Im Rahmen einer Serie über die europäische Führungskrise für die Website der Geopolitischen Nachrichtendienste (GIS) hat der Mainzer Historiker Andreas Rödder einen Blick auf die deutsche Führungskrise geworfen. Dabei hat der Professor für neueste Geschichte zunächst festgestellt, dass es in der Vergangenheit in der Bundesrepublik Deutschland mehrere Beispiele großer Führung gegeben hat. Als fraglich sieht es Rödder an, ob dies heute ebenfalls möglich sei. Es gelte, „die Nation erneut zu führen, eine zersplitterte Gesellschaft zu einen und die mutigen, vielleicht unbequemen Schritte zu unternehmen, die notwendig sind, um anhaltenden Wohlstand zu sichern“.
Um zu veranschaulichen, wie das in der Vergangenheit ausgesehen hat, nimmt der Historiker, der auch Mitgründer der Denkfabrik R21 ist, die Bundesregierungen seit Gründung der Republik in den Blick. Dabei werden wesentliche Grundentscheidungen präsentiert. Hier werden Konrad Adenauer, Willy Brandt, Helmut Schmidt und Helmut Kohl genannt. Bei Adenauer steht die Integration Deutschlands in den Westen und die Wiederaufrüstung des Landes im Fokus. Bei Brandt ist es die Ostpolitik, die mit der globalen Entspannungspolitik korreliert. Helmut Schmidt setzte sich zwar mit dem NATO-Doppelbeschluss durch, verlor jedoch die Unterstützung seiner Partei. Dass der Nachfolger Helmut Kohl dies weitergeführt hat, so zieht der Historiker die Linie weiter aus, führte schließlich zu Gorbatschow, den Reformen der Sowjetunion und dem Ende des Kalten Krieges. Kohl habe, so betont Rödder, dann die historische Gelegenheit ergriffen, innerhalb eines Jahres die deutsche Wiedervereinigung herbeizuführen. Es folgten, so beschreibt es der Historiker die Förderung der europäischen Integration bis hin zum Vertrag von Maastricht und der Einführung der Europäischen Währungsunion. Letzteres stieß in Deutschland auf erbitterten Widerstand.
Durchsetzung gegen Widerstände
Dieser Aspekt, der Widerstand gegen die oben genannten Maßnahmen verbindet alle diese Führungspersönlichkeiten, die sich, das ist die weitere Gemeinsamkeit – teils unter Verlust ihres Amtes – gegen diesen Widerstand durchgesetzt hätten. Ein weiterer Akt folgte Rödder zufolge mit Gerhard Schröder. Deutschland fand sich Ende der 1990er und Anfang der 2000er Jahre, so der Historiker als "kranker Mann Europas" wieder. Als Folge der Wiedervereinigung, so beschreibt es Rödder, sowie infolge der sozialen Belastungen hatte das Land seine Kraft verloren. Schröder stellte mit der "Agenda 2010" die Weichen für gut 15 Jahre deutschen Wohlstands. Auch Schröder verlor sein Amt durch die teils brachialen Reformen. Entscheidend für den Aspekt der erfolgreichen Führung ist die Tatsache, dass die Entscheidungen auf Widerstand stießen und kontrovers diskutiert wurden. Sie korrelierten dennoch mit einem allgemeinen politischen Konsens in ihrer jeweiligen Zeit. Den hier aufgezeigten Regierungsmaßnahmen stellt Andreas Rödder im Folgenden die Ära Merkel als eine Zeit der Vermittlung und Mäßigung.
Die oft geäußerte Ansicht, die Kanzlerin Merkel habe „auf Sicht“ regiert, wird von Rödder nicht wörtlich erwähnt, aber anhand der Euro-Schuldenkrise. Positiv bewertet der Historiker hier, die Kanzlerin habe die Europäer zusammengehalten und die Union bewahrt. Er kritisiert jedoch, sie habe keinen Sinn für langfristige Perspektiven gezeigt. An weiteren Beispielen untermauert der Historiker diese Kritik und kommt zu der Ansicht, dass damit das politische System der Bundesrepublik verändert worden sei. Bei den Linken sei die Kanzlerin immer beliebter geworden, während sie sich von Mitte-rechts immer weiter entfernte. Rödder führt die Gründung der AfD unmittelbar auf dieses Wirken von Kanzlerin Merkel zurück, die diese dann wiederum nutzte, um die Linke durch "asymmetrische Demobilisierung der Wähler" zu schwächen. Nur durch diese Konstellation, so Rödder, seien die Merkel-Regierungen 2013 und 2017 möglich gewesen. Die nach nur drei Jahren gescheiterte Scholz-Regierung war nicht in der Lage gewesen, „die grundlegenden Reformen umzusetzen, die sie versprochen hatte“.
