Richard Wagner / 22.10.2010 / 08:01 / 0 / Seite ausdrucken

Die Miegel und ihr Michel

Kennen Sie schon den neuesten Sport in Deutschland? Er entstammt der Rubrik „Gutes tun“ und heißt Straßenumbenennung. Die Beschäftigung damit ist nicht ganz von der Hand zu weisen, trägt sie doch auch zur allgemeinen Bildung bei. Schließlich muss man sich mit den ins Visier genommenen Personen der Zeitgeschichte, die zu Namensgebern von Straßen geworden sind, zumindest zum Zweck der Begründung ihrer Ungeeignetheit, auseinandersetzen. So könnte man denken.

Beispiel: Agnes Miegel. Sie gilt als die größte Dichterin Ostpreußens im 20. Jahrhundert und als die deutsche Balladendichterin ihrer Zeit. Zumindest zwei ihrer Gedichte belegen diese Behauptung: „Die Frauen von Nidden“ und „Wagen an Wagen“. Man kann nicht von der Ballade des 20. Jahrhunderts in der deutschen Literatur sprechen, ohne diese Gedichte zu berücksichtigen. Sollte man meinen.

Die Wirklichkeit sieht etwas anders aus. Die einschlägigen Schulbücher sind bereits gesäubert, diverse Anthologien ebenso, andere werden folgen. Der Grund? Agnes Miegel war eine der Vorzeige- Dichterinnen des Dritten Reiches. Sie hat geradezu inflationär dem Führer unter den Anstreichern gehuldigt, nur, das haben andere auch. Knut Hamsun zum Beispiel hat sogar noch einen Nachruf auf Hitler verfasst. Verzichten wir deshalb auf Knut-Hamsun- Straßennamen oder lesen wir nicht mehr sein Buch „Hunger“?

Weiter in der Argumentation. Agnes Miegel, heißt es, habe 1944 als eine von sechs Schriftstellern auf der so genannten Gottbegnadetenliste Hitlers gestanden. Das stimmt. Aber auf dieser Liste, die die Befreiung der Künstlerprominenz vom Kriegsdienst regeln sollte, steht auch der Name des Literatur-Nobelpreisträgers Gerhart Hauptmann. Also keine Gerhart- Hauptmann-Straße mehr?

Wieso trifft es nun gerade die Miegel, und andere nicht? Oder noch nicht? Vielleicht hat es damit zu tun, dass sie sich der Verlogenheit der Instant-Entnazifizierung verweigerte.
Sie soll bei Kriegsende gesagt haben, dass sie diese Frage allein mit ihrem Gott zu klären habe. Damit gehört sie sicherlich zu den Unbelehrbaren. Betrachtet man die Sache politisch, muss es nicht unbedingt Agnes- Miegel- Straßen geben, und auch nicht Agnes-Miegel- Schulen. Aber was hat die Ballade der Frauen von Nidden über den Pesttod auf der Kurischen Nehrung mit dem Nationalsozialismus zu tun?

Und noch etwas: Wer einmal mit dem Umbenennen anfängt, hat bald viel zu tun, und es wird ihm schwer fallen, mit dem Umbenennen aufzuhören. Zuletzt wird es nur noch Bertha-von Suttner-Straßen geben und Anne- Frank-Schulen, und auf den Busfahrkarten der einschlägigen Linien werden die Wikipedia-Artikel über die beiden Vorbildlichen abgedruckt sein.

Agnes Miegel hat sich politisch geirrt und ihr Irrtum ist schwerwiegend, sie teilt ihn aber mit dem deutschen Michel. Man wird jetzt einwerfen, sie hatte als Dichterin Vorbildfunktion und der Schaden, den sie zu verantworten hat, ist größer. Aber, so ließe sich entgegnen, sie hat den Krieg zwar befürwortet, geführt und ausgeführt hat ihn der Michel. Und was ist jetzt, wer führt heute die Umbenennung durch, ist es nicht auch der Michel? Jener Michel, der immer nur in der Wehrmacht war, der im Handumdrehen umerzogene Michel, der gute, der gutmeinende, der jetzt bei der Antifa ist und im Stadtrat oder unter den Sachverständigen, die Umbenennung durchzuführen haben.

Es ist der Michel von nebenan. Er liest keine Balladen, er liest auch sonst nichts. Aber er ist informiert, er weiß, was geht, und vor allem weiß er, was nicht geht. Davon lebt er schließlich, unser Michel.

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Paypal via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Richard Wagner / 19.07.2016 / 09:13 / 6

Aus dem Zeitalter der Dummheit

Dass wir im Zeitalter der Dummheit leben, wird uns beinahe täglich vor Augen geführt. So, wenn wir glauben, einen feinen Unterschied zwischen Islam und Islamismus…/ mehr

Richard Wagner / 09.03.2016 / 20:00 / 1

Femme Fatal und Landtagswahl

Noch nie war die Politik in Deutschland seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs so weichenverstellt. Es ist das späte Ergebnis des langen Aufstiegs und noch…/ mehr

Richard Wagner / 19.11.2014 / 10:51 / 0

Krieg um die Fifth Avenue?

“Für das Individuum mit seinen Wünschen nach Unversehrtheit und Glück ist der Krieg immer sinnlos.  Aber während er das individuelle Leben zerstört, kann er das…/ mehr

Richard Wagner / 12.09.2014 / 11:33 / 4

Von allen guten Geistern

Früher, als die Kirche noch für die öffentliche Moral zuständig war, und damit auch für die Identifikation des Bösen, war im Gegenzug auch die Zuständigkeit…/ mehr

Richard Wagner / 09.09.2014 / 11:45 / 6

Der Narr und die Barbarei

Wer am Morgen Radio hört, ist selber schuld, und wer am Morgen in Berlin Radio hört, muss den Verstand verloren haben. Wie ich, heute. Kaum…/ mehr

Richard Wagner / 24.07.2014 / 08:06 / 3

Die rechten Migranten formieren sich

Wenn Palästinenser in deutschen Städten demonstrieren, geht es immer öfter nicht nur gegen den Staat und die Staatsidee Israels, sondern gegen jüdisches Leben in Deutschland.…/ mehr

Richard Wagner / 30.05.2012 / 12:25 / 0

Die Israel-Predigt

An dem neuen Bundespräsidenten Joachim Gauck wird in der Regel sein dem Diplomatenjargon konträres Pathos gelobt. So, wenn er in Israel dem dortigen Staatsoberhaupt und…/ mehr

Richard Wagner / 29.04.2012 / 05:45 / 0

Holocaust, Ölpreis, Vermischtes

Vor drei Tagen erschrieb sich Elisabeth Kiderlen in der Süddeutschen Zeitung einen Vergleich zwischen Israel und dem Iran, aus ihrer Sicht sogar eine Gemeinsamkeit, die…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com