Thilo Schneider / 16.06.2024 / 13:00 / Foto: Library of Congress / 28 / Seite ausdrucken

Die neue Profi-Kaffeemaschine

Das Leben kann so einfach sein, aber manchmal macht man es sich unnötig kompliziert und kauft eine supermoderne Kaffeemaschine, die alles kann – nur nicht das tut, was ich will.

Gerne erinnere ich mich noch an früher, an damals, also letzte Woche, da war das so: Nach dem Aufstehen gleich in die Küche, kurz zur Senseo, Kaffepad einlegen, Tasse drunterstellen, auf „Einfach“ oder „Doppelt“ drücken, und bis ich getan hatte, was ein Mann morgens alleine tut, stand da brav ein ehrlicher Kaffee. Nur Kaffee. Nichts Großartiges, wie man es bei Starbucks oder den Modeitalienern mit dreihundertzwölfundreißig Kaffeearten im Programm bekommt, sondern, nach einem kurzen dezenten Gurgeln, einfach nur ein ehrlicher, von zarten brasilianischen Arbeiterhänden aus Kaffeeabfällen gerösteter Morgengruß.

Nachdem ich mir bei Empfängen, auch von Achse-Kollegen, teilweise wie die Freundin von Frau Sommer vorkam, die immer noch halbvolle Tassen abräumte, weil sie nicht den Besten von Jacobs genommen hat (die geizige Funz) und von dem Frau Sommer zufällig immer eine Packung im Schlübber mit dabei hatte, sprach der Schatz zu mir, dass er morgens gerne einen frischen Americano und abends, nach der Arbeit, gerne einen Espresso trinken würde. Meine Vorhaltungen, dass dies elitärer, kapitalistischer Luxus sei und ich mit dem elenden Caro-Kaffee meiner Oma aufgewachsen wäre, (’s gab ja nichts in den 70ern bei uns im Westen, außer vielleicht noch Kaffee-Instant-Pulver von Nescafé, für das man sogar in der DDR ausgebürgert worden wäre), fielen bei dem Schatz auf taube Ohren.

Natürlich wäre das Luxus, aber ich (!) sei jetzt in einem Alter, in dem ich mir durchaus etwas Luxus gönnen könnte, man lebt ja auch nur einmal, und ihr größter Traum, neben dem Wunsch, mich zu heiraten, sei schon immer, seit sie denken kann (ich verkneife mir die Antwort „…so schnell vergehen fünf Minuten“, weil ich am Leben hänge), eine anständige Kaffeemaschine. So ein Siebträger-Ding, mit dem man, siehe oben, auf dreihundertzwölfundreißig Arten Kaffee machen kann, weilweilweil das eben, nunja, meine – und nebenbei auch ihre – Lebensqualität erheblich steigern würde und wir dann beide hundert Jahre alt werden oder so. Wobei mir das bei dem derzeitigen Stand der „Herrschaft der Dümmsten“, in der wir leben, eigentlich gar nicht so recht wäre. 

Da ich aber auch nicht mehr ganz arm und ein Mann der Tat bin, habe ich, ganz dekadent, eine wunderbare Profisiebträger-Station eines namhaften Baumaschinenherstellers zum Preis des Gehalts eines Midi-Jobs bei Amazon bestellt, und die kam nach zwei Tagen auch vollständig und in einem Karton und Stück mit dem Gewicht einer Palette Dachziegel an. Der Schatz und ich zelebrierten schon das Auspacken: Der eigentliche Siebträger. Der Wassertank. Der Stempel. So ein kleines Plastikding, von dem wir bis heute nicht wissen, was es ist. Der Auskratzer. Die Verbindungsmanschette A, die auf den Aufsatz B kommt. Vier unterschiedliche Siebe. Jede Menge Styropor. Und natürlich SIE! Die Königin unserer Haushaltsgeräte. Die Queen of the Kitchen. Die Mutter aller Kaffeemaschinen. In Schwarz und Chrom. Glänzend. Edel. Stolz.

Francesca, die italienische Begleiterin

Nach einer Stunde Zusammenbau, in der die auf tschechisch, rumänisch, polnisch und serbokroatisch gehaltene Anbauanleitung keine wirklich große Hilfe war (die deutsche Anleitung fand ich später am Boden der Kiste) und einer kurzen Diskussion, wo dieser Altar italienischer Kaffeegrandezza künftig stehen soll, war es so weit: Unser erster selbstgesiebter Kaffee konnte an den Start. Ich stellte mir eine Kaffeetasse zurecht, füllte Kaffeebohnen und Wasser ein, schob den Siebträger unter das Mahlwerk und drückte auf Start.

