So manches Abspielgerät entpuppte sich als grausames, bänderfressendes Ungeheuer, das einen fürchterlichen Bandsalat anrichten konnte und das zarte Tonband nicht selten aufs Übelste verkrüppelte – wenn nicht sogar (Super-GAU!) ganz zum Reißen brachte. Tja, liebe Kinder, das Leben war auch damals schon nicht leicht.
Die jungen Leute von heute können sich das wahrscheinlich gar nicht mehr vorstellen. Aber als wir jung waren und es noch keine Handys, keine Computer, keine Playstation, ja noch nicht einmal Videos gab und der Fernseher die Zuschauer zum Programmende noch mit der Nationalhymne und wehender Deutschlandfahne ins Bett schickte, da gab es im Prinzip drei Dinge, mit denen man sich als junger Mensch die Zeit vertreiben konnte: Lesen, Musik und Sport. Das Ding von mir und meinen Freunden war die Musik – und alles, was sich darum drehte. Wir verbrachten ganze Nachmittage und Abende damit, gebannt vor unseren Radiorekordern zu sitzen; die Zeigefinger auf der Record- und der Playtaste, allzeit bereit, den nächsten guten Song, der im Radio lief, auf Kassette zu verewigen. Dabei mussten die Tasten so behände bedient werden, dass der Anfang des Liedes nicht abgeschnitten wurde, aber auch die Ansage des Moderators nicht mit drauf war. Dasselbe galt für das Ende des Liedes, wo es immer ein besonderes Ärgernis darstellte, wenn der Moderator in den Fade-out hineinplapperte und einem damit die ganze Aufnahme versaute.
Die Musikkassette wurde einst von dem niederländischen Elektronikkonzern Philips entwickelt und erstmals auf der 23. Großen Deutschen Funk-Ausstellung in Berlin im Jahr 1963 präsentiert. Ganz zu Beginn ließ die Tonqualität der sogenannten Compactcassette im Vergleich zu den ungleich größeren Spulentonbändern noch sehr zu wünschen übrig. Aber schon bald konnten die Klangeigenschaften durch die Weiterentwicklung der Eisenoxidbänder (Ferro) und die Erfindung der Chromdioxid-Beschichtung hinreichend verbessert werden. Und als der amerikanische Ingenieur und Erfinder Ray Dolby dann auch noch sein erfolgreiches Rauschunterdrückungssystem für die Kassettentechnik anpasste, stand dem Siegeszug der Compactcassette nichts mehr im Wege.
Im Vergleich zu den großen Langspielplatten waren die kleinen Musikkassetten schon eine recht handliche Angelegenheit. Man konnte sie einfach einstecken und überallhin mitnehmen. Und sie waren auch viel unempfindlicher als das kostbare Vinyl. Um unsere wertvollen Schallplatten zu schonen, überspielten wir sie alsbald auf Kassette. Das bot den zusätzlichen Vorteil, dass die Lieder, die einem ohnehin nicht gefielen, ausgespart werden konnten. Auf diese Weise brachte man auf die beiden Seiten einer C90-Kassette mit ihren zweimal fünfundvierzig Minuten die hörenswertesten Stücke von drei bis vier Vinylalben. Oder man fabrizierte gleich ein Mix-Tape mit seinen Lieblingsliedern. Ach, das waren noch Zeiten, als man jemandem seine Zuneigung erweisen konnte, indem man ihm oder ihr ein Mix-Tape aufnahm und mit Schere, Kleber und Farbstiften ein ganz persönliches Cover bastelte.
Der Walkman brachte Freiheit
Überdies konnten die Kassetten auch problemlos mit neuen Aufnahmen überspielt werden. So problemlos sogar, dass einem das auch schon mal ungewollt passierte. Um eine Kassette vor versehentlichem Löschen oder Überspielen zu schützen, musste man nur die beiden Plastikzungen, die die Einbuchtungen an den seitlichen Enden der Oberkante abdeckten, herausbrechen. Dadurch wurde im Inneren des Kassettenlaufwerks ein Mechanismus außer Kraft gesetzt, der eigentlich die Aufgabe hatte, die Aufnahmetaste zu entsperren, die sich von nun an jedoch nicht mehr herunterdrücken ließ. Dieser Löschschutz konnte ganz unkompliziert wieder rückgängig gemacht werden, indem man die Löcher mit Tesafilm überklebte oder, wenn keiner zur Hand war, zum Beispiel mit einem Stück Kaugummi zustopfte.
Im Hinblick auf die Abspielgeräte gab es noch vielfältigere Weiterentwicklungen: etwa Tapedecks für die Stereoanlage, sogar mit zwei Laufwerken, mit denen eine Kassette direkt auf eine andere kopiert werden konnte. Auch die mobilen Radiorekorder wurden immer ausgefeilter und klanglich verbessert, was nicht zuletzt durch die Größe der verbauten Lautsprecher erreicht wurde. Einen Höhepunkt der Entwicklung stellten die sogenannten Ghettoblaster dar, die zwar super klangen, aber aufgrund ihrer immer aufgeblähteren Dimensionen zunehmend mühsam zu transportieren waren –
was zu allerlei Witzeleien über deren Eigentümer Anlass gab. Da kam im Sommer 1979 der Walkman von Sony gerade recht, der nicht nur größenmäßig einen absoluten Gegenentwurf zum Ghettoblaster darstellte, sondern auch den Charakter des Musikhörens grundlegend veränderte. Konnte man mit einem Ghettoblaster noch Aufsehen erregen und ein soziales Happening vom Zaun brechen, so eignete sich der Walkman hingegen vortrefflich dazu, sich aus seiner Umwelt herauszuziehen und ein ganz individuelles Musikerlebnis erfahren zu können. Ich weiß noch genau, wie ich das erste Mal mit meinem neuen Walkman und meiner Lieblingsmusik im Ohr herumlief: Ich hatte mich noch nie so frei gefühlt!
