Stefan Frank / 17.08.2021 / 16:00 / Foto: Worldsite9937 / 3 / Seite ausdrucken

Die Methode Omri Boehm (Teil 4): Haifa 1948 und die Vertreibung, die es nicht gab

In seiner Schilderung des Kampfes um Haifa 1948 erfindet Omri Boehm eine Vertreibung von Arabern durch Juden, die es in Wahrheit nie gegeben hat.

Im dritten Teil dieses Beitrags haben wir gezeigt, wie Omri Boehm den arabisch-israelischen Krieg von 1948 umschreibt und sämtliche arabischen Akteure aus der Geschichte entfernt. In Boehms Version der Geschichte gibt es keine Konfliktparteien, keine von der Arabischen Liga angeheuerten ausländischen Söldner, keine angreifenden arabischen Armeen, keine Massaker an Juden, keine Gefechte – also nicht einmal einen wirklichen Krieg. Alles, was sich zwischen 1947 und 1949 in Palästina ereignete, geschah laut Boehm aus reiner Willkür der Juden, denen er offenbar die Macht zuschreibt, den Ablauf der Geschichte von Anfang bis Ende souverän bestimmt zu haben.

Schauplatz Haifa

Diese Schablone wendet er auch auf die Schlacht von Haifa vom 21. und 22. April 1948 an. An der Flucht der arabischen Bewohner der Stadt können seiner Meinung nach nur die Juden schuld gewesen sein. Alle Dokumente, die das Gegenteil belegen, ignoriert er. Der Kampf um Haifa, schreibt Boehm, endete „rasch“ damit,

„dass die palästinensischen Bewohner aus der Stadt flüchteten. Von Haifas ursprünglich siebzigtausend palästinensischen Einwohnern blieben am Ende des Krieges noch dreitausend übrig. Zehntausende verließen ihre Häuser innerhalb von achtundvierzig Stunden. Wie sich zeigen sollte, war es einer der entscheidenden Momente des Krieges und der Nakba.“

Die Flucht der Araber aus Haifa führt Boehm „einzig und allein“ darauf zurück, „dass Deir Jassin nur wenige Tage zurücklag“. Die Schlacht von Deir Jassin am 9. April 1948 war – ebenso wie die Schlacht von Al-Qastal (Castel) in derselben Woche – ein Versuch der Juden, die von arabischen Milizen verhängte Hungerblockade Jerusalems zu durchbrechen.

Während in Al-Qastal der Palmach und die Haganah kämpften, waren es in Deir Jassin militärisch weitgehend ungeschulte Kämpfer der Splittergruppen Etzel und Lechi. Diese wurden bei ihrer Ankunft in Deir Jassin in großer Zahl von syrischen und irakischen Scharfschützen getötet, die von Gebäuden aus schossen. Die Niederlage wendeten Etzel und Lechi dadurch ab, dass sie zahlreiche Häuser mit Dynamit und Handgranaten in die Luft sprengten. Am Ende waren rund hundert der vormals tausend arabischen Einwohner des Dorfes tot, darunter viele Zivilisten. David Ben-Gurion und die anderen jüdischen Führer in Palästina verurteilten das von Etzel und Lechi verübte „Massaker“ umgehend, die beiden Gruppierungen wurden zu Ausgestoßenen.

Die arabische Propaganda in Palästina inflationierte die Opferzahl auf 254 und erfand Vergewaltigungen hinzu, mit dem Ziel, die arabischen Regierungen zu einer sofortigen Intervention in Palästina zu bewegen. Der israelische Historiker Benny Morris schreibt:

„In den Wochen nach dem Massaker verbreiteten arabische Medien innerhalb und außerhalb Palästinas ununterbrochen Berichte über die Gräueltaten – meist mit blutrünstigen Übertreibungen –, um die arabische öffentliche Meinung und Regierungen gegen den Jischuw zu mobilisieren. Zweifellos waren sie erfolgreich. Die Sendungen schürten Empörung und bestärkten die Entschlossenheit der Regierungen, fünf Wochen später in Palästina einzumarschieren. Tatsächlich sollte Abdullah [der König von Transjordanien; S.F.] das Massaker von Deir Jassin als einen der Gründe anführen, warum er sich der Invasion anschloss.“

