Peter Grimm / 22.10.2019 / 14:30 / Foto: VOA / 27 / Seite ausdrucken

Die Kinder der Carla-Josephine S.

Es ist immer wieder erschütternd, zu sehen, was eine Ideologie aus einem Menschen machen kann. Sobald es einen Fall gibt, der diesen Stoßseufzer rechtfertigt, reagiert man hierzulande normalerweise betroffen über das konkrete Schicksal und versucht dann je nach eigener weltanschaulicher Verortung entweder die Gefährlichkeit der jeweiligen Ideologie herauszuarbeiten oder sie bis zur Beinahe-Harmlosigkeit weg zu relativieren. Insbesondere, wenn es um den radikalen Islam geht, ist diese Rücksichtnahme weit verbreitet. Da sich extremistische Muslime im Gegensatz zu ihren eher weltlichen Kollegen auf Gott beziehen, gibt es offenbar Beißhemmungen. Gerade den vielen Europäern, die selbst keinerlei Bezug mehr zum hierzulande meist aufgeklärten heimischen Glaubensleben haben, fällt es schwer, die Grenze zwischen Religiosität und menschenverachtender Ideologie zu erkennen. Da ist es einfacher, sich unter dem Label Religionsfreiheit die aus Unsicherheit erwachsene falsche Toleranz schönzureden. Solche Nachsicht begünstigt aber den Weg in den Extremismus, insbesondere für leichtgläubigere Konvertiten.

Das sind so die ersten Gedanken, die einem kommen können, wenn man wieder einmal eine entsprechende Geschichte in der nüchternen Juristenprosa der Generalbundesanwaltschaft liest.

Beabsichtigte Züchtigung

Im konkreten Fall geht es um die 32-jährige Carla-Josephine S., gegen die der Generalbundesanwalt jüngst Anklage erhoben hat:

„In der nunmehr zugestellten Anklageschrift ist im Wesentlichen folgender Sachverhalt zur Last gelegt:

Carla-Josephine S. reiste im Herbst 2015 über die Niederlande und die Türkei mit ihren drei minderjährigen Kindern nach Syrien, um dort im Herrschaftsgebiet der ausländischen terroristischen Vereinigung „Islamischer Staat (IS)“ zu leben. Die Angeschuldigte nutzte für die Abreise eine berufsbedingte Abwesenheit ihres Ehemanns aus, der mit der Ausreise seiner Kinder nicht einverstanden war. In der Folgezeit hatte er während deren Aufenthalts in Syrien keinen Einfluss auf das Leben und die Lebensumstände der Kinder und konnte das ihm gemeinsam mit Carla-Josephine S. zustehende Sorgerecht nicht mehr ausüben.

In Syrien lebte sie mit ihren Kindern in der Stadt Raqqa in verschiedenen Unterkünften, die von Gegnern des IS bombardiert und beschossen wurden. Alle drei Kinder wurden auf Veranlassung der Angeschuldigten im Sinne des IS religiös unterrichtet und mussten sich eine öffentliche Hinrichtung ansehen. Zudem ließ Carla-Josephine S. ihren Sohn im Alter von sechs und sieben Jahren mehrfach in einem Ausbildungslager der Terrororganisation militärisch, insbesondere im Umgang mit Schusswaffen, ausbilden und Wachdienste leisten. Als er die IS-Ideologie hinterfragte, meldete Carla-Josephine S. dies der örtlichen „Religionspolizei“. Wie von ihr beabsichtigt, wurde er daraufhin von deren Mitgliedern gezüchtigt. Im Jahr 2018 kam ihr Sohn bei einem Raketenangriff ums Leben.

Anfänglich versuchte Carla-Josephine S., ihren Ehemann in Telefonaten ebenfalls zu einer Ausreise nach Syrien zu bewegen. Dort sollte er sich nach ihrem Willen für die Dauer von drei Monaten in ein paramilitärisches Ausbildungslager des IS begeben und anschließend für die Terrororganisation kämpfen. Hierzu war ihr Ehemann jedoch nicht bereit. Die Angeschuldigte heiratete daher nach islamischem Recht im Frühjahr 2016 einen aus Kenia oder Somalia stammenden IS-Kämpfer. Dieser wies die Angeschuldigte in die Handhabung eines vollautomatischen Sturmgewehrs des Typs Kalaschnikow (AK 47) ein. Zudem betreute Carla-Josephine S. Geldtransaktionen für IS-Mitglieder, die über einen internationalen Finanzdienstleiter abgewickelt wurden. Zur Bestreitung ihres Lebensunterhalts erhielt die Angeschuldigte von der terroristischen Vereinigung monatlich 100 US-Dollar.

