Eigentlich halte ich mich auf der „Achse des Guten“ ja ganz bewusst mit persönlichen politischen Meinungsäußerungen zurück, aber manchmal kann man das nicht eben durchhalten. Die öffentliche Diskussion über den Islam in Deutschland beginnt Züge anzunehmen, bei denen man nicht schweigen darf. Vor allem muss man gedanklich aufräumen, bevor sich alle gegenseitig mit Scheinargumenten an die Gurgel gehen. Dabei ist das Wichtigste, sich vor Augen zu halten, dass die Cholera nicht durch die Existenz der Pest gerechtfertigt werden kann.
Die Muster totalitären Denkens sind immer die Gleichen. Auf sie muss man schauen, nicht auf ihre leicht wandelbare Verkleidung. Wenn man die Argumentationsstrukturen von Radilaken jedweder Art von ihrem konkreten Inhalt befreit und gleichsam das Skelett freilegt, das das Weltbild trägt, findet man eigentlich immer die folgende Denkstruktur:
1. Es gibt werte und weniger werte Menschen.
2. Die weniger werten Menschen sitzen an den Hebeln der Macht oder sind im Begriff, sie zu ergreifen.
3. Die weniger werten Menschen werden mit ihrer Macht das ganze Land oder gar die ganze Welt verderben.
4. Das wäre unser aller Untergang. Deswegen müssen die weniger werten Menschen mit aller Kraft von der Macht vertrieben werden.
5. Zur Rettung der Nation (bzw. der Welt) ist der Einsatz aller Mittel erlaubt, ja notwendig. Die minderen Menschen haben ihr Anrecht auf gleiche Behandlung verwirkt. Grundrechte und rechtsstaatliche Prinzipien stehen der Rettung im Weg und sind deswegen einzuschränken oder nötigenfalls abzuschaffen.
6. Die Gerechtigkeit steht über dem Recht, und was gerecht ist, wissen die edlen Menschen.
7. Das Individuum hat gegenüber dem höheren Ziel des Kollektivs zurückzustehen. Bei der Rettung der Nation (oder der Welt) kann auf die Rechte des Einzelnen keine Rücksicht genommen werden.
Wer die unwerten Menschen sind, kann wechseln: Die Juden, die Kapitalisten, die Männer, die Klimaleugner, die Moslems. Und natürlich gibt es Abstufungen der Radikalität: Manche sympathisieren nur still mit solchen Gedanken, manche fordern sie laut ein, manche finden, dass das hehre Ziel „Gewalt gegen Sachen“ rechtfertige, manche werfen mit Bomben um sich. Aber die Grundstruktur des Denkens findet sich eigentlich immer. Sie gilt es zu bekämpfen, nicht eine bestimmte inhaltliche Weltanschauung.
Es gibt mehrere aktuelle Anläse, sich dieses Muster vor Augen zu halten. Die Morde in Paris haben immerhin dazu geführt, dass der islamische Extremismus in den Massenmedien jetzt mit der Intensität und Deutlichkeit behandelt wird, die er seit Jahren verdient. Da die meisten Journalisten sich in Wahrheit nur für sich selbst und ihresgleichen interessieren, aber nicht besonders für andere Menschen, reicht es nicht aus, wenn Moslemfanatiker Kinder auf dem Weg zur Schule abschlachten. Da wird dann nach zwei Tagen der Betroffenheitsrhetorik zur Tagesordnung übergegangen. Es muss erst eine Zeitschriftenredaktion treffen, um echte Aufregung auszulösen. Schlimm, aber wenigstens scheint jetzt der eine oder andere aufzuwachen.
Jetzt ist es an der Zeit, dass die Moslems in Deutschland Farbe bekennen. Es reicht nicht, ein paar lauwarme Beileidsbekundungen zu formulieren. Sie müssen das Gesindel in ihrer Mitte ächten, und zwar nicht nur in Sonntagsreden, sondern im täglichen Leben, und zwar gründlich. Es müssen die Moslems selbst sein, die die Fanatiker von den Rheinwiesen vertreiben, wenn sie versuchen, Jugendliche für Mörderbanden zu rekrutieren. Die Moslems selbst müssen die aufgeblasenen Idioten aus dem Gasthaus jagen, die als selbsternannte „Scharia-Polizei“ Frauen drangsalieren, wenn sie kein Kopftuch tragen. Es müssen die Moslems selbst sein, die bei der Polizei Bescheid sagen, wenn ein Irrer in der Moschee zum „heiligen Krieg“ aufruft. Es ist an der Zeit, dass die Moslems in Deutschland entscheiden, wohin sie gehören. Und sie müssen die Entscheidung auch durch konkretes Handeln belegen.