Die arabischen Propagandaberichte über Deir Jassin, so Morris, seien sicherlich auch „dazu gedacht gewesen sein, die Standhaftigkeit der Palästinenser zu stärken. Ihre Wirkung war jedoch genau das Gegenteil.“ Eine Medienkampagne also, die ihr Ziel völlig verfehlte. Omri Boehm stellt es in seinem Buch so dar, als wären es die Juden gewesen, die Gräuelpropaganda über Deir Jassin verbreitet hätten, damit die Araber aus Haifa fliehen:

„Es lässt sich nur schwer bezweifeln, dass die Furcht vor Massakern, die im ‚Vorfall’ von Deir Jassin begründet war, gezielt zu einer Massenhysterie geschürt wurde und so in der Säuberung der Stadt mündete.“

Boehm meint, dass die Juden die Massenhysterie geschürt hätten, erklärt aber nicht, wie genau sie das seiner Ansicht nach gemacht haben und verliert kein Wort über die arabische Propagandakampagne zu Deir Jassin, die es ja wirklich gab. Wie an anderen Stellen des Buches kann Boehm seine Thesen nur plausibel machen, indem er die wesentlichen historischen Fakten auslässt und stattdessen eigene erfindet.

Was in Haifa wirklich passierte, ist von jüdischen und arabischen Akteuren sowie von unabhängigen Beobachtern gleichermaßen dokumentiert – und hat nichts mit der Geschichte zu tun, die Boehm erzählt.

Teilungsplan und erster Terror

Laut dem UN-Teilungsplan vom 29. November 1947 sollte Haifa Teil des zu gründenden jüdischen Staats werden. Gleich am ersten Tag nach der Annahme des Teilungsplans durch die UN-Generalversammlung begannen arabische Terroristen, an verschiedenen Orten Palästinas Busse mit jüdischen Insassen anzugreifen. Bei Anschlägen in Kfar Sirkin, Hadera, Jerusalem und Haifa wurden am 30. November 1947 sieben Juden getötet und etliche weitere verletzt.

Dieser Terror und die Aussicht auf einen Krieg mit den arabischen Staaten bewogen schon im Herbst 1947 wohlhabende Araber zur Flucht aus Haifa. Die palästinensischen Araber hatten zwei politische Vertretungen: zum einen das von Mufti Amin el-Husseini geführte Arab Higher Committee (AHC), das beanspruchte, eine Zentralregierung ganz Palästinas zu sein und von Großbritannien als Vertreter der Araber anerkannt wurde; zum anderen sogenannte National Comittees (NC) in jeder Stadt. Am 9. Dezember 1947 diskutierte das NC Haifas über die Fluchtbewegung aus der Stadt und bezeichnete die Flüchtlinge als „Feiglinge“. Im Januar 1948 hinderte das NC Bewohner Haifas an der Flucht, beschlagnahmte ihren Besitz und zündete ihre Häuser an. Laut dem israelischen Historiker Benny Morris waren solche Bemühungen aber „beschränkt, zögerlich und nicht häufig“ und wurden dadurch konterkariert, dass Mitglieder des NC und des AHC selbst oft schon lange vor dem Frühjahr 1948 mitsamt ihren Familien aus Palästina flohen.

Teilweise gaben sie auch gegenteilige Befehle: In vielen Fällen, so Morris, wiesen das AHC und die NC arabische Dörfer, die in der Nähe jüdischer Siedlungsgebiete lagen, an, Kinder, Frauen und Alte in sichere Gebiete zu schicken. Morris verweist in diesem Zusammenhang auf eine berichtete Äußerung von Azzam Pascha, dem Generalsekretär der Arabischen Liga, der schon im Mai 1946 gesagt haben soll, dass man im Falle eines Krieges „alle arabischen Frauen und Kinder aus Palästina evakuieren und in die arabischen Nachbarländer bringen“ müsse. Er zitiert zudem einen Beschluss, den das Politische Komitee der Arabischen Liga im September 1947 in Sofar fasste: dass „die arabischen Staaten ihre Türen öffnen, um die Babys, Frauen und Alten von Palästinas Arabern aufzunehmen und für sie zu sorgen – sollten die Ereignisse in Palästina dies erfordern“. Ein wichtiger Grund für die Ende 1947 einsetzende Flucht der arabischen Bevölkerung war laut Morris auch der Zusammenbruch der arabischen Wirtschaft.