Unser neuer Begleiter für den Italiener in uns piepst ganz unitalienisch, und dann darf ich den Siebträger unter das Mahlwerk schieben. Hui! Francesca, wie wir sie liebevoll getauft haben, gibt ein grausam kratzendes und schabendes Geräusch von sich, als sie die unschuldigen Kaffeebohnen zu feinem Pulver zerhäckselt, das ich durchaus auch schnupfen könnte. „Wir müssen den Mahlgrad noch einstellen“, sagt der Schatz fachmännisch. Und „das darf man nie machen, während die Maschine mahlt“, sagt sie noch dazu. Aber jetzt habe ich ja Kaffeestaub.

Diesen mache ich jetzt mit dem Tupfer auf der linken Seite glatt. „Verdichten“ nennt das der Barista. Jetzt habe ich verdichteten feinen Staub. Nun klinke ich meinen Siebträger mit einem kräftigen Ruck („nach rechts ziehen, bis es nicht mehr weiter geht“, steht in der Anleitung und ich denke kurz an die AfD) unter der Brüheinheit ein und drücke auf „1 Tasse Kaffee“. Und schon gurgelt und plätschert und stampft Francesca wie die Bismarck beim Gefecht mit der Hood. Die Druckanzeige steigt, fällt dann wieder und schwarzer heißer Kaffee sprudelt munter in das Auffangbecken der Maschine, weil ich vergessen habe, eine Tasse unter die Brüheinheit zu stellen.   

Abschaum-der-Hölle-Kaffeekocher

Im zweiten Versuch klappt es aber und meine Tasse füllt sich mit erstaunlich wenig Kaffee. „Weil du das Espresso-Programm drin hast“, erklärt der Schatz. Obwohl ich mir keiner Schuld bewusst bin, das Espresso-Programm drin zu haben. Ich probiere einen Schluck des Heißgetränks – und es schmeckt absolut ekelhaft. Bitter, faulig, elend. „Das liegt an der Dosierung“, bemerkt der Schatz, während ich das restliche Schlückchen in den Ausguss kippe. „Du musst das anders dosieren“, fügt sie redundant dazu. Also dosiere ich das anders. Und ändere die Temperatur des Kaffees. Und den Mahlgrad. Und den Druck. Und die Kaffeebohnen. Und das Programm. Und schon erhalte ich einen Kaffee, der noch miserabler als der erste Kaffee ist.

Lange Rede, kurzer Sinn: Der Schatz schiebt mich zur Seite und hantiert mit Francesca wie Spock auf der Brücke der Enterprise mit seinem Scanner. Und hat nach etwa 12 Versuchen einen trinkbaren Kaffee austariert. Er erklärt mir, dass er das jetzt einprogrammiert hat und das funktioniert so, dass ich jetzt immer einen Espresso bekomme, den ich mit Wasser noch strecken muss und schon habe ich einen Frühstückskaffee mit besten Arabico-Bohnen.

Seit diesem Tag macht sich der Schatz morgens lecker Kaffee und reißt mich mit den Geräuschen Francescas aus dem Schlaf. Ich gehe dann meistens in mein Home-Office und lasse die beiden vor sich hinbrodeln. In meinem Büro steht nämlich ein absolut umweltfeindlicher Abschaum-der-Hölle-Kaffeekocher. Verriegelung nach oben, Kapsel rein, Verriegelung schließen, Knopf drücken. Das verstehe ich. Ich trinke leckeren Cappuccino aus Cappuccino-Kapseln. Das Leben ist schön!

(Weitere windige Artikel des Autors unter www.politticker.de

 

Von Thilo Schneider ist in der Achgut-Edition erschienen: The Dark Side of the Mittelschicht, Achgut-Edition, 224 Seiten, 22 Euro.

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Leserpost

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Reinhard Schilde / 16.06.2024

Der Kaffeevollautomat - eindeutig die Katze unter den Küchengeräten, Anspruchsvoll. Das Teil hält dich permanent auf Trab. Der Wassertank ist leer, der Kaffeemehlbehälter ist voll, fülle Bohnen nach, mach die Brühgruppe sauber, der Filter ist verbraucht und muss gewechselt werden, dampfreinige die Milcheinheit, entfette das Mahlwerk.  Ach ja, unverschämt leckeren Kaffe macht er allerdings auch.

