Die neuen Parteien von Sahra Wagenknecht und Hans-Georg Maaßen werden die alte Parteienlandschaft gründlich aufmischen. Für die Ampel, für das linksliberale Establishment der Bundesrepublik, ist dies ein berechtigter Grund zur Aufregung.
Es besteht Grund zur Aufregung. Nein, es geht nicht um die – im Gefolge der vermeintlich unsere Demokratie rettende „Correctiv“-Aufdeckung des Potsdamer „Geheimtreffens“ – in den Städten inszenierten „Massendemonstrationen“ gegen rechts sowie die entsprechenden Politikerreden. Demnach erleben wir in diesem Januar 2024 den Aufstand der „Zivilgesellschaft“ gegen die drohende Wiederkehr der Hitlerschen „Machtergreifung“ am 30. Januar 1933. Es handelt sich um einen klassischen Fall von kognitiver Dissonanz, von bewusster Realitätsverkennung. Zwar liegt die AfD in den Umfragen seit Monaten stabil über 20 Prozent, aber an eine Regierungsübernahme unter einem Bundeskanzler Höcke – also eines Adolf redivivus – ist nicht im Traum zu denken. Selbst in den beiden östlichen Bundesländern, wo die AfD-Werte inzwischen bei weit über 30 Prozent liegen, wird es nach den Landtagswahlen im September dieses Jahres weiterhin an Koalitionspartnern für eine Landesregierung mit der AfD an der Spitze fehlen.
Die Frage ist vielmehr, ob und wie lange die „Brandmauer“ aller Parteien gegen „die Rechten“ hält, insbesondere, ob nicht doch irgendwann ein CDU-Politiker (beziehungsweise eine -in) in Versuchung kommt, sich für das Amt des Ministerpräsidenten und die Bildung einer Minderheitsregierung von der AfD tolerieren zu lassen. Nicht minder spannend ist die Frage, in welchen Bundesländern – außer in Thüringen und Brandenburg – die von der Wagenknecht-Abspaltung gebeutelte „Linke“ noch über fünf Prozent und somit in die Landtage kommt, um dort, für lupenrein demokratisch befunden, als tapfere Mitstreiterin gegen die „braunblaue“ Gefahr zu fungieren.
Was in diesem Jahr in der politischen und medialen Klasse für begründete Unruhe sorgen wird, ist die Bewegung in der bundesrepublikanischen Parteienlandschaft. Das gewohnte Bild – in der Mitte die beiden „Volksparteien“, dazwischen die beiderseits stets umworbene FDP, links davon die gesellschaftlich seit langem tonagebenden Grünen und als noch weiter links die als „Linke“ demokratisch geadelte SED-Nachfolgepartei – ist bereits durch den Einzug der AfD in den Bundestag 2017, bestätigt bei den Wahlen im September 2021, verändert worden. Inzwischen haben sich im bayerischen Landtag und in Brandenburg sowie in einigen Kommunen die „Freien Wähler“ als unerwünschte Konkurrenten der „konservativen“ CDU und CSU etablieren können.
Ein berechtigter Grund zur Aufregung
Mit der Ankündigung einer Parteigründung mit dem konservativen Etikett „Werteunion“ durch den einst von Angela Merkel als oberster Verfassungsschützer amtsenthobenen Hans-Georg Maaßen rutschen die bis dato als sicher geltenden Stimmenzahlen von über 30 Prozent für die alte „Union“ um einige Prozent nach unten. Wenn die in den ersten Umfragen zwischen sieben bis vierzehn Prozent veranschlagte Wagenknecht-Partei BSW ihre Sympathiewerte in Sitze in den Parlamenten umsetzt, werden vor allem SPD und die „Linke“ Federn lassen, in geringerem Maße – als allgemein erhofft – die AfD. Die derzeit bereits bei 15 Prozent angelangten Sozialdemokraten – seit langem kaum mehr als eine schwach rötlich angehauchte Variante der Grünen – könnte im einstelligen Bereich landen. In der FDP dürften sich – nach dem missglückten Versuch, Lindner per Mitgliederbefragung zur Umkehr (beziehungsweise zur Rettung der Partei aus der grünen Umklammerung in der Ampel) die letzten noch verbliebenen Nationalliberalen – und konsequenten Wirtschaftsliberalen – der Maaßen-Partei zuwenden, was die unter Lindner und Buschmann durchgrünten „Liberalen“ in Absturzgefahr bringt.
