Wolfram Weimer / 06.06.2014 / 12:54 / 5 / Seite ausdrucken

Die Massen-Enteignung hat begonnen

Die Dumpingzinspolitik der Notenbank ist ein historisches Fanal. Sparer und Rentenfonds, Lebensversicherer und Kapitaleigner werden systematisch und in gewaltigen Dimensionen enteignet. Wovon linke Revolutionäre immer träumten, macht jetzt unsere Geldpolitik zur Realität

Die Europäische Zentralbank wird radikal: Die Notenbanker senken den Einlagenzins für Banken auf minus 0,1 Prozent, der Strafzins ist damit Wirklichkeit. Zugleich wird der Leitzins auf das historische Rekordtief von 0,15 Prozent gesenkt. Und als wäre das alles nicht genug, wird die Notenbank noch in diesem Jahr zweimal die große Geldkanone zünden. Im September und im Dezember bekommen die Geschäftsbanken jeweils Mega-Milliardenbeträge hingedonnert, für eine Laufzeit von vier Jahren fast geschenkt - ähnlich der beiden Geldspritzen, im Rahmen derer die EZB schon einmal insgesamt rund 1 Billion Euro an die Banken ausgab. Die gigantische Geldschwemme soll für Unternehmenskredite weiter gereicht werden.

Europa wird damit mit Geld geflutet wie nie zuvor in seiner Geschichte. Man kann nur hoffen, dass wir daran nicht ertrinken, denn Draghi kann offenbar gar nicht genug von seinem Meer aus Euros haben und erklärt: „Wenn es notwendig ist, werden wir im Rahmen unseres Mandats mehr tun.“
Mit dieser Entscheidung wird die esklarierende Geldmenge zum Programm. Eine derart massive Entscheidung wäre nur in einer akuten Notlage zu rechtfertigen. Tatsächlich aber gibt es die weit und breit nicht: die Schuldenkrise ist überwunden, die Banken sind gut finanziert und verbessern ihre Bilanzen, die Renditen für Südstaatenanleihen sind massiv gesunken, Krisenländer sind an die Kapitalmärkte zurück gekehrt, die Konjunktur läuft.

Die EZB rettet also nichts und überwindet auch keine Krise. In Wahrheit macht sie sich zum Büttel des Schuldensozialismus. Um die gewaltigen Staatsschulden zu refinanzieren, wird so viel Geld geschöpft, dass die Zinsen auf Null sinken und Schulden leicht zu refinanzieren sind. Den Preis freilich haben alle Sparer zu zahlen.

Damit erfüllt sich der Traum alter Sozialisten. Generationen von Linken wollten Kapitalisten irgendwie enteignen – über Steuern oder Abgaben oder allerlei Sozialverpflichtungen. Der neuartige Schuldensozialismus etabliert nun eine viel drastischere Variante der Kapitalbesitzerschröpfung. Die Dumpingzinspolitik sorgt dafür, dass sie rabiat und systematisch enteignet werden. Mit ihr etabliert die EZB einen negativen Realzins so nachhaltig, dass der zu einer gewaltigen Umverteilung von Gläubigern zu Schuldnern führt.

Bei einem Geldvermögen der Deutschen von 5,2 Billionen Euro bedeutet ein Prozent negativer Realzins 52 Milliarden Euro Verlust – mitsamt der Kapitalertragssteuern steigt die Summe auf mehr als 60 Milliarden Euro im Jahr. Das sind 200.000 Einfamilienhäuser, die den Deutschen nunmehr jedes Jahr einfach mal weg genommen werden. Und zwar Häuser vom mühsam Ersparten. Und wer es lieber automobil handfest haben will – 1,8 Millionen Mercedes-Limousinen werden den Deutschen, ohne dass sich jemand darüber aufregt, freiweg gestohlen.

Selbst notorische Kapitalismus-Hasser wie Wagenknecht, Gysi oder Kipping hätten sich eine derartige Massenenteignung nie zu fordern gewagt. Die EZB aber organisiert die dramatische Umverteilung vom Sparer zum Kreditnehmer, vom Bürger zum Staat, von Deutschland nach Südeuropa. Kurzum: Sie ist armtief in den Spartaschen der Deutschen unterwegs.

Wo bleibt eigentlich die politische Debatte darüber? Wer wehrt sich gegen eine sparer-schröpfende Notenbankpolitik? Wie lange soll die Phase negativer Realzinsen anhalten? Bis die deutschen Sparer Europas Schulden getilgt haben? Die deutsche Politik riskiert mit ihrer schweigenden Duldung, dass Eurokritiker wie die AfD weiter Zulauf bekommen. Will sie nicht wahrhaben, dass der Schlüssel zur Überwindung der europäischen Wettbewerbskrise nur eine Politik nachhaltiger Strukturreformen ist? Oder betrachtet sie die kalte Enteignung wirklich als geräuschlosen, geschmeidigen Ausweg aus der Schuldenklemme? 

Das wäre kurzsichtig, denn die eskaliernde Geldschöpfung führt zwangsläufig zu steigenden Risiken in der Stabilität des Finanzsystems. Zum einen werden Spekulationsblasen (etwa bei Aktien und Immobilien) direkt befördert, die dann mit großen Verwerfungen zu platzen drohen. Schon beim Blick auf Banken zeigt sich das Dilemma – einerseits sollen die ihr Eigenkapital verstärken, andererseits werden sie zur freigiebigen Kreditgewährung verprflichtet. Die EZB programmiert mit ihrer Kreditblase schon die Bankenkrise der Zukunft. Zum anderen droht irgendwann ein Vertrauensschock in das Geldsystem als Ganzes. Immer neue Billionen neuen Geldes zu schaffen, wirft beim Publikum die ernste Frage auf, ob der Geldillusion in Papier- und Buchwerte wirklich zu trauen ist.

