Es hat in den vergangenen Tagen so einige Stellungnahmen zum Tod von Noelia Castillo Ramos gegeben. Die bewegendste war wohl das Video von Johannes Hartl, eines christlichen Denkers, der selbst komplexe und schwere Sachverhalte nüchtern und rational in Vorträge zu fassen versteht und in einigen Momenten selbst mit den Tränen kämpft. Hartl stellte fest, dass an dem Tod dieser wunderbaren jungen Frau alles falsch ist. Statt der tödlichen Spritze hätte sie eines Menschen bedurft, der ihr die Liebe Gottes zugesagt hätte, der ihr hätte erklären sollen, dass sie trotz allem Schrecklichen und Unsagbaren, das ihr passiert ist, ein von Gott geliebter und gewollter Mensch ist.
Nicht jeder wird diese christliche Deutung des Geschehens mitvollziehen können, nichtsdestoweniger ist es wahr. Wenn die Antwort unserer Kultur auf die schreckliche, tiefdunkle, lebensverneinende und todessehnsüchtige Verzweiflung einer jungen Frau nichts anderes ist als die Todesspritze, dann sind wir inmitten einer Kultur des Todes angelangt. Diese Kultur des Todes hat seit dem vergangenen Donnerstag ein Gesicht, es ist das Gesicht der jungen Frau Noelia Castillo Ramos.
Organe sind wichtiger als das Leben
Das Grauen dieser Unkultur wird noch sichtbarer, wenn man bedenkt, dass der jungen Frau, noch bevor der wirkliche Tod eintreten konnte, sämtliche verwertbaren Organe entnommen wurden. Organe eines toten Menschen sind nicht mehr verwertbar, daher wird der Sterbeprozess zum Zweck der Organentnahme angehalten, es wird dann eine Anästhesie eingeleitet, weil Sterbende sich gegen die Organentnahme wehren. Danach wird der Patient durch die Entnahme lebenswichtiger Organe, die sofort konserviert werden, getötet. Die Rede ist von Organen in einem Marktwert von mehreren Millionen. Noch während sie lebte, waren diese Organe bereits verteilt und vielleicht auch schon bezahlt worden.
Auch wenn Organhandel in Spanien verboten ist, kommen solche Fälle dennoch immer wieder vor. Die bereits erfolgte Verteilung ihrer Organe, so wird kolportiert, sei der Grund gewesen, warum die Behörden ihr einem Bericht ihres Rechtsanwalts zufolge quasi ein letzter Minute untersagten, ihren Antrag auf Euthanasie zurückzuziehen. Auch ohne Handel liegt hier ein schweres Unrecht vor, wenn die Organe wichtiger sind als das Votum für das Leben. Die von anwaltlicher Seite kolportierte Begründung der Behörden kann einen Menschen nur ratlos zurücklassen. Ihre Organe, so die Meldung, seien bereits anderen Patienten zugesagt worden.
Nach Lage der Dinge lässt sich die Aussage des Anwalts weder verifizieren noch falsifizieren. Wer mit den Gebräuchen der Organspendeindustrie vertraut ist, wird es als mindestens plausibel annehmen. Brauchbare Spenderorgane sind rar, Organe einer – zumindest organisch – gesunden jungen Frau als begehrt zu bezeichnen, wäre maßlos untertrieben. Insofern wäre eine derart mörderische Entscheidung der Behören systemimmanent nachvollziehbar. Doch sie soll, mangels Möglichkeiten, sie zu verifizieren, hier nicht behauptet werden.
Ein Arzt darf nicht töten
Die geradezu gierig wirkende Entnahme der Organe, der die junge Frau zugestimmt hat, ist nur eines der schrecklichen Menetekel dieses Vorfalls. Seit der Antike ist das Haus eines Arztes, später auch die Hospitäler, ein sicherer Ort, und der Arzt ist ein Mensch, dem man vertrauen kann, dass er einen nicht tötet. Der Eid des Hippokrates, dem sich die Ärzteschaft bis heute verpflichtet fühlt, untersagt die Tötung auf Verlangen ausdrücklich. Die Erlaubnis, dass Menschen auf Verlangen von einem Arzt getötet werden dürfen, untergräbt das Vertrauen in die Ärzteschaft in einem unerträglichen Maße. Nicht umsonst fliehen Senioren aus den Niederlanden in Pflegeheime auf der deutschen Seite. Viele Niederländer tragen Karten bei sich, mit der Aufforderung an Ärzte, sie nicht zu töten.
