Die Medien, die Wissenschaft und eine Ausladung

In einem Interview in der Welt äußerte sich der Präsident des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger Mathias Döpfner zum Fall Claas Relotius und den Folgen für die Glaubwürdigkeit der Medien. Man möchte vielem darin zustimmen. Er äußerte auch die Hoffnung, dass die Branche aus diesem Fall lernen wird.

Dies ist ein guter  Anlass, in einem weit bedeutenderen Fall von Scharlatanerie und Hochstapelei die Probe aufs Exempel zu machen und sechs davon betroffene Chefredakteure (Zeit, Spiegel, Welt, Bild, Focus und Bilder der Wissenschaft) um eine Stellungnahme zu bitten. Es geht dabei pars pro toto um die Ernährungswissenschaft.

Sind es wirklich Relotiaden, die die Glaubwürdigkeit der Medien substanziell in Frage stellen? Oder ist es vielmehr die Missachtung selbst der geringsten Regeln bezüglich Objektivität und Nachprüfbarkeit, mit der inzwischen fast alle etablierten Medien über wissenschaftliche Daten berichten? Ganz besonders dann, wenn man sich vor Augen führt, dass uns nicht das Grundgesetz vor Despotie, Ideologie und Willkür schützt. Es ist vielmehr der dahinterstehende Grundkonsens einer aufgeklärten, demokratischen Gesellschaft.

Der Konsens, dass Objektivität und Nachprüfbarkeit die wichtigsten Kriterien für Entscheidungen sind, bei denen es um elementare Fragen der Gemeinschaft geht. In einer aufgeklärten Gesellschaft stellt eine unabhängige, objektiv und kompetent handelnde Wissenschaft dabei die Instanz dar, die diesen Konsens versinnbildlicht. Fällt dieser Konsens, schützt uns kein Gesetz vor einem Rückfall in eine regressive Zwangsgesellschaft. Wer Objektivität ablehnt, um sich durch Moral zu legitimieren, der setzt sich irgendwann über jede Regel hinweg.

Abschalten als emotionaler Selbstschutz

Nun wurden Tatsachen und Fakten schon immer selektiv und manipulativ eingesetzt. Nichts Neues. Aber das Ausmaß des Wissenschaftsmissbrauchs, mit dem heute fragwürdige Weltanschauungen als wissenschaftlich belegt verkauft werden, ohne Sorge, entlarvt zu werden, hat ein unerträgliches Ausmaß angenommen. Da helfen auch vereinzelte Lichtblicke nicht mehr. Diesem Missstand widmeten wir kürzlich an der Universität Heidelberg ein umfangreiches Symposium.

Ich persönlich setze mich dieser täglichen Verspottung von Anstand und Vernunft nicht mehr aus und lese nicht einmal mehr die Onlineversionen etablierter Medien, geschweige denn schaue ich noch Nachrichtensendungen. Dies ist keine Kopfentscheidung, sondern emotionaler Selbstschutz, denn sie bereitet mir inzwischen wirklich körperliches Unbehagen. Und ich weiß, dass es vielen vernünftigen Menschen ähnlich geht.

Doch hier eine Probe aufs Exempel. Das Buch „Der Ernährungskompass – das Fazit aller wissenschaftlichen Studien zum Thema Ernährung“ des Journalisten Bas Kast und die Berichterstattung darüber setzt dieser Entwicklung aktuell die Krone auf. Dazu veröffentlichte ich eine Buchrezension, unter anderem auf Achgut.com: Voodoo-Master der Ernährungs-Wissenschaft. Kasts Buch lässt sich leicht als Hochstapelei entlarven. Es genügt, einfach ein paar Quellen genauer anzuschauen. Dennoch wird dieses Buch seitenweise positiv besprochen und gar zum Wissenschaftsbuch 2018 gekürt. Es ist omnipräsent.

