Stefan Frank / 04.10.2021 / 16:00 / Foto: Worldsite9937 / 7 / Seite ausdrucken

Die Methode Omri Boehm (Teil 7): Feldzug gegen das Holocaust-Gedenken

Das Ungewöhnliche – und Gefährliche – an Boehms Propaganda ist, dass er seine antiisraelische Polemik immer wieder mit Angriffen auf das Shoah-Gedenken kombiniert. 

Dass Omri Boehm ein Buch veröffentlicht hat, in dem er falsche Behauptungen über die Geschichte des arabisch-israelischen Konflikts aufstellt und den Staat Israel dämonisiert, würde ihn aus der Masse der Antizionisten nicht herausheben. Auch die „Ein-Israeli-kritisiert-Israel“-Masche ist abgegriffen. Ihr einst führender Vertreter Uri Avnery ist vor drei Jahren verstorben. Dadurch allerdings wurde eine Marktnische frei, die Boehm nun mit einigem Erfolg besetzt.

Norman Finkelstein, Omri Boehm und Dirk Moses

Das Ungewöhnliche – und Gefährliche – an Boehms Propaganda ist, dass er seine antiisraelische Polemik immer wieder mit Angriffen auf das Gedenken der Shoah kombiniert. Damit erschließt er jene Leserkreise, die vor 21 Jahren Norman Finkelsteins Pamphlet „Die Holocaustindustrie“ in Deutschland zum „Spiegel-Bestseller“ machten. Er tut das zum Teil mit denselben Thesen und dem fast gleichen Wortlaut: Das Holocaustgedenken diene einer angeblichen „Immunisierung“ Israels gegen „Kritik“, schrieb Finkelstein damals. Boehm schreibt:

„Dass sich das Land [Israel; S.F.] durch das Andenken an den Holocaust in einer Sphäre jenseits des normalen öffentlichen Diskurses verortet, immunisiert seine Politik gegenüber jenen Kräften, die den Sieg humanistischer Werte fördern könnten.“

Warum bloß wird kein Staat der Welt so oft und so bösartig angegriffen wie Israel, wo das Land doch „immun“ sein soll? Lauter Impfdurchbrüche?

Boehm scheint auf den ersten Blick weniger radikal als Finkelstein. Boehms Buch heißt „Israel – eine Utopie“. Das klingt, als würde er Gutes im Schilde führen. Durch diese vorgeschützte Harmlosigkeit verkauft es sich zwar nicht so gut wie „Die Holocaustindustrie“, auf der anderen Seite eröffnet es Boehm die Möglichkeit, mit seinen regelmäßigen Kolumnen auf Zeit Online auch solche Leser zu erreichen, die Finkelstein zu recht für einen extremistischen Wirrkopf halten, aber nicht sehen, dass der vermeintlich moderate Boehm ähnlich argumentiert, wenn auch etwas geschickter und mit der Autorität des „Philosophen“.

Seine Angriffe auf das Gedenken der Shoah, die Boehm in seinen Texten immer wieder reitet, sind etwas, das man in der zeitgenössischen deutschen Debatte bislang außer von Finkelstein fast nur von Rechtsextremisten kannte – oder, wenn man in der Geschichte einige Jahrzehnte zurückgeht, von Linksterroristen wie Dieter Kunzelmann (1939–2018), der forderte, die Linke müsse den deutschen „Judenknax“ überwinden.

In der deutschsprachigen Debatte der letzten Monate können Boehm und der in North Carolina lehrende australische Historiker Dirk Moses als die Wortführer derer gelten, die den Deutschen diesen vermeintlichen „Judenknax“ austreiben wollen. Moses, zur Erinnerung, versucht derzeit, die Deutschen davon überzeugen, sie hätten sich 70 Jahre lang von „amerikanischen, britischen und israelischen Eliten“ einreden lassen, dass der Holocaust etwas Besonderes sei und sie zu einer „besonderen Loyalität“ gegenüber Israel verpflichte. Neonazis würden wohl von alliierter „Umerziehung“ sprechen. Moses schreibt:

„Die Erinnerung an den Holocaust als Zivilisationsbruch ist für viele das moralische Fundament der Bundesrepublik. Diesen mit anderen Genoziden zu vergleichen, gilt ihnen daher als eine Häresie, als Abfall vom rechten Glauben. Es ist an der Zeit, diesen Katechismus aufzugeben.“#