Und schließlich führt die Dumpingszinspolitik auch zu einer Aushöhlung der Soliditätskultur. Jeder einzelne, der seine Altersversorgung über Verzicht auf Sparvermögen aufgebaut hat, wird nun bestraft. Jeder Familienvater, der eine Lebensversicherung abgeschlossen hat, steht als Dummkopf da. Jede Stiftung, die vom Kapitalstamm lebt, kann sich fortan nur mehr verzehren. Jede Oma, die die Enkeln sparen lehrt, wird verlacht.

Langfristige Zukunftsplanung wird erschwert, und Sparen verkommt unter diesen Umständen zu einer naiven Tat. Damit wird das deutsche Konzept der Vorsorgeethik und Stabilitätstugend ad absurdum geführt: Sparer sind die Dummen, Schuldenmacher sahnen ab. Die Geldkanonen aus Frankfurt mögen für die Geistesgeneräle des Schuldensozialismus ein Bomben-Trick sein, sie mögen an den Börsen knallende Champagnerkorken zu ihrem Echo bekommen – für das seriöse Deutschland sind sie ein Angriff auf Treu und Glauben in ein solide gebautes Land.

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Fritz Henke / 08.06.2014

“Enteignet wird man bspw durch Inflation, nicht aber durch Senkung des Leitzinses !” Der Zins für Sparer liegt bereits lange unterhalb sogar der offiziellen Inflationsrate. Dazu dann noch Kapitalertragsteuer und Soli, ergibt von den 100 EUR des Sparers ein Minus von jährlich 1-1,5%.

Andreas Zinke / 07.06.2014

Hm, ist es nicht so, dass Zinsen auch ein Äquivalent für das Risiko eines Kredites, also für dessen Verwendung und/oder des Kreditnehmers? Welche Aussage haben nun also Aktienkurse, wenn a) alle verzweifelt das Geld dort anlegen (bei Immobilien auch gesehen…) und b) die Unternehmen c.p. für schlechte Projekte plötzlich weniger Kreditzinsen zahlen als früher mal für richtig Gute? Ich bin zu faul, jetzt auszurechnen, wieviel mehr an Geld man in eine nahezu unverzinsliche Rentenvorsorge einzahlen muss, wenn man zudem auch in der Auszahlphase nur von Kapitalverzehr lebt. Das wird den genüsslichen Verzehr von Feinkost jeglicher Art jedenfalls vergleichsweise einschränken! Vielen Dank, Herr Dr. Weimer, für Ihren deutlichen Hinweis zum fiskalpolitischen Analphabetentum, dazu meines Erachtens durchaus wirtschaftswissenschaftlich fundiert…

Peter Klaus / 07.06.2014

Was ist so schlimm daran, wenn die AfD weiter Zulauf bekommt? Sie ist die einzige Partei, die das Problem benennt und eine Lösung vorschlägt. Alle anderen Parteien sind für das Weiter-so und damit für die Enteignung der deutschen Sparer. Wenn die Leute heute nicht auf die Kassandra AfD hören wollen, dann werden sie morgen dafür die Quittung erhalten.

Peter Luetgendorf / 06.06.2014

Sehr geehrter Herr Dr. Weimer, kann es sein, daß die ganze Misere auch dadurch erzeugt wird, daß die Mehrzahl der Deutschen in der Finanzanlage aus ökonomischen Analphabeten besteht? Ich wage es kaum zu sagen, aber man kann Anteile an erfolgreichen Firmen erwerben, die auch Dividenden (ungefähr wie Zinzen-aber vierteljährlich) zahlen. Das ist natürlich sehr risikoreich. Gruß Peter Lütgendorf

Caroline Neufert / 06.06.2014

Ich bin sehr für intelligente Polemik und Witz. Wenn beides fehlt, muss man (ich) dagegen halten ;-). Was für eine “Massenenteignung” ? Wer und wie wird enteignet ? Sprechen Sie auch dann von Enteignung, wenn die Zinsen extrem hoch und bspw alle Kreditnehmer “enteignet” werden ;-) ? Enteignet wird man bspw durch Inflation, nicht aber durch Senkung des Leitzinses ! Bestehende Verträge Ihrer zitierten armen Familienväter bleiben erhalten und werden ggf nach Abaluf neu verhandelt. Die Zusicherung des Zinseszins bei Lebensversicherung orientierte sich immer an den Marktgegebenheiten. Und jeder “vernünftige” Bürger weiß das, wenn er diese Versicherung abschliesst. und für neue Verträge findet derjenige eben neue Konditionen vor - wie bei steigenden Mieten, das ist ärgerlich, aber c’est la vie. Sparer sind nicht die Dummen, sondern mal gibt es mehr, mal weniger für ihre Einlage. Ihre eingezahlten 100 EUR behalten sie (Inflation wie gesagt außen vor ;-)). Statt über Ihr Geld auf der Bank zu jammern, gönnen Sie sich lieber was und genießen das Leben ;-) ...

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