Vera Lengsfeld / 25.07.2020 / 11:00 / Foto: Bildarchiv Pieterman / 5 / Seite ausdrucken

Ein Hauch Glyndebourne auf Schloss Heringen

Es gibt sie noch, die perfekten Sommerabende ohne Party-Randale, dafür mit bezaubernden Arien, gesungen von wunderbaren Stimmen. Dazu ein strahlend blauer Himmel, garniert mit leuchtenden weißen Wölkchen, die von den letzten Sonnenstrahlen beschienen werden über der Kulisse eines weißen Schlosses. Das erlebten die Glücklichen, die am Sonntag, den 19. Juli die Operngala des Theaters Nordhausen/Lohorchester Sondershausen besucht hatten.

Schloss Heringen, erbaut um 1320, ragt wie ein erhobener Zeigefinger aus der Ebene der Goldenen Aue. Von der wechselvollen Geschichte des Schlosses ist der interessanteste Abschnitt die Zeit zwischen 1598 und 1658. Nach dem Tode ihres Gatten erielt die junge Gräfin Clara Amt und Stadt Heringen als Wittum. Sie brachte fürstlichen Glanz in die Provinz. In ihrer Lebenszeit war das Schloss ein Hort der Kunst und Kultur.

Nach der gelungenen Rekonstruktion des Schlosses, das auch über ein sehenswertes Museum verfügt, schickt es sich an, wieder ein Refugium für die Künste zu werden. Es war eine gute Idee des TNLOS, seine „Feste der Stimmen“ in diese großartige Kulisse zu verlegen. Theater und Orchester meldeten sich damit nach der langen, quälenden Corona-Pause mit Engagement und vollem Erfolg zurück. Zum Glück erlaubt die Anlage, alle Hygienevorschriften zu erfüllen, ohne das Publikum zu sehr zu dezimieren. Es gibt drei Blöcke mit separaten Eingängen, die Zuschauer nehmen an Tischen Platz.

Da keine Gastronomie angeboten werden konnte, gestattete man den Opernfans, Picknicks mitzubringen. Das Konzept ging auf. Manche brachten sogar Tischdecken mit, andere tranken ihren Wein aus stilvollen Gläsern, reichten Kaviar und Wachteleier herum. Hier kommt der Hauch Glyndebourne ins Spiel. Im gleichnamigen Landhaus westlich von London finden alljährlich Opernfestivals mit Picknick statt. Nur mit der Eleganz konnte Heringen nicht mithalten. Aber dafür war es das erste Mal. Vielleicht kommen in den nächsten Jahren die Thüringer und ihre Gäste wieder auf den Geschmack, zu solchen Anlässen auch schöne, gern auch ausgefallene, Kleidung zu tragen.

Nach der Pause gab es ein regelrechtes Feuerwerk

Was auf der Bühne geboten wurde, erfüllte alle Erwartungen, die man haben konnte. Nicht nur ist das Lohorchester von hoher Qualität, dem Theater ist es gelungen, ausgezeichnete Sänger zu verpflichten, die auf jeder anderen Bühnen auch bestehen könnten.

Gleich zu Beginn setzte Carolin Schumann mit der Arie „Frag ich mein beklommenes Herz“ aus dem „Barbier von Sevilla“ Maßstäbe. Kurz danach bekam Kyoughan Seo für die Romanze des Nemerino aus „Der Liebestrank“ den ersten Bravo-Ruf.

Nach der Pause gab es ein regelrechtes Feuerwerk. Den Walzer aus Charles Gounods „Faust“ tanzten die Schwalben am Himmel bereits mit. Amelie Petrich wurde für ihre Arie der Julia aus Gounods „Romeó et Juliette“ bejubelt, ebenso Thomas Kohl mit einem Lied aus Giuseppe Verdis „Macbeth“. Aber klarer Favorit, auch der Schwalben, war Kyoughan Seo. Als er aus Bizets „Carmen“ die Blumenarie des Don José sang, verdreifachte sich ihre Zahl. Die Vögel schienen sich auf der Musik zu wiegen. Das Publikum applaudierte stürmisch. Mit Bizet ging es ins Finale, in dem Philipp Franke seine Zuhörer mit der Torero-Arie förmlich von den Sitzen riss. Es gab Standing Ovations, bis das Repertoire der Zugaben erschöpft war.

Leider war das die letzte Operngala in diesen Sommernächten, aber wer die Sänger und die magische Atmosphäre auf Schloss Heringen noch erleben möchte, kann das am 24. und 25. Juli bei der Musical Gala „Broadway forever“ oder bei der Operetten- und Schlagergala am 26. Juli.

Foto: Bildarchiv Pieterman

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Bastian Kurth / 25.07.2020

Sehr geehrte Frau Lengsfeld, wie schön, daß es noch solche Festivitäten (ich schreibe hier BEWUSST nicht “Events”) gibt. Das Schöne und Harmonische erhebt die Seele und nicht das Häßliche und Haßerfüllte und Spaltende. Bei allen Problemen unserer Tage, wir haben ein reiches Kulturerbe, daß es uns erlaubt mal durchzuatmen und uns unserer Herkunft und Traditionen zu erinnern. Diesen Schatz müssen wir mit allen Mitteln verteidigen gegen Ignoranten, Verleugnern und Ablehnern der westlichen Kultur. Danke für diesen schönen Beitrag!

Thomas Taterka / 25.07.2020

Und ich esse gerne Kuckuckseier und trinke dazu Champagner aus dem Pappbecher ( hab ich von Curt Bois gelernt ) . Gern schau ich mir dabei den ” Long Haired Hare ” auf daily motion an und sollte einmal das Busch - Quartett mit Rudolf Serkin oder irgendwas aus dem Umkreis von Glyndebourne ( gerne auch Artur Schnabel ) bei mir erklingen , so möchte ich dabei nicht gestört werden durch den Anblick von Czardes - Fürstinnen in aufdringlichen Abendkleidern. Auch Männer haben Gefühle und suchen die Nähe zu Gott. Allerdings nicht bei der Gala - Abendtoilette, die aus der vorderen Reihe in den Mondschein duftet.

Wolfhard Herzog / 25.07.2020

Eine kleine Anmerkung sei erlaubt: Glyndebourne liegt in East Sussex, östlich von Lewes, der Hauptstadt der Grafschaft. Von London aus muss man also direkt nach Süden fahren!

S.Clemens / 25.07.2020

/Sarc on: Das ist alles irrelevant. Eher übelkeitserregendes ausleben “weissen Privilegs”. Ist die Frauen und PoC Quote kontrolliert worden? Sowohl die vom Ensemble als auch die vom Publikum! Was sollen die Veganer sagen: Wachteleier!?! Warum wurde kein lesbischer Transkünstler, der traumatisiert ist durch Geschlechtswechsel und wieder Zurückwechsel wegen unterschwelligem Mobbing des neuen Geschlechts, welches er/sie sich nicht so vorgestellt hat und die Gesellschaft ihims keine Chance gegeben hat sihrse Bücher zu 6stelligen Honoraren zu verkaufen… DAS ist relevant! /sarc off

Peter Geiger / 25.07.2020

Besonders beeindruckt, liebe Frau Lengsfeld, hat mich die von Kammersänger Giuseppe di Stefano vorgetragene Arie aus Verdis Oper Tod und Verklärung, „Spingi il mio trattore altrimenti fa schifo“.

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