Wer zwingt den Deutschen diesen „Katechismus“ auf? Wenig originell: anonyme amerikanisch-jüdische Mächte. Dafür, dass es angeblich alles tut, was Israel und die USA angeblich verlangen, dürfe Deutschland sich „von der politischen Klasse Israels und den USA anerkennend den Kopf tätscheln lassen“. Hat das schon mal jemand gefilmt? Moses und Boehm sind beide groß im Aufstellen von weitreichenden Behauptungen, sehen sich aber nicht verpflichtet, Belege beizubringen. Moses spricht im Zusammenhang mit dem deutschen Holocaustgedenken von „Glauben“, „Glaubensartikeln“, „Katechismus“, „Glaubenswächtern“, „Hohepriestern“, „Häresie“, „Häretikern“, „Inquisition“ und „öffentlichem Exorzismus“. Mitunter fühlt er sich gar an „Häresieprozesse“ erinnert. Die gingen bekanntlich mit Folter einher, und die Häretiker landeten auf dem Scheiterhaufen. 

Ein solches Schicksal droht nun nach Moses’ Befürchtung in Deutschland auch Aktivisten, die israelische Juden „boykottieren“ wollen („BDS“) – mindestens aber müssten sie um „Arbeitsplatz oder die Teilnahme am öffentlichen Leben fürchten“, behauptet Moses. 

Auch „das Recht, die Politik Israels zu kritisieren“, wähnt er in Deutschland in Gefahr. Man weiß, wie unerbittlich der lange Arm der israelischen Regierung gegen Kritiker in Deutschland vorgeht, der Publizist Jakob Augstein hat es ja 2012 im Spiegel erklärt: „Wenn es um Israel geht, gilt keine Regel mehr: Politik, Recht, Ökonomie – wenn Jerusalem anruft, beugt sich Berlin dessen Willen.“

Folgt man Dirk Moses, dann nutzen die Juden den Holocaust-„Katechismus“ als eine Art Trojanisches Pferd; darin enthalten sei nämlich auch der angebliche Glaubenssatz, dass Deutschland „Israel zu besonderer Loyalität verpflichtet“ sei (was allerdings in der deutschen Außenpolitik niemals zu sehen ist) und dass der Antizionismus eine Form des Antisemitismus sei (was der Antizionist Moses nicht wahrhaben will).

Die von Dirk Moses verbreiteten Parolen sind keineswegs neu. Er sagt nichts, was nicht so oder so ähnlich vor ihm schon andere gesagt haben. Gehen wir auf Spurensuche; Finkelstein haben wir erwähnt. Dass die Juden den Holocaust benutzten, um „Sympathie“ zu gewinnen, die sie dann in politische oder monetäre Gewinne ummünzten, ist ein auch bei autoritären Regimes in islamischen Ländern virulentes Klischee. 

Als Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste“ 1993/94 in die Kinos kam, durfte er in den allermeisten mehrheitlich islamischen Ländern nicht gezeigt werden. Im Libanon wurde sogar verboten, für den Film zu werben. In Malaysia schrieb die Zensurbehörde, der Film sei „Propaganda, mit dem Ziel, Sympathie (für die Juden) zu wecken und die andere Rasse (die Deutschen) in ein schlechtes Licht zu rücken.“ Ähnlich wie Dirk Moses hatten die Zensoren die Befürchtung, die Erinnerung an den Holocaust könne womöglich Israel nützen. Also verboten sie den Film.

Horst Mahler: „Meinungsdiktatur Israels“

Ein anderer Intellektueller, der mit dem Holocaustgedenken hadert, ist der RAF-Mitgründer und Neonazi Horst Mahler. Wie Omri Boehm ist er Philosoph, mit dem Unterschied, dass er mehr Hegel liest als Kant. Als Rechtsanwalt des wegen Volksverhetzung zu einer Haftstrafe verurteilten Neonazi-Musikers Frank Rennicke argumentierte Mahler 2002 in seinem über 200 Seiten langen Revisionsantrag an das Bundesverfassungsgericht:

„Die offensichtlich mit der Politik abgestimmte Verstrickung der Justiz in den Abwehrkampf der Judenheit gegen die geschichtliche Wahrheit ist ein deutliches Anzeichen dafür, dass es mit der Verfolgung der ,Holocaustleugner’ um etwas Bedeutendes geht: Diese sind die gefährlichste Bedrohung der Holocaustreligion. 

