An den Herrn Stellvertretenden Ministerpräsidenten Walter Ulbricht
(...)Ich bin nach meiner Erziehung und Überlieferung, nach meiner ganzen geistigen Formung kein Kommunist. Dass ich kein Anti-Kommunist bin, nimmt man mir in meiner Sphäre, der bürgerlichen, bitter übel. Ich bin es aber darum nicht, weil mir der rabiate Anti-Kommunismus eine sehr schlechte Medizin gegen die Mutationsschmerzen der Zeit zu sein scheint, weil er eben nur ein „Anti“ ist und seine Wut zum guten Teil daher rührt, dass er das weiß, dass er nicht weiß, welchem „Pro“ diese Wut nun eigentlich geweiht ist. Mein „Pro“ - ein „Für“ vor allen anderen - ist der Friede, und ich kann Sie versichern, dass ich im Glauben an dieses heute höchste und unentbehrlichste Gut einig bin mit den besten Köpfen und Herzen meiner Lebenssphäre.
Wenn auch der Kommunismus den Frieden will - und ich glaube, dass er ihn will - so sollte er alles tun, um einem Humanismus Vorschub zu leisten und Rechtfertigung zu gewähren, der, ohne an das kommunistische Credo gebunden zu sein sich dem militanten Anti-Kommunismus verweigert und für den Frieden einsteht, indem er es der Zeit - der von der sittlichen Arbeit der Völker an sich selbst erfüllten Zeit - anheim gibt, die Gegensätze auszugleichen und zu höherer Einheit aufzuheben, die heute in scheinbarer Unversöhnlichkeit zwischen den Welthälften klaffen, während doch die sie bewohnende Völker im Grunde alle den gleichen Problemen und Aufgaben verpflichtet sind. Der Kommunismus, sage ich, sollte alles tun, diesen friedenswilligen Humanismus Hilfe zu leihen und soweit nur immer möglich alles vermeiden, was sein Einfluss nehmen könnte. Der Kommunismus hat - das ist die Wahrheit - mit dem Faschismus die totalitäre Staatsidee gemeinsam, aber er will doch wahrhaben, und wir möchten es mit ihm wahr haben, dass sein Totalitarismus sich von dem faschistischen himmelweit unterscheidet, einem ganz anderen ideologischen Hintergrund, ganz andere Beziehungen zum Menschheitsgedanken hat, und darum sollte er Sorge tragen, jede Möglichkeit der Gleichsetzung und geflissentlichen Verwechselung auszuschließen, sollte - so lange nach vollendeter Revolution - Kruditäten und formlose Grausamkeiten meiden, die ihn äußerlich, für das Auge, aber das heißt: praktisch, auf das Niveau des Faschismus herabsetzen, und nach ihrer innersten Natur, ihrer psychologischen Wirkung nicht dem Frieden dienen, sondern nur helfen, eine ohnehin schon weit gehend demoralisierte, seelisch abgestumpfte und verhärtete Menschheit zum Kriege vorzubereiten.
In diesen Zusammenhang, Herr Ministerpräsident, möchte ich die Angelegenheit stellen, von der ich mir erlaube, Ihnen zu sprechen. Es handelt sich um die Prozesse - wenn dieses Wort am Platze ist -, die im April und Mai dieses Jahres in Waldheim (Sachsen) gegen 3000 oder mehr Personen geführt worden sind, welche vorher jahrelang - fünf Jahre lang zum Teil - in Konzentrationslagern der deutschen Sowjetzone verwahrt gewesen waren. (...)
(aus: Thomas Mann, Meine Zeit, Essays 1945 – 1955, S.212ff, S.Fischer, Frankfurt am Main 1997)