Vera Lengsfeld / 16.08.2017 / 06:13 / Foto: Tibor Végh / 10 / Seite ausdrucken

Die neue Psychologie des Alterns

Deutschland ist nicht nur eine rapide alternde Gesellschaft, das Alter ist mittlerweile die längste Lebensphase des Menschen geworden. Während zu Bismarcks Zeiten, in der die Rente erfunden wurde, diese etwa fünf Jahre lang bezogen wurde, haben Zeitgenossen, die das 65. Lebensjahr erreicht haben, noch mindestens 20 Jahre vor sich. Ein weites Feld für die noch junge Altersforschung. Hans-Werner Wahl, ein führender Forscher dieses Fachs, hat nun ein Buch vorgelegt, in dem er in gut lesbarer, verständlicher Form seine wichtigsten Erkenntnisse dem interessierten Publikum nahebringt.

Die gute Botschaft zuerst: Das Alter ist nicht nur unsere längste Lebensphase geworden, wir erleben sie auch gesünder und leistungsfähiger als je zuvor. Ärzte bestätigen, dass die „jungen Alten“ von 65 Jahren heute eine körperliche Verfassung besitzen, die vor zwanzig Jahren für Fünfzigjährige typisch war. Im jungen Alter, das bis zum 80. Lebensjahr reicht, ist man kaum eingeschränkt und kann die meisten gewünschten Aktivitäten problemlos meistern. Die jungen Alten sind aktiv, wie nie zuvor.

Eine Minderheit beschränkt sich darauf, Dauerreisen zu unternehmen. Die Mehrheit der jungen Alten engagiert sich ehrenamtlich, im In- und Ausland. Ohne die vielen Helfer in dieser Alterskohorte wäre die jüngste Flüchtlingskrise nicht zu bewältigen gewesen. Auch im Pflegebereich würde es eng werden ohne sie. Die meisten alten Alten werden von jungen Alten gepflegt. „Ältere übernehmen also zunehmend Verantwortung für unsere Gesellschaft“.

Sie sind aber auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, als die „großen Genießer“, „wenn es um Wellness, gutes Essen, Konzerte, Museen und qualitätsvolles Reisen geht.“ Sie können das gut, denn „Ältere verstehen am besten, was es bedeutet, Zeit sinnvoll zu nutzen“. Wahrscheinlich hat das etwas mit der reduzierten Zukunftsperspektive zu tun. Man weiß, dass man nicht mehr unendlich viel Zeit hat und wird aufmerksamer.

"Weltmeister, wenn es um Kompensation geht"

Die Lebenserfahrung bringt Lebenskünstler hervor. Ältere lassen sich nicht mehr so leicht aus der Ruhe bringen, sie verfügen über eine „regelrechte Toolbox“, wie sie ihr Wohlbefinden aufrechterhalten und sich gegen Widrigkeiten des Älterwerdens wappnen können“. Ältere sind gut in der Um- und Neubewertung von nicht mehr erreichbaren Zielen, sie wählen genau aus, welche Aktivitäten und Menschen ihnen gut tun und lassen alles andere links liegen. Außerdem akzeptieren sie leichter, was nicht mehr zu ändern ist, zum Beispiel Seh- und Hörverluste. Ältere sind „Weltmeister", wenn es um Kompensation geht. Wenn etwas nicht mehr so geht, wie man es immer gemacht hat, macht man es halt anders.

Altsein ist keine Krankheit und der Spruch „Alter ist nichts für Feiglinge“, ist nicht mehr als ein Bonmot, das wenig mit der Realität zu tun hat. Die meisten Alten genießen ihr Leben und wagen sogar Neues: einen neuen Partner, ein eigenes Unternehmen, eine neue Sprache. Als „Keepers of the meaning“ haben die Älteren wertvolle Erfahrungen an die Jungen zu übermitteln. Das klappt zwischen Großeltern und Enkeln oft besser, als zwischen Eltern und Kindern.

Ein wichtiger, wenn auch wenig überraschender Sachverhalt ist, dass wer sich sein Leben lang ausreichend bewegt hat, also körperlich aktiv war, im Alter davon profitiert. Für den kommt die Phase der  Pflegebedürftigkeit spät oder nie. Aber auch für jene, die in jungen Jahren wenig auf ihr körperliches Befinden geachtet haben, ist nicht alles zu spät. Auch im Alter kann man durch regelmäßiges Üben körperliche Fitness wieder erlangen. Studien haben gezeigt, dass durch Training Laufen ohne Rollator wieder möglich wurde.