Mit dieser aber steht und fällt die Weltherrschaft (Oberlercher) des Judentums sowie die Existenz Israels. Wir haben es hier mit dem neuralgischen Punkt der gegenwärtigen Weltgeschichte zu tun.“ (Zitiert nach: Michael Fischer: Horst Mahler. Biographische Studie über Antisemitismus, Antiamerikanismus und Versuche deutscher Schuldabwehr.)

Wie Omri Boehm und Dirk Moses schlug Mahler einen Bogen von der Ablehnung des deutschen Holocaustgedenkens über eine angebliche israelische „Meinungsdiktatur“ zur israelischen Politik:

„Der Aufstand gegen die Jüdische Weltherrschaft hat in Palästina mit der 2. Intifada begonnen. Der Befreiungskrieg setzt sich jetzt fort in Deutschland mit dem Angriff auf das Dogma von den 6 Millionen im Gas umgekommenen Juden […]. 

Die Völker leiden unter der Meinungsdiktatur Israels und seiner Hilfstruppen – am schlimmsten ergeht es dabei dem Palästinensischen und dem Deutschen Volk. Während das Palästinensische Volk den Tod durch israelische Panzer und israelische Mörderbanden erleidet, wird das Deutsche Volk Opfer eines von Jüdischen Institutionen organisierten Seelenmordes, wie es ihn in der Geschichte noch nie gegeben hat.“

In die gleiche Kerbe schlug vor einigen Jahren der wegen seines Antisemitismus aus der AfD ausgeschlossene ehemalige baden-württembergische Landtagsabgeordnete Wolfgang Gedeon. Er argumentierte, der Holocaust werde in Deutschland „ideologisiert und theologisiert“. Es gehe dabei „nicht mehr um allgemeine Judaeomanie als Reaktion auf den Antisemitismus der nationalsozialistischen Zeit, sondern um die Etablierung einer neuen Staatsreligion“.

Der dem rechtsextremen AfD-„Flügel“ von Björn Höcke nahestehende Götz Kubitschek klagte aus Anlass der Debatte um Gedeons Äußerungen im Juni 2016 in einem Interview mit dem völkisch-rechten Blatt Sezession über „Tabus“, die den Deutschen diktiert würden:

„Wir bewegen uns ja fraglos sofort in tabubewehrten Zonen, wenn wir über die weltgeschichtliche Bedeutung des Judentums, des Zionismus oder der Holocaustindustrie nachdenken und unsere Gedanken äußern. Man kann diese Tabus nun aufgrund der deutschen Geschichte als gerechtfertigt akzeptieren – das ist dann eine politische Entscheidung, sie ist im Bezug auf die Leugnung des Holocausts in Deutschland sogar juristisch abgesichert. 

Man kann die Tabus aus wissenschaftlicher Sicht aber auch ablehnen, und zwar ohne jede Prüfung der Sachverhalte, nämlich schlicht, weil es keine Frage- und Forschungstabus geben sollte.“

Boehms Kampf gegen das „sakralisierte Holocaust-Gedenken“

Solche angeblichen Tabus bekämpft auch Omri Boehm. In einem Beitrag für Zeit Online war er kürzlich dabei zu beobachten, wie er die angemessene Distanz zu Dirk Moses suchte – nicht zu viel, nicht zu wenig. „Wir“, so Boehm, hätten „gelernt“, dass

„die Singularitätsthese [gemeint ist die bisherige geschichtliche Einzigartigkeit des nationalsozialistischen Unternehmens der Vernichtung der europäischen Juden; S.F.] ihrerseits instrumentalisiert werden kann, um Deutschlands universalistische Verpflichtungen zu untergraben. Das bedeutet nicht, dass wir mit A. Dirk Moses und anderen Kritikern die Einzigartigkeit von Auschwitz bestreiten sollten, und theologisch konnotierte Formulierungen à la ‚Katechismus’ sind in jedem Fall unangemessen.“

