Gerald Wolf, Gastautor / 02.08.2018 / 15:30 / Foto: Tim Maxeiner / 11 / Seite ausdrucken

Die Kultivierung der Dankbarkeit

Das Gefühl echter Dankbarkeit ist ein Phänomen, das offenbar von unserer jüngeren Stammesgeschichte herrührt. Da völlig uneigennützig, zählt Dankbarkeit zu einem der edelsten Gefühlzustände, die unser Arsenal an seelischen Erlebensformen bereithält. Keiner vermag diesen Zustand zu beschreiben. Mit Worten nicht und mit Gesten nicht. Stellen Sie sich vor, verehrte Leserin, verehrter Leser, jemand kenne diese Gemütsregung nicht, ein Alien zum Beispiel, und Sie wollten ihm nahebringen, wie das geht mit dem Dankbarsein. Mit verklärtem Blick etwa und einer Aufwärtsbewegung der Hände, währenddessen Sie tief einatmen? – Ganz gleich, wie Sie es anstellen, es funktioniert nicht.

Das Gegenstück zur Dankbarkeit ist der Undank. Unsere Kinder seien undankbar, heißt es. Und die Flüchtlinge. Sie, die Flüchtlinge, sie würden doch bei uns auf so viel Entgegenkommen stoßen, erhielten Wohnstatt und Geld, ärztliche Hilfe und Rechtsbeistand, Kindergärten böte man ihnen an, Schulen und Integrationskurse. Dafür könnten diese Menschen doch mal durch die Straßen ziehen und laut skandierend „Danke!“ rufen. Und jene ebenso lauthals verdammen, die sich an uns, am Gastgeber, versündigen. Auch sollten Sie, die Flüchtlinge, uns beim Haus- und Straßenbau helfen, in der Landwirtschaft, bei der Altenpflege – unentgeltlich, als Gegenleistung. Denn bei ihnen zuhause funktioniere das alles ja auch.

Und unsere Kinder? Höchstens, dass sie am Küchentisch mal so etwas wie ein „Danke!“ dahinnuscheln. Aus erzieherischen Gründen von elterlicher Seite abgenötigt. Eher ist das Gegenteil von Dankbarkeit zu beobachten: Die Kinder verlangen und nölen und nörgeln und liegen mit ihren Forderungen den Eltern so lange in den Ohren, bis sie kriegen, was sie kriegen wollen. Egal, wie stark dafür ihre Eltern zu bluten haben. Und ob das überhaupt gut ist für sie, die Kinder.

Bei den Kindern der Flüchtlinge allerdings ist das anders. Die haben zu gehorchen, heißt es. Hier stehen Vater und Mutter auf höchster Stufe. Nichts von dem, was sich die Kinder bei uns leisten. Im Gegenteil, im Heimatland werden sie mit Reisegeld ausgestattet, um unter Lebensgefahr ins Schlaraffenland Europa zu gelangen und von dort so viel Geld wie möglich nach Hause zu schicken. Zum Nutzen und Frommen der ganzen Familie. Aus Respekt und aus Dankbarkeit. Fakt oder Fiktion? Oft genug wohl Fakt.

Vor längerer Zeit noch waren bei uns in Deutschland die Familien ganz ähnlich strukturiert. Schon das Vierte Gebot verlangte das: „Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt!“ Das Gebot ist eine Art von Generationenvertrag, der so oder so für alle Völker der Welt gilt. Nicht nur aus formellen Gründen, es geht dabei auch um eine Herzenssache, eine, die aus einer tief empfundenen Dankbarkeit geboren ist.

Wasserflöhe kennen keine Dankbarkeit

Dankbarkeit – womöglich handelt es sich hierbei um ein rein menschliches Gefühl. Wasserflöhe kennen es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht, vielleicht noch nicht mal unser Hund. Er ist lieb, ist uns treu ergeben, aber dankbar? Zwar sagen wir, der Bonsai zeige sich dankbar, wenn er von uns ins Licht gestellt, regelmäßig gegossen und beschnitten wird. Aber dankbar in dem Sinne, wie wir es von uns selbst kennen, nie und nimmer.

Wie jedes andere Gefühl ist das der Dankbarkeit ein höchst subjektiver Erlebniszustand, der wie alle die sogenannten Qualia nur aus unserer absoluten Privatheit heraus zu erfahren sind. Zwar können wir uns darüber mit Anderen austauschen, aber nur deshalb, weil wir wissen oder zu wissen glauben, dass diese ebenfalls über derlei Erfahrungen verfügen. Anders gewendet: Wie sollte man einem Farbenblinden den Unterschied in den Farbempfindungen für Grün, Rot und Gelb erklären, wenn er Farben aus eigener Erfahrung nicht kennt, wie einem Psychopathen nahebringen, was unsereiner bei Mitleid empfindet? 

