Ingrid Ansari, Gastautorin / 04.08.2019 / 10:00 / Foto: Heptagon / 23 / Seite ausdrucken

Wenn die Kunst sich beim Zeitgeist andient

Von Ingrid Ansari.

Die Wissenschaften, Philosophie, Psychologie und die Künste – die „Dichter und Denker“ – haben über die Jahrhunderte hinweg die europäische Kultur geprägt. Sie haben unseren Werten, unseren Erkenntnissen Ausdruck und Form verliehen und dem Menschen – mit all seinen Schwächen und Sehnsüchten, mit seiner Gewalttätigkeit und seinem Scheitern, aber auch in seiner Größe und der Fähigkeit, Schönes zu schaffen und große Ideen zu entwickeln – den Spiegel vorgehalten. Die Psychologie hat uns gelehrt, dass wir ambivalente Wesen sind, die Gut und Böse untrennbar in sich vereinen. Die Musik mit ihrer Fähigkeit, eine höhere Realität entstehen zu lassen, ist seit jeher ein essenzieller, beflügelnder Bestandteil unseres Lebens. Musik zu Gehör bringen, Gestalten und Schreiben ganz allgemein, bedeutet die Gabe, schwer Greifbares, Vielschichtiges in eine eigene Sprache zu übertragen. Johann Wolfgang von Goethe hat es dem Dichter Torquato Tasso in seinem gleichnamigen Bühnenstück in den Mund gelegt: „Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, gab mir ein Gott zu sagen, wie ich leide.“

Große Literatur urteilt nicht, sondern stellt dar. Leo Tolstois Spätwerk „Die Kreutzersonate“ wurde zum Beispiel im Gegensatz zu seinen großen Romanen von der Kritik weniger geschätzt, weil es zu moralisch und belehrend daher kam – was dann Thomas Mann eine „Riesentölpelei“ im Werk seines russischen Kollegen nannte. Der Mensch ist nicht so leicht lesbar, wie uns Moralprediger vorgeben wollen. Literatur sollte tiefer graben; das vielschichtige Dasein ohne zu urteilen erzählen und den Leser dazu motivieren, sich seine eigenen Gedanken zu machen.

Ein Beispiel: Das literarische Werk von Tolstois Zeitgenossen Fjodor Dostojewski beschreibt die politische, soziale und geistige Verfasstheit zur Zeit des russischen Kaiserreichs, das sich im 19. Jahrhundert in einem fundamentalen Umbruch befand. Dostojewski beschäftigten die Konflikte, in die der Mensch im tiefgläubigen alten Russland mit dem Anbruch einer aus dem Westen kommenden Moderne geriet. Wo Halt finden, wenn der alte Glaube verloren ging. Der zentrale Gegenstand seiner Werke war die sich uns auch heute stellende Frage, wie sich die Veränderungen der Außenwelt auf die Psyche des Menschen auswirken. Es ist immer gewinnbringend, sich aus der Gegenwart, dem allgegenwärtigen Zeitgeist, in eine den meisten heute kaum noch in unseren Bildungseinrichtungen vermittelte Vergangenheit zu begeben. Aus seiner Zeit herauszutreten. Das bietet Möglichkeiten, Abstand zu gewinnen und Heutiges besser bewerten und vergleichen zu können.

68er mögen plötzlich das Establishment

Wann immer Politik ins Ideologische abgleitet, werden auch Kunst und Wissenschaft missbraucht; verlieren ihre Unabhängigkeit und Vielfältigkeit. Das vergangene Jahrhundert hat uns die Auswirkungen von Meinungsmanipulation und Zensur nur allzu deutlich vor Augen geführt: Hitler, Mao und Stalin waren Meister der Nutzung von Propagandatechniken und der Zerstörung von Kulturgut. Auch die Bürger der ehemaligen DDR haben es am eigenen Leibe erfahren. Es blieben nur Trostlosigkeit, Eintönigkeit, Hässlichkeit, Depression, Brutalisierung, Vernichtung und Tod zurück. Der immer wieder aufflammende Glaube an die Schönheit und Sinnhaftigkeit des Lebens, an die Kraft des menschlichen Verstandes und der menschlichen Gestaltungskraft scheint seit den großen Kriegen des 20. Jahrhunderts verloren gegangen zu sein.   