Andreas Rödder bescheinigt dem amtierenden Kanzler Merz, den Regierungsstil von Frau Merkel übernommen zu haben. Dieser Erbe von Frau Merkel habe allerdings weniger Gefühl für Macht, soziale Beziehungen und Kommunikationsfähigkeiten. Ferner habe Merz „die Glaubwürdigkeit als politische Ressource“ unterschätzt, als er seine Versprechen gebrochen habe. Merz gab alte christdemokratische Prinzipien wie die Schuldenbremse schon vor seinem Amtsantritt auf. Ende 2025, so Rödder weiter, habe die Koalitionsregierung Schwierigkeiten gehabt, notwendige wirtschaftliche und sozialer Reformen umzusetzen. Es sei der Koalition nicht möglich gewesen, eine gemeinsame Agenda zu verfolgen.
Nicht Merz allein ist der Grund
Der Historiker sieht die Führungskrise unseres Landes nicht allein als Folge der Persönlichkeit des amtierenden Bundeskanzlers. Vielmehr hat er drei strukturelle Faktoren identifiziert, zum ersten das politische System, des Weiteren die ausufernde Demoskopie und zum dritten die politische Kultur. „20 Jahre zentristischer Koalitionen“, so bezeichnet es Rödder, hätten echte Verbesserungen in der Regierungsführung verhindert. Er verweist dabei auf die Führungsstärke der oben angeführten Kanzler bis Schröder. Die Folgen nennt er eine „pfadabhängige Kontinuität von Kompromissen und Mikromanagement“, womit grundlegende Debatten und Richtungsänderungen im Zentrum verhindert worden seien. Das demokratische Zusammenspiel von Regierung und Oppositionsparteien sei damit an den Rand gedrängt worden. Der Demoskopie mit ihren häufigen Umfragen bescheinigt Rödder, Stress für regierende Politiker zu erzeugen. Ständige Medienpräsenz und zu viel Öffentlichkeit arbeiten dem zu. Er bescheinigt diesen Elementen, den repräsentativen Charakter der Parlamentarischen Demokatie durch – wie er es nennt – Plebiszitarische Elemente zu unterlaufen. Den Politikern fehle so die Freiheit, auch an umstrittenen Entscheidungen festzuhalten. In der politischen Kultur kritisiert der Historiker erneut die grüne Hegemonie, die mit ihrer Moralität kontroverse Debatten und Entscheidungen gegen den Mainstream verhindert.
Fünf Szenarien nennt der Historiker am Ende als künftige Möglichkeiten, wie es in den kommenden Jahren weitergehen kann. Die wahrscheinlichste Variante ist ein Durchhalten der Koalition, ohne substanzielle Reformen durchsetzen zu können. Etwas weniger wahrscheinlich sei es, dass die Ökonomie die SPD unter Druck setze, wirtschaftliche und soziale Reformen zu akzeptieren. Als unwahrscheinlich sieht der Historiker eine Minderheitsregierung der CDU an. Rödder sieht dies nur „im Falle unerwarteter und überwältigender Druck äußerer Ereignisse und eines Scheiterns des zweiten Szenarios“ als machbar an. Dass die aktuelle Koalition einen neuen Kanzler wählt, betrachtet der Historiker als sehr unwahrscheinlich. Derzeit unmöglich sei ein Zusammenschluss von Mitte-Rechte mit der äußersten Rechten. Die letzte Variante bezeichnet Andreas Rödder als die große Unbekannte, nämlich eine Spaltung rechts der Mitte, die zu einer neuen Partei zwischen CDU und AfD führen könnte. Damit hat der Politikberater Andreas Rödder die Führungskrise in Deutschland umfassend umschrieben.
Tatsächlich scheint es aus der jetzigen Krisensituation keinen anderen Ausweg zu geben als einen radikalen Paradigmenwechsel, der sich besonders auf die drei strukturellen Faktoren fokussiert. Es braucht eine neue Kultur der Debatte, die Cancel-culture unmöglich macht, es braucht eine politische Handlungsmaxime jenseits populistischer Effekte, anders gesagt eine Shitstormresilienz und eine Entmoralisierung der Politik hin zu mehr Rationalität. Diese Fazit ist einem Historiker natürlich untersagt, doch es lässt sich unschwer aus der Analyse herauslesen.