Aber Vorsicht! So manches Abspielgerät entpuppte sich als grausames, bänderfressendes Ungeheuer, das einen fürchterlichen Bandsalat anrichten konnte und das zarte Tonband nicht selten aufs Übelste verkrüppelte – wenn nicht sogar (Super-GAU!) ganz zum Reißen brachte. Tja, liebe Kinder, das Leben war auch damals schon nicht leicht. Immerhin konnte mithilfe eines sechseckigen Bleistiftschaftes, den man durch die runde, gezahnte Öffnung einer der beiden Bandwickelrollen steckte, das heraushängende Band wieder in die Kassette zurückgedreht werden. Diejenigen Stellen des Bandes jedoch, die von dem Übeltäter zerknittert wurden, leierten fortan bei der Wiedergabe und liefen zudem Gefahr, bei nächster Gelegenheit wieder gefressen zu werden.
Mit dem Aufkommen der Digitaltechnik gehörten solcherlei Probleme der Vergangenheit an. Als Anfang der 80er Jahre die Compact Disc (CD) auf den Markt kam, wurde die gute alte Compactcassette mehr und mehr überflüssig. Die digitalen Speichermedien ermöglichten zudem erstmals eine Eins-zu-eins-Übertragung der Musikdaten – rauschfrei und ohne jeglichen Klangverlust. Um Musik digital speichern und wiedergeben zu können, braucht man nicht einmal mehr ein sich drehendes oder sonstwie bewegendes Medium. Auf einer Speicherkarte oder einem USB-Stick der Größe eines 10-Cent-Stücks kann man inzwischen seine komplette digitalisierte Plattensammlung mit sich herumtragen und beispielsweise im Auto abspielen lassen. Trotz allem erlebt nicht nur die Vinylschallplatte, sondern auch die Musikkassette aktuell ein Comeback. Jeder Musiker, der etwas auf sich hält (und über den nötigen Background seiner Plattenfirma verfügt), veröffentlicht seine neuen Alben auf CD, Vinyl und „Audio-Kassette“, wie man die alte Compactcassette heutzutage zu nennen pflegt.
Hans Scheuerlein ist gelernter Musikalienfachverkäufer. Später glaubte er, noch Soziologie, Psychologie und Politik studieren zu müssen. Seine Leidenschaft gehörte aber immer der Musik.

PS: als cassetten -hörer muss man basteln lieben, sonst sind unkosten + ärger vorprogrammiert.
Danke für den schönen Bericht, bin auch wieder auf analog umgestiegen. Es gibt viel Musik die nicht digitalisiert wurde und die man nur durch Zufall auf Platte bekommt. Danke
Erzählen Sie doch ihre Geschichten ihren Enkeln. Leider sind Sie zu jung von der Zeit zu erzählen, wo zu Hause noch selbst musiziert wurde. Mein Kassettenrekorder, Typ Sonett, Hersteller VEB Stern-Radio Sonneberg, hat jedenfalls kein Band zerfressen und gleich einen Katastrophe („Super-Gau!“) ausgelöst. Ich finde es beachtlich, ihre Körperbeherrschung, nach so vielen Super-Gaus! So als Überlebender …
die freuden und ärgernisse mit dem technischen system cassette und rekorder habe auch ich seit meiner jugend erlebt, zwischendurch in der CD-R-euphorie habe ich alles abgeschafft, zu unvollkommen, das ganze ! um dann auf high-end-niveau ein paar jahre später wieder
einzusteigen, mit cassetten und decks , die im verschrottungsklima plötzlich erschwinglich waren. das funktionierte dann so, wie es sich die erfinder erträumt hatten, hervorragend. diese erfahrung muss man gemacht haben als analog- und cassetten-fan.
Das Foto (oben) zum Beitrag bedient rassistische Klischees und ist sexistisch. Im Lautsprecher (links) ist der kolonialistisch ausgebeutete afrikanische Kontinent in Umrissen abgebildet. Dass die Dame weitgehend unbedeckt/unverschleiert ist und eine geschlossene weiße Zahnreihe aufweist, ist arg. Dazu die Ohrringe und die Kette. Dreist! Ich schäme mich.
Naja,viele Bands machen keine CDs mehr aber Vinyl.Wobei das Vinyl für viele nur noch zum angucken und als Wertanlage da ist.Bei Vinyl sind meistens kostenlose Download Codes enthalten,diese sind aber je nach Anbieter auch wieder stark komprimiert.Und auf Mini PC Boxen hört sich Musik natürlich auch schlechter an.Welcher Jugendliche hat heute vernünftige Boxen?
Sucht, absolute Sucht ! Ich bin MR. Tapedeck in Person. Wenn immer ich eines in die Finger kriege repariere ich es, es ist manisch, ich habe mein Coming Out. Ich bin absolut Tape- Deck – sexuell. Wenn die Dinger die Bänder fressen, einen schönen Gruß von den Riemen und Kupplungen. Oder der Capstan – Belt – Teer wenn die alt werden, eine Sauerei der Sonderklasse. Bänder und Bandmaschinen sind auch so Sex – Objekte. Revox B77 ein abgefahrener Kult. Ich bin der Hugh Hefner der Audio – Welt, ich mache jede Lötstelle wieder heiß. Hyperbel und Tabuspiel beiseite: Kasette ist gemütlich und ihre Technik ist abgefahren. Ich höre immer noch Kassette und sie ist der CD sogar in der Haltbarkeit überlegen. In Mumetall halten die ewig und wenn nicht, kann man sie auffolieren und retten.