Doch auch in diesen dunklen Zeiten konnte man in Europa noch auf unser gemeinsames kulturelles Erbe gedanklich zurückgreifen und Halt finden. Mein Großvater trug die Werke Immanuel Kants in seinem Tornister in den 1. Weltkrieg. Es hat in Nazi–Deutschland Aufführungen von „Don Carlos“ gegeben, wo das Publikum bei der Zeile „Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!“ spontan geklatscht hat, weil es die Worte Friedrich Schillers in die eigenen Gegenwart übersetzen konnte. Dasselbe geschah, wenn ein Hamlet-Darsteller die Sätze „Ganz Dänemark ist ein Gefängnis“ und „Die Zeit ist aus den Fugen“ besonders stark akzentuierte. Die Botschaft war allen sofort zugänglich.

„Modern sein“ ist heute das Zauberwort. Und was „modern“ ist, bestimmen die herrschenden Eliten und ihre Gefolgsleute. Modern als populär? Als modisch, up to date, als progressiv? Wieder so ein schwammiger Begriff. Inzwischen engagiert sich die Theaterlandschaft zum Beispiel in der Flüchtlingsfrage so eindeutig für die Position Angela Merkels & Co., dass der renommierte lettische Regisseur Alvis Hermanis 2015 eine Regieverpflichtung absagte, weil er sich mit seiner Inszenierung von dem allgemeinen Tenor der Bühnen distanzieren wollte – und nicht durfte: Er habe keine Lust, an einem „refugees welcome center“ zu arbeiten, zitierte ihn die „Welt“ unter der Überschrift „So paranoid sind ja nicht mal die von Pegida“. Diejenigen, die in den 1960er und 70er Jahren gegen das Establishment auf die Straße gingen, fühlen sich diesem heute aufs Engste verbunden. So der ehemalige RAF-„Sympathisant“ und Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff in einer vor wenigen Tagen ausgestrahlten Doku „Sympathisanten – Unser Deutscher Herbst“. Zitat: „Es ist für mich nicht logisch, aber auch kein Widerspruch, dass ich mich heute für die CDU, das heißt für die Angela Merkel einsetze.“

Der eindimensionale Mensch

„Regietheater“ nennt sich die nicht von ungefähr in den 1970er Jahren entstandene neue Form des Inszenierens. Klingt gut, denkt man anfangs, denn erst eine gut durchdachte Regie erweckt ein Bühnenwerk überzeugend zum Leben. Fehlanzeige, stellte ich bald darauf fest: Beim Regietheater geht es nicht selten darum, eine neue „zeitgemäße“ Geschichte über eine historische zu legen, egal, ob es nun passt oder nicht. Es geht darum, die Geschichte dementsprechend „aufzupeppen“ und die Bühne mit Hilfe moderner Medien und Versatzstücken zu „beleben“. Hauptsache „action“ – keine Zeit zum Verweilen und für eigene Gedanken. Alles wird gnadenlos ins „Jetzt“ gezerrt, in die ewige Gegenwart. Vor allem geht es darum, den Zuschauer politisch „aufzuklären“ und eine Art Gesinnungsgemeinschaft herzustellen: Der eindimensionale Mensch.

Nun sollte man eigentlich denken, dass es sinnvoller wäre, sich für solche Neudeutungen nicht eines in früheren Zeiten angesiedelten Stoffes zu bedienen, sondern Stücke selber neu zu schreiben. Doch dazu scheint die schöpferische Kraft nicht mehr zu reichen. Auch Buchschriftsteller bemühen vermehrt historische Persönlichkeiten, um ihre Geschichten anzureichern. Nur einige wenige Beispiele: „Sunset“ von Hans Modick (Lion Feuchtwanger und Bertolt Brecht); „Der Trafikant“ von Robert Seethaler (Sigmund Freud); „Zwei Herren am Strand“ von Michael Köhlmeier (Winston Churchill und Charlie Chaplin).  

Auf den Bühnen greift man mit Vorliebe auf Opern, Operetten und Klassiker – auf Altbewährtes – zurück: auf die Antike, auf Goethe, Schiller, Kleist, Lessing, Ibsen und Strindberg, auf Gogol und Tschechow. Shakespeare ist besonders beliebt. Diese Werke werden dann „bearbeitet“, „entstaubt“ – umgeformt, gewendet und gebogen, passend gemacht. Das ergibt dann oft ein merkwürdiges Konglomerat mit inzwischen immer wieder denselben Szenerien und Kulissen. Besonders beliebt: die Nazi-Zeit und andere Diktaturen. Wiederkehrende Orte: Bordelle, Seniorenheime, Krankenstationen, Schlachthöfe, Bahnhöfe und immer wieder Büroräume. Requisiten: Pappkronen, Spielzeugdrachen, Plastiktüten, Bildschirme, Bierkästen, Elektro- und anderer Müll, Ikea-Möbel.