Theologisch konnotierte Formulierungen also seien „unangemessen“. Das müssen wir im Kopf behalten, weil Boehm offenbar darauf spekuliert, dass die Zeit-Leser sein Buch nicht kennen, in dem es im Hinblick auf das Holocaustgedenken durchaus einige Formulierungen gibt, die man als „theologisch konnotiert“ interpretieren könnte. Eine Blütenlese:

„Wir [sollten] uns der Tendenz widersetzen, Israel als einen gleichsam der Kritik enthobenen Staat zu behandeln, der nicht auf herkömmlicher, legitim zu hinterfragender und zu diskutierender Politik beruht, sondern auf einem quasi sakralisierten Holocaust-Gedenken.“ (S. 27; Hervorhebung hier und im Folgenden vom Verfasser.) 

„Ich analysiere Elie Wiesels Holocaust-Messianismus und die Nationalisierung der Erinnerung durch den Jerusalemer Eichmann-Prozess, um zu zeigen, dass das Gedenken an den Holocaust wahrlich zu einer Kraft geworden ist, die den Stellenwert der Staatsbürgerschaft in Israel untergräbt.“ (S. 52)

Israelis, so Boehm, litten unter einer „politisch-metaphysischen Existenzangst“, die sie

„dazu verleitet hat, von der Berufung auf den Holocaust als einem politischen Argument unmerklich dazu überzugehen, den Zionismus als eine Art angstbasierten mythologischen Holocaust-Messianismus zu betrachten“. (S. 66)

Boehm spricht von der „jüdischen Versuchung“: „die Versuchung nämlich, den Judaismus in einen zionistischen Holocaust-Messianismus zu verwandeln“ und nennt das Beispiel Elie Wiesel:

„Wiesel ging aus Auschwitz nicht als Christ hervor und auch nicht wirklich als atheistischer Jude. Er ging aus Auschwitz hervor als jemand, der fest vom Zionismus als der letztendlichen messianischen Theologie des Holocaust überzeugt ist.“ (S. 71)

Dann spekuliert Boehm über Nebenwirkungen, die sich aus dieser angeblichen Theologie ergäben:

„Dadurch, dass ein solcher Holocaust-Messianismus den jüdischen Staat der Sphäre rationaler, universalistischer Politik enthoben hat, hat er das jüdische Gewissen in schwere Schräglage gebracht.“ (S. 71)

Boehm klagt Wiesel für dessen angebliches „Schweigen über Israel“ an (das Wort „Schweigen“ benutzt Boehm in seinem nicht eben umfangreichen Buch 47-mal): „Ist das Schweigen nicht immer auf der Seite des Unterdrückers?“ Wiesel habe, wenn es um Israel ging, „weder tiefe Weisheit noch gesunden Menschenverstand“ gehabt. Seine Vernunft sei nämlich durch den „Holocaust-Messianismus“ beeinträchtigt gewesen. Wörtlich schreibt Boehm:

„Warum sollte ein jüdischer universalistischer moralischer Kritiker nicht öffentlich Position zu Israel beziehen? Die Antwort liegt im Zusammenbruch der Vernunft durch den Holocaust-Messianismus.“ (S. 72)

Boehm fordert auf Seite 74, „die Erinnerung“ müsse „vom Holocaust-Messianismus befreit werden“, bevor ihm dann auf Seite 97 einfällt, dass er ja noch gar nicht über den Holocaust-Messianismus geschrieben hat. Höchste Zeit also:

„Wenige Geschichten transportieren eindrucksvoller das Vokabular des Zionismus als Holocaust-Messianismus: die Vorstellung, dass das jüdische Volk aus der Asche der Geopferten auferstanden ist, indem es Kinder im israelischen Wunderstaat bekommt.“ (S. 97)

Halten wir fest: Horst Mahler spricht von der „Holocaust-Religion“; Dirk Moses vom „Katechismus“; Wolfgang Gedeon vom Holocaust als „einer neuen Staatsreligion“; Götz Kubitschek von „tabubewehrten Zonen“; Omri Boehm vom „Holocaust-Messianismus“. Alle meinen das Gleiche: Das Holocaust-Gedenken basiere nicht auf Wissen über geschichtliche Tatsachen, sondern sei vielmehr eine Art fanatischer Kult, der zur Verfolgung politischer Ziele Israels Gehorsam und Konformität einfordere – und somit vom Standpunkt der Vernunft abzulehnen sei.

