P. Werner Lange, Gastautor / 05.01.2021 / 06:00 / Foto: Pixabay / 30 / Seite ausdrucken

Die Pest in Neapel – über ahistorische Vergleiche

Im März und April 1656 wollen viele Einwohner Neapels einen ungewöhnlich großen Hund gesehen haben, der das Fleisch der Leichname frisst, die in den Tuffsteinhöhlen im Norden der Stadt beerdigt werden. Der Hund, so sagen sie, könne nur der Teufel sein, denn er werde trotz seiner furchtbaren Mahlzeiten nicht krank wie einige jener Menschen, die zuvor die Verstorbenen berührt hatten. Die Geschichte wird bald überall erzählt und um grausige Einzelheiten vermehrt. Demnach hätten die Toten Geschwülste und Schwären eines bislang unbekannten Übels gezeigt, und es schleiche inzwischen nicht allein der Teufel durch die Gassen, sondern französische Spione seien ertappt worden, als sie Brot und Öl vergifteten. Überdies habe man Juden bemerkt, die sich an den Brunnen zu schaffen machten. Obwohl die Juden Neapels schon 1541 vertrieben worden sind, behaupten mehrere Augenzeugen, Männer mit Schläfenlocken hätten unter Beschwörungen seltsame Amulette in das Wasser geworfen.

So gern die Herrschenden das Volk auch einschüchtern und ihm ein Schreckgespenst vorgaukeln, weil so etwas vereint und es sich damit widerspruchslos regieren lässt – zu einer Panik darf es nicht kommen. Der seinerzeitige machtvollste Aufstand der Neapolitaner gegen die spanische Fremdherrschaft und die damit verbundenen Steuerlasten liegt erst neun Jahre zurück. Nein, Panik wegen einer rätselhaften Krankheit kann Garcia de Avellaneda y Haro, spanischer Vizekönig im Königreich Neapel, nun wirklich nicht gebrauchen. Er hat deshalb einen Arzt des Hospitals der Annunziata namens Giuseppe Bozzuto verhaften und im Castel Capuano einkerkern lassen. Denn Bozzuto meldete bereits im Januar, er habe einen in der Annunziata verstorbenen spanischen Soldaten untersucht, der eindeutige Merkmale der damals in Medizinerkreisen längst bekannten Pest aufwies. Bozzuto stirbt bald darauf in der Haft an der von ihm erkannten Seuche.

Im Neapel des Jahres 1656 gehen weiterhin Gerüchte über sonderbare Todesfälle um. Besonders der dicht besiedelte Stadtteil Lavinaio soll betroffen sein. Das erscheint möglich, denn bis zur Mitte des Jahrhunderts ist die Bevölkerung Neapels, der neben London und Paris volkreichsten Stadt Europas, auf etwa 450.000 Einwohner angewachsen. Insbesondere der Vesuvausbruch von 1631, bei dem mindestens vier-, den verschiedenen Quellen zufolge vielleicht auch sechs- oder zehntausend Menschen in den am Vulkan liegenden Dörfern umkamen, trieb Landbewohner in die Stadt. Weil aber Krone und Magistrat den Bau von Wohngebäuden außerhalb der Stadtmauer verbieten, leben die weitaus meisten Neapolitaner in Häusern mit vier, fünf oder sechs Stockwerken: in Häusern ohne sanitäre Einrichtungen, ohne Wasseranschluss. Die nur über enge Stiegen erreichbaren Wohnungen sind schimmlig und dunkel, Mäuse, Ratten, Flöhe und Wanzen gehören zu den Mitbewohnern. 

Ein weit geöffnetes Tor für die Seuchen der Welt

Ebenerdig und leichter zugänglich liegen Spelunken, vor denen sich, wie in den Hauseingängen, tausende Huren, Taschendiebe und Bettler, aber auch jene aufhalten, die auf der Suche nach irgendeiner bezahlten Arbeit sind. Daneben bieten Fleischer, Bäcker, Wein-, Öl- und Fischhändler ihre Waren an, während Kesselflicker, Drucker, Schneider, Weber und Seidenspinner nebst anderen Handwerkern aller Art in kleinen Werkstätten ihrem Beruf nachgehen. Vermutlich war auch der von Doktor Bozzuto untersuchte Soldat zuvor in Lavinaio, besuchte vielleicht ein liederliches Frauenzimmer oder hat sich seine Bota mit Wein füllen lassen.