Der Historiker überschätzt Einflussmöglichkeiten der Kanzler seit 1949. Sie sind nicht machtlos, aber oft MÜSSEN sie kuschen. So wie der arme Scholz, als ihm Biden – eine senile Marionette – die Sprengung avisierte (NS2, Ostsee). Zu Gerhard Schröder: Er war der beste Kanzler, da er 1. seine „Macht“ so weit wie möglich sinnvoll einsetzte (außenpolitisch). 2. Nach innen setzte er tatsächlich wichtige Reformen durch. Deutschland hat ihm also zu danken und viele tun es endlich auch wieder (Idioten nicht). Merkel schadete Deutschland massiv (sie wollte und will halt „überleben“ und MUSS(TE) gewisse Dinge tun). Dieser schlechten Frau Orden anzuheften, zeugt vom Zustand der Anhefter. Merz taugt ebenfalls nichts. Orden werden folgen.
Wenn es mit Deutschland wieder aufwärts gehen soll, sollte das Selbstbestimmungsgesetz noch erweitert werden. Man sollte jedes Jahr sein Alter, seine Größe und seine Augenfarbe ändern können. Auch seinen Kontostand sollte man einmal im Jahr frei wählen können, um Diskriminierungen z. B. bei Finanzierungsgeschäften und Ratenzahlungen zu vermeiden.
@Christiane Neidhardt. Werte Dame, so viel Pessimismus? Fällt mir schwer das ins Kalkül zu nehmen. Wünsche Ihnen einen guten Rutsch und ein schönes 2026.
Wir sind doch schon lange an Bord der Titanic D. , nur viele vollgefressene Gutmenschen und aus der Asylindustrie wollen das nicht merken, wo statt Vernunft der klerikale Heiligenscheinputzwahn regiert, obwohl dieser mörderisch und nicht heilig ist.
Noch etwas kann man aus Roedders Analyse herauslesen: Es braucht eine zweite Rechtspartei! Nur das wird die Verklemmung auflösen. Schauen wir uns in Europa um: Überall, wo Rechte regieren, gibt es zwei Rechtsparteien, nicht eine. Was wir brauchen ist: Team Freiheit.
Wir reformieren uns seit Jahrzehnten zu Tode. Praktisch ersetzen die Reformen die permanente Revolution.
Die Einführung einer Reform ist dann meist so umständlich, daß nur eine weitere trostlose Dauerbaustelle hinzukommt. Die Kosten explodieren und fressen das Versprechen einer Einsparung dann leicht mit den 10fachen Kosten.
Welcher normale Mensch wollte in der SPD Karriere machen? Der würde schon auf dem Weg zum Rednerpult weggebissen. Führungsstärke besteht ja heute darin, irrationale Ansichten zu vertreten. Wer keine auffällige Meise hat und sich nicht ständig selber lobt, wird in der Partei keinen Fuß auf den Boden kriegen.
Das andere Problem für starke Persönlichkeiten sind die Jubelmedien. Jeder Stein wird umgedreht, jedes Haar gespalten, jeder Schwachsinn breit getreten. Die neuen Paradigmen lassen keinen Normalzustand zu. Jeder ist Spezialist für Feminismus, Nazis, Vielfalt, Eheberater, Kindertherapeut, wenn 16jährige gegen Nazis sind und gegen das Patriarchat sind, dann haben wir eine geistige Versorgungskrise. Die haben nie ein Buch gelesen und ihre Parolen sind nichts als Gerüchte, um mit der eigenen Rührseligkeit zu punkten.
Man kann sich auf niemanden verlassen, weil alle nur auf einen Fehltritt warten. Auf Merzens Stadbild-Debatte haben die sich gestürzt wie eine hungrige Horde Brummer auf einen Kuhfladen. Hypeventilieren und beleidigt sein als Programm macht diesem Staat den Garaus.
Medien abschalten – Presse Shutdown -, und Jubelpresse in Arbeit bringen. Meine Idee! Wer keine Ausbildung als Handwerker hat, ist für den Journalistenberuf ungeeignet.
Wallasch „Weihnachtsgruß aus Brüssel: Deutsche Soldaten unter EU-Flagge in die Ukraine“.
Die Geschichte ist weiter gegangen, so operiert heute die BW mit polnischen Verbänden in Polen – ein Wunder, nach allem, was war. Und dies hat der Russe fertiggebracht, weil er sich partout nicht anständig zu benehmen weiß. Nach 1945 haben die Russen schon den Deutschen des Arsch gerettet, nix Morgenthau, sondern Marshallplan, heute OECD. Mal ein update machen.