Michael Brüggemann / 16.06.2024

Netter Artikel und auch wenn jetzt alle Vorverreder aufschreien: Einer klassischen Kaffeemaschine kann nichts das Wasser, bzw. den Kaffee reichen. Ein Kaffeevollautomat oder die klassische Variante der Espressomaschinen macht erst einen guten Kaffee. Und wer mit Kaffeesurrogat zufrieden ist wird auch den Wein vom Discouter zu 1,99 gut finden. Jedem das Seine-Dies vermisse ich allerdings bei den Kommentatoren. Eher erlebe ich hier einige Moralisten, die anderen nicht den Genuss gönnen.

Heinrich Moser / 16.06.2024

Diese italienische Kaffeemaschine zum Aufschrauben. Für die Herdplatte. Ironisch. Leider auchvich: Hebel rauf, Kapsel rein ...

Roman Smolny / 16.06.2024

Filterträger aus Porzellan. Papierfilter. Bohnen frisch mahlen. Dann den Filter mit heissem Wasser auffüllen, um den Papiergeschmack zu vermeiden. Das Wasser aus der Kanne entleeren. Nun das gemahlene Pulver hinein und mit heissem Wasser bedecken und vom Rand her immer leicht heisses Wasser nachfüllen. Es kommt selbstverständlich auf die Bohnenqualität an. Aber jeder, der meinen klassischen Kaffee trinkt ist begeistert vom Aroma und Abwesenheit von Säure und Bitterkeit.  Versuchen Sie es….

rei svager / 16.06.2024

hallo herr schneider, wie geht`s ihnen eigentlich mit der “neuen” küche. funktioniert der blinki-induktionsherd?  wieviel störgepiepse macht der warning-regfrigerator? schon den kochfeldfilter gewechselt? und vor allem: verbraucht die spülmaschine, so wie millionen anderer spülmaschinen auch, jährlich 4,5 kilo enthärtungssalz/ spülmittel / und vor allem toxischen klarspüler.  ach ja die espresso… unbedingt entkalken, und wirklich immer reinigen. das zeug verschimmelt schneller als sie denken. da kommt eine menge bakterielles und virusielles zusammen. vergessen den schatz. gehen sie zum dallmayr kaffee trinken und essen sie zuhause weiterhin die tiefkühlpizza…..  alles liebe (ps: das mit dem schatz ist ironisch)

Ralf Pöhling / 16.06.2024

Entscheidend ist gar nicht, was die Maschine alles kann, sondern wer genau sie mit welcher Virtuosität dann bedient.

Wilhelm Rommel / 16.06.2024

Zunächst, verehrter Herr Schneider, meine aufrichtige Teilnahme hinsichtlich der tyrannischen ‘Francesca’! Nun weiss ich endlich, warum ich mich seit Jahr und Tag heldenhaft und erfolgreich gegen solch ein Ungetüm im Haus zur Wehr setze. Die auch nicht täglich beanspruchte ‘Senseo’ gab kürzlich nach relativ kurzer Lebensdauer ihren Geist auf und - wie das Schicksal so spielt - folgte ihr das simple, aber robuste Filter-Gerät eines namhaften Herstellers wenige Tage später nach gefühlt zwanzig arbeitsreichen Jahren im Tode nach. Hocherfreut durfte ich feststellen, dass es das letztgenannte Viech technisch und äußerlich baugleich noch immer im Handel gibt - der schon leicht verzweifelt ins Auge gefasste weisse Porzellanfilter 1x4 wird also weiterhin als “Ersatz-Reserve II” sein überaus langes Leben fristen. Er kam seinerzeit aus großmütterlichem Nachlass in studentische Nutzung und - wie der traditionsbewusste Engländer sagt: “...you don’t throw away things that work”! Und so gibt es weiterhin das unverzichtbare morgenländische Heissgetränk ohne Schnick und Schnack!

Frank Mora / 16.06.2024

Wir benutzen immer das gleiche Modell von einem Kühlmaschinenhersteller. Wenn nach unzähligen Benutzungen das Mahlwerk kaputt geht kommt eine neue. Dabei bringen wir es auf 12 Tassen (Becher umgerechnet) pro Tag.  Die Dinger stehen von Zeit zu Zeit in der bunten Zeitung vom Supermarkt. Wegen der Bohnen hat jede Familie ihre Lieblungssorte. Oder 2. Die steht auch von Zeit zu Zeit… Entkalken nicht vergessen. Nicht mit der Brühe vom Hersteller sondern den Flaschen für unter 1 Euro,  die für 6 x reichen.

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