Nirgendwo weit entfernt ist der Hafen – ein weit geöffnetes Tor für die Seuchen der Welt, wo sich um Waagen und Getreidespeicher die mit den Schiffen kommenden Ratten sammeln, bevor sie in die Stadt ausschwärmen. Eigentlich ist vorgesorgt worden: Schiffe aus verdächtigen Gegenden – auf Sizilien, in Spanien und in Südfrankreich hat es während der Jahre zuvor Pestepidemien gegeben – müssen vor der Insel Nisida ankern. Heilkundige überprüfen die Besatzungen, und sofern dabei Erkrankte bemerkt werden, kommen sie in das Lazzaretto genannte Quarantänehospital auf dem nahen Felsen Chiuppino. Das sind damals übliche Vorschriften, wie sie auch auf der Lazarettinsel vor Venedig herrschen. Dergleichen gilt aber offenbar nicht für die spanischen Soldaten, die – wie Bozzutos Patient – von der Garnison auf Sardinien herüberkommen. Es gilt natürlich auch nicht für die Ratten, mit deren Flöhen Yersinia pestis die Stadt erreicht: der Pestbazillus, ein Stäbchenbakterium, das erst am Ende des 19. Jahrhunderts von einem Schweizer Arzt entdeckt werden wird.

Noch im März bemerken Einwohner ein ungewöhnliches Rattensterben und ahnen nicht, dass sie die nächsten Wirte für Yersinia pestis sein werden. Zu zögerlich sind die Maßnahmen der Krone, als sich die Todesfälle häufen: Zunächst werden die Stadttore geöffnet, sodass die Seuche sich bald über ganz Kampanien verbreiten kann. Selbst die Inseln Capri, Procida und Ischia bleiben nicht verschont. Dann wiederum hält man die Tore geschlossen, tötet streunende Hunde und fängt endlich die überall umherlaufenden Schweine ein. Erst als der Apostolische Nuntius den Vizekönig sehr bestimmt zu energischem Handeln auffordert, wird eine oberste Gesundheitsbehörde, genannt Magistrato della Sanitá, nach Vorbildern in Florenz, Genua und Venedig gegründet.

Um deren Beschlüsse auszuführen, werden schließlich tausende Sträflinge freigelassen – seit die Galeeren aus der Mode kommen, sind das nicht nur Vorfahren der handfertigen neapolitanischen Taschendiebe, sondern auch eingefleischte Halsabschneider. Sie müssen künftig Abwasserkanäle säubern, als Krankenpfleger, Ausräucherer und Quarantänewächter arbeiten. Vor allem sollen sie jedoch Leichname einsammeln und mit Hand- und Ochsenkarren in die Fledermaushöhle in Poggioreale oder in die Tuffhöhlen im Norden der Stadt schaffen, wo heutige Touristen im Cimitero delle Fontanelle schaudernd Berge von Gebeinen besehen. 

Es kommt zu Tumulten und Aufruhr

Das Leid jener Toten hatte schon wenige Stunden oder zuweilen erst Tage nach dem Flohstich mit starken Schmerzen, Fieber und Benommenheit begonnen, bevor es am Hals, in den Achselhöhlen oder in den Leisten zu Schwellungen kam. Es waren diese geschwollenen Lymphknoten, die der Seuche den Namen gaben: Beulenpest. Überdies gab es sehr selten die durch Tröpfcheninfektion übertragene Lungenpest. Die erwähnten Schwellungen eiterten und zerfielen schließlich und wurden, wie auch Hautflächen und Organe, von inneren Blutungen schwarz gefärbt. Die Verfärbung führte zu einem anderen Namen der Pest: Schwarzer Tod. 

Die hygienischen Maßnahmen – bald darauf kommt das öffentliche Abbrennen von Schwefel oder Teer zur Reinigung der Luft hinzu, während Hospitäler und die Wohnungen der Verstorbenen ausgeräuchert sowie ihre Möbel, ihr Bettzeug und ihre Kleidung verbrannt werden – dämmen den Verlauf der Epidemie nicht mehr ein. Sie erregen häufig sogar Widerstand. Oft vergessen Politiker – und die Gekrönten und ihr Gefolge in jener Zeit sind nichts anderes – über der Begierde nach Macht und Bewunderung ihre ersten und einzigen Pflichten: Wohlstand und Sicherheit in Freiheit für das Volk. Obwohl sie schwören, diesem Anliegen während ihrer Amtszeit nachzukommen, wenden sie sich stattdessen fast immer Luftschlössern oder dem Kampf gegen Krebse auf dem Mond zu. 