Die Schlacht um Haifa

In Haifa standen sich im April 1948 tausende Milizionäre der von der Arabischen Liga aufgestellten Arab Liberation Army (ALA) und einige hundert jüdische Milizionäre von Haganah und Palmach gegenüber. Britische Soldaten bildeten einen Puffer zwischen den Konfliktparteien. Als Generalmajor Hugh Stockwell, der Befehlshaber der britischen Truppen in Nordpalästina, Mitte April überraschend ankündigte, dass die Briten Haifa in Kürze verlassen würden – mehr als drei Wochen vor dem Ende des britischen Palästinamandats –, beeilten sich arabische Milizen, die freiwerdenden strategischen Positionen zu besetzen. So kam es am 21. und 22. April 1948 zur Schlacht um Haifa, bei der um jedes Haus gekämpft wurde. Die arabischen Milizen hielten das Hafenviertel, die jüdischen stießen von den Hügeln her auf das Stadtzentrum und den Hafen vor.

Gleich am ersten Tag der Gefechte bestieg der oberste arabische Kommandeur in Haifa, Amin Bey Izz al-Din, ein Boot und machte sich aus dem Staub, gefolgt von seinem Vize Yunnas Nafa und Ahmed Bey Khalil, dem Vertreter des AHC in Haifa.

Der amerikanische Vizekonsul Aubrey Lippincott, der die Nacht vor den entscheidenden Kämpfen bei den arabischen Kämpfern verbracht hatte, berichtete am 23. April, dass diese

„viel zu weit weg sind von ihrem Oberkommando. … Einige recht verlässliche Quellen besagen, dass das gesamte Arab Higher Committee Stunden vor Beginn der Schlacht Haifa verlassen hat … Jene Araber, die geflohen sind und mit denen dieser Funktionär [Lippincott; S.F.] gesprochen hat, haben alle das Gefühl, von ihren Führern im Stich gelassen worden zu sein. Der Schlag für das arabische Selbstvertrauen ist enorm.“

In dieser Situation baten hochgestellte arabische Persönlichkeiten, die in Haifa geblieben waren und die Reste des NC ausmachten, am 22. April Stockwell darum, einen „Waffenstillstand“ zu vermitteln. Am Nachmittag jenes Tages wurden sie in gepanzerten britischen Fahrzeugen zum Rathaus gefahren, wo sie Stockwell und jüdische Führer trafen, um die Bedingungen eines Waffenstillstands bzw. einer Kapitulation auszuhandeln. Morris schreibt:

„Das Treffen begann um vier Uhr nachmittags. Die jüdischen Führer, unter ihnen Bürgermeister Shabtai Levy, der Vertreter der Jewish Agency, Harry Beilin, und Haganah-Vertreter Mordechai Makleff, waren, wie Stockwell es ausdrückte, ‚kompromissbereit` und stimmten einer weiteren Verwässerung der Waffenstillstandsbedingungen zu. ‚Die Araber feilschten um jedes Wort’, notierte Beilin. Zu den endgültigen Bedingungen gehörten die Abgabe aller militärischen Ausrüstung (anfangs an die britischen Behörden), das Versammeln und Abschieben aller ausländischen arabischen Männer; die Festnahme ‚europäischer Nazis’ durch die Briten; und eine Ausgangssperre, die es der Haganah ermöglichen würde, in den arabischen Vierteln nach Waffen zu suchen. Die Bedingungen sicherten der arabischen Bevölkerung eine ‚Zukunft als gleichgestellte und freie Bürger Haifas’ zu.“

Der 72 Jahre alte Bürgermeister Levy, der die arabischen Vertreter sehr gut kannte, äußerte den Wunsch, dass Juden und Araber weiterhin in „Frieden und Freundschaft“ miteinander leben werden.

Arabische Führer geben Befehl zur Evakuierung

Doch die Vertreter der Araber in Haifa überlegten es sich anders. Wie Morris schreibt, verweigerte die arabische Delegation, die von Scheich Abdul Rahman Murad, dem örtlichen Führer der Muslimbruderschaft, und den Geschäftsleuten Victor Khayyat, Farid Sa’ad und Amis Nasr – eine Mischung aus Christen und Muslimen – geführt wurde, die Unterschrift und verlangte eine Pause „zur Beratung“:

„Die Araber wurden zu Khayyats Haus gefahren, wo sie versuchten, das AHC und, wenn möglich, das Militärkomitee der Arabischen Liga zu kontaktieren; sie wollten Anweisungen.“