Die Chefredakteure der Zeitungen und Magazine, die sich daran besonders beteiligen, habe ich um eine Stellungnahme gebeten. Mit Verweis auf die erwähnte Buchrezension bat ich höflich darum, zu erklären, warum sie derartigen Wissenschaftsunfug fördern, anstatt ihn zu entlarven und so ihre Leser narren. Vier antworteten nicht, zwei haben es wenigstens versucht. Doch was sagt es aus, wenn ein Chefredakteur, der sicher versiert über DJ-Kultur promovierte, versucht, selbst mit medizinischen Quellen, die er ganz offensichtlich nicht versteht, die Kritik eines Fachmanns zu entkräften.

Ebenso schlicht liest sich die Antwort des Chefredakteurs, in dessen Verantwortung Wissenschaftsbücher des Jahres gekürt werden. Niemand verlangt, dass Chefredakteure alles selbst überprüfen können. In meinem Verständnis kann man von Chefredakteuren jedoch erwarten, dass sie solch schwere Vorwürfe unabhängig und fachgerecht prüfen lassen, vor allem die Quellen. Es geht schließlich um die anhaltende Täuschung ihrer Leser und darum, Schaden von ihnen abzuwenden. Die (Nicht-)Antwort der Chefredakteure zeigt jedoch, dass sie daran kein Interesse haben. 

Die Schlagzeilen-Demokratie

Spätestens seitdem der ehemalige Innenminister de Maizière mit unfassbarer Unbedarftheit offenbarte, in welchem Umfang sich die Bundesregierung bezüglich der Grenzöffnung 2015 durch die Furcht vor negativen Schlagzeilen leiten ließ, sollte jedem klar sein, wie sehr sich Politik selbst in elementaren Fragen nach der Medienmeinung ausrichtet. Und da Politik tief in die Universitäten hinein bestimmt, findet diese Entwicklung auch an den Orten statt, an denen man Objektivität und Nachprüfbarkeit eigentlich als Grundprinzip vorfinden sollte.

In Folge verdrängt in unseren Universitäten Haltung und Moralismus zusehends objektives Fachwissen und ermöglicht so Karrierenetzwerke, die jedem Kompetenzanspruch Hohn sprechen. So schließt sich der Kreis. Die Realität wird konsequent der Öffentlichkeit vorenthalten, in der jedoch die realen Probleme Dimensionen annehmen, die wir uns vor 20 Jahren noch nicht vorstellen konnten. Und selbst an den Universitäten werden echte Fachleute ausgegrenzt, die diesem Irrsinn mit kompetenter Forschung begegnen könnten. 

Wie um mich zu widerlegen, erhielt  ich letzte Woche einen Anruf der Redaktion Maischberger. Man lud mich für die heute geplante Sendung zum Thema Ernährung ein. Ebenfalls eingeladen: Der hier erwähnte Bas Kast. Meine Verwunderung hielt nicht lange an, denn zwei Tage später wurde ich ausgeladen. Man hatte inzwischen meine Buchrezension auf Achgut.com gefunden und fürchtete nun, dass die Auseinandersetzung mit Bas Kast und mir zu heftig würde.

Doch der eigentliche Grund besteht darin, dass meine Buchrezension nicht in Die Welt oder dem Spiegel stand. Dort werden solche Analysen nicht publiziert siehe oben, sondern auf Achgut.com. Ganz egal wie berechtigt und fundiert eine Kritik ist, man gilt als Outlaw, während Scharlatane, die geschickt auf der Meinungswelle reiten, regelmäßig von ihren Kollegen in den etablierten Medien hochgelobt werden. Um das eigene Weltbild zu retten, verweigert man die Konfrontation mit der Wirklichkeit. Man lädt den Fachmann aus und überlässt dem Blender die Bühne. Dieser Vorgang könnte nicht besser das aktuelle Verständnis der Öffentlich-Rechtlichen bezüglich ihres Informationsauftrages beschreiben und das der etablierten Medien insgesamt. 