Im Fall des Vizekönigs de Avellaneda y Haro heißt das Luftschloss Mailand und ist von Neapel sehr weit entfernt. Die Menschen kennen solche Pläne nicht, aber sie sind zu oft belogen und hintergangen worden und haben immer wieder erfahren, dass ihr Dasein die Herrschenden allenfalls im Hinblick auf das Steueraufkommen interessiert. Längst verloren sie jegliches Vertrauen in die Obrigkeit, und so kommen weitere Gerüchte auf: Die tödliche Krankheit sei eine Folge von planvollen Vergiftungen, ausgeheckt von der Krone und der Stadtverwaltung, um die Armen auszurotten. (Eine solche Verschwörung vermutet die Bevölkerung Neapels ebenso während der Choleraepidemie 1884, und es kommt auch dann zu Tumulten und Aufruhr.)

Im Mai bricht das Lamm das vierte Siegel: „Und ich sah, und siehe, ein fahles Pferd. Und der darauf saß, des Name hieß Tod, und die Hölle folgte ihm nach.“ (Offenbarung 6,8) Täglich sterben nun mehr als hundert Menschen, dann bald tausend, und aller Ätzkalk ist verbraucht. Ein aus Neapel kommender Seemann, so heißt es später, bringt in jenem Monat die Pest nach Rom. Der Adel flieht unterdessen auf seine Landsitze. Hochstehende Würdenträger wie Ascanio Kardinal Filomarino, Erzbischof von Neapel, ziehen sich hinter die hohen Mauern der Kartause San Martino zurück, um dort für das Seelenheil der Ausgesperrten zu beten. 

Gekleidet in einen Mantel aus gewachster Leinwand

Zahlreicher sind freilich selbstlos und hilfreich handelnde Mitmenschen: Darunter die niedere Geistlichkeit, Nonnen, Mönche, die Angehörigen der religiösen Orden und Bruderschaften, Ärzte, Apotheker, Bader und Krankenpfleger, die in den Hospitälern der Stadt tätig sind. Unter diesen meist von religiösen Orden unterhaltenen Häusern sind sehr alte Einrichtungen wie Sant'Eligio, wo schon verwundete und erkrankte Kreuzritter behandelt wurden, und moderne wie der Ospedale dei frati Ospedalieri di San Giovanni mit einem 60 Meter langen Krankensaal, der von einem balkonartigen Umlauf umgeben wird, sodass man sich Patienten mit ansteckenden Krankheiten möglichst selten nähern muss.

Die größte Last trägt während der Pest jedoch wohl der ausgedehnte Complesso degli Incurabili, eigentlich zur Pflege von Menschen gegründet, die als unheilbar gelten: Opfer der Lepra und der Syphilis. Elf Hospitäler sind es am Beginn, zwei kommen im Verlauf der Epidemie noch hinzu, und als das nicht ausreicht, nutzt man zudem große Häuser wie den Palazzo Cellamare. Schließlich werden auch die Stufen vor dem Dom und vor anderen Gotteshäusern zu Spitälern. Da sind die Kranken ohnehin der gnadenreichen Jungfrau näher, die vielleicht Gottes Zorn abwenden kann. Das ist besser, als dem Stöhnen der Sterbenden, dem Gestank schwärender Wunden oder den Übergriffen brutaler Pfleger ausgesetzt zu sein, die es nicht erwarten können, dass die Hand sich löst, mit der jemand seine letzten Habseligkeiten umklammert.

Die auffälligsten Gestalten unter dem Personal sind die Pestärzte, gekleidet in einen Mantel aus gewachster Leinwand und weiterhin durch Maske, Schutzbrille und Handschuhe geschützt. Die Masken sind häufig mit einem großen Schnabel verbunden, mit dem – wie mir ein Spaßvogel im Medizinhistorischen Museum Neapels erzählte – der Arzt an die Haustür klopfte, damit man ihm öffnete und er die Klinke nicht berühren musste. Eine wunderbare Szene für Totò, aber stattdessen nahm der Schnabel ätherische Öle und Kräuter auf, die das Einatmen von Krankheitserregern verhindern sollten. Man glaubte ja, die Pest werde von „unreinen Ausdünstungen“, von „Miasmen“ hervorgerufen. In den Spitälern brannten deshalb Pfannen mit Lorbeer, Wacholder, Rosmarin und anderen stark duftenden Pflanzen. Uns blieb von den „Miasmen“ das Wort „Pesthauch“, und auf Gemälden damals tätiger Maler sehen wir Leichenträger, die sich mit Masken vor diesem Hauch zu schützen suchen.