Benny Morris zweifelt an, ob sie das AHC telefonisch überhaupt erreichten, und bringt die These ins Spiel, dass sie auf eigene Faust handelten, als sie anschließend den Befehl gaben, dass alle Araber Haifa mit Schiffen verlassen sollten. Dem steht allerdings die von dem israelischen Historiker Efraim Karsh zitierte Aussage des jüdischen Verhandlungsteilnehmers Yaakov Salomon entgegen, der 1949 gegenüber Beamten des israelischen Außenministeriums aussagte:

„Die arabische Delegation kam mit einer britischen Eskorte zum abendlichen Treffen, doch als dieses unterbrochen wurde, baten sie mich, sie mit dem Auto nach Hause zu fahren. Ich fuhr sie mit dem Auto. Bei der Rückfahrt sagten sie mir, dass sie Anweisungen hätten, den Waffenstillstand nicht zu unterschreiben und dass sie den Waffenstillstand unter keinerlei Bedingung unterschreiben könnten, weil dies den sicheren Tod durch die Hand ihrer eigenen Leute bedeuten würde, vor allem durch die der muslimischen Führer, die vom Mufti geleitet wurden. Während sie selbst also in der Stadt bleiben würden, weil sie glaubten, dass dies in ihrem eigenen Interesse sei, müssten sie den Arabern Anweisung geben, [Haifa] zu verlassen.“

Genau dies – die Evakuierung Haifas – verkündeten die Mitglieder der arabischen Delegation am Abend, als sich um 19:15 Uhr Araber, Juden und Briten wieder im Rathaus versammelten. Sie sagten, dass sie nicht in der Position seien, einen Waffenstillstand zu unterzeichnen, zumal sie keine Kontrolle über die arabischen Kämpfer hätten. Die arabische Delegation, die, wie Morris schreibt, bei dem Treffen am Abend nur noch aus Christen bestand, fuhr fort, dass die arabische Bevölkerung stattdessen Haifa verlassen solle, „Männer, Frauen und Kinder“. „Ohne Zweifel“, so Morris, fürchteten die arabischen Vertreter, dass das AHC sie als Verräter oder Kollaborateure brandmarken werde, falls sie einen Waffenstillstand unterzeichneten.

„Die jüdischen und britischen Offiziellen fielen aus allen Wolken“, so Morris. Levy flehte die arabischen Vertreter an, den Entschluss zu überdenken. Sie sollten doch nicht die Stadt verlassen, „in der sie über Jahrhunderte gelebt haben, in der ihre Vorväter begraben seien und in der sie über so lange Zeit mit den Juden zusammen in Frieden und Brüderlichkeit gelebt“ hätten. Die Araber erwiderten, sie hätten „keine andere Wahl“.

Auch Stockwell soll auf die Araber eingeredet und sie beschworen haben, in Haifa zu bleiben, die Stadt nicht zu evakuieren: „Zerstört nicht unnötig euer Leben.“ Dass Stockwell diese Worte sprach, wissen wir nur über Makleff, es ist also Hörensagen. Bei der historischen Tatsache, auf die es ankommt, haben wir aber gewissermaßen Brief und Siegel aller Parteien, dass es sich so zugetragen hat: Das Arab Higher Committee – und kein Jude oder eine jüdische Organisation – gab den Befehl, dass alle Araber Haifa zu verlassen hätten. Dies wurde vor den Augen und Ohren der Welt bei den Vereinten Nationen in New York im Namen des AHC gleich am folgenden Tag bestätigt, von Jamal Husseini, dem Präsidenten des AHC und dessen Vertreter bei der UNO. Als der UN-Sicherheitsrat sich in seiner Sitzung vom 23. April 1948 mit den Ereignissen in Haifa befasste, sagte Husseini laut dem Sitzungsprotokoll:

„Die Araber wollten sich nicht einem Waffenstillstand unterwerfen, der Schande gebracht hätte, und zogen es vor, ihre Wohnungen aufzugeben, ihre Habseligkeiten und alles, was sie auf dieser Welt besaßen, und die Stadt zu verlassen. Das haben sie tatsächlich getan.“

An anderer Stelle seiner Rede sagte er offen:

„Wir haben nie verheimlicht, dass wir die Kämpfe begonnen haben. Wir haben damit angefangen, weil wir immer glaubten, wie wir es auch jetzt tun, dass wir aus Notwehr kämpfen.“