Dankbarkeit gehört zur Klasse der positiven Gefühlszustände. Man kann womöglich bei der Empfindung tiefer innerlicher Dankbarkeit kaum jemals zeitgleich Negatives empfinden, nicht Wut, Hass oder Neid, nicht Feindseligkeit oder Ärger. Die Hirnforschung hat sich bisher kaum um das Phänomen „Dankbarkeit“ gekümmert. Wie auch? Tierversuche scheiden mangels Zugänglichkeit aus, und das Wenige, was dazu am menschlichen Gehirn unternommen werden kann, zeigt einfach das, was zu erwarten ist: Nirgendwo bleibt es still im Gehirn, wenn uns Dankbarkeit durchflutet. Am eifrigsten melden sich die sogenannten Glückszentren an der Basis unseres Gehirns, voran der Nucleus accumbens mit dem mesolimbischen System. Diese Regionen sind aber auch dann aktiv, wenn wir im Schach oder beim Hochsprung gewinnen, Empfänger eines Liebesbeweises sind, Tiramisu auf der Zunge zergehen lassen oder dem dritten Klavierkonzert von Rachmaninow lauschen.

Um dankbar zu sein, bedarf es eines Grundes. Einer Person können wir dankbar sein, wenn sie uns Gutes getan hat, vor allem dann, wenn es selbstlos geschah. Oder gar von ihr ein Opfer abforderte. Allenfalls genügen Abstrakta, zum Beispiel mögen wir dem Schicksal dankbar sein, dem Leben an sich, dem schönen Wetter. Oder Gott.

Besser noch als Antidepressiva

Dankbarkeit ist ein gutes Gefühl. Nicht nur für den Empfänger, auch für die Seite des Senders. Sich in Dankbarkeit zu üben, ist, wenn auch eher selten praktiziert, ein Stück Psychotherapie, womöglich wirksamer noch als Antidepressiva, Yoga oder verbissenes Joggen. Erforderlichenfalls können dabei Andere helfen, entsprechende Überlegungen anzustellen, die Eltern, irgendwelche Freunde und – mit einem Quäntchen Glück – ein kluger, einfühlsamer Mensch in seiner näheren Umgebung.

Was aber, wenn es uns soweit recht gut geht, sich Dankbarkeit dafür aber nicht einstellen will? Wem denn konkret sollte man danken, fragt man sich, wenn es sich um Pflichten des Staates handelt, wie sie sich ganz einfach aus der Gesetzeslage heraus ergeben. Das mag zum Beispiel bei Gewährung einer Rente so gesehen werden oder der von Asyl oder Aufenthaltsrecht. Die Lumpigsten unter uns werden sich fragen, wofür sie denn dankbar sein sollen, wenn der Partner ihnen hilft, wenn sie die Lehrerin von damals gut beraten hat, wenn ein Arzt, ein Polizist sie gerettet haben, ein Rettungsschwimmer oder einer von der Feuerwehr, da es sich doch um Pflichten handelt. Die stete Dankeserwartung der Eltern, die einen einst gepäppelt haben, kann ja ausgesprochen nervig sein. Das alles seien doch wohl Pflichten, selbstverständliche, gottverdammte Pflichten!

Andererseits kann die Erwartung von Dank, wenn es denn damit hapert, recht ordentlich Frust verursachen. Schlimmer noch ausgemachter Un-Dank. Wer kennt sie nicht, die Klagen über undankbare Kinder, undankbare Freunde, undankbare Schüler, undankbare Kunden, undankbare Bürger, undankbares Publikum? Das Missbehagen, das durch Undank ausgelöst wird, kann viel größer sein als der seelische Profit, der von der Dankbarkeit herrührt, nur eben ins Negative gekehrt. Das mag einzelne Menschen treffen, aber auch ganze Generationen be-treffen. 

Zum Beispiel die Generation, die nach dem Zweiten Weltkrieg Deutschland aus Schutt und Asche wiederaufgebaut hat. Oft mit bloßen Händen. Und vor allem ohne wesentliche Hilfe von außen. Ja sogar im Gegenteil, wie im Falle der sowjetischen Besatzungsmacht, die die wenigen funktionierenden Reste demontiert und nach Hause abtransportiert hatte. Oder denken wir an jene, die Kinder und Kranke auf Flüchtlingstracks unter Beschuss gen Westen schleppten, nach Deutschland. Wo steht ihr Denkmal? 

Ich hasse Undank mehr an einem Menschen
Als Lügen, Hoffart, laute Trunkenheit.
Als jedes Laster, dessen starkes Gift,
Das schwache Blut bewohn
t.

(William Shakespeare)

 

Und wenn es mit der Dankbarkeit nicht so recht klappen will: üben, üben, üben!