Der nächste Aspekt ist die Frage des Suizid als solcher. Bis heute gibt es den ethischen Konsens, dass einem Menschen, der sich in einem suizidalen Akt befindet, geholfen wird, indem man den Akt unterbricht. Die Suizidforschung hat seit langem Statistiken darüber, dass die Unterbrechung der suizidalen Handlung den Suizidwunsch beendet und nur in ungefähr 30 Prozent aller Fälle ein erneuter Suizidversuch unternommen wird. Wie sehr die Unterbrechung des Akts den Suizidwunsch beendet, zeigt ein Beispiel aus Kalifornien.
Die Golden Gate Bridge in San Franzisco ist einer der Hot-Spots des Suizid. Polizisten können den Suizidkandidaten oft nicht schnell genug hinterhersteigen. Daher ist man zu einer auf den ersten Blick absurd wirkenden Lösung gekommen. Der Polizist nähert sich, so gut es geht, zieht seine Waffe und ruft: „Stehenbleiben oder ich schieße!“ Wäre der Sterbewunsch valide, würde der Suizidkandidat den Schuss ja geradezu herbeiwünschen, doch die absurde Intervention unterbricht die Suizidhandlung und beendet den Suizidwunsch. Das ist nachweislich so.
Suizid ist ein falscher Wunsch
Ähnliches gilt für Patienten wie Noelia Castillo Ramos. In der Tat sind schwerst depressive Patienten in hohem Maße suizidal. Insofern war die junge Frau in der Lage, ihren Sterbewunsch nachvollziehbar vorzutragen. Jeder Psychotherapeut weiß aber auch, dass der Sterbewunsch sofort vergeht oder als Option an Reiz verliert, wenn es gelingt, dem Patienten eine Sinnperspektive für sein Leben zu verleihen. Das ist weitaus weniger unwahrscheinlich, als man denkt. Manchmal braucht man Geduld, nicht selten braucht man viele Jahre Geduld, in denen es gilt, dem Suizidwunsch zu widerstehen. Es braucht dazu ein hohes Maß an persönlicher Ethik, gerne auch Moral, es braucht dazu des gesellschaftlichen Rückhaltes, der ganz deutlich erklärt, dass jedes Leben lebenswert ist, und es braucht in letzter Konsequenz auch ein gesetzliches Gerüst, das jede aktive Tötung und jede unterstützende Mitwirkung an einem Suizid untersagt und schmerzhaft bestraft.
Machen wir uns nichts vor, das leidende Gesicht ein jungen Frau, die nur noch ein Ende ihres Leides wünscht, weckt Mitleid, und wenn man nicht sehr standfest ist, die Versuchung, dem Wunsch nachzugeben. Doch wie um alles in der Welt kommt eigentlich ein Mensch, ein Arzt oder ein Gesetzgeber, auf die Idee zu glauben, dass das Leid eines Menschen den selbstgewählten oder selbstgewünschten Tod garantiert nicht übersteht. Dass der Sektor des Lebens nach dem Tod in den Bereich der Religion gehört, verschließt ihn nicht für die Vernunft. Im Gegenteil. Die erdrückende Mehrzahl aller menschlichen Kulturen hat, weil dies vermutlich einer der Bestandteile von Menschlichkeit ist, eine Vorstellung von Postexistenz. Gibt es irgendeinen vernünftigen Grund, anzunehmen, der Mensch nähme, was ihn hier in den Suizid getrieben hat, in jene Postexistenz nicht mit?
Es braucht nicht einmal religiöse Höllenbilder, um sich klarzumachen, dass mit einem Suizid aus Verzweiflung zwar das irdische Leben endet, es jedoch keinen Beweis gibt, dass damit auch die Verzweiflung endet. „Dann ist endlich alles vorbei!“, brüllte die suizidale Patientin, mit drei erfolglosen Suzidversuchen in fünf Jahren, ihren Psychotherapeuten an. Mehrfach. Über Jahre. „Wie sicher sind Sie sich?“, lautete jedes Mal die Gegenfrage. Der Weg dieser Frau dauerte fast zehn Jahre. Patientin, Familie, Therapeuten hielten durch. Man kann auch das überleben, wenn die Kultur eine Kultur des Lebens ist.