Kostümierung: die ewigen Herrenanzüge mit Krawatte – Salomé als Mitarbeiterin beim Herrenausstatter Herodes; die ganze Oberhemd-Krawatten-Tristesse vor Augen, wenn der Vorhang aufgeht. Und für die Frauen Kopftücher, Schürzen, großblumig gemusterte Kleider. Mimi in „La Bohème“ mit Lederjacke, Blumenrock und struppiger Perücke über den eigenen wunderschönen Haaren. Das Gefühl entsteht: Es geht hier um einen Wettbewerb, wer wen am hässlichsten anziehen kann. Und nicht genug damit, dass uns der triste Alltag – und zwar auf allerunterster Ebene – bis ins Theater verfolgt. Uns werden – anscheinend mit Wonne, mit großer Ernsthaftigkeit und ohne jede Ironie – körperliche Ausscheidungen, Ströme von Blut, Kopulationsgymnastik und Geräusche aller Art vorgeführt. Erotik – ein Fremdwort. Keine Geheimnisse mehr. Es geht immer gleich „zur Sache“.

Es ist alles todernst gemeint

Ein Beispiel von hunderten: Goethes „Egmont“ in Frankfurt. Kritik im „Spiegel“: „Das Klärchen zieht sich aus, der Egmont zieht sich aus. [....] Warum isst Wilhelm von Oranien einen Joghurt von Ehrmann? Wieso wird immer nur geflüstert oder geschrien? Warum stecken die Beine vom Prinzen von Gaure in einem Teddysack? Oder war es der Herzog von Alba, als Penner verkleidet? Und wozu muss er mit einem Klebeband vom Baumarkt zugepflastert werden, und die Kalaschnikow fällt aus dem Koffer, und Pink Floyd spielt dazu?“ Ich muss lachen. Wenigstens beim Lesen, denn witzig soll das alles nicht sein. Witz, Doppelbödigkeit ist des Regietheaters Sache nicht; „geistreich“ ein Fremdwort. Es ist alles todernst gemeint. Und eben das macht das alles zum Gähnen langweilig und vorhersehbar. Es zeigt nur einen kleinen Ausschnitt des großen menschlichen Spektrums. Der Mensch, so wie ihn eine kleine Clique von „Kunstschaffenden“ zu sehen meint. „Nuancensterben“ hat es der Philosoph Peter Sloterdijk genannt.

Aber vor allem: Die Bilder, die unsere Realität darstellen sollen, sind heute übermächtig und allgegenwärtig auf Bildschirm und Leinwand vertreten. Hervorragende Dokumentationen und Spielfilme können uns auf nie dagewesene Weise die Schrecken und die Brutalität des Weltgeschehens nahe bringen, was die Bühne einfach nicht zu leisten vermag, weil sie trotz aller Video-Reize einfach nicht die Mittel dazu hat. Im Vergleich zu der Macht der Filmbilder wirken die Bühnenversuche mit manchmal auch schauspielerisch weniger befähigten Opernsängern und handwerklichen Defiziten der Regie oft derart lächerlich, dilettantisch und unendlich peinlich, dass man dann nur damit beschäftigt ist, wie man die Zeit überstehen kann und mit niedergeschlagenen Augen wartet, bis das Ganze endlich vorüber ist.

Der Abonnent und Theaterbesucher muss tapfer sein; dem Zeitgeist verpflichtet. Und er fügt sich weitgehend, geht weiterhin gut gekleidet in die Vorstellungen, erlaubt sich ein paar Buhs – und damit soll's denn auch gut sein. Seit Jahren lässt er es sich gefallen, pauschal als spießig und provinziell, engstirnig, reaktionär, ewiggestrig und „nur auf Kulinarik aus“ beschimpft zu werden, wenn er nicht „mit der Zeit geht“, so wie sie das Regietheater vorgibt. In einem Interview vergleicht ein Regisseur die Theaterbesucher einmal mit Puristen, mit Menschen, die immer nur dieselbe gewohnte Nahrung zu sich nehmen wollen. Ich gehe davon aus, dass er damit sagen wollte, er biete „Anderes“. Also per se Besseres? Davon scheint er ohne Weiteres auszugehen. Doch da hinkt der Vergleich, denn gerade um die Qualität dieses „Anderen“ geht es doch! Setzt er dem Publikum wirklich gute oder bessere „Gerichte“ vor, wird es sie sicher nicht ablehnen. Und es gibt sie noch, die besseren „Gerichte“. Was Regie vermag – auch „moderne“ Regie – kann man immer noch an einigen Beispielen bewundern. Aber für ein besseres Gericht braucht es viel Wissen, Erfahrung, Fantasie – und vor allem Können.

