Laut Statistischem Bundesamt gibt es in Deutschland erstmals mehr Haushalte mit Handy als mit Festnetzanschluß.
Seitdem es Handys gibt, weiß man nicht mehr, wer wann zuhause ist. Seitdem es Handys gibt, hat das Telefonieren seine Häuslichkeit verloren. Seitdem es Handys gibt, hat sich unser existentielles Unbehaustsein auf die Kommunikation ausgedehnt. Denn der Telefonanschluß war früher, als es den Begriff „Festnetz“ noch nicht gab, das ultimative Attribut der Wohnsitznahme. Das Telefonieren war die höchste Form des Wohnens, denn die Wohnung war das Zentrum der Erreichbarkeit. Wer die Wohnung verließ, war einfach nur weg; ein Anrufbeantworter vertröstete auf den Moment der Wiederkehr.
Jetzt spielt dieses Denkbild des Domizils keine Rolle mehr, weil die Überalltelefonie zwischen da und fort, zwischen daheim und unterwegs keinen Unterschied macht. Oder vielleicht doch? Warum fragen so viele Leute, wenn sie einen auf dem Handy anrufen, ob man nicht auch per Festnetz erreichbar sei? Liegt es nur an den höheren Mobilfunk-Kosten? Oder hat es mit der Tonqualität zu tun? Oder geht es dabei auch um eine Art Metaphysik des Kupferdrahts? Es ist schließlich nicht dasselbe, ob man das Ende einer Leitung in der Hand hält oder ein atemberaubend kleines Funkgerät, dessen Verbindung zur Welt ungefähr so evident ist wie das Wirken des Heiligen Geistes.
Die Stimme, die durch den Draht dringt, ist echter, aufrichtiger, irdischer, als jene, die großräumig herumgestrahlt wird. Die Drahtstimme ist auch weniger störungsgefährdet. Wer kennt nicht die unergründbaren plötzlichen Abbrüche von Handygesprächen, weil ein Tunnel, eine Schrankwand oder ein Mückenschwarm dazwischen kommt? Diese auf Erfahrung beruhende Abbruchangst verändert aber den Charakter der Gespräche: man ruft mehr, als daß man redet, weil man fürchtet, jedes Worte könnte das vorläufig letzte sein. Man kann die subtilen Strategien des Sagens und Schweigens, die für Telefonate so fundamental sind, nur begrenzt einsetzen. Es ist wie der Gebrauch eines elektrischen Werkzeugs mit Wackelkontakt.
Manchen Menschen ist das völlig egal. Sie telefonieren sogar in ihrer Wohnung nur mit dem Handy und bekennen sich zur Ortlosigkeit als Lebensmodell. Sie scheinen immer im Umzug begriffen zu sein, ihre Sachen entweder noch nicht aus- oder schon wieder eingepackt. Sie rennen während des Gesprächs durch hallige Räume, ihre Unruhe ist der Ausweis ihrer Überlastung, die ihre Wichtigkeit anzeigt. Sie kennen nicht den Genuß des rituellen Langsamtelefonierens, stundenlang mit Menschen, die einem wichtig sind, womöglich zu festen Zeiten.
Die Festigkeit des Festnetzes nimmt ab. Das Handytum ist auf dem Vormarsch – und doch schon überholt, denn telefoniert wird sowieso nur noch zur Not, in Kürzest-Kommandos. Das allgemeine Mitteilungsbedürfnis verlagert sich auf Facebook und Twitter. Der Rest ist Skypen.