Die Wissenschaft unterscheidet inzwischen drei Alter: Das „Dritte“, also junge Alter hat wenig, mit „alten Menschen“ zu tun. Erst mit dem „Vierten Alter“, jenseits der 80, beginnt das eigentliche Altern. Die ein Leben lang vorhandenen biologischen und psychologischen Ressourcen stoßen zunehmend an ihre Grenzen. Man macht intensive Erfahrungen mit Mehrfacherkrankungen. „Die erworbene Kompensationen und Selbstregulationsmechanismen greifen weniger gut, sind aber immer noch hilfreich. Neueste Befunde auf der Grundlage von Forschungen zum Verlauf der kognitiven Leistungsfähigkeit und zum Wohlbefinden legen nun sogar eine Abgrenzung eines Fünften Alters nahe... die terminale Phase des Fünften Alters könnte in gewisser Weise sogar mit der frühkindlichen Periode verglichen werden“, weil es in beiden Phasen spezifische Veränderungsprozesse gibt: am Anfang Wachstum und Reifung, am Ende die Atrophie unserer biologischen und psychologischen Systeme.

Der "Krieg der Generationen" ist nicht vom Tisch

Übrigens hat die Alterseinteilung wenig mit dem kalendarischen Alter zu tun,  wie die Wissenschaft herausgefunden hat. Man ist tatsächlich so alt, wie man sich fühlt.  „Älterwerden ist ohne jeden Zweifel etwas sehr Persönliches - ein Prozess, der maßgeblich subjektiven Einstellungen, Erwartungen, Interpretationen und Deutungen unterliegt". Natürlich hat die Erfolgsgeschichte des Alterns auch ihre Kehrseiten. Die eine ist, dass falsch verstandene Betreuung die Selbstständigkeit von Pflegebedürftigen untergräbt.

Eine andre ist die sich rasch entwickelnde Gero-Technologie. Pflege kann heute schon in gewissem Umfang von Robotern übernommen werden, es werden anziehbare Roboter entwickelt, die Bewegungsfähigkeit zurückgeben können. Es gibt noch kein ethisches Konzept, wie mit diesen Technologien umgegangen werden soll. „Der Aufwand, den es kostet, eine bestimmte Technologie zu nutzen, darf nicht größer sein als der Nutzen, der sich für ältere Menschen aus der Technologieanwendung ergibt“. Es fehlt auch hier eine notwendige gesellschaftliche Debatte. Es birgt Gefahren in sich, wenn die Technologie sich schneller entwickelt, als die erforderlichen ethischen Standards.

Die wichtigste Gefahr deutet Wahl nur an: „Die schiere Sichtbarkeit des Alters könnte die Ablehnung des Alters fördern“. Laut sogenannter Terror-Management-Theorie, erinnern alte Menschen die Jüngeren an Tod und körperlichen Verfall, den sie ablehnen. Das erzeugt Aversionen gegen die Alten. Laut Wahl ist er „Krieg der Generationen“ keineswegs vom Tisch.

In Deutschland ist die Migration von mehr als einer Million junger Männer, viele davon mit Gewalterfahrung ein Faktor, der die von Wahl beschriebene Gefahr vielfach verstärkt. Die Träumereien von Politikern, dass ein Teil dieser jungen Männer, die ihre Unterkünfte nicht selbst reinigen, weil es nicht ihrer Kultur entspricht, dass Männer solche Arbeiten erledigen, zu Altenpflegern auszubilden, haben so wenig mit der Realität zu tun, wie die Behauptung, die „Flüchtlinge“ wären mehrheitlich in der Wirtschaft dringend benötigte Fachkräfte. Sollten die unterschwellig bereits spürbaren Spannungen, ausgelöst durch unerfüllbare Erwartungen an die aufnehmende Gesellschaft, einmal ausbrechen, sind die Älteren in besonderer Gefahr. Gerade diese Alterskohorte sollte sich bei der Bundestagswahl genau überlegen, ob sie eine weitere unkontrollierte Masseneinwanderung unterstützt. Wie keine andere Altersgruppe können die Alten mit ihrer Stimme die weitere Entwicklung beeinflussen.

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Renate Menges / 16.08.2017

Ja sicher, Frau Lengsfeld, irgendwo muss der Bevölkerungsaustausch ja anfangen. Bei der Gelegenheit beginnt dann auch gleich die Reduzierung der Bevölkerung in Deutschland, die ja der geplanten Reduzierung der deutschen Wirtschaftsleistung zwingend folgen muss.

Th.F. Brommelcamp / 16.08.2017

Es sind die Kohorten der dummen Alten, die ehrenamtlich Immigranten und ihre Enkel betreuen. In der Schule Brötchen schmieren, in Altersheimen vorlesen. Es sind auch die selben, die mehrfach auf den “Enkeltrick“etc. hereinfallen. Es reicht nicht sich nur körperlich Fit zu bleiben. Auch sind die Alten die ehemaligen 68. Die Öko-gutmenschlichkeit ist ihre Religion und jeder der nicht so denkt wie sie wird aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Der soziale Zwang wird von Medien und Politik unterstützt und treibt seltsame Blüten. So ist zu sehen, wie viele der Alten einen eigenartigen Umgang mit Geld entwickeln. So werden Enkel mit Unsummen beschenkt. Auch der alternative Lebenswandel von ihren Kindern wird über Jahrzehnte hinweg finanziert. Die nennen sich dann Autonom. Die Alten empfinden sich als gute sorgende, soziale Mitglieder der Gesellschaft und sehen nicht die Zerstörung die ihr denken und handeln bringt.