Helfen können die Pestärzte freilich kaum. Ihre Kunst bleibt auf Essigwaschungen, Aderlässe und Schröpfegel – „faulendes Blut“ soll durch frisches ersetzt werden –, die uralte Universalmedizin Theriak und darauf beschränkt, dass sie die Geschwülste aufstechen. Letzteres soll in wenigen Fällen helfen, wenn die Wunde anschließend mit Pestsalbe, Pestwasser oder Wundermitteln wie Skorpionöl oder kleingehacktem Vipernfleisch versorgt wird. Auch enthalten die Heilmittel häufig Arsen oder Opium. Vermögende Patienten bekommen überdies eine kostspielige Medizin aus Nashornpulver oder zerstoßenem Smaragd. Das Beste, was ein Arzt derzeit tun kann, wäre allerdings, dass er den Behandelten von anderen Menschen fernhält. Aber das weiß noch niemand.

Die Körper Verstorbener werden aus den Fenstern geworfen

Inzwischen übertragen längst Menschenflöhe, die zuvor Pestkranke befielen, mit ihren Stichen Yersinia pestis, während die Behandlung in Hospitälern sowie Bittgottesdienste und Prozessionen immer mehr Menschen zusammenführen. Als die heißesten Wochen des Sommers kommen, liegt das Geschehen bald jenseits unserer Vorstellungskraft. Es sterben nun Tausende an jedem Tag, und es gelingt längst nicht mehr, alle Leichname aus der Stadt zu bringen. Die Körper Verstorbener werden zumeist vor den Häusern abgelegt oder aus den Fenstern geworfen. Vermummte Gestalten schleifen die Leichen dann mit Haken zur nächsten Sammelstelle, an der sie verbrannt oder auf Karren verladen werden. Wo man das Geschehen noch beherrscht, da werden die Türen der betreffenden Häuser mit Kreuzen markiert und vernagelt.

Für die Verpflegung verbliebener Bewohner zahlt und sorgt die Stadtverwaltung. Sofern das noch möglich ist – Lebensmittel sind seit dem Ausbruch der Seuche gehortet und verteuert worden, der weitaus größte Teil der Neapolitaner lebte schon zuvor von der Hand in den Mund, besitzt im Gegensatz zu Kaufleuten und vermögenden Bürgern keine Ersparnisse und hat nun auch noch die Arbeit verloren. Allerdings hält nicht einmal der Hunger dieser Menschen ihre Obrigkeit von grotesken Aktionen ab: Zum Beispiel werden Berge von Klipp- oder Stockfisch – noch heute ist bacalao alla napolitana ein Traditionsgericht der neapolitanischen Küche – öffentlich verbrannt, weil man den getrockneten Fischen irgendeine Rolle bei der Verbreitung der Pest nachsagt.

Im Juli sterben manchmal bis zu zehntausend Menschen am Tag. Die Chronisten legen nun die Federn aus den Händen, denn niemand vermag noch den Schmerz, den Verlust von Würde und Achtung zu schildern, die nunmehr selbst jene trennen, die einander liebten. Es ist bezeichnend, wenn es künftig auch den talentreichsten Dichtern, Musikern und bildenden Künstlern kaum gelingen wird, ein lebensnahes Bild jener Wochen zu vermitteln, obwohl sie Augenzeugen waren. Großartige Maler wie Luca Giordano hinterlassen uns zumeist – sicherlich den Wünschen der Auftraggeber entsprechend – Allegorien, religiös überhöhte Darstellungen.

Die Leidenden und die Toten finden sich nur im düsteren unteren Bildteil, im Augenblick vor dem Fall ins Fegefeuer. Mattia Preti steuert zwar vereinzelte „Szenen der Pestilenz“ bei, das Bild der Stadt schließen jedoch nur Carlo Coppola und insbesondere Domenico Gargiulo (Micco Spadaro) ein. Gargiulos Panorama Sterbender und Toter neben brennenden Leichenhaufen auf dem Largo Mercatello – heute Piazza Dante – mag auf den Betrachter besonders eindrucksvoll wirken, denn da sind sie alle vereint: Hügel aus Pestopfern sowie der umgestürzte Karren, mit dem sie gebracht wurden, der Mann, der seinen eigenen Sarg mit sich führt und einer, der herbeiträgt, was ihm das Liebste auf Erden war, der Säugling, der an der Brust seiner toten Mutter saugt und einer, der über der von ihm bewachten Truhe zusammengebrochen ist, umgeben von den Hilfreichen, den Ungerührten und den Plünderern.