Die Angeschuldigte war darüber hinaus Mitglied der „Katiba Nusaiba“. Bei dieser handelt es sich um eine Kampfeinheit des IS, die ausschließlich aus weiblichen Angehörigen besteht. Carla-Josephine S. fuhr als Mitglied dieser Einheit andere Frauen zum Schießtraining. Zudem besaß sie eine Handgranate, um mit dieser bei einem gegnerischen Angriff möglichst viele Gegner, sich und ihre Kinder zu töten.

Nachdem die Angeschuldigte im Mai 2017 ein Kind zur Welt gebracht hatte, verließ sie aufgrund der zunehmenden Bombardierungen im Juni 2017 mit ihren vier Kindern Raqqa. Ihr (neuer) Ehemann blieb dort zurück und verstarb. Daraufhin erhielt sie von dem Witwenbüro des IS einmalig 1.000 US-Dollar.“

Ein angemessenes Urteil

Später muss Carla-Josephine dann nach Deutschland heimgekehrt sein. Seit dem 6. Juni befindet sie sich jedenfalls in Untersuchungshaft. Die Anklagepunkte sind:

„Die Angeschuldigte ist hinreichend verdächtig, sich als Mitglied an einer terroristischen Vereinigung im Ausland beteiligt zu haben (§ 129a Abs. 1 Nr. 1 StGB, § 129b Abs. 1 Sätze 1 und 2 StGB). Im Zusammenhang hiermit wird ihr zudem ein Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz (§ 22a Abs. 1 Nr. 6 KrWaffKontrG) zur Last gelegt. Darüber hinaus besteht der hinreichende Tatverdacht der Entziehung dreier Minderjähriger mit eingetretener konkreter Todesgefahr, davon in einem Fall mit Todesfolge (§ 235 Abs. 2 Nr. 1, Abs. 4 Nr. 1, Abs. 5 StGB), der Körperverletzung (§ 223 Abs. 1 StGB) und der Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht (§ 171 StGB) sowie des Kriegsverbrechens gegen Personen, konkret der Eingliederung eines Kindes unter 15 Jahren in eine bewaffnete Gruppe im Zusammenhang mit einem nichtinternationalen bewaffneten Konflikt (§ 8 Abs. 1 Nr. 5 Var. 2 VStGB).“

Angesichts dessen, was sie zudem ihren Kindern zugemutet und angetan hat, scheint es ziemlich unmöglich zu sein, zu einem allen Umständen angemessenen Urteil zu kommen. Ein Urteil der hiesigen Gesellschaft über die Ideologie, die diesem Lebensweg zugrunde liegt, wäre da leichter zu finden.

Der Beitrag erschien auch hier auf sichtplatz.de

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Peter Meier / 22.10.2019

Komisch ist ja das dort wo man nicht weiss woher das Geld kommt diese “Finanzdiensleister” ihre Hütten aufgestellt haben… Woanders kündigen sie dagegen Leuten weil ihnen nicht passt was sie sagen und so einer erlaubt nicht mal die BEzahlung von Pfefferspray oder Schreckschusswaffen!Aber Geld in Terroristengebiete zu überweisen geht klar…

Robert Jankowski / 22.10.2019

Klar ist für mich: jeder konservative Moslem ist ein Islamist und somit mit keiner Demokratie vereinbar, schon gar nicht integrierbar. Für mich ist der Umgang mit diesen IS-Muslimen klar: ab nach Den Haag zum Gerichtshof für Menschenrechte.

Peter Wachter / 22.10.2019

Dabei gäbe es eine ganz einfache und legale Möglichkeit, da sie in Syrien geheiratet hat, muss sie auch die syrische Staatsbürgerschaft angenommen haben und da sie vorher in Deutschland NICHT die Beibehaltung der deutschen Staatsbürgerschaft beantragt und genehmigt bekommen hat, hat sie selbige verloren und kann abgeschoben werden. Ja ne, nicht wirklich, da der IS nicht Syrien ist und auch die Heirat nicht anerkannt wird, da zuerst Scheidung in DE, auch kann nicht abgeschoben werden, da Syrien für die Gefährterin zu gefährlich!