Selbstbestimmung ist eine Illusion
Abgesehen davon, dass bei einem mehrfach traumatisierten und depressiven Patienten im Hinblick auf Selbstbestimmung nichts zu erwarten ist, gehen Ethiker und Suizidforscher ohnehin davon aus, dass ein suizidaler Mensch schon durch den Suizidwunsch in seiner Freiheit eingeschränkt ist. Selbstbestimmtes Sterben halten Fachleute für ein Märchen. Ein nützliches Märchen, wie der Medizinethiker Axel Bauer und der Journalist Andreas Lombard in ihrem Buch „Wir sollen sterben wollen“ deutlich gezeigt haben. Neben dem Kostenfaktor für Kranken- und Pflegeversicherung, die für Verstorbene nicht mehr zahlen müssen, kommen etliche andere Aspekte hinzu, die es für eine Gesellschaft scheinbar attraktiv machen, die Unproduktiven, die Kranken, die Verrückten und die Alten zu entsorgen.
Man muss dazu keinen Vergleich mit der Tötung lebensunwerten Lebens wagen, denn er trifft nicht zu. Es ist aber eine Akzeptanz der Tötung sich selbst für unwert haltenden Lebens. Das ist nicht besser. Was es mit der Kultur eines Landes oder eines Kontinentes macht, sich derer zu entledigen, die nur noch stören, kann man sich mit sehr wenig Phantasie vorstellen. Moderne Begierden nach Organen kommen, wie der aktuelle Fall zeigt, hinzu.
Der reine und zynische Utilitarismus
In einer Unkultur des Todes ist das Leben nur noch eine Funktion. Es ist reduziert auf seine Nützlichkeit. Damit ist man bei einem zynischen Utilitarismus angekommen. Existenz als Minderheit, individuelle Würde, menschliche Schwäche, Leid oder Armut, alles das kann zum Tode führen, weil es das allgemeine Glück nicht mehrt. Man darf sich an dieser Stelle durchaus an die Worte von Papst Johannes Paul II., der ein Kämpfer für eine Kultur des Lebens war und immer vor der Unkultur des Todes warnte, erinnern. Den unverletzlichen Wert des Lebens bezeichnete er als eine grundlegende Wahrheit des natürlichen Sittengesetzes und der Rechtsordnung.
„Keiner darf einem anderen direkt das Leben nehmen, auch wenn jener danach verlangen sollte.“ Abtreibung, Euthanasie und auch Selbstmord bezeichnete er als „schwerwiegende Verletzung“ der Schöpfungsordnung. Alle Mahnungen des Papstes haben sich bewahrheitet. Länder wie Kanada, Spanien, die Schweiz oder die Niederlande geraten durch die Zulassung von Euthanasie in ethisch untragbare Zustände und billigen, wie es der Fall der jungen Frau Noelia Castillo Ramos zeigt, Fälle, bei denen jeder Mensch intuitiv fühlen muss, dass hier alles falsch ist. Euthanasie ist falsch, und da es nichts Richtiges im Falschen gibt, kann Euthanasie nur in Elend, Verbrechen, Korruption und andere schlimme Zustände führen. Bleibt zu hoffen, dass der Fall Castillo Ramos in Spanien und ganz Europa zu einem Umdenken führt. Ein Video zum Weiterdenken bietet eine junge Frau aus der Generation von Noelia hier an.
Beitragsbild: href="https://en.wikipedia.org/wiki/de:Hieronymus_Bosch" class="extiw" title="w:de:Hieronymus Bosch">Hieronymus Bosch, Gemeinfrei, via Wikimedia Commons
@Ilona Grimm: „@Thomas Schmidt, à propos Erlösung von unerträglichem Leiden:
Woher nehmen Sie die Gewissheit, dass nach dem Sterben tatsächlich “Erlösung„ kommt??♦ Die atheistische Position, dass mit dem Tod alles aus sein soll, ist der schlimmste Irrtum des Menschen, der im Augenblick des Todes in schrecklicher Weise offenbar wird: …dass es einen Himmel und eine Hölle gibt, die beide ewig sind:
“Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben„ [Matth. 25,46]“ – Und woher nehmen Sie die Gewissheit, dass Sie zu den Gerechten gehören, die ewiges Leben bekommen? Jetzt sagen Sie bloß nicht, weil Sie besser als andere aus der Bibel abschreiben können, dann mache ich das nämlich in Zukunft auch.
Aus katholischer Sicht hat Herr Winnemöller Recht.
Als Bürger meine ich, dass die Kommentatoren ein Recht auf ihre höchstpersönliche Interpretation haben. Als Katholik weiß ich, dass sie für die damit verbunde Gewissenentscheidung verantwortlich gehalten werden.
