Henryk M. Broder / 09.03.2011 / 23:28 / 0 / Seite ausdrucken

Die Lust am Bösen

Wenn Sie mal wieder eine Party besuchen, an der vor allem die Angehörigen der gebildeten Stände teilnehmen, dann machen Sie bitte einen Selbstversuch. In dem Moment, da die Rede auf die Ungerechtigkeit in der Welt kommt, die immer größer werdende Kluft zwischen den Armen und den Reichen, die Zustände in Afrika und die Lage der Migranten in Europa, dann sagen Sie einfach: “Das alles hat sozio-ökonomische Ursachen.” Man wird Ihnen zustimmen, ohne zu fragen, wie Sie es meinen.

Dann warten Sie ein paar Minuten, bis der nächste Punkt dran ist: der Terrorismus und die Motive der Terroristen. Jetzt könnten Sie wieder punkten und den Satz von vorhin wiederholen. Tun Sie es nicht. Sagen Sie stattdessen: “Die haben keine Motive, die haben nur Spaß am Morden.” Das Gespräch wird verstummen, es wird so still im Raum, dass Sie Ihr eigenes Herz und das Klirren der Eiswürfel in den Chivas-Regal-Gläsern werden hören können. Und das ist der Moment, in dem sie das Buch “Die Lust am Bösen - Warum Gewalt nicht heilbar ist” von Eugen Sorg gelesen haben sollten.

Sorg war lange Jahre im Ausland unterwegs, auf dem Balkan, in Afrika und in Asien. Es gibt kaum einen Krisenort, den er nicht besucht hätte, immer auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage, warum Menschen, die gestern noch friedlich zusammen lebten, heute übereinander herfallen und sich dabei wohl fühlen, als wäre es die natürlichste Sache der Welt, das Haus des Nachbarn abzubrennen, seine Frau zu vergewaltigen, ihn erst zu demütigen und dann zu erschlagen. Die konventionelle Erklärung für so ein Verhalten verweist auf historische Ereignisse, wie die Schlacht auf dem Amselfeld im Kosovo im Jahre 1389, die bis in die Gegenwart nachwirkt, mit deren Ausgang sich die Nachfahren der Kombattanten von damals bis heute nicht abgefunden haben.

Unsinn, sagt Sorg, “die meisten Menschen berauschen sich nicht an Ideen, sondern sie benutzen Ideen, um ihren Rausch zu legitimieren”. Sie stehlen und morden, nicht um alte Rechnungen zu begleichen, sondern sie nutzen die Gelegenheit, um sich auszutoben und dabei zu bereichern. “Die Enzyklopädie der menschlichen Grausamkeit” ist ein Buch, das laufend auf den letzten Stand gebracht wird. In einem bosnischen Lager traf Sorg Gefangene, die “in den Pausen zwischen den Prügelorgien in Frauenkleidern für ihre Peiniger tanzen mussten”; aber das war noch ein harmloser Zeitvertrieb verglichen mit der mörderischen Routine der Hutus in Ruanda, die in nur drei Monaten etwa eine Million Tutsi abschlachteten. “Um sechs Uhr stand man auf, nahm ein herzhaftes Frühstück zu sich, ging zum lokalen Versammlungsplatz und machte sich auf die Jagd nach den ‘Kalerlaken’… Um 16 Uhr signalisierte ein Pfiff der Trillerpfefie den Feierabend, und auf dem Heimweg plünderten sie die Häuser der Getöteten, um sich danach das Blut und den Dreck abzuwaschen und ausgiebig zu essen und zu trinken”, um am nächsten Arbeitstag wieder fit zu sein.

Als das ganze Ausmass des Völkermords in Europa bekannt wurde, reagierten die Afrikakenner so, wie sie immer reagieren, wenn Schwarze andere Schwarze umbringen, sie gaben “den Weissen die Schuld”, den Belgiern, die das Land 40 Jahre regiert hatten, den Schweizern, die ihre “Kardinaltugenden” in die “Schweiz Afrikas” exportiert hatten. Die einzigen, die nichts dafür konnten, was in Ruanda passierte, waren die Täter, die gut gelaunt ihre Taten vollbrachten. In Mogadischu traf Sorg freischaffende Banditen, “die auf eigene Faust Whisky, Khat und Sex” eintrieben und Milizionäre, die für ihre Clans Straßenzölle erhoben. “Alle waren der Meinung, Mogadischu sei ein sehr guter Ort zum Leben. Anders als in Europa, seien sie frei und könnten tun, was sie wollten.”

Die Menschen, sagt Sorg, entscheiden sich für das Böse, weil es mit Vorteilen verbunden ist. Hitler z.B. machte den Deutschen “ein Angebot”, dem sie nicht widerstehen konnten: “Er versprach einen gedeckten Tisch, Sicherheit und Ordnung, die Genugtuung der Rache…, ein reines Gewissen beim Töten”. Als Gegenleistung verlangte er “die totale Kontrolle über ihre Gedanken und ihr Leben”. Millionen waren bereit, den Preis zu zahlen, “sie gingen den Vertrag ein, freiwillig, wissend, ahnend, und sie wurden mitschuldig an einem der größten Verbrechen der Geschichte”.

Mit solchen Thesen bringt Sorg die Debatte um die Natur des Menschen auf den Boden der Realität zurück, nachdem sie viel zu lange im Puppenhaus der Gesellschaftswissenschaften geführt wurde. Er unterscheidet nicht zwischen Führern und Verführten wie es Theologen, Soziologen und Psychologen tun, er diagnostiziert “die Lust am Kampf an sich, die Freude an der Zerstörung, am verheerenden Racheschlag, am gelungenen Beutezug”, eine Mixtur, die nicht nur die somalischen Räuber beflügelt. Denn: “Hinter dem Bösen steckt keine Pathologie, keine Verzweiflung, keine Rache für erlittenes Unrecht. Hinter ihm steht nichts anderes als die Entscheidung, Böses zu tun.”

Eugen Sorg wird für dieses Buch Prügel bekommen. Vor allem von den Predigern der Friedfertigkeit, die nicht aus dem Kartenhaus ihrer Illusionen vertrieben werden möchten.

© Weltwoche 10/2011

Eugen Sorg - Die Lust am Bösen
Warum Gewalt nicht heilbar ist
Nagel & Kimche. 154 Seiten

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