Punkt. Absatz. Das was jetzt folgt, ist keine Einschränkung des bisher gesagten und umgekehrt.
Wenn heute in den politischen Kommentaren immer wieder betont wird, dass die Morde islamischer Fanatiker nicht zum Anlass genommen werden dürfen, den Islam als Ganzes zu verunglimpfen, ist das vollkommen richtig. Ich sehe vor meinem geistigen Auge die Pegida-Sympathisanten mit den Augen rollen, wenn ich auf die Tatsache hinweise, dass es angesichts der Unterschiede zwischen den Kulturtraditionen der westlichen und der muslimischen Welt und trotz der Existenz der Fanatikergruppen alles in allem erstaunlich wenig Integrationsprobleme in Deutschland gibt. Natürlich ist es eine Banalität, wenn man feststellt, dass 95 Prozent der Moslems in Deutschland friedliche und keineswegs radikale Mitbürger sind. Es ist schlimm genug, dass man diese Banalität trotzdem extra betonen muss, denn es laufen zu viele herum, die versuchen, sie vergessen zu lassen.
Ja, ich weiß: Die Pegida-Demonstrationen sind legal. Ich weiß: Sie sind friedlich. Ich weiß: Bei vielen Demonstranten sind es ehrliche, legitime, teilweise wahrscheinlich sogar berechtigte Sorgen, die sie auf die Straße treiben. Aber zumindest bei einem wesentlichen Teil der Organisatoren und Anführer ist Intoleranz die wichtigste Triebfeder. Ich weiß: Diese Leute beschränken sich darauf, Andersdenkende als Lügner oder „Volksfeinde“ zu beschimpfen und werfen keine Bomben. Na, vielen Dank.
Aber wenn ich heute lese, dass der Brandenburgische AfD-Vorsitzende Gauland angesichts der Morde in Paris fast schon triumphierend bemerkt, die Tat bestätige, dass die Pegida-Demonstranten Recht hätten, und er sei gespannt, wie deren Gegner sich nun noch rechtfertigen wollten, wird mir allein schon wegen der Heuchelei schlecht, die da zum Vorschein kommt.
Immerhin ist das Verhalten verräterisch und damit aufschlussreich, denn dieses Muster ist bei allen Radikalen zu beobachten: Wenn irgendwo Linksradikale auftauchen, sind die Rechtsradikalen die ersten, die mit kaum zu verbergender Freude Zeter und Mordio schreien und umgekehrt. Im „Haltet-den-Dieb“-Rufen sind linke wie rechte Radikale große Profis. Sie brauchen sich nämlich gegenseitig. Sie haben ein Interesse daran, die entgegengesetzte Seite besonders bedrohlich erscheinen zu lassen, um ihrer eigenen Missachtung von Recht und Gesetz den Anschein von Legitimation zu verschaffen. Die Linkspartei hat dieses Verhalten schon vor vielen Jahren zur Perfektion gebracht.
Links- und Rechtsradikale, fanatische Moslems und fanatische Moslem-Hasser, unterscheiden sich selbstverständlich in ihren konkreten Zielen, und natürlich gibt es unterschiedliche Grade der Gewaltbereitschaft. Eigentlich haben diese Gruppen fast überhaupt nichts miteinander gemeinsam - mit einer einzigen, aber entscheidenden Ausnahme: Sie haben einen gemeinsamen Feind. Dieser Feind ist der liberale Rechtsstaat. Der hindert sie nämlich daran, die Menschen zu drangsalieren, die ihnen nicht in den Kram passen.
Vor drei Tagen hat der FDP-Vorsitzende Christian Lindner auf dem Dreikönigstreffen seiner Partei in Stuttgart eine einstündige fulminante Grundsatzrede gehalten. Die deutschen Massenmedien haben mit ihrem untrüglichen Gespür für das Wesentliche von dieser Veranstaltung praktisch ausschließlich über die (zugegebenermaßen sehenswerten) Beine der Hamburger Spitzenkandidatin Katja Suding berichtet. So ging auch ein Satz Lindners unter, der das aus meiner Sicht Entscheidende auf den Punkt bringt: „Wer Ressentiments entschuldigt, wer wegschaut, weil er selbst nicht betroffen ist, der kann morgen selbst das Opfer sein.“ Das gilt für den Umgang mit dem Islam gleichermaßen wie für den Umgang mit Islamgegnern.