Die angebliche Illiberalität des Holocaust-Gedenkens

Boehm beklagt, der „Holocaust-Messianismus“ wolle „die wesenhafte Verbindung zwischen Zionismus und souveränem jüdischem Staat festschreiben und sanktionieren“. Das Holocaust-Gedenken werde in Israel seit „geraumer Zeit“ in eine „Gegenmacht zu jeder (sic!) liberalen Politik verwandelt“. Eine lupenreine Tyrannei also.

Auch in Deutschland sieht Boehm eine unheilvolle Manipulation der Regierungspolitik durch die angebliche Fixierung der Regierenden auf die „Vergangenheit“ und den Holocaust. In diesem Sinn äußerte sich Boehm am 11. August in einem Zeit Online-Kommentar

In dem Text geht es um die Pseudo-Ermittlungen des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) gegen Israel, eine Justizposse, bei der der „Kläger“ – der fiktive Staat „Palästina“ – von einem Komitee vertreten wird, dessen Leiter der Hamas-Terrorist Dr. Ghazi Hamad ist. Ihm zur Seite stehen die PFLP-Terroristin Khalida Jarrar und der DFLP-Terrorist Qais Abd Al-Karim Abu Laila. 

Was hat das mit Deutschland zu tun? Die deutsche Bundesregierung hatte, wie zahlreiche andere Staaten auch, als Amicus Curiae („Freund des Gerichts“) dem Tribunal eine Rechtsmeinung übermittelt, wonach die Klage „Palästinas“ vor dem IStGH nicht legitim sei, weil, so ein Sprecher des Auswärtigen Amtes, Palästina aus Sicht der Bundesregierung kein Staat ist und daher die Grundlage für eine Zuständigkeit des Internationalen Strafgerichtshofs fehlt“. 

Zu keiner Zeit hat die Bundesregierung eine Verbindung dieser juristischen Frage zum Holocaust hergestellt, was ja auch abwegig wäre. Aber nicht zu abwegig für Omri Boehm: Er glaubt, dass es schon wieder ihre angebliche Holocaust-Besessenheit gewesen sei, die die deutsche Bundesregierung umgetrieben habe und sie habe anders handeln lassen, als sie es ihren Prinzipien und Überzeugungen gemäß eigentlich hätte tun müssen. 

Boehm sieht in der von der deutschen Bundesregierung an den IStGH übermittelten Rechtsauffassung einen Beleg – mehr noch: die „aussagekräftigste Fallstudie“ – dafür, dass „Deutschlands besonderes Bekenntnis zu Israel“ sich nicht mit der „Verpflichtung auf die Menschenrechte und das Völkerrecht“ vereinbaren lasse. Im Klartext: Weil die deutsche Bundesregierung Israel verpflichtet sei, pfeife sie – zumindest im vorliegenden Fall – auf „die Menschenrechte und das Völkerrecht“. 

Die Möglichkeit, dass die Bundesregierung aufrichtig handeln könnte und die von ihr vertretene Rechtsauffassung womöglich ihrer wirklichen juristischen Überzeugung entspricht, erwägt Boehm gar nicht erst. Er hält das Auswärtige Amt offenkundig für fremdgesteuert – von Israel.

Boehms Auffassung kann, schon rein logisch betrachtet, aus zwei Gründen keine Plausibilität beanspruchen: Erstens hat die deutsche Bundesregierung bekanntermaßen ansonsten keine Skrupel, auf der internationalen Bühne jede noch so abwegige Initiative gegen Israel mit ihrer Stimme zu unterstützen. Zweitens haben auch Staaten wie Tschechien und Australien als Amici Curiae die israelische (und deutsche) Rechtsauffassung geteilt, wonach der IStGH keine Zuständigkeit besitzt. Stehen auch sie unter dem Bann des Holocaust, an deren Existenz Boehm glaubt?