Erloschene Gestaltungskraft

Unser reiches kulturelles Erbe droht in Vergessenheit zu geraten, wenn es niemanden mehr gibt, der noch davon weiß und der es weiterträgt. Wenn im Gegenteil Kunstwerke, die eine andere Kultur „stören“ könnten, von den Wänden genommen oder verhüllt werden. Wenn in unseren Bildungseinrichtungen Geschichte kaum noch eine Rolle spielt und wir in Gefahr sind, eine „geschichtsvergessene Generation heranzubilden“ (Hans Meidinger, Deutscher Philologenverband).

Die Vernachlässigung und Missachtung der in Europa über die Jahrhunderte geschaffenen Kulturgüter sind auch in unseren Städten schon lange wahrnehmbar. „Wir stellen eine zunehmende Verwahrlosung im öffentlichen Raum fest“ , mahnt der LKA-Chef von Baden-Württemberg Ralf Michelfelder. Schönheit mit allem, was der Begriff einschließt – in verschiedenen Zeitaltern auch als „der Glanz der Wahrheit“ beschrieben – spielt kaum noch eine Rolle.

Die Geschichten, die uns über jede alte Kirche, jeden Platz, jedes Schloss viel Interessantes zu erzählen hätten, finden nur noch wenig Beachtung. Ihre Wände werden beschmiert und mit Graffitis besprüht; die Zeichen des Verfalls werden immer sichtbarer. Ist ein Stadtviertel erst einmal vermüllt, fällt es leichter, etwas wegzuwerfen. Glasscherben und anderer, oft ekelhafter Müll werden als Aufgabe von Reinigungsfirmen angesehen.

Die leise, zurückhaltende Stimme der „Dichter und Denker“ ist im Getöse des Zeitgeistes hinter Gier nach Betäubung und Dauerbespaßung untergegangen. „The Noise of Time“ lautet denn auch der Titel eines Buches des Booker-Preisträger Julian Barnes, in dem er das gefährdete Leben des Komponisten Dmitri Schostakowitsch in der Sowjetunion beschreibt.

Wenn die Künste und die Wissenschaften ihre Freiheit und Ausdrucksvielfalt verlieren, wenn sie nicht mehr gepflegt, gehegt und belebt werden, ist ihr Ende nahe. Wie sagte doch die große Tänzerin und Choreografin Pina Bausch zu ihrem Ensemble: „Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren!“

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alma Ruth / 04.08.2019

Liebe Frau Ansari, ich weiß nicht, wer Sie sind, ich habe Ihren Namen noch nie gehört. Bin eine ungebildete Ausländerin. Aber: Wer immer Sie auch sind, ich unterschreibe jedes Wort Ihres Berichtes tausendmal. Denn genau so ist es, wie Sie es beschreiben. Man hat die Bildung kaputt gemacht, die Unis inbegriffen, die Gleichmacherei von der Kita an tut das ihre, auch die für die meisten Menschen viel zu schnelle Veränderung der Welt macht das Begreifen nicht leichter. Und dann, als Tüpfelchen auf dem i, die verschiedene Schlagworte, die sich im ersten Moment als richtig anhören, tun ein Weiteres. Ein kleines Beispiel. Vor einigen Jahren lernte ich eine junge intelligente Musikstudentin kennen. Im Gespräch fragte ich sie ein wenig aus, was für Musik sie am liebsten hat. Was sie sagte, war genau das, was ich auch liebe. Nur am Schluß sagte sie: “.. und die elektronische Musik.”  Da war ich ganz anderer Meinung, aber nicht das ist wichtig, sondern ihre, der Studentin, Begründung: “Die elektronische Musik ist Ausdruck unserer Zeit.” Ich, ohne nachzudenken: “Die Atombombe ist auch Ausdruck unserer Zeit. Muß ich sie deswegen lieben?” Ausdruck einer jeder Zeit kann gut, schön usw. sein, aber auch das Gegenteil. Wer denkt darüber nach, bevor er solches, wie der obige Satz ist, verkündet? Vielen Dank für Ihren großartigen Text, liebe Frau Ansari! lg alma Ruth