Wichtige Debatten werden weggedrängt

Diese umfassende, schamlose, sich selbst feiernde Missachtung wissenschaftlicher Objektivität zerstört die Glaubwürdigkeit der Medien. Geschichtenerfinder wie Claas Relotius amüsieren uns jedoch lediglich. Das Beispiel Bas Kast spielt auf dem Gebiet der Ernährungswissenschaften, einem Feld, auf dem ich mich ausgezeichnet auskenne. Verglichen mit der tatsächlichen wissenschaftlichen Erkenntnislage stimmt so gut wie kein Medienartikel mehr, der sich mit Ernährung und Gewicht befasst.

Ursachen-Wirkungsbeziehungen werden dreist zugunsten einer totalitären Naturideologie aus dem 19. Jahrhundert umgedichtet oder von Neo-Puritanern einfach frei erfunden. Auf anderen Gebieten wie Migration, Antisemitismus, Sicherheit, Umweltschutz, Energie oder Klima, in denen ich kein Experte bin, dürfte es nicht viel anders aussehen.

Die wirklich wichtigen Debatten werden zunehmend auf den Hauptplätzen verweigert. Angesichts der Qualität, die sich inzwischen in Medien wie Achgut.com sammelt, fühle ich mich dort zwar zunehmend wohl, aber diese Entwicklung bereitet mir dennoch ein mulmiges Gefühl. In Deutschland wird gerne alles in Beziehung zum Dritten Reich gesetzt. Nun denn. Mulmig wird mir besonders dann, wenn die dafür Verantwortlichen an den üblichen Pogrom-Gedenktagen so einträchtig wie wohlfeil wieder und wieder die Frage stellen: Wie konnte das geschehen? Vielleicht genau so.

Gunter Frank ist Arzt in Heidelberg und Buchautor.

Foto: Raimond Spekking CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

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Wolf-Dietrich Staebe / 03.04.2019

Was haben Sie denn erwartet? Die Dummen, Bildungslosen und ideologisch Verblendeten sitzen inzwischen an allen wichtigen Schaltstellen der Macht in der Politik, den Behörden, den Gerichten und den Medien. Wir lassen es zu, von Doofen regiert und verwaltet zu werden, die sich zu allem Überfluss auch noch für besonders wichtig und intelligent halten. Wer sich diese Regierungs-Propaganda-Gestalten in allen Qualitätsmedien freiwillig antut und den gesendeten oder gedruckten Blödsinn auch noch glaubt, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen. Ihre Ausladung dürfen Sie getrost als Auszeichnung betrachten, Lichtjahre entfernt von dem Friedensnobelpreis und die goldene Kamera für Gretels Klimapanik,  “Aktivisten” im Stahlgewitter des Kampfs gegen Rääääääääächts und vergleichbar Irre.  Die Glaubwürdigkeit der Medien,  von Maischberger und ähnlichen Kotz-Sendungen könnte Schaden nehmen? Welche Glaubwürdigkeit? Da sind Sie wohl ein paar Jahre zu spät dran. Notorischen Lügnern und Betrügern kann man nicht glauben. Falls aus Versehen diese Zombies auf dem Bildschirm meines Fernsehers auftauchen, reagiert mein Daumen automatisch und sofort: Bloß weg hier!

Albert Pflüger / 03.04.2019

Vermutlich ist es das Beste, wenn man ißt, was einem schmeckt. Bei mir selbst ist der Gemüseanteil recht klein, ich mag vieles davon nicht sehr gern. Daß man auf ein Gleichgewicht achten muß zwischen aufgenommenem Energiegehalt seiner Mahlzeiten und dem Verbrauch durch körperliche Belastung, ist selbstverständlich. Will man abnehmen, so sollte man an beiden Stellschrauben drehen: weniger oder kalorienärmer essen und gleichzeitig den Verbrauch in die Höhe treiben durch Ausdauersport. Umgekehrt nimmt man zu, wenn man sich wenig bewegt und viel und/oder kalorienreich ißt. Grundsätzlich muß man bereit sein, hier und da seinen Verstand zu benutzen, um Gewohnheiten zu ändern. Und leider sind es oft liebe Gewohnheiten. Was viele nicht gern hören: Genußgifte machen es erheblich schwerer, ein zuträgliches Gleichgewicht zu finden. Alkohol hat nicht nur viele Kalorien, er macht auch zusätzlich hungrig und Lust auf deftiges Essen. Cannabis hat zwar keine Kalorien, aber manch einer mutiert damit zur Freßmaschine und vertilgt Süßigkeiten und alles was in Reichweite ist. Da reicht einmal pro Woche, um die Kalorienbilanz zu ruinieren. Was die Qualität der Journalisten angeht: Wer Artikel liest, die sich mit dem eigenen Spezialgebiet beschäftigen, findet fast immer grobe Fehler, die ihn schaudern lassen bei dem Gedanken, welche ähnlichen Schnitzer er wohl auf anderen Gebieten schon anstandslos geschluckt hat, weil er keine Ahnung hatte. Früher war die FAZ relativ vertrauenswürdig auf meinem Gebiet, was mich bewog, sie zu abonnieren. Ist lange her, das Abo ist längst gekündigt.

