Gastautor / 06.05.2011 / 15:38 / 0 / Seite ausdrucken

Die Lust am Bösen

Von Eugen Sorg

Kürzlich mussten sich einige amerikanischen Soldaten vor einem US-Militärgericht im Staate Washington wegen mehrfachen Mordes verantworten. Sie hatten in Afghanistan Zivilisten umgebracht, darunter Jugendliche, ohne Anlass, aus „purer Lust am Töten“, wie es der Ankläger formulierte. Die Gruppe, die sich Kill Team nannte, filmte sich nach den Taten gegenseitig, stolz grinsend, den Kopf der erlegten Beute in die Kamera haltend, und packte sich als Jagdtrophäen abgeschnittene Finger und dergleichen ein. Das Verhalten der jungen Soldaten erinnerte an dasjenige der deutschen Wehrmachtsangehörigen vor rund siebzig Jahren. In amerikanische und britische Kriegsgefangenschaft geraten, tauschten sie sich mit ihren Kameraden über ihre Erlebnisse an der Ostfront aus, nicht ahnend, dass ihre Gespräche aufgezeichnet wurden. Die von den Autoren Sönke Neitzel und Harald Welzer in ihrem Buch „Soldaten“ jüngst veröffentlichten Abhörprotokolle zeigen nicht nur auf, dass auch die einfachen Armeemitglieder Bescheid wussten über die Judenvernichtung, dass viele freiwillig an Judenerschiessungen teilgenommen hatten oder dass sie Jüdinnen trotz „Rassenschande“ oft zuerst vergewaltigten bevor sie sie töteten. Die Protokolle machen vor allem deutlich, dass sie mit Lust zu Werke gegangen waren. „Mein lieber Freund“, hört man auf den Aufzeichnungen immer wieder, „das hat Spass gemacht.“

Wann immer wir mit Beispielen menschlicher Grausamkeit und Niedertracht konfrontiert werden, reagieren wir ratlos. Wir suchen nach einer rationalen Erklärung, die der Tat den Schrecken des Sinnlosen nehmen soll. Dass jemand einen anderen tötet aus reiner Freude am Töten, scheint uns undenkbar geworden zu sein. Seit rund einem halben Jahrhundert hat sich in den reichen westlichen Ländern die Auffassung durchgesetzt, dass das Böse eine Reaktion auf erlittenes Unrecht sei, gleichsam ein fehlgeleitetes Gutes, die Folge einer Ursprungskränkung aus der Vergangenheit. Je abscheulicher eine Tat, so die Universaldiagnose, desto weniger ist der Täter dafür verantwortlich. „Das Problem der bösen Leute“ sei, fasst der amerikanische Philosoph Richard Rorty die therapeutische Weltauffassung der kulturellen Eliten des Westens zusammen, „dass sie nicht so viel Glück gehabt haben wie wir selbst hinsichtlich der Umstände, unter denen sie aufgewachsen sind.“ (Rorty, Wahrheit und Fortschritt, Frankfurt a. M. 2000.)

In allen bekannten bisherigen Gesellschaften wurde das Böse als eigenständige Macht begriffen. Uralte Mythen erzählen davon, wie es in die Welt kam, die Legenden der Völker berichten von seiner vielgestaltigen Erscheinung, Religionen warnen vor dessen Verführungskraft. Die grundlegenden zivilisatorischen Erzählungen gehen vom selbstverständlichen Wissen aus, dass in der Fähigkeit zum Bösen die menschliche Freiheit begründet liegt, die ihn vom Tier unterscheidet, und dass das Böse letztlich ein Rätsel, eine „unbegreifliche Faktizität“ (Sören Kierkegaard) bleibt. Wahrscheinlich hat es dies noch nie gegeben, dass eine ganze Kultur,  so wie die unsere, das Böse als im Prinzip vermeidbarer Betriebsunfall und nicht als wesentlicher Bestandteil der Conditio humana beurteilt hat.