Mit womöglich nur noch 25 Prozent für die CDU/CSU reichte es angesichts einer derart zerklüfteten Parteienlandschaft weder für Merz noch für Söder oder Wüst selbst im Bündnis mit allen anderen – außer der AfD, versteht sich – zu einer halbwegs tragfähigen Koalition. In den Landtagen, womöglich auch im Bundestag, werden fortan weder die Grünen den Ton angeben noch die FDP das Zünglein an der Waage spielen, sondern Wagenknechts BSW. Sofern dadurch eine Abkehr von der umfassend verhängnisvollen Politik der Ampel, zuletzt bewiesen durch die Verramschung der Staatsbürgerschaft, bewirkt werden kann, wäre dies eine Chance unseres Landes für eine Wende zum Besseren.
Prognosen sind unsicher, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen, wusste schon Karl Valentin. Eine Vorhersage kann angesichts der hier skizzierten Tendenzen bereits getroffen werden: Die deutsche Parteienlandschaft wird bunter werden, das politische System der „bunten“ Bundesrepublik wird vielfältiger werden, die Debatten kontroverser, lebendiger und – hoffentlich – politisch fruchtbarer als in den langen Jahren der grünen Hegemonie. Für die Ampel, für das linksliberale Establishment der Bundesrepublik, ist dies ein berechtigter Grund zur Aufregung.
Herbert Ammon, geb. 1943 in Brieg (Schlesien), ist ein deutscher Publizist, Historiker, Studienrat a.D. Er engagierte sich in den 1980er in der damaligen Friedensbewegung, u.a. als Repräsentant des „Offenen Briefes“ des DDR-Regimekritikers Robert Havemann an den sowjetischen Staats- und Parteichef Leonid Breschnew. 1981 zusammen mit Peter Brandt Herausgeber des Buches „Die Linke und die nationale Frage“. Mitgründer und Mitglied im Kuratorium der Deutschen Gesellschaft e.V. zur Förderung politischer, kultureller und sozialer Beziehungen in Europa.
Beitragsbild: Jorge Royan CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Ich konstruiere mal spaßeshalber den potentiellen „Idealwähler der Werteunion“: Der ist enttäuscht von der Merkel-Merz-CDU, steht der Massenimmigration skeptisch gegenüber und lehnt die gegenwärtig überhandnehmende Wirtschaftslenkung und den überbordenden Sozialstaat ab. Er ist sich vielleicht der Nähe seiner politischen Orientierung zur AfD bewusst, zögert aber aus biographischen oder tief sitzenden weltanschaulichen Gründen, sie zu wählen. Trotzdem will er einen Bruch mit der grün-woken Politik. Von diesen Leuten dürfte es nicht wenige geben und Merz sollte sich da schon Sorgen machen.
Wie eine Maaßenpartei nebenbei in Bayern die Chancen der CSU beeinträchtigen könnte, bleibt das neue Wahlrecht in Kraft, mag sich jeder selber ausmalen.
