Die Natur ist unsere gütige Mutter. Zur Natur gehören grüne Täler, Blumenwiesen und Pandabären. Doch leider gehört auch der EHEC-Erreger dazu. Und nicht nur der, sondern auch Salmonellen, Listerien, Campylobacter-Keime und tödliche Schimmelpilze. Alljährliche infizieren sich Hunderttausende Deutsche an verseuchten Lebensmitteln, Hunderte sterben. Das ist keine großes Thema, wenn es nicht gerade zu einem Massenvergiftung kommt, wie jetzt im Falle EHEC.
Ganz anders bei der bösen Chemie. Als im Januar der sogenannten Dioxin-Ei-Skandal für Angst und Schrecken sorgte, wurde kein einziger Eier-Esser krank. Für Schlagzeilen sorgen selbst minimale Pestizidreste auf Gemüse, obwohl erwiesen ist, dass die menschliche Gesundheit davon keinen Schaden nimmt. Noch fettere Schlagzeilen verursacht die Gentechnik, von der niemand auch nur ein Pickel bekommen hat.
Gegen alle Fakten glauben viele Menschen, Lebensmittel seien besonders gesund, wenn sie möglichst naturbelassen sind. Das Gegenteil ist der Fall: Erst Züchtung und Verarbeitung machten aus Gräsern Brotgetreide und aus unverdaulichen Wildfrüchten schmackhaftes Obst. In früheren Zeiten wurden durch verdorbene Nahrung ganze Dörfer dahingerafft.
EHEC kommt durch Naturdünger aufs Gemüse. Dennoch gelten die Fäkalien aus dem Stall als irgendwie wertvoller als Kunstdünger. Biobauern ist der Einsatz des hygienischen Kunstdüngers sogar gänzlich verboten. Eine andere EHEC-Quelle ist Rohmilch, die von Anthroposophen als etwas besonders Gutes gepriesen wird. Im Gegensatz zur pasteurisierten Milch, bei der durch Kurzzeiterhitzung Keime abgetötet werden.
Warum werden die Errungenschaften der modernen Landwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung so selten gelobt? Je weniger Menschen mit Ackerbau und Viehzucht beschäftigt sind, desto seltsamer werden die Vorstellungen davon. Städter, die in klimatisierten Büros arbeiten, erträumen sich eine romantische Gegenwelt. Doch Landwirtschaft ist nicht romantisch und war es nie. Sie ist der hartnäckige Versuch, der Natur etwas Essbares abzuringen.
Je weiter sie sich dabei von der Natur entfernte, desto reichhaltiger, vielfältiger und gesünder wurden unsere Lebensmittel. Die viel geschmähte Hollandtomate kommt nicht mit Gülle in Berührung. Sei wächst auf Steinwollequadern, wird vom Computer gesteuert per Schlauch mit perfekt dosierten Nährstoffen versorgt. Und im Gegensatz zu den 90er Jahren, als die Züchter nur auf makelloses Aussehen Wert legten und das Aroma vernachlässigten, schmecken die meisten Hollandtomaten auch wieder richtig tomatig.
Dies ist ein kurzer Auszug aus meinem Text „Gesund ist nicht gesund“, der am Montag im FOCUS erscheint, neben vielen anderen lesenswerten Stücken unter anderem von Gunnar Heinsohn und Henryk M. Broder. Nur in der Print-Ausgabe!