Die Ohnmacht der Regierung erfahren

Im August fällt unvermittelt sintflutartiger Regen. Weil die Stadt den Golf wie ein Amphitheater säumt, bilden sich überall Sturzbäche, die Unrat und Leichen in das Meer spülen. Selbst der Chiavicone, der riesige unterirdische Abwasserkanal an der Via Toledo, hält dieser Gewalt nicht stand und gibt hunderte Leichname frei. Nicht nur dort geraten Palazzi und Wohnhäuser ins Wanken. Es wird kühl, und wie wir heute wissen, schränkt das die Verbreitung von Flöhen ein. Vor allem aber wollen fromme Chronisten wohl den Eindruck wecken, mit den Wolkenbrüchen habe nun der Himmel endlich Erbarmen gezeigt und die Seuche beendet. 

Krone und Magistrat erklären das Ende der Pest erst am 8. Dezember 1656. Erneut wird damit das Bestreben offenbar, einen himmlischen Fingerzeig zu bekunden: An diesem Tag feiern Katholiken das Fest Mariä Empfängnis. Auf der Festung Sant'Elmo donnern nun Kanonen, weithin dröhnen tausend Glocken, während sich vor der Kirche der Heiligen Jungfrau von Konstantinopel mit ihrem wundertätigen Marienbild ein Prozessionszug sammelt. Es sind wohl mehrere hundert Adlige, die dort mit brennenden Kerzen in den Händen demütig niederknien, bevor sie ihren Weg zum Königlichen Palast nehmen. Auf den Knien liegt freilich auch die Stadt. Selbst maßvolle Berechnungen ergeben, dass sie etwa 200.000 Menschen, Generationen fleißiger, handfertiger und zum Teil mit einzigartigen Talenten bedachter Bürger verloren hat. 

Zudem sind Gegensätze tiefer geworden. Zwischen Armen und Reichen ohnehin: Es wird nicht einmal ein Jahrhundert vergehen, dann nennt man das im Glanz seiner Künste und Kirchen strahlende Neapel die Stadt der fünfhundert Kuppeln. Aber im Schatten dieser Kuppeln liegen weiterhin düstere Viertel mit armseligen, schlecht ernährten Menschen, zehntausenden arbeits- und obdachlosen Lazzaroni, mit Huren und Strichjungen. Nicht allein die Armut, auch die Feindschaft zwischen Neapolitanern und Spaniern war im Verlauf der Pest wieder gewachsen, nachdem das Volk nicht allein die Tatenlosigkeit, sondern auch die Ohnmacht der Regierung erfahren hatte. Bildhaft erscheint diese Kluft auf dem erwähnten Gemälde Domenico Gargiulos in der Gestalt zweier Adliger in spanischer Tracht, die von ihren Pferden herab das Elend auf dem von Sterbenden und Leichnamen bedeckten Platz besehen.

Fürchtet euch nicht!

Zum Vorteil gereichte das Jahr 1656 hingegen der Geistlichkeit. Ein Grund dafür könnte unter anderem sein, dass zu den Bildern aus Pestzeiten gewöhnlich jenes der eifernden Priester gehört, die den Menschen zuschreien, ihr gottloses Verhalten habe die Heimsuchung herausgefordert. In unsere Zeit und auf einen anderen Berufsstand übertragen, kehrt der Vorwurf wieder, wenn zum Beispiel behauptet wird, die Ausbreitung von Coronainfektionen werde durch abweichende politische Anschauungen begünstigt. Stattdessen – und ich mag mich da irren – verkündeten die Priester, Nonnen und Mönche Neapels wohl jene Botschaft, die während einer Epidemie von ihnen erwartet werden durfte: Fürchtet euch nicht! Zudem litt die Geistlichkeit nicht weniger als das Volk und beklagte so viele Tote, dass der Klerus künftig um Geistliche aus anderen Landesteilen und Reichen werben musste. 