B. Trachter / 16.08.2017

Zitat: ” Gerade diese Alterskohorte sollte sich bei der Bundestagswahl genau überlegen, ob sie eine weitere unkontrollierte Masseneinwanderung unterstützt.” Sehr geehrte Frau Lengsfeld, Sie sind sich aber dessen bewußt, dass sie damit dem Wähler auferlegen, sich mit der aktuellen Politik Ihrer eigenen Partei kritisch auseinanderzusetzen ???? Oder haben Sie schon die CDU aufgegeben ? Ihre “Nachricht vom Mars” legte das ja auch nahe.

Winfried Sautter / 16.08.2017

Die durchschnittliche Lebenserwartung geht schon wieder zurück, weil die Lebensbedingungen der heute im Berufsleben Stehenden nicht mehr so optimal sind, wie diejenigen derer, die in der Nachkriegszeit und den Wirtschaftswunderjahren groß geworden sind und nun ihren “wohlverdienten” Ruhestand geniessen. Und die Zukunft wird für die künftigen Alten eher auch schlechter werden. Man muss nicht gleich an die Verwertung zu “Soylent Green” denken, aber das “sozialverträgliche Ableben” ist mehr als ein euphemistisches Bonmot. Was die erhoffte Rettung der Pflege durch die zugereisten Jungmänner aus dem Orient anbelangt -  völlig d´accord, das ist eine lächerliche Illusion. Der Personalmangel in der Pflege konnte bisher durch die Frauen vorwiegend aus Osteuropa kompensiert werden (mit entsprechend negativen Folgen für die dortigen Gesellschaften, sowohl für Kinder als auch für Alte). Irgendwann müssen wir uns auch da ehrlich machen. Und dann bleibt eben doch nur noch “Soylent Green”, egal wie jung oder alt man sich fühlt.

Volker Greve / 16.08.2017

Die Alten halten Merkel sowieso für die Beste .Sie müssen die Auswirkungen der Politik dieser Person und ihrer Clique nicht mehr erleben . Die ” Jungalten ” werden sich noch auf ganz andere Lebensumstände einstellen müssen , von wegen Rente wie bisher mit Anfang 60 , Rente nur in Verbindung mit Pflegestufe .

Wolfgang Kaufmann / 16.08.2017

In meiner Schreckensvision werden die Altenheime geplündert. In jedes Einzelzimmer wird eine achtköpfige Familie einquartiert, ein Vater, zwei Mütter, fünf Kinder. So spart man unnötige Rentenzahlungen und Gesundheitsleistungen, die doch viel nutzbringender für den göttlichen Auftrag, die bedingungslose Sozialhilfe für alle Neubürger, eingesetzt werden können. Sankt Martin, übernehmen Sie; ist das die Gerechtigkeit für Kinder und Familien, von der die SPD redet?

Barbara Kröger / 16.08.2017

Ich verstehe nicht, warum das älter werden für viele Menschen ein so großes Problem ist. Jedes Lebewesen auf diesem Planeten altert und tritt irgendwann ab. Das kann man bedauern, aber man muss es akzeptieren, ganz egal, ob man sich nun “for ever young” fühlt oder nicht, Wir Älteren sollten versuchen, mit unseren Erfahrungen und Kenntnissen die jüngeren Menschen zu unterstützen und vor Fehlentscheidungen zu bewahren,  wo das möglich ist. Leider klappt das nicht immer. - Einen Krieg der Generationen sollte man nicht künstlich herbei reden.

Hans König / 16.08.2017

Mit der fünften Lebenszeit ist wohl eher das abvegetieren in der Restlaufzeit zu sehen , die lange nicht mehr Leben , aber auch noch kein Tod ist . Das sollte man nicht schön reden .

Helmut Driesel / 16.08.2017

Man ist weder so alt, wie man sich fühlt, noch so klug, sehr geehrte Frau Lengsfeld. Der Mensch neigt vielmehr dazu, sich - wenn es ernst wird im Leben - selbst zu betrügen. Und zwar bis zum Exzess! Aber ich finde es gut, wie Sie Sich als politische Domina ohne Not in das Thema hinein gewagt haben.

Thomas Nuszkowski / 16.08.2017

Rufen Sie jetzt an und bestellen sie. Der Text liest sich wie eine Werbebroschüre. ZITAT: “Ohne die vielen Helfer in dieser Alterskohorte wäre die jüngste Flüchtlingskrise nicht zu bewältigen gewesen.” Ohne die vielen “Helfer” hätte es die die jüngste Flüchtlingskrise womöglich überhaupt nicht gegeben weil wir die Grenzen wegen Überforderung schnell hätten schließen MÜSSEN.

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