Kennen Sie schon den neuesten Sport in Deutschland? Er entstammt der Rubrik „Gutes tun“ und heißt Straßenumbenennung. Die Beschäftigung damit ist nicht ganz von der Hand zu weisen, trägt sie doch auch zur allgemeinen Bildung bei. Schließlich muss man sich mit den ins Visier genommenen Personen der Zeitgeschichte, die zu Namensgebern von Straßen geworden sind, zumindest zum Zweck der Begründung ihrer Ungeeignetheit, auseinandersetzen. So könnte man denken.
Beispiel: Agnes Miegel. Sie gilt als die größte Dichterin Ostpreußens im 20. Jahrhundert und als die deutsche Balladendichterin ihrer Zeit. Zumindest zwei ihrer Gedichte belegen diese Behauptung: „Die Frauen von Nidden“ und „Wagen an Wagen“. Man kann nicht von der Ballade des 20. Jahrhunderts in der deutschen Literatur sprechen, ohne diese Gedichte zu berücksichtigen. Sollte man meinen.
Die Wirklichkeit sieht etwas anders aus. Die einschlägigen Schulbücher sind bereits gesäubert, diverse Anthologien ebenso, andere werden folgen. Der Grund? Agnes Miegel war eine der Vorzeige- Dichterinnen des Dritten Reiches. Sie hat geradezu inflationär dem Führer unter den Anstreichern gehuldigt, nur, das haben andere auch. Knut Hamsun zum Beispiel hat sogar noch einen Nachruf auf Hitler verfasst. Verzichten wir deshalb auf Knut-Hamsun- Straßennamen oder lesen wir nicht mehr sein Buch „Hunger“?
Weiter in der Argumentation. Agnes Miegel, heißt es, habe 1944 als eine von sechs Schriftstellern auf der so genannten Gottbegnadetenliste Hitlers gestanden. Das stimmt. Aber auf dieser Liste, die die Befreiung der Künstlerprominenz vom Kriegsdienst regeln sollte, steht auch der Name des Literatur-Nobelpreisträgers Gerhart Hauptmann. Also keine Gerhart- Hauptmann-Straße mehr?
Wieso trifft es nun gerade die Miegel, und andere nicht? Oder noch nicht? Vielleicht hat es damit zu tun, dass sie sich der Verlogenheit der Instant-Entnazifizierung verweigerte.
Sie soll bei Kriegsende gesagt haben, dass sie diese Frage allein mit ihrem Gott zu klären habe. Damit gehört sie sicherlich zu den Unbelehrbaren. Betrachtet man die Sache politisch, muss es nicht unbedingt Agnes- Miegel- Straßen geben, und auch nicht Agnes-Miegel- Schulen. Aber was hat die Ballade der Frauen von Nidden über den Pesttod auf der Kurischen Nehrung mit dem Nationalsozialismus zu tun?
Und noch etwas: Wer einmal mit dem Umbenennen anfängt, hat bald viel zu tun, und es wird ihm schwer fallen, mit dem Umbenennen aufzuhören. Zuletzt wird es nur noch Bertha-von Suttner-Straßen geben und Anne- Frank-Schulen, und auf den Busfahrkarten der einschlägigen Linien werden die Wikipedia-Artikel über die beiden Vorbildlichen abgedruckt sein.
Agnes Miegel hat sich politisch geirrt und ihr Irrtum ist schwerwiegend, sie teilt ihn aber mit dem deutschen Michel. Man wird jetzt einwerfen, sie hatte als Dichterin Vorbildfunktion und der Schaden, den sie zu verantworten hat, ist größer. Aber, so ließe sich entgegnen, sie hat den Krieg zwar befürwortet, geführt und ausgeführt hat ihn der Michel. Und was ist jetzt, wer führt heute die Umbenennung durch, ist es nicht auch der Michel? Jener Michel, der immer nur in der Wehrmacht war, der im Handumdrehen umerzogene Michel, der gute, der gutmeinende, der jetzt bei der Antifa ist und im Stadtrat oder unter den Sachverständigen, die Umbenennung durchzuführen haben.
Es ist der Michel von nebenan. Er liest keine Balladen, er liest auch sonst nichts. Aber er ist informiert, er weiß, was geht, und vor allem weiß er, was nicht geht. Davon lebt er schließlich, unser Michel.