Sabine Schönfeld / 03.04.2019

Aus meiner Sicht gibt es einige Mechanismen, die die Wissenschaft beschädigten und sie zum Gutteil beliebig werden ließen, die Medien sind wohl nur die verstärkende Echokammer dieser Entwicklung. Einer der Anfänge der negativen Entwicklung ist wohl die Etablierung der Postmoderne (Poststrukturalismus) in den Geistes- und Sozialwissenschaften, eine Weltanschauung, die letztlich jegliches Wissen relativiert. Immerhin gibt es in dieser Sichtweise nicht nur keinerlei Objektivität, was man noch akzeptieren könnte. Man kann Wissenschaft als Versuch einer Näherung an eine fiktive Objektivität verstehen und sich bemühen, die Versuchsanordnung möglichst unabhängig von der Anschauung des Versuchsleiters zu gestalten. Ja, natürlich ist auch das anfällig, aber zumindest gibt es dann aber doch eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Aussage der Studie letztendlich relevant ist. Die Postmoderne hatte hier aber das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und jegliche Wirklichkeit für praktisch nichtexistent erklärt - ein negativer Höhepunkt davon ist beispielsweise, die Geschlechter wären ausschließlich ein soziales Konstrukt. Also verknüpft man in dieser Denkrichtung in völliger Beliebigkeit alle möglichen Inhalte und das Ergebnis ist - in ausufernde Satzungetüme gepackt- oft genug einfach nur ganz offensichtlicher Blödsinn, die Sokal-Affäre war da sehr entlarvend. Übrigens ist Heidelberg gerade einer jener Wissenschaftsstandorte, in dem die Postmoderne stark vertreten ist. Interessant ist, dass neben dem alles relativierenden postmodernen Ansatz in der gleichen Denkrichtung auch unverrückbare Dogmen enthalten sind, ein schon geradezu absurder Widerspruch in sich. Das zweite Grundproblem ist aus meiner Sicht die Verknüpfung von Wirtschaft und Hochschulen - die Wissenschaft forscht scheinbar, um Produkte abzusegnen, das ist aber keine Wissenschaft, Forschung braucht Unabhängigkeit, besonders in finanzieller Hinsicht. Auch von politischen Parteien beauftragte Studien sind keine!

Sanne Weisner / 03.04.2019

Das Ausfallenlassen der meisten Öffentlich-Rechtlichen Desinformationssendungen ist wie eine Entschlackung für Geist und Seele. Ab und an eine Naturdokumentation oder mal was zur Wissenschaft von ARTE und 3SAT. Mehr muss aber dann nicht sein. Nachrichten genießt man am besten in der Form vom Videotext, da man hier die News auf einer Textseite unterbringen muss fehlt der sonst fest eingeplante Raum für Framing und Agitation. Ernährungsratgeber sind im Übrigen eh meist Kokolores. Am besten man isst, was sich seit Jahrhunderten und länger bewährt hat und einem selbst schmeckt und guttut. Und wer sich vom Übergepäck befreien will, der lässt eben einfach etwas davon weg.

Malte Hiermann / 03.04.2019

Dem ist leider, bitter, bitter, nichts hinzuzufügen.

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