R. Nicolaisen / 04.08.2019

Ein paar Zusätze: Jedes gute Werk, und ja, ich finde “Werke” gut, hat etwas über sich Hinausweisendes, man kann auch sagen Transzendentes( Kunst, Musik, Architektur) oder zutiefst Gleichnishaftes ( Literatur, Drama) und entfaltet einen vieldimensionalen Zustandsraum. Das zu erkennen , wenngleich nicht unbedingt zu benennen, ist jeder ernsthaft Interessierte in der Lage! Insofern ist Regietheater eine schlimme Beleidigung des Publikum und seiner Intelligenz. Solche Bevormundung durch simple, ideologisch formierte Geister braucht man wirklich nicht.   Und für Neugeschaffenes, in welchem Genre auch immer, spielt Schönheit als Kategorie kaum eine Rolle mehr. Das tut den Köpfen der Menschen nicht gut.

Bernhard Maxara / 04.08.2019

“Lebe in deiner Zeit, aber sei nicht ihr Kind!” (Friedrich Schiller) Was für ein lächerliches, nach zwei Diktaturen schmähliches Schauspiel bietet ein Theater, das dem Zeitgeist huldigt! - Nach 25 Jahren an deutschen Bühnen von 1974 bis 99 - habe keine Worte mehr dafür. Mache inzwischen auch nicht mehr die Macher, also Intendanten, Regisseure, Kulturdezernenten dafür verantwortlich, sondern jeden Schauspieler oder Sänger, der sich nicht zu schade ist, den Kotau vor diesem Betreuten Wohnen für “Regisseure”, (also Unfruchtbare) mitzumachen. Die Werke ungeheurer Genies als Vergrößerungsglas für den eigenen Bauchnabel - pfui Deibel!

Hartmut Laun / 04.08.2019

Es ist an der Zeit, so wie uns jede Woche die Nazizeit mit Hitler in Dokumenttationen, in Spielfilmen, in den Zeitungen in allen Varianten vorgesetzt wird, sich in dieser Hinsicht der Merkelzeit in gleicher Art hin zu wenden. Es ist klar wenn solche Großdichter wie R. Becher sich erniedrigt haben dem Massenmörder Stalin ein Liebesgedicht zu widmen, so wird es wohl noch zehn Jahre dauern ehe die Merkelzeit gleich dem Nazianalsozialismus von Künstlern verarbeitet werden wird. Wie in der DDR Ernst Thälmann, Straßen, Plätze, Schulen, Brücken und Flugplätze nach Merkel zu benennen, gab es da schon Vorschläge?

Matthias Braun / 04.08.2019

Wir können froh sein,daß man die Mona Lisa nicht Herrn Beuys, zur “zeitgemäßen Bearbeitung” überlassen hat.

beat schaller / 04.08.2019

Danke für Ihre , den Zeitgeist treffenden Ausführungen. Es passt genau zur Zeit. Die Selbstinszenierungen gehe einher mit der “Neuschreibung” der Geschichte, der Umschreibung von Kinderbüchern. Eigentlich sind es Plagiate die einzuklagen wären, denn die Basis ist ja noch vorzufinden. Die Preise steigen für Theater und Oper und das Niveau oft unter jeder Sau. Sorry, aber es passt so alles zur heutigen Zeit, wo es scheint, als ob da bald jeder seine Wurzeln abgestossen hat. Ich mag diese virtuellen Welten nicht. Dem Text gibt es eigentlich gar nichts anzufügen.  b.schaller