Bemerkenswert, aber verständlich, ist daher das „Framing“ des Spiegels vom 20.1.: „Wie mächtig und einflussreich die “Werteunion„ ist, lässt sich schwer sagen, denn über die Zahl ihrer Mitglieder gibt es keine nachprüfbaren Angaben. Nach eigener Auskunft hat sie rund 4000 Mitglieder, ein großer Teil soll ein Parteibuch von CDU oder CSU haben. Zuletzt hatte die Gruppe für Aufsehen gesorgt, weil zwei ihrer Mitglieder vergangenen November bei einem Treffen in Potsdam dabei waren, an dem auch rechtsextreme Aktivisten und AfD-Politiker teilgenommen haben. Die CDU prüft derzeit Parteiausschlussverfahren gegen die beiden. In Erfurt, so darf man annehmen, wären sie heute herzlich willkommen – vielleicht sind sie es sogar. Dem Vorgang vor Augen fragt man sich, um welche Werte es sich bei der “Werteunion„ eigentlich genau handelt.“ (Spiegel)
Wie wird sich die Presse und das Fernsehen verhalten: Ignoriern oder in die Naziecke drängen. Das scheint bisher noch unklar zu sein.
Auf jeden Fall kuckt der rechte Gottseibeiuns schon aus jeder Ritze. Man darf auf Maaßens Team gespannt sein.
Hubert Geißler
So leicht lässt sich das linksliberale Establishment nicht aus der Spur drängen! Sofern die neuen Parteien keine eindeutige Koalitionsbereitschaft mit der AfD erkennen lassen, werden alle Ebenen (nicht nur die Berufspolitiker, -künstler und-beamten), auch die Mittelebene der Verwaltung, die pädagogischen Ideologen in Kita, Schule und Uni, die aktivistischen Ideologen in Kultur, Vereins- und Kommunalarbeit zerstörerische Wühlarbeit betreiben, um jede auch noch so harmlose parlamentarische Tätigkeit der AfD und einer evtl geduldeten CDU Regierung zu sabotieren. Es hätte sich zum Zustand jetzt also nullkommanichts geändert…Vollbremsung oder Untergang!
Die zum x-ten mal umbenannte SED-PDS-Linke-BSW ist keiner großen Worte wert: Neues Etikett drauf und der alte Muff der DDR ist drin. Eine wahre Sensation ist dagegen, dass sich die abgemekelte Union unter neuen Namen wieder auf ihre Wurzeln zurück besonnen hat. Danke, Herr Dr. Maaßen für Ihren Einsatz! Der alte Rest (CDU, CSU) kann weg.
Wie schön für Dodo-Buntland. Öfter mal was Neues.
Ich fürchte, dass Hans-Georg Maaßen schlicht zu intelligent & zu integer für den deutschen Durchschnittswähler ist. Er hätte die Qualifikation eine kluge, konstruktive, bürgerfreundliche Politik zu machen. Merkel & Maaßen stellen die 2 Kontrapunkte des politischen Systems dar. Maaßen ist alles, was Merkel nicht ist.
(Noch) fiktiver Dialog mit meinen australischen oder ungarischen Bekannten: „Du, in Deutschland gehen ja hunderttausende auf die Straße, was ist denn da los?“ – „Ja, die demonstrieren für die Regierung“ – „…? Wie…für die Regierung? Du meinst gegen die Regierung?“ – „Nein, für die Regierung.“ – „Und für was demonstrieren die?“ – „Na gegen die Opposition.“ – „…? Weil die kurz vor dem Wahlsieg stehen?“ – „Nein, dazu bräuchten sie über 50% der Stimmen, die sie aber nie bekommen können.“ – „…??? Also dann weil sie gewaltsame Politik auf die Straße tragen?“ – „Nein, das macht die Regierung.“ – „Aber die Opposition hat dann irgendwelche verfassungsfeindlichen Ziele, will die Verfassung ändern oder Zensur einführen?“ – „Nein, das macht die Regierung in Zusammenarbeit mit der einzigen anderen Oppositionspartei.“ – „…?“
Ein erster Test wird die EU-Wahl und warum die WerteUnion dort noch nicht antritt, vestehe ich nicht . Man wird aber sehen , was die Wagenknecht-Partei , wo abzieht.