Foto: Tim Maxeiner

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Helmut Driesel / 02.08.2018

Shakespeares war ganz bestimmt kein Rassist, wusste unsere Nachrichten- Sprecherin diese Woche zu beteuern. Woran ich vorsichtig zweifeln möchte. Ganz gewiss verstand er etwas vom Hass. Nach dem Lesen dieses gut gemeinten professoralen Traktats frage ich mich, was Dankbarkeit ausmacht, ob es vielleicht eine spezifische Form von Scham ist. Was nebenher die zivilisatorische Genese des Gefühls erklären könnte. Und auch, ob nicht die Religion und der Schamane für diese, ach so menschliche Angelegenheit verantwortlich waren. Es gibt ein paar Sachen, für die ich persönlich so etwas wie Dankbarkeit spüre, aber im Allgemeinem fiel es mir immer schwer, dankbar zu sein und das auch zu zeigen. Meine Mutter würde das Mangel an Charakter nennen. Ich beziehe nun sei vielen Jahren Unfähigkeitsrente, viele Leute meinen, ich hätte schon das Wenige nicht verdient, und ich fühle mich von dieser Gesellschaft gar nicht beschenkt, nur verarscht. Ich bin der Undank! (Obwohl ich das Verswerk Wilhelm Buschs seit Kindertagen kenne.) Nun fehlt aber in obigem Traktat die lehrreiche Sequenz am Schluss, wie der undankbare Leser zu erziehen sei. Aus gutem Grund, vermute ich?

Karla Kuhn / 02.08.2018

Meine Mutter meinte lakonisch: “Mache Dich nicht abhängig von anderen, dann mußt Du auch nicht dankbar sein.”  Dankbarkeit, die von Herzen kommt ist gut und auch wichtig.  Erzwungene Dankbarkeit für etwas, was man vielleicht gar nicht gefordert hat, noch dazu mit den Worten: “Ich habe es ja nur gut gemeint” (was das Gegenteil von gut ist) geht bei mir gar nicht. Auch kleine Kindern sollte man nicht zwingen danke für etwas zu sagen, was sie nicht gewünscht haben. Kinder kann man eigentlich nur durch dementsprechendes VORLEBEN erziehen. Wenn man sich aufrichtig für Hilfe oder ein Geschenk bedankt, dann übernehmen das die Kinder automatisch.  Wie der Herr so das Gescherr.

Werner Arning / 02.08.2018

Die Fähigkeit zur Dankbarkeit hat wohl in erster Linie mit emotionaler Größe zu tun. Je höher diese ausgeblidet ist, desto größer die Fähigkeit Dankbarkeit empfinden zu können. Ein kleingeistiger Geizhalt etwa, wird seine Schwierigkeiten mit der Dankbarkeit haben. Je mehr und bereitwilliger ein Mensch geben und abgeben kann, desto dankbarer ist er in der Regel, wenn ihm selber Gutes widerfährt. Wer nur gelernt hat, zu nehmen, ist emotional verarmt. In der Regel kennt er dann Gefühle wie Dankbarkeit kaum. Wer etwa seine Kinder „zuschüttet“ mit Aufmerksamkeit und Geschenken, verdirbt nicht selten ihre Fähigkeit zur Dankbarkeit und auch ihre Fähigkeit des Gebens. Zu große Verwöhnung kann sehr schädlich sein. Das Erhaltene wird zur Selbstverständlichkeit. Es entsteht kein Dank. Ähnlich mag es sich mit vielen Flüchtlingen verhalten.

Sabine Schönfelder / 02.08.2018

Das ist fast eine kleine philosophische Erörterung. Dankbarkeit ist eine Art befriedigende Erleichterung, die man, wenn Sie ins Bewußtsein dringt, mit etwas zu koppeln gewillt ist. Das kann eine Person sein, die etwas mit guter Absicht dem Dankbaren gegenüber unternahm oder etwas Schlechtes unterließ. Aber auch das Schicksal wird gerne bemüht, um sich selbst ein wohliges Gefühl zu verschaffen. Vielen reicht schon der Anblick des Elends anderer, um sich dankbar zu fühlen ,und da finden wir Anschluß an die Gutmenschen der Flüchtlingskrise. Wir begeben uns auf die Gefühlsebene und sind dankbar, daß wir nicht in der Situation dieser armen Familien sind, kinderreich,, traumatisiert, verletzt, erschöpft und ausgelaugt. Da kommen endlich die alten Klamotten an den Mann, die schon so lange im Keller vor sich hinmüffeln. Damit soll wiederum bei den Flüchtlingen Dankbarkeit erzeugt werden, aber leider wird der Dankbarkeitserzeuger nicht immer bedient, denn die Undankbaren kommen oft nicht aus wirklicher Not, sondern sind Wirtschaftsflüchtlinge und haben andere Erwartungen; fühlen sich betrogen. Ein trügerisches Spiel der Gefühle. Vielleicht sollte man mal auf Verstand setzen!

Rudi Hoffmann / 02.08.2018

Es gilt eher das alte Sprichwort ; Undank ist der Welt Lohn !  Bei manch guter Tat , sei froh , dass man dich dafür nicht haßt !  Drum sparsan sei,  mit guten Taten !

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