Erwähnenswert: In seinem Zeit-Kommentar bescheinigt Boehm der Hamas, sich für das Wohl der Palästinenser einzusetzen. Die islamistische Terrororganisation, die im Gazastreifen eine Diktatur mit Folter und Hinrichtungen eingerichtet hat, habe, so Boehm, den

„palästinensischen Beitritt zum Römischen Statut unterstützt und die Haager Voruntersuchungen begrüßt, obwohl diese auch ihr eigenes Vorgehen betrafen. Sie spekuliert zu Recht, dass die Autorität des Völkerrechts den Palästinensern nicht zuletzt im Gazastreifen wesentlich mehr einbringen würde als ihr Raketenterror gegen die israelische Zivilbevölkerung.“

Der „Autorität des Völkerrechts“ zur Geltung zu verhelfen und „den Palästinensern“ auf dem Rechtsweg etwas „einbringen“, das also wolle die Hamas. Der deutschen Bundesregierung hingegen stellt Boehm ein schlechteres Zeugnis aus; sie sei Erfüllungsgehilfe Israels und stelle darum ihre „Verpflichtung gegenüber dem jüdischen Staat“ über ihre „Verpflichtung gegenüber dem Völkerrecht“. Boehm schreibt:

„Deutschland, das aufgrund seiner Vergangenheit der Autorität des IStGH hoch verpflichtet ist, wendet sich aufgrund seiner Vergangenheit unmittelbar gegen diese Autorität. So sieht es aus, wenn die Autorität des Universalismus an der Türschwelle der Singularität endet. All jenen, die den Universalismus bewahren wollen, indem sie die Einzigartigkeit des Holocausts verteidigen, sollte ein derartiges Beispiel ernsthaft zu denken geben.“

Boehms Strohmannargumente

Boehm wendet den Vorwurf eines angeblichen Missbrauchs des Holocaust-Gedenkens bzw. der Singularität der Shoah gerne an, auch und vor allem dann, wenn er der Einzige ist, der den Holocaust in die Diskussion einbringt. Das tat er schon, als er – ebenfalls auf Zeit Online – die Anti-BDS-Resolution des Deutschen Bundestages geißelte.

Es könne ja wohl „nicht antisemitisch sein“, schrieb er damals, „auf der schieren Gleichheit von Juden und Palästinensern zu bestehen“. Das hatte vor Boehm nie jemand behauptet, auch der Deutsche Bundestag nicht.

Boehm beklagte in diesem Zusammenhang einen angeblichen „Druck, das Holocaust-Gedenken zu missbrauchen und zu behaupten: Weil die Juden ein Recht auf Selbstbestimmung haben, ist es antisemitisch, die nationalen Rechte der Palästinenser zu verteidigen.“ Selbstredend steht nirgendwo in der Resolution des Deutschen Bundestages etwas derartiges (vielleicht hülfe es, wenn Boehm die Bundestags-Resolution vom 15. Mai 2019 einmal lesen würde). 

Boehm selbst ist derjenige, der immerfort das Holocaustgedenken – in herabsetzender Absicht – in die Debatte einbringt, um dann anschließend auf andere zu projizieren, sie würden ja das „Holocaust-Gedenken missbrauchen“. Und wenn diese gerade gar nicht vom Holocaust gesprochen haben? Dann, ja dann, unterstellt Boehm eben, dass der Holocaust ihr inneres, geheimes (und, wie er meint: unlauteres) Motiv sein müsse.

Omri Boehm überzeugt nicht durch die Stichhaltigkeit seiner Argumente, sondern wirkt auf seine Anhänger deshalb glaubhaft, weil sie in seinen Texten das finden, was sie ohnehin bereits denken: dass es in Deutschland eine Verschwörung gebe, die auf das deutsche Volk und die Regierung Druck ausübe, sich einem bestimmten Holocaustgedenken anzuschließen; diese Verschwörung zensiere im Auftrag Jerusalems Meinungen, wenn nicht sogar Gedanken und habe den Deutschen Bundestag und die deutsche Bundesregierung unter ihrer Kontrolle.