Über das Radio verbreitete die Arab Liberation Army zu jener Zeit die gleiche Botschaft:

„Die Zionisten haben uns nicht unsere Bedingungen diktiert. Wir werden entweder um Palästina willen sterben; dann wird niemand übrig bleiben, der irgendwelche jüdischen Bedingungen akzeptiert – oder wir werden überleben und den Juden unsere eigenen Bedingungen diktieren.“

Das Time Magazine berichtete am 3. Mai 1948:

„Die Massenevakuierung, die teils durch Furcht, teils durch Befehle der arabischen Führer ausgelöst wurde, machte das arabische Viertel von Haifa zu einer Geisterstadt. Hinter den Befehlen der Araber steckte mehr als Stolz und Trotz. Durch das Abziehen der arabischen Arbeiter hofften die [arabischen] Anführer, Haifa lahmzulegen. Jüdische Anführer äußerten hoffnungsvoll: ‚Sie werden in einigen Tagen zurück sein. Schon jetzt kommen einige wieder.“

Juden versuchen, Araber zum Bleiben zu bewegen

Dass die Juden aufrichtig versuchten, die Araber zur Rückkehr zu bewegen, belegen neben zahlreichen westlichen und arabischen Zeitungen und Rundfunksendungen aus jener Zeit auch Berichte, die britische und amerikanische Diplomaten ihren Regierungen telegrafierten. Efraim Karsh hat etliche davon in Archiven gesichtet und in seinem Buch Palestine Betrayed veröffentlicht. Etwa Berichte des US-Konsulats in Haifa. Am 25. April, nach dem Ende der Kämpfe, telegrafierte Vizekonsul Lippincott an Washington, dass die „Juden hoffen, dass die Armut die Arbeiter veranlassen wird, [nach] Haifa zurückzukehren, wie es viele bereits tun, trotz der arabischen Versuche, sie draußen [zu] halten.“

Der britische Polizeibezirkskommissar schrieb am 26. April:

„Die Juden unternehmen jede Anstrengung, die arabische Bevölkerung zum Bleiben zu bewegen und zum Alltag zurückzukehren, ihre Läden und Unternehmen wieder zu öffnen und sicher zu sein, dass ihr Leben und ihre Interessen sicher sein werden.“

Zwei Tage später schrieb er:

„Die Juden unternehmen immer noch jede Anstrengung, um die arabische Bevölkerung zum Bleiben zu bewegen und zu ihrem normalen Leben in der Stadt zurückzukehren.“

In einem Bericht der 6. Luftlandedivision vom 1. Mai heißt es:

„Die Juden unternehmen energische Versuche, den Flüchtlingsstrom einzudämmen, oft in Gestalt von Interventionen durch die Haganah. Im Radio und in der Presse gab es Aufrufe, in denen die Araber gedrängt wurden, in der Stadt zu bleiben. Die Haganah hat ein entsprechendes Flugblatt herausgegeben und die Histadrut [der israelische Gewerkschaftsdachverband; S.F.] hat eine gleichartige Publikation veröffentlicht, in der sie an alle Araber, die vormals Mitglieder ihrer Organisation waren, appelliert, zurückzukommen. Insgesamt stehen die Araber dieser Propaganda gleichgültig gegenüber und ihre Haltung gegenüber der derzeitigen Situation ist eine von apathischer Resignation.“

Während die Juden die Araber zum Bleiben aufforderten, drängte das arabische NC sie zur Emigration, indem es Angst schürte und mit Rache drohte. In einem von Karsh zitierten britischen Geheimdienstpapier heißt es:

„Nachdem die Juden die Kontrolle über die Stadt gewonnen hatten, wären viele [Araber] trotz der andauernden Lebensmittelknappheit dem Befehl einer kompletten Evakuierung nicht nachgekommen, hätte es nicht die Gerüchte und die Propaganda gegeben, die von Mitgliedern des NC, die in der Stadt verblieben waren, verbreitet wurden. Das am stärksten verbreitete war das Gerücht, dass die in Haifa verbleibenden Araber von den Juden im Falle eines künftigen Angriffs auf jüdische Gebiete als Geiseln genommen würden. Dazu kam ein effektives Propagandastück mit einer implizierten Androhung von Vergeltung im Falle einer arabischen Rückeroberung der Stadt: dass jene Leute, die in Haifa blieben, damit stillschweigend zum Ausdruck brächten, dass sie an die Prinzipien des jüdischen Staates glaubten.“