Die Flucht des Kardinalerzbischofs in die Kartause war schnell vergessen, zumal hunderte niedere Priester den Sterbenden die Sakramente gespendet hatten und wie die weitaus zahlreicheren Angehörigen religiöser Orden – dieser Kreis schloss ja meist das medizinische Personal ein – ihr Leben einsetzten, als sie Opfern der Epidemie beistanden. Von ihnen starben Tausende, darunter Klarissen, Karmelitinnen, Barmherzige Schwestern mehrerer Orden, Jesuiten, Dominikaner, Theatiner. Als Beispiel für sie seien hier nur die zweiundsechzig heilkundigen Kapuziner genannt, die allein im Hospital San Gennaro dei Poveri starben, während sie Leidende und Sterbende betreuten. Sie hätten in ihrem Kloster hoch über der Stadt ungefährdet das Ende der Seuche abwarten können. Die Leichname dieser Zweiundsechzig wurden hernach, aller Furcht vor Ansteckung zum Trotz, von ihren Glaubensbrüdern zur Ordenskirche Sant'Eframo Vecchio hinaufgeschleppt, um sie vor dem Massengrab zu bewahren. 

Das könnte ein Teil des Hintergrundes sein, vor dem künftig Spenden und Gelübde neue Kirchen, Klöster und prachtvolle Pestsäulen wachsen ließen. So bekam der Orden der Orsola Benincasa endlich – der Papst hatte den Schwestern noch misstraut und der Gründerin Verhöre und Teufelsaustreibungen auferlegt – ein gewaltiges Kloster mit zwanzig Metern hohen Mauern, und auch die Theatiner brachten nun das Geld für eine große Bronzeskulptur ihres Ordensgründers San Gaetano auf. 

Da steht er jetzt auf der gleichnamigen Piazza zwischen den kunstreichen Gotteshäusern San Paolo Maggiore und San Lorenzo Maggiore – das Gesicht dem Himmel zugewandt. Der heutige Betrachter weiß nicht recht, ob er das immer noch tut, um für die Erlösung von der Pest zu danken, oder ob es anklagend geschieht, weil unmittelbar neben ihm – wie so viele Kirchen Neapels – der Sacro Tempio della Scorziata verfällt. Ebenso nahebei, zwischen den Säulen von San Lorenzo Maggiore, begegnete übrigens Giovanni Boccaccio einst der schönen Fiametta, und damit begann die wohl am längsten währende platonische Liebe der Literaturgeschichte. Und nur Schritte vom bronzenen San Gaetano entfernt, vorbei an Straßensängern, lärmenden Händlern und Musikanten, erreicht man Santa Maria delle Anime del Purgatorio mit den vom vielen Streicheln blank polierten Totenköpfen aus Metall davor.

Vorübergehende legen immer wieder mit einer zärtlichen Geste die Hand darauf und lassen bisweilen eine Blume zurück. Die Kirche ist dem Gedenken an die Seelen im Fegefeuer gewidmet – und somit auch den vielen Pestopfern, die ohne Sakramente sterben mussten. In ihrer Krypta wird der mit einem seidenen Häubchen geschmückte Schädel Lucias aufbewahrt, einer jungen Frau, die erst sechzehn Jahre alt war, als sie mit gebrochenem Herzen starb. Wer sich ein wenig bemüht, etwas über die Geschichte von Neapels Altstadt zu erfahren, der hat nun schon alles gesehen, was das Menschsein bestimmt: die Hoffnung, die Freude und die Künste, die Liebe und den Tod. 

 

Redaktionelle Anmerkung: Schätzungsweise ein Drittel der europäischen Bevölkerung starb zwischen 1347 und 1353 an der Pest. Wirklich zuverlässige Opferzahlen gibt es nicht, die Schätzungen schwanken zwischen 20 und 50 Millionen Toten.

Literatur:

Argenziano, Salvatore e Aniello Langella: „La peste del 1656 a Napoli“, Magazine di Cultura Vesuviana (Maggio 2020), vesuviolive.it

Ehlert, Rebecca: „S. Maria del Pianto: Loss, Remembrance and Legacy in Seventeenth Century Naples“, http://hdl.handle.net/1974/903

Foto: Pixabay

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Oliver Günthner / 05.01.2021

Unzulässige [(a)historische] Vergleiche? Wie wäre es mit einer Parabel, zeitlich in die Moderne angepasst?! Parabeln zeichnen sich m.W.n. darin aus, dass sie zeitlos sind (oder Vergleiche eben in die Moderne übertragen werden). Okay, den meisten modernen Geisteswissenschaftlern kann man eine solch anspruchsvolle EIGENE Denkarbeit nicht zumuten ;-) Und wenn sie aus Versehen darüber stolpern, glauben sie, dass es ausreichend ist, den Inhalt wiederzugeben anstatt ihn wirklich zu verstehen (und günstigenfalls auch noch eigene Handlungen daraus abzuleiten) ...