An der Türschwelle zum Rechtsextremismus

Im antisemitischen Diskurs geht es immer darin, alte Bilder wachzurufen, Klischees über angebliches jüdisches Wirken. Manchmal reichen dazu Andeutungen. So, wie bei Martin Walser, als er im Oktober 1999 in seiner Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels sagte, dass er „vor Kühnheit zittere“, wenn er sage: 

„Auschwitz eignet sich nicht, dafür Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung.“ 

Auch ohne dass Walser die Juden erwähnte, wusste jeder, wer den kühnen Schriftsteller da zittern ließ und die Moralkeule schwang. Was dem Walser seine Keule, ist dem Boehm seine Türschwelle. Man könnte sagen: An der Türschwelle der Singularität (Boehm) steht ein Glaubenswächter (Moses) mit einer Moralkeule (Walser). Er ist ein Hohepriester (Moses), der den Deutschen den Katechismus (Moses) der Holocaustreligion (Mahler) predigt, sie im Auftrag der Holocaustindustrie (Finkelstein) an ihre Verpflichtung gegenüber dem jüdischen Staat (Boehm) erinnert; der sie zwingt, sich Jerusalem zu beugen (Augstein) und den Abfall vom rechten Glauben (Moses) durch das Errichten von tabubewehrten Zonen (Kubitschek) und die Mittel der Inquisition (Moses) verhindert. Ein Schreckensregime des Holocaust-Messianismus (Boehm), in dem keine Regel mehr gilt (Augstein), regiert Deutschland. 

So in etwa spukt es in den Köpfen von Omri Boehm, Dirk Moses, Jakob Augstein, Götz Kubitschek, Martin Walser, Wolfgang Gedeon, Horst Mahler, Norman Finkelstein und anderen.

Teil 1 finden Sie hier.

Teil 2 finden Sie hier. 

Teil 3 finden Sie hier.

Teil 4 finden Sie hier.

Teil 5 finden Sie hier. 

Teil 6 finden Sie hier.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Mena-Watch.

 

Foto: Worldsite9937 CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

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Leserpost

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Kerstin Behrens / 04.10.2021

Der Macher Mark Zuckerberg mit “facebook” und Konsorten hat schlicht die gläubige deutsche Masse vorgeführt, eine der genialsten Geschäftsideen! Ich bedanke mich an dieser Stelle für die Kreativität und für die Wehrhaft Israels, Mossad und damit verbundener Elite-Einheiten. Ich glaube kaum, dass irgendeine weibliche Deutsche überhaupt mit einem Luftgewehr umgehen kann, so sehr sie sich auch intellektuell bemüht. Dumm gelaufen für die deutsche selbst ernannte weibliche Elite in 2021 auch auf dieser Plattform!

Hans-Peter Dollhopf / 04.10.2021

Herr Frank, da Ihre Boehm-Replik ursprünglich für Mena-Watch erarbeitet wurde und dort erschienen ist, weiß ich nicht, ob Sie irgendwelche Leserkommentare unter Nachveröffentlichungen wie hier auf Achgut wahrnehmen. Wenn ich mir vorstelle, welchen notwendigerweise akribischen Aufwand Sie hierbei in Boehm investierten, gehe ich nicht davon aus. Leserbriefe könnten wie ein Telegramm sein - Inhalt: “+++ MÜSSEN REDEN +++ STOP +++”. Vermutlich reden aber alle in den Texten 1 bis 7 genannten Akteure selbst nie miteinander, sondern rein nebeneinander. Was soll ich Laie auf dem Gebiet solcher “Wissenschaften” also hier groß dazu klecksen, das keine Sau interessiert. Neulich zitierte hier Julian Plutz in “Nichts gelernt” Tuvia Tenenbom mit, “dass der Deutsche den Antisemitismus mit der Muttermilch aufnimmt”. Was für eine Challenge! Danach ging ich in mich. Logisch ist zwingende Voraussetzung für Antisemitismus das Erlernen der Vokabel “Jude”! Also suchte ich in meinen Erinnerungen, die bei mir tatsächlich vor das dritte Lebensjahr reichen, nach diesem Zeitpunkt. Ich stieß auf die fast sechzig Jahre alte Erinnerung an eine bebilderte Kinderbibel, aus der Mutter mir bereits entwöhnten Toddler vorlas. Und da, nicht in ihrer Milch, begegnete ich überhaupt zum ersten Male dem Wort “Jude”, zunächst als “Hebräer” und dann “Israelit”. Und wenn ich mich recht erinnere, waren diese Israeliten immer Helden und die Israelitinnen waren auf den Abbildungen immer wunderschön - mit ihren klischeehaft anmutigen Kopftüchern! Im Kampf um die Deutungshoheit über Juden, Deutsche und Antisemiten bin ich aber doch nur noch eine antirassistisch zu behandelnde Kartoffel. “Was nennst du mich gut? Niemand ist gut außer dem einen Gott.”