„Statt der tödlichen Spritze hätte sie eines Menschen bedurft, der ihr die Liebe Gottes zugesagt hätte, der ihr hätte erklären sollen, dass sie trotz allem Schrecklichen und Unsagbaren, das ihr passiert ist, ein von Gott geliebter und gewollter Mensch ist.“ Warum denn war kein solcher Mensch da? Das erinnert mich an Aussagen zu migrantischen Messermördern, laut denen eine Psychotherapie oder anderer Beistand geholfen hätte, das Morden zu vermeiden. Aber wieso haben dann genau dieses behauptende Leute nicht geholfen oder solche Hilfe organisiert?
„Euthanasie darf nie erlaubt sein.“ Das sagen vor allem solche Menschen, die nicht die Probleme derer haben, die Euthanasie für sich begehren. Es sieht anders aus, wenn man, wie ein konkreter Mann in Kanada, im Rollstuhl sitzt, seine Wohnung verliert und obdachlos wird. Bei Postexistenz würden statt der durch Suizid oder Euthanasie Gestorbenen diejenigen mehr Probleme bekommen, die andere durch Schädigungen in Suizid oder Euthanasie getrieben oder mit Organentnahmen Schindluder getrieben hätten. Oder wäre dieser Gott jener Allah, der statt der Vergewaltiger die Vergewaltigten bestraft?
Die Vorstellung, friedlich einzuschlafen und nicht mehr aufzuwachen, zaubert ein Lächeln auf mein Gesicht. Gibt es einen Gott, der das hasst? Auch wenn es sicher eine interessante Herausforderung ist, die bittere Gegenwart und die bittere Zukunft bis zum Ende durchzustehen, die ich für mich persönlich bis auf weiteres durchaus angenommen habe, so scheinen nicht alle Menschen ihr gewachsen zu sein.
Jean Améry, als Jude mit KZ-Erfahrung, hat es anscheinend nicht mehr ausgehalten, unter die Deutschen gefallen zu sein. Er hat sich umgebracht. Und dann kommen Deutsche und erklären ihm, dass er das nicht tun dürfe, was impliziert, dass er sie auf Teufel komm raus aushalten müsse. Muss niemand.
Mir geht der Artikel gehörig gegen den Strich (siehe meinen vorigen Kommentar).
Aber wie schrieb jemand anders: „Die Achse ist ein Hort der Freiheit“.
Also muss ich es wohl ertragen. Jeder muss für sich selbst urteilen.
Die Darstellung in dem Artikel beruht teils auf höchst fragwürdigen Gerüchten, insnesondere was die Organe anbetrifft. Es kann nur dringend empfohlen werden, auch andere Berichterstattung zu Rate zu ziehen. Insbesondere die Rolle des Vaters der jungen Frau erscheint sehr fragwürdig.
1) Ich kenne etliche Menschen, die seit vielen Jahren dank Organspende ein fast normales Leben führen. Ich bin einer davon.
2) Der Autor insinuiert einen Organhandel, indem er den Organen einen fiktiven Marktwert zuordnet. ohne auch nur einen einzigen Beleg zu haben, dass tatsächlich Geld geflossen ist. Im Eurotransplant-System ist das ausgeschlossen.
3) Der Autor scheint bisher ein ziemlich gesundes Leben geführt zu haben. Wer schon mal selbst durch die Gerätemedizin gegangen ist weiß, dass man große Teile davon nur mitmacht, wenn Besserung in Aussicht ist.
4) Depressionen werden unterschätzt. Von denen, die noch nie welche hatten.
5) „Suizid ist ein falscher Wusch“.
Was für eine irre und in hohem Maße autoritäre Äußerung. Ich bin erschüttert, dass Herr Winnemöller meint, in dieser Form über das Leben und die Selbstbestimmung anderer herrschen zu dürfen.
Seit der Corana Spritzen kann ich über ärztlichen Ethos nur noch lachen. Eine Erhebung, wieviel Ärzte das Spritzen verweigerten, wäre interessant.
@Th. Gerbert: „@Ilona Grimm: Ein strafender Gott lockt sicher niemanden in die Kirche,…“---
Denken Sie, oder hoffen Sie, dass alles was jemand tut egal sein soll? Dann wäre ja alles erlaubt. Es gäbe keine Konsequenzen. Vor so einer Welt habe ich Angst.
@Fr. Grimm, ich schätze Ihre Kommetare zu Religion und Ethik.
Danke an den Autor für diesen wichtigen Text. Frohe Ostern.