N.Lehmann / 05.01.2021

Prima Artikel. Die Pestärzte Merkel, Lauterbach, Dorsten, Spahn, Marx, Bedford etc. kümmern sich in erster Linie um ihren Machterhalt und den Aderlass der verblödeten Bevölkerung. Berlin 2021! Unglaublich, wie sich mit vorsätzlichen Lügen diese Versager und kommunistischen Betonköpfe über dumme Schafe lustig machen. Erschreckend ist, dass auch 86% der Mittelschicht mitlaufen, ohne zu merken, dass sie verarscht und vernichtet werden. Die Verblödungs-Pest 2021 war schlimmer als die Chinesische-Covid-Grippe 2019, so wird es 2060 geschrieben stehen. Frau Schönfelder, Sie haben meine Unterstützung.

HaJo Wolf / 05.01.2021

@Kurt Schrader: hab auch gelesen, dass ich (bekennender AfD-Wähler) zur Verbreitung der Pest, äh, Corona-Pandemie entscheidend beitrage. NZZ ist von der Liste der lesbaren und ernst zu nehmenden Zeitungen verschwunden. Es war der letzte Eintrag, die Liste ist nunmehr leer. PS.: In meinem Wohnort ist KEIN )= Null, leere Menge, nichts) einziger “Infizierter” und erst recht kein n/wegen/durch Corona erkrankter. Gestorben ist mit/an Corona auch noch keiner. Und das, obwohl außer mir noch ein paar AfD-Wähler hier wohnen…

Sabine Schönfelder / 05.01.2021

Thomas @Schmidt, Sie outen sich hier in der Tat als Experte in „Beschränktheit“. Welch erschreckend einfältiges Palaver Ihrerseits aus ahnungslosem Munde, nur um ein bißchen am Pandemierädchen zu drehen. Natürlich ist mangelnde Hygiene immer ein Nährboden für Infektionen. Oder duschen Sie nicht, putzen sich nicht den Hintern ab und verzichten aufs Händewaschen? Je enger Menschen zusammenleben, desto eher wechseln Keime den Makroorganismus, denn Vermehrung ist deren Hauptanliegen. Das gilt auch für Tiere, die man innerhalb des großen Pandemiemärchens völlig vernachlässigt. Wäre bei einer echten Pandemie ein gefährliches Unterfangen. Dieser Erreger-Kontakt trainiert unser Immunsystem und erschafft ein immunologisches Gedächtnis sowie Herdenimmunität. Unser „Coronagedächtnis“ ist bereits vorhanden; auch für die übliche saisonale Neumutation. Leider muß ich Sie auch bei der exponentiellen Ausbreitung enttäuschen und verweise Sie hiermit auf das Buch von Herrn Hofmann-Reinecke: Grün und Dumm. Vielleicht kann diese Lektüre Ihnen helfen Ihre bemitleidenswerte Kenntnislosigkeit etwas abzumildern. Die neue Variante ist noch gefährlicher? Haben Sie das in England direkt erforscht oder ist das eine Ferndiagnose? Besonders geschmacklos und schon auf „Krematoriums- Niveau“ ist Ihr Vergleich mit den Toten aus dem Zweiten Weltkrieg. Messen Sie unbedingt Ihre Körpertemperatur und verlassen Sie bloß nicht das Haus. Sie hat es schwer erwischt. Sie sind krank. Corona, die neue Mutation….. hat offenbar cerebrale Auswirkungen, schlimm, schlimm, schlimm…..