Peter Woller / 04.10.2021

Der ewige Antisemit.

Marcel Seiler / 04.10.2021

Während ich Israel zu 100 % unterstütze, halte ich das jetzige Holocaust-Gedenken für kontraproduktiv. Niemand, der von eigener Schuld oder der Befreiung von eigener Schuld beherrscht wird, kann klar und altruistisch denken. Deutschland wird erst dann wieder ein wirklich konstruktiver Partner in der Welt sein, wenn es sein Bewusstsein als Post-Nazi-Staat aufgegeben hat. Damit rede ich weder dem Vergessen noch dem Verdrängen das Wort, wohl aber einer gründlichen Revision der jetzigen Gedenkpraxis. Ich rechne damit, dass eine solche Änderung die Unterstützung des Staates Israel durch Deutschland erhöhen wird.

giesemann gerhard / 04.10.2021

Es gibt überall paar Wirrköpfe mit Hang zu Masochismus. Mit der Zwei-Staaten-Lösung, die nicht möglich ist, hat er wohl recht. Ansonsten: Soll mensch sich mit jedem Geschwurbel abgeben? Na ja, wenn er/sie nix anderes zu tun hat ... .

RMPetersen / 04.10.2021

Wie ist es zu bewerten, dass ein Mensch wie Maas sagt, er sei “wegen Auschwitz” in die Politik gegangen, und eine dezidiert israelfeindliche Politik unterstützt? (Beispiele: UN-Abstimmungen, verbrüderung mit dem Iran, dessen offizielles Ziel die Vernichtung Israels ist?) Wir da nicht auf die damalige Massentötung durch NS-Deutschland (- also der Holocaust) als perverser Hebel für eine Vernichtung des jüdischen Staates, also wieder einer massenhaften Ermordung von Juden, benutzt? Was spukt in dem Hirn von Maas (und Steinmeier etc)?

Dieter Kief / 04.10.2021

1) Martin Walser meinte diejenigen, die die deutsche Wiedervereinigung ablehnten mit dem Argument, die Wiedervereinigung verbiete sich wegen Auschwitz. - Es waren Viele, die diese Ansicht vor 1989 - und selbst danach noch, vertreten haben. - Martin Walser hat das geklärt und sich mit Ignaz Bubis darüber verständigt. 2) Götz Kubitschek verweist darauf, dass das Sprechen über Auschwitz in Deutschland und Frankreich usw. unter juristische Kuratel gestellt worden ist. Über Auschwitz wurde insofern ein Tabu verhängt. Götz Kubitschek sagt ausdrücklich, dass das eine politische Option sei. Insofern hat er recht. Überdies billigt er dem Status Quo eine legitime Würde zu. Auch das ist nicht gerade das Debattenverhalten eines Höhlenmenschen.  Selbst dann nicht, wenn einer sagt, er finde das nicht angemessen. Nach wie vor ist richtig, was Rolf-Peter Sieferle geschrieben hat in Finis Germania: Dass das Holocaustgedenken hierzulande quasi-religiöse Züge annimmt. Wer will, kann die Kritik Henryk m. Broders an bestimmten Formen des Holcaustgedenkens wie auch an Gedankenlosigkeiten des offiziellen Judentums hierzulande durchaus als Anwendungsfälle von Sieferles Kritik lesen. - Ich sag mal so: Es hat dem Katholizismus mittelfristig genutzt, die Unfehlbarkeit des Papstes auch dem säkularen historischen Diskurs als Pflichtprogramm aufzuerlegen. Auf Dauer war das aber nicht hilfreich. Es ist auf Dauer auch nicht hilfreich, Facetten des Gedenkens an jüdische Opfer von oben heerab zu verordnen und strafrechtlich abzusichern. - Auch hier würde der Wind der Freiheit segensreich wehen. Auch das Papsttum hat die säkulare - und schließlich selbst die kirchliche (!) Kritik am .D.o.g.m.a. der Unfehlbarkeit ganz gut überstanden.

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