Peter Rosé / 04.08.2019

Eine kleine Ergänzung zu Schostakowitsch (vorletzter Absatz im Artikel). Sein Leben war nicht gefährdet, weil er nicht dem sowjetischen Zeitgeist huldigte (dies hatte er, im Gegenteil, getan - siehe z. B. die 2. und 3. Sinfonie -, sondern weil eines Tages der Genosse Stalin beschloss einer Aufführung von Ss sowohl in der SU als auch im Ausland, darunter auch im Deutschen Reich des Herrn Schickelgruber, überaus erfolgreichen Oper Lady Macbeth von Mzensk beizuwohnen. Er war not amused, weil gewisse Sexszenen dem prüden Diktator nicht gefielen. Daraufhin bemühte sich der dortige Kulturbetrieb beflissentlich um Ächtung des Komponisten, dessen Leben allerdings nicht gefährdet war, hatte der Große Führer aller Kommunisten dem Komponisten Schonung versprochen, ihm allerdings “empfohlen”, doch voksnaher zu schreiben. - Das “zweite Scherbengericht”, 1946/47, betraf nicht nur Schostakowitsch, sondern auch Prokofieff, Muradeli, Majaskowsi etc. also auch Komponisten, die brav dem musikalischen “Sozialistischen Realismus” à la Tichon Chrennikow (dem sowjwtischen Gegenstück des Präsidenten der Reichsmusikkammer) gehuldigt hatten. Ich hatte seinerzeit auf der Achse auf eine Paralle zwischen Stalins Missbilligung der Lady Macbeth und der Beflissenheit des sowjetischen Kulturbetriebes und Merkels “Nicht hilfreich” in bezug auf Sarrazin und der Lemmingreaktion der Journaille hingewiesen.  Übrigens: Im Westen war Schostakowitsch bei den Granden der musikalischen Avantgarde, die sich der “Ästhetik der Verweigerung” (Marcuse) verschrieben hatten, überhaupt nicht wohlgelitten, denn er galt lange - behängt mit Lenin- und Stalinorden - als Zuckerbäcker Stalins und nach 1953 als konformer Vertreter der musikalischen Reaktion. Ein Ordinarius der Musikwisschenschaft der Universität Hamburg riet sogar vehement von einer Verleihung des Gustav-Mahler-Preises an Schostakowitsch ab: Er sei zu unbedeutend.

Roland Stolla-Besta / 04.08.2019

Ihr Text bringt die Situation vor allem des Theaters – Schauspiel und Oper – auf den Punkt. Als Theater-Aficionado seit meinen Schüler-Abonnements-Tagen und dann als Gymnasiast in den 60er Jahren Statist an unserem hiesigen Staatstheater meide ich diese Etablissements seit etwa 15 Jahren tunlichst. Die großen Dramatiker, die Griechen, Shakespeare und, jüngst wiederentdeckt, Grillparzer, lese ich nur noch und vermeide, mir die Interpretationen PISA-geschädigter Jungreschissöre anzutun. Im Bereich der Oper ist es nicht besser, überall nur noch dieses beliebige, stumpfsinnige und austauschbare Einerlei. Wie Ihnen ist es auch mir schon aufgefallen, daß es seit Jahrzehnten keinen nennenswerten „Stückeschreiber“ mehr gibt, von einem Dramatiker will ich gar nicht erst reden.

Sanne Weisner / 04.08.2019

Es gibt ja auch Gründe für diesen Verfall. einer davon ist, dass der Staat mit unseren Steuergeldern die Theater und Opernhäuser vom Urteil des Publikums befreit hat. Scheiss doch drauf, was das doofe Publikum vor der Bühne interessiert oder gar gefällt. Wichtig ist, dass man eine gute Kritik in den Schnösel- und Haltungsmedien und bei der Premierenfeier von anderen Kunstsimulierern und vor allem von den Geldgebern an Schulterklopfern bekommt. Und was den Aufführenden recht ist, da wollen Singkasper, Pinselkleckser, Zelloloid- und Buchstabenvergewaltiger nicht hintanstehen. Also erstmal ein tiefernstes Haltungsgesicht aufgesetzt und dann geht’s los mit Virtue Signalling. Und wer da mit Zwischentönen kommt ist ein Warmduscher, je mehr Haltung, je lauter und expliziter, desto besser. Schließlich wird ein Curry ja auch immer nur besser wenn man mehr und mehr Chillischoten und Pfefferkörner reinwirft.

Elke Schmidt / 04.08.2019

Ein großartiger Artikel! Ich bekomme Kopfschmerzen vom heftigen Nicken. Es ist auch Ausdruck des Zeitgeistes, dass sich niemand mehr traut so etwas zu schreiben, man könnte ja zu den Ewiggestrigen gezählt werden. Meine letzte Theateraufführung habe ich mit meinem Mann vorzeitig verlassen, zusammen mit einer bekannten Künstlerin und Landsmännin des Hauptdarstellers. Es war nicht auszuhalten und zum Fremdschämen ....... „wieder irgendwas mit Flüchtlingen“

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