In den europäischen Städten hat sich in den letzten Jahren eine neue Form von Jugendbrutalität ausgebreitet. Eine Gruppe junger Männer wählt sich ein Opfer aus, spontan, meist ohne Anlass und schlägt es zu Boden. Endete hier früher meistens die Aggression, beginnt sie nun erst richtig. Gezielt wird der Kopf mit Tritten traktiert, Invalidität oder Tod in Kauf nehmend. Manchmal wird das Opfer ausgeraubt, manchmal nicht. Beute spielt keine zentrale Rolle. Ein Grossteil der Delinquenten stammt aus Unterschichts- und Immigrantenfamilien – aus der Türkei, aus arabischen Ländern, aus dem Balkan. Aus diesem Umstand leiten die Gewaltexperten in der Regel ihre Deutungen ab: Die Jugendlichen litten unter Identitätsproblemen, Diskriminierung, Kriegstraumata, die sie aus ihren schwierigen Herkunftsländern importiert hätten. 

Einheimische Schlägertrupps aus sozial solidem Milieu sind die Ausnahme. Zum Beispiel jene schweizerischen Berufsschüler auf Klassenfahrt in München, die im Sommer 2009 auf einem fröhlichen Abendspaziergang innert weniger Minuten fünf Männer grundlos niedergeschlagen und zum Teil schwer verletzt hatten. Die drei sechzehnjährigen stammten aus schmucken Gemeinden am Zürichsee, lebten in geordneten Verhältnissen, waren beliebt bei Lehrern und Mitschülern, hatten Lehrstellen in Aussicht. Der Fall löste in Deutschland und der Schweiz grosse Bestürzung aus. „Ob diese satte Schönheit Langeweile erzeugt?“, sinnierte der Reporter eines deutschen Nachrichtenmagazins, der extra in die Heimatgemeinden der Jugendlichen gereist war, um deren Taten besser verstehen zu können. Er reiste ratlos wieder nach Hause. Die üblichen Ursachenklischees griffen nicht. Der Therapeutismus der Moderne kennt keine Kategorie der Verworfenheit, kann sich Gewalt als pures Amusement euphorisierter Cliquen nicht vorstellen. Er ist unfähig das Böse zu erkennen, sogar wenn es direkt vor ihm steht.

Mehr Aufschluss über die Motive der Schläger geben die Aufnahmen von Überwachungskameras, die ab und zu von der Polizei zu Fahndungszwecken ins Netz gestellt werden, wie jene aus einer Bahnhofsunterführung in Kreuzlingen am Bodensee. Das Video zeigte, wie kurz nach Mitternacht ein junges Prüglertrio zwei andere junge Männer zu Boden schlägt und mit Fäusten und Tritten zu bearbeiten beginnt. Nach über einer Minute lässt es von den Regungslosen ab und steigt die Rampe hoch, direkt Richtung Kamera. Die drei Burschen wirken aufgekratzt und freudig beschwingt. Sie haben sich unter den Armen eingehängt und lachen und feixen und geniessen offensichtlich die immer noch nachklingende Wirkung des Adrenalins, das ihnen beim Auflauern, Quälen, Erniedrigen durch Körper und Hirn schoss, in heissen, energetischen Schüben, wie eine hochstimulierende Droge. Als sie später gefasst wurden, konnten sie keine Gründe für ihre Attacke nennen. Sie hatten ihre Opfer vorher noch nie gesehen. Aber ihre Gesichter auf dem Video verrieten, warum sie geprügelt hatten. Sie hatten eine „geile Zeit“.

An die Schläger musste ich wieder denken, als ich die Bilder des amerikanischen Kill Teams sah. Die Schläger erinnerten mich aber auch an die Milizionäre und Kämpfer, denen ich in den letzten zwanzig Jahren in den verschiedensten Kriegszonen der Welt begegnet bin. Der junge brutale Chef eines Gefangenenlagers im auseinanderbrechenden Jugoslawien, die mit Rosenkranz und Kalaschnikow ausschwärmenden Taliban, die nach Rache dürstenden Freiwilligen der kosovarischen Guerilla der UCK, die sich seit zwanzig Jahren rücksichtslos bekriegenden somalischen Clanverbände – sie alle waren wie die Bahnhofsschläger von einer eigentümlichen wilden Feierlichkeit, von einer Hochstimmung erfüllt. Sogar die ehemaligen Kindersoldaten in Liberia, welche durch die Hölle gegangen waren, kamen kurz ins Schwärmen, wenn sie von ihrer Zeit als Krieger sprachen. „Wir waren frei. Alles war erlaubt. Wir konnten tun, was wir wollten.“

