Die Menschheit ist eine postfaktische Spezies

Leben wir jetzt eigentlich in einem postfaktischen Zeitalter? Die Antwort ist einfach: ja. Aber mit dem Zusatz: so wie davor auch. Die Menschheit ist eine postfaktische Spezies, sie kann offenbar nicht anders. Das dürfte auch eine Erklärung für den beeindruckenden und nachhaltigen Erfolg der Religionen sein. Denn das Postfaktische ist ja glaubens-, nicht faktenbasiert. Und dass Moses Meere teilte, Jesus von den Toten auferstand oder Mohammeds Pferd fliegen konnte, sind alles keine von Fakten gedeckten Ereignisse, sondern Phänomene, für deren Eintrete die Naturgesetze zeitweise außer Kraft gesetzt werden müssen. So etwas muss man glauben wollen!

Aber auch sonst ist die Menschheit eher eine postfaktische Lebensform, vermutlich geht das auch nicht anders, schließlich wird sie von Ideen vorangetrieben, und der Treibstoff für Ideen sind Träume und Wünsche und da ist die Grenze fließend zwischen postfaktischem Denken und harten Fakten. Von daher ist das Postfaktische erst einmal auch nicht gut oder schlecht, es ist einfach ein Teil von uns. Und wie bei allen anderen Dingen, kommt es auch hier darauf an, in welchem Ausmaß und für welchen Zweck es eingesetzt wird.

In der Rechtsprechung ist das Postfaktische ein Desaster, da darf es auf keinen Fall eine Rolle spielen. Deswegen ist die Rechtsprechung in Staaten, in denen das Gesetz und die Religion miteinander verknüpft sind (z.B. im Iran oder Saudi-Arabien, wo die Scharia gilt), auch ein Schlag ins Gesicht für jeden, der die Menschenrechte als Basis des Zusammenlebens ansieht.

Die postfaktische Geschichte von den Strahlentoten in Japan

Auch in der Politik sollte das Postfaktische mit Vorsicht eingesetzt werden, wobei oft unklar ist, wo das Postfaktische endet und der Populismus beginnt. Die Schnittmenge jedenfalls ist beträchtlich. Diktaturen sind im Grunde alle postfaktisch, weil das Postfaktische und das Autoritäre zusammengehören. Deswegen stehen auch offene Gesellschaften jederzeit in der Gefahr, dem postfaktischen nachzugeben, weil es natürlich auch in ihnen autoritäre Tendenzen gibt.

Eine große postfaktische Geschichte, die man sich in Deutschland erzählt, ist die von den Strahlentoten in Japan im Jahr 2011. Diese Toten gab es nicht, was mit sehr wenig Aufwand überprüft werden kann, stattdessen gab es beinahe zwanzigtausend Opfer einer Naturkatastrophe. Aber der Glauben daran, dass die Atomkraft Menschen tötet, ist in Deutschland so stark, dass er sich nach dem Tsunamie gegen alle Fakten durchsetzte und mit der Energiewende für eine einschneide politische Kursänderung verantwortlich war.

Das Faktische hatte schon immer einen schweren Stand gegen das Postfaktische, weil der Mensch nur zu gerne der postfaktischen Versuchung nachgibt. Wenn das Postfaktische überhand nimmt, gehen offene Gesellschaften zugrunde, weil auf Dauer keine unabhängige Justiz, keine Meinungs- und keine Kunstfreiheit gegen eine Übermacht an postfaktischen Gefühlen bestehen können, wenn sich diese auch gegen die Existenz einer unabhängigen Justiz, gegen Meinungs- und Kunstfreiheit richten.

Letzter Satz: Drei Gruppen gibt es, die nach Herzenslust postfaktisch sein dürfen: Künstler, Kinder und Alte (oft unabsichtlich).

Gideon Böss schrieb das Sachbuch „Deutschland, deine Götter – Eine Reise zu Tempeln, Kirchen, Hexenhäusern“

Foto: Bildarchiv Pieterman

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Karla Kuhn / 19.12.2016

“Letzter Satz: Drei Gruppen gibt es, die nach Herzenslust postfaktisch sein dürfen: Künstler, Kinder und Alte (oft unabsichtlich).” Das sind aber zwei seltsame Äußerungen, erstens, haben viele “Alte” heute eine große Vigilität und stehen mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen und Kindern kann man auch nicht mehr erzählen, daß sie vom Klapperstorch kommen. Als mein ältester Enkel vier Jahre alt war, habe ich den Weihnachtsmann gespielt. Als ich das Zimmer wieder verlassen hatte, sagte er:“Der Weihnachtsmann hat Hände wie die Oma.”  Solche ähnlichen Erlebnisse hatte ich viele. Also gar nicht postfaktisch. Das Wort “unabsichtlich” stellt diese Gruppe auch noch hin, als würde sie nicht wissen, was sie tut. Übrigens, ich war viele Jahre als Künstlerin (gelernt !!) tätig und bin eine sehr nüchterner Mensch geblieben. In der Politik scheint aber das Postfaktische fest verankert zu sein.

Matthias Strickling / 19.12.2016

Hallo Herr Böss, Sie haben selbstverständlich Recht, es gibt allerdings eine weitere Gruppe, welche postfaktisch ist:  Der Konsument. Kaum ein Auto würde sich an den Mann( dir Frau ) bringen lassen, wenn es allein um die Ratio ginge. In unserer Gesellschaft werden Träume verkauft, egal ob man sich ein großes Motorrad amerikanische Bauart kauft, oder ein Geländewagen, der in einem Land, das über eines der dichtesten Strassennetze der Welt verfügt, so sinnvoll ist, wie ein Formel 1 Wagen in der Wildnis von Alaska. Und diese Geländewagen verkaufen sich sehr gut. Meist in dunkler Farbe. Käufer sind meist Männer. Nur so funktioniert unsere Wirtschaft.

Wilfried Cremer / 19.12.2016

Allerletzter Satz: Jeder Mensch ein Künstler! Aber im Ernst: Sogar die Mathematik ist postfaktisch. Oder können Sie die Riemannsche Vermutung beweisen?

Andreas Horn / 19.12.2016

Und was sind Visionäre, Erfinder, Menschen, die von einer Idee so begeistert sind, daß sei sie umsetzen, Träume verwirklichen ? War Leonardo da Vinci postfaktisch ? Jules Verne ein Postfaktiker, Zielonkowsky ein postfaktischer Spinner ?Ja, wir sind postfaktisch, in unserem Drang nach Erkenntnis und das ich Ihnen heute auf diese Weise antworten kann, war auch mal postfaktisches Gedankengut! Also, ein wenig postfaktisch, Ihr letzter Satz!

JF Lupus / 19.12.2016

Dass Moses Meere teilte, Jesus von den Toten auferstand oder Mohammeds Pferd fliegen konnte, das fällt demnächst in die Kategorie Fake-News.

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