Sabine Schönfelder / 05.01.2021

Eine ausgezeichnete Idee, Kurt@Schrader. Zwei Artikel im Jahr abseits des Mainstreams reichen m. E. NICHT aus, um dieses Schmierenblatt finanziell zu unterstützen. Habe zunächst die Papierausgabe und danach die Internet- Version abbestellt und erhalte TROTZDEM täglich einen Nachrichtenzusammenschnitt aus dem Hause NZZ. Reicht völlig aus, für die kleine Übelkeit ´danachˋ, und das kostenlos. An dieser durch und durch schwachsinnigen Nachricht, deren GIGA- Blödheitsgehalt man nicht einmal Jakob Augstein unterstellen wollte, scheidet sich politische Bösartigkeit von der professionellen Relotiuslüge, die mittlerweile Standard ist. Und glauben Sie mir, Augsteins Ausmaß an Dämlichkeit ist nur mit der Unendlichkeit des Weltalls annähernd zu beschreiben. Mit dieser Meldung demonstriert die NZZ ihre eindeutige politische und ich mutmaße auch finanzielle Abhängigkeit zum linken Kartell. Über irgendeinen Larry oder eine ´foundationˋ geriert sich dieses Blatt MAULGELD. Mit diesem Geld sollte die NZZ ´gut wirtschaftenˋ, denn die Abonnenten verabschieden sich sukzessive. Man gewinnt den Eindruck, daß man den ´ Liberale ˋ und den ´Konservative ˋ systematisch aus dem „Blätterwald“ vertreibt. FAZ, WELT, NZZ werden zunehmend „GELINKT“. In jeder Beziehung.

Thomas Schmidt / 05.01.2021

Seuchen haben also nur eine Chance wenn die Hygiene nicht stimmt, die Menschen in Elend und Dreck leben? Trifft manchmal sicherlich zu, aber längst nicht immer. Hatten die Ureinwohner Amerikas gerade eine wenig reinliche Periode, als sie mit Masern und Windpocken in Kontakt kamen? Was ist mit europäischen Wildschweinen und der afrikanischen Schweinepest? Ist in deutschen Wäldern die Dekadenz ausgebrochen, haben sich die Wildschweine zu viel im Dreck gesuhlt? Leider demonstrieren die, die sich zurecht über die Dummheit der Linken aufregen, beim Thema Corona ihre eigene Beschränktheit. Weder kapieren sie was bei verhältnismäßig geringer Mortalität und Gefährlichkeit, die jedoch deutlich über der Grippe liegt, eine ungehemmte exponentielle Ausbreitung bedeuten würde, noch scheinen sie verstehen zu können was für ein Tanz auf dem Feuer das Management einer solchen weltweit Pandemie in einer extrem vernetzten Welt mit 8 Milliarden Einwohnern ist.  Eine Mutation des Virus die ihn ansteckender und gefährlicher macht, und die Verluste von WW II wirken im Vergleich bescheiden.

Frances Johnson / 05.01.2021

Der größte Unterschied zu jeder Art von Grippe geht aus Ihren Ausführungen hervor: Im Winter besser, Flöhe lieben’s heiß.

lutzgerke / 05.01.2021

Und der fünfte Engel goß aus seine Schale auf den Stuhl des Tiers; und sein Reich ward verfinstert, und sie zerbissen ihre Zungen vor Schmerzen und lästerten Gott im Himmel vor ihren Schmerzen und vor ihren Drüsen und taten nicht Buße für ihre Werke. (Apk 16, 10-11) Die Strafe Gottes wird dieser Tage zuallererst vom Klerus verneint. Die Tragik könnte darin gipfeln, daß er sich zu weit in die Gebiete der Ungläubigen vorgewagt hat? Und den Ungläubigen damit den Boden bereiten, sich als falsche Christi zu generieren, wenn sie behaupten, Coronainfektionen würden durch abweichende politische Anschauungen begünstigt? Wäre ich der gefallene Engel Luzifer und empörte mich gegen die oberste Gottheit, wäre es da nicht folgerichtig, die Pharmaindustrie zu meinem Tempel zu machen? - P. Werner Lange hat die Pestilenz sehr lebendig zusammen gefaßt. Das liest man gerne. p.s Angela, angelus, Engel.      

Dr. med. Jesko Matthes / 05.01.2021

Atemberaubend, bestürzend, sachlich, melancholisch - wunderschön. Wie herrlich kann Sprache sein! Wenn sie dem machtlosen, unsichtbaren Beobachter der Vergangenheit gehört. - “Non val medicina / Non giova la China / Non si può guarire / Bisogna morire. / (...) Si more danzando / Bevendo, mangiando / Con quella carogna / Morire bisogna.” (Stefano Landi, Passacaglia della vita)

Gabriele Klein / 05.01.2021

Vielen Dank an den Autor für diese kurze, gründliche und dennoch sehr gut lesbare Arbeit, die mehr als nachdenklich stimmt und deren Inhalt man so schnell nicht vergißt.

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