Man überschätzt im Westen Ideologien und Theorien und unterschätzt die Neigung zu irrationalen, zerstörerischen Handlungen. Die meisten Menschen berauschen sich nicht an Ideen, sondern sie benutzen Ideen, um ihren Rausch zu legitimieren. Wir tragen in uns ein mächtiges Reservoir an aggressiven Impulsen, ein evolutionsgeschichtliches Erbe animalischer Reflexe. Jede Kultur wird von der Lust an der zivilisatorischen Subversion bedroht, von den Versuchungen der Anarchie, des Chaos, der Allmacht. In Jugoslawien, Ruanda, in jedem Bürgerkrieg kann man feststellen, wie leicht sich gesellige Kaffeehauskumpane in erbarmungslose Menschenjäger verwandeln, egal welcher Religion, Ethnie, Weltanschauung oder sozialer Schicht sie angehören.

Das utopische Menschenbild des Therapeutismus verhindert bis heute eine realistische Einschätzung gewalttätiger, von Einzelnen oder von Kollektiven verursachter Ereignisse.  Wie viele Abhandlungen und gelehrten Grübeleien sind nicht schon darauf verwendet worden, um die ökonomischen, postkolonialen, politischen, sozio-emotionalen Stressfaktoren hinter dem islamistischen Terror beispielsweise aufzuzeigen. Doch eine nüchterne Betrachtung zeigt, dass sich unter den Selbstmordattentätern auffällig viele Gutausgebildete mit beneidenswerten Berufsaussichten befinden. Die Lebendbomben sind nicht verzweifelt oder unglücklich oder auf irgendeine verdrehte Art idealistisch. Sie sind nicht einmal religiös. Zwar widmet der Märtyrer die allerletzten Worte seinem Gott. Aber in Wirklichkeit preist er sich selber. Er setzt sich über alle ethischen, natürlichen, strategischen Gesetze hinweg, steht jenseits von Angst, Mitleid, Schmerz, jenseits von jedem Sinn. Wer leben oder sterben soll, liegt in seinem Belieben, er entscheidet sogar über den eigenen Tod. Er ist absolut frei. Für einen winzigen Moment, für die Zeitspanne zwischen dem Drücken des Zündknopfes und der Explosion erlebt er die kalte Ekstase der totalen Macht. Er stösst Gott vom Thron und setzt sich an dessen Stelle. Dies ist der Kern des radikalen Islamismus: Er ist ein Todeskult, seine Anhänger sind Partisanen des Nichts. Sein Kalifat ist die Verneinung des Humanen, seine Politik eine Feier des Bösen.

Das Böse begleitet die Humangeschichte. Es ist nicht heilbar, nicht umerziehbar, nicht wegfinanzierbar. Es ist die tragische Bedingung der menschlichen Freiheit, man kann es nur abschaffen, wenn man den Menschen abschafft. Seine Kraft ist gewaltig. Nicht nur weil es lähmende Angst verursachen kann, sondern auch weil es verführerisch ist. Es unterbricht die Monotonie des Alltags, bedeutet intensives Leben und verspricht die Befreiung von Grenzen und Zwängen. Die Existenz des Bösen zu verleugnen, ist der gerade Weg, sich ihm auszuliefern. Sich vor ihm schützen kann nur, wer es erkennt. Die allermeisten von uns verfügen über einen instinktiven moralischen Kompass. Der Mensch ist das moralische Tier. Einzig unsere Spezies steht jederzeit vor der Wahl, sich für das Gute oder das Böse entscheiden zu müssen. Ob wir diesem auch folgen, bleibt jedoch unvorhersehbar, denn dieser Entscheid unterliegt unserem freien Willen. 

Der Autor ist Textchef der Basler Zeitung

Buchtipp:
Eugen Sorg
Die Lust am Bösen: Warum Gewalt nicht heilbar ist
Nagel & Kimche
Zürich 2011

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