Die wahre Katastrophe von Haifa

Um niemals etwas zu tun, was als Anerkennung jüdischer Autorität verstanden werden könnte oder mit den Juden Frieden schließen zu müssen, befahl das AHC damals also allen arabischen Einwohnern Haifas, die Stadt zu verlassen. Dies geschah auch im Hinblick auf den für den 15. Mai geplanten Einmarsch der arabischen Armeen, die dann ja, so dachte man, Haifa zurückerobern würden. Unter den Arabern, die im April 1948 aus Haifa flohen, war auch die Familie der späteren zweifachen Flugzeugentführerin Leila Khaled, die 1948 vier Jahre alt war. Von ihren Eltern hörte sie offenbar, was nach deren Meinung die eigentliche Absicht der arabischen Evakuierung war. 1971 sagte sie:

„Es wird auch berichtet, dass die palästinensischen Araber hofften, in ihre Häuser zurückkehren zu können, nachdem die ‚eindringenden’ arabischen Armeen Haifa zurückerobert, die Juden in die See gestoßen und ihre Rechte wiederhergestellt hätten.“

Leider, so Khaled, sei dieses Vorhaben an Inkompetenz, an schlechter Ausrüstung und Ausbildung und fehlender Moral gescheitert – und an einer „sterbenden Gesellschaftsordnung“, „die auch noch glaubte, man könne einen leichten Sieg erringen“.

Die Araber Haifas wurden also Opfer ihrer eigenen Führer, die ihnen unter Drohungen befahlen, die Stadt zu verlassen. Das ist die wahre Geschichte der Katastrophe von Haifa. Von der aber erzählt Omri Boehm seinen Lesern nichts, weil nur die von ihm erfundene Geschichte seine Thesen von jüdischen Verbrechen und Vertreibungen („Nakba“) belegt.

Dabei sind die historischen Tatsachen eindeutig. Wie viel klarer könnten sie noch sein, wenn nicht einmal das Arab Higher Committee – also die Leute des Muftis – im April 1948 behauptete, dass die Araber aus Haifa von den Juden vertrieben worden seien? Die „Nakba“-Lüge ist, entgegen aller historischen Wahrheit und aller Zeugenaussagen, erst später ersonnen worden, von Leuten, denen es nicht um Geschichtsschreibung geht, sondern um die Dämonisierung des jüdischen Staates.

Teil 1 finden Sie hier.

Teil 2 finden Sie hier. 

Teil 3 finden Sie hier.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Mena-Watch. 

 

 

Foto: Worldsite9937 CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

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Leserpost

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Hans-Peter Dollhopf / 17.08.2021

Der Artikel taucht tief ein in historische Einzelheiten vor Ort ein. In anderem Zusammenhang wäre das Liebhaberei, doch der Anlass zur Beschäftigung mit minutiösen Abläufen hier ist diesmal nicht der Vorliebe von Lord Walter of Bellevue für Feine Sahne Fischfilet geschuldet, sondern jener für Omri, den Reisebegleiter. “Als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vom 30. Juni bis 2. Juli auf Einladung des israelischen Staatspräsidenten Reuven Rivlin zu einem Staatsbesuch nach Israel reiste, wurde er von einer Gruppe Prominenter begleitet ... Was aber mag den Bundespräsidenten dazu bewogen haben, ausgerechnet den Philosophen Omri Boehm mitzunehmen?” Es ging stein- und beinhart um die Demonstration offiziellen Anspruchs auf antisemitische Deutungshoheit über den jüdischen Souverän gegenüber den neuen Luschen in Jerusalem. Eine Unverschämtheit ohne gleichen - eine Steinmeiersche Spezialität! Mit Netanyahu hätte er das nicht gemacht.

Thomas Taterka / 17.08.2021

Nach einigen Jahrzehnten kann ich bezeugen , daß nur wenige nicht der Auffassung waren , vor allem ” die Juden “sollten endlich aus dem Holocaust lernen . Aber wehe sie wehren sich !

Wilhelm Rommel / 17.08.2021

Man fragt sich angesichts dessen, was der Herr Boehm da so an historiographischem Schmonzes absondert, unwillkürlich, auf wessen Gehaltsliste dieser Mann wohl stehen mag. Haben ihm die hauptberuflich Unschuldigen vielleicht ein geheimes Nummernkonto in einer der bevorzugten “Oasen” eingerichtet?

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