanzlerin. Ein Schelm, dem dabei Böses schwant, eine historische Rolle rückwärts nach Jahrzehnten ungeregelter Meinungsfreiheit.
Beitragsbild: Jake Barreiro via Wikimedia Commons

Redefreiheit ist durch das Grundgesetz NICHT garantiert, da diese durch Gesetze eingeschränkt werden kann. Im Bezug auf Redefreiheit gibt es nur zwei mögliche Positionen: Entweder man ist ein Absolutist, vertritt also unbeschränkte Redefreiheit und gegen jede Art der Zensur, oder man befürwortet Zensur. Sobald man irgendeine Art der Zensur befürwortet, ist Redefreiheit jedoch defacto abgeschafft, da es keine objektiven Unterscheidungskriterien zwischen verschiedenen Arten der Zensur gibt, und subjektive Kriterien alles bedeuten können. Man kann schon allein mittels "Jugendschutz" nahezu jede beliebige Rede verbieten, da ein solches Recht immer eine Sache der Auslegung ist, und der kreativen Auslegung und Anwendung von Rechtsvorschriften keine Grenzen gesetzt sind. Dementsprechend sehe ich keinen Konflikt zwischen dem Schulalltag und dem Grundgesetz. Dies heißt nicht, dass ich die Konditionierung auf einseitige und unvernünftige Denkweisen gutheiße, die in Schulen stattfindet. Im Gegenteil. Aber ich verherrliche oder idealisiere eben auch nicht das Grundgesetz, oder die "Demokratie", wie es so häufig geschieht, sondern bemesse den Wert dieser Dinge anhand ihrer Resultate, die sich in der objektiven Realität wiederspiegeln. Daraus folgernd, würde ich es begrüßen, wenn der politische Diskurs anhand objektiver Daten geführt werden würde, und nicht anhand subjektiver Werte, was ebenfalls die Grundwerte, die man unserer Demokratie gerne unterstellt, einschließt. Ich habe nämlich schon lange den Eindruck, dass in der Situation, die durch Grundgesetz und Demokratie hergestellt wurden, Vernunft und Realitätsbezug untergehen. Die Tatsache, dass dies eine zutiefst antidemokratische Äußerung ist, legt nahe, dass das Grundgesetz im direkten Konflikt zur Vernunft und zur Realität steht.
Sehr richtiger Artikel. Aber wir sehen ja am Wahlverhalten, dass das nur noch wenige Bürger interessiert. Deutsche wollen an die Hand genommen und geführt werden. Ob dabei die Demokratie den Bach runtergeht ist nicht von Belang. Und das Grundgesetz stört auch nur.
Mich in der trügerischen Sicherheit wiegend, dass meine Frau und ebenso der schmale Rest der Familie ACHGUT nicht zu frequentieren pflegt, gestehe ich mit schlotternden Knien und bebendem Kinn: jaaaa (Herr vergib mir!), ich haaabe AfD gewählt! Scherz beiseite, mittlerweile fühle ich mich fürchterlich isoliert, in dieser s.g. Demokratie (Pruuuust). Ein neues, tausendjähriges Reich bahnt sich an, nur diesmal eben von links. Wieso lernt dieses Land nichts dazu? P.S.: soeben bekam ich aus Versehen einige Monologfetzen der merkelschen Rede vor der Elite-Uni mit. Zum Glück lag die Fernbedienung näher als die Cola-Flasche. Das Gerät war teuer ...
Dank Merkels Politik wird das Grundgesetz keine 100 Jahre durchhalten. Eher wird sie schon vom Scharia verdraengt.
@Rainer Niersberger: "das GG ... geschliffen" - meinen Sie womöglich, das BVerfG habe die/einige Artikel geschärft, ihre Wirksamkeit damit erhöht? Ich hoffe das sehr. Sicher haben Sie nicht gemeint, das BVerfG habe Teile des GG geschleift, also eingerissen, so wie man früher eine Burg, eine Festung etwa geschleift hat - mit langen Seilen, die mit einer Schleife um die Zinnen etwa sodann von starken Pferden hau ruck, schon bröckelt's. Du musst nur die Arbeu(!)tspferde, auch als "Bürgende" nach Paetow bekannt, ordentlich auf den Arsch hauen, schon geht's. Oder so wie ein Metzger, der eine Sau an einem Seil davon schleift, um sie sodann mit seinem geschliffen scharfen Metzgermesser zu stechen - sofern keine Saufeder zur Hand. Einmal noch kurz gequiekt - suum cuique, vulgo: Die Sau quiekt.
Bleiben doch wahrlich keine Fragen ungeklärt: Die Schwafler, dampfplaudernden Regierungshalunken, wollen endlich die lästigen Reste des Alten und Bewährten beseitigen, regelrecht löschen aus dem kollektiven Gedächtnis. Ersetzt wird das Ganze durch Multikulti-Floskeln, Buntheit, Vielfalt, Anti"Rassismus" und Islamapologetik. Wenn die Herrschaften sich stark genug fühlen (dafür saufen sie sich mithilfe eines immer mächtiger werdenden, schon lang nicht mehr demokratisch im Interesse irgendeines Volkes agierenden EU-Brüssel Mut an), geht's an die Demokratie an sich - und die letzten Reste jeglicher Meinungsfreiheit. Das alles mit demselben "guten" Grund: Damit "die Rechtspopulisten" nicht an die Macht kommen können und keinen negativen Einfluss mehr haben können....
Anderer Meinung, Herr Rietzschel , mindestens bei Ihrer Aussage zum Amtseid