Christian G. Müller / 22.10.2019

Diese Frau und ihr tunesischstämniger Mann wohnten bei uns im Haus in Oberhausen. (Kein Scherz). Sie verteilte hier Korane und Propagandamaterial in Briefkästen. Ihre Kinder steckte sie hier schon in Koranschulen. Als sie merkte, dass ich dem ablehnend gegenüber stehe, grüssten beide,sie und ihr Ehemann, nicht mehr. Dieser war m. M. ebenfalls radikalisiert, auch wenn er nicht mit nach Syrien ging. Ich schreibe das, weil überall steht, er sei dagegen gewesen. Dass ich nicht lache .... Bin froh, dass diese beiden hier raus sind.

Rolf Menzen / 22.10.2019

@Jochen Lindt: Religionen sind nur eine spezielle Art von Ideologien. Sie wurden erfunden, um das engere Zusammenleben der Menschen nach der neolithischen Revolution zu organisieren. Nicht umsonst waren die ersten Könige Priesterkönige.

Wolfpeter Koch / 22.10.2019

Es ist schrecklich was diese Frau getan hat: Sie verlässt mit ihren Kindern ein friedliches Land um in den Krieg zu ziehen. Sie setzt Ihre Kinder einer gewalttätigen Kultur aus und unterzieht ihren Sohn bereits im Grundschulalter einer militärischen Ausbildung. Der Wille und die Erziehungsrechte des Vaters ignoriert sie oder setzt sich darüber hinweg. Ihr Sohn stirbt im Laufe der Kriegshandlungen. Ihre beiden anderen Kinder aus erster Ehe sind sicher durch die Ereignisse schwer traumatisiert. Das ganze erinnert stark daran, wie die RAF-Terroristin Ulrike Meinhof mit ihren Kindern umsprang. Es ist unerträglich, dass die ÖR und die etablierten Medien die Geschichte und die Hintergründe um Carla Josephine S. nur als Randthema behandeln. Es ist eben momentan politisch nicht oppurtun.

Jochen Lindt / 22.10.2019

Es handelt sich hier nicht um Ideologie sondern um Religion.  Der wesentliche Unterschied zwischen beiden liegt im Fehlen der Gottheit auf Seiten der Ideologie. Den islamischen Staat als Ideologie zu bezeichnen, hat sich mMn als Ausrede eingebürgert, um den Islam politisch sauber zu halten von seinen eigenen Fehlentwicklungen.  (Eine durchsichtige Angelegenheit der Systempresse die Achgut nicht mitmachen sollte).  Immerhin haben der islamische Staat und das Königreich Saudi-Arabien eine identische Rechtssprechung.  Der IS ist nun mal Teil der Religion des Islam ob uns das nun passt oder nicht.  Eine Ideologie ist der IS definitiv nicht.

Anders Dairie / 22.10.2019

Gibt es weibliche SADO-MASO-Typen,  die ihrem Stockholm-Syndrom geradezu hinterher reisen?  Ich sehe ein GOETHE-Zitat am Platze: “Wer Kunst hat und Wissenschaft, der hat auch (seine)  Religion.  Wer beides nicht hat, der habe eine (humane) Religion!”  Es gibt Menschen mit einem katastrofal kaputten Charak-ter.  An den abseitigen Taten kann man das messen. An ihrer SCHULD.  Der St.Anwalt trägt nur Taten und Unterlassungen der Beklagten in dürren Worten vor. Solche Beklagte müssen nicht von Kriminellen, Trinkern, Süchtigen oder Gewalttätern abstammen.  Es können welche sein,  die als Monster geboren worden sind. Die sozialen Einflüsse werden ideologisch dazu erfunden, weil sonst die Erklärung offen bleibt.

Peter Volgnandt / 22.10.2019

Es ist wirklich entsetzlich, wie Menschen, die sich gegen unsere Grundwerte richten, ja geradezu sie mit Füßen treten, hier um humanitäre Hilfe bitten. Dabei hängen sie immer noch ihrer menschenverachtender Ideologie an. Ich erinnere mich immer noch an die IS-Kämpferin, die ein jesidisches Kind angekettet in der Gluthitze verrecken ließ. Und solche Leute wollen hier ihre Rechte einfordern. Sozialhilfe, Rente, Wohngeld usw. ???

Rudhart M. H. / 22.10.2019

Herr Engel, ich bin begeistert, besonders , wenn alle anfallenden Kosten zu Lasten unseres Ex-Kurzzeit-Präsidenten gehen, denn er ist ja der Meinung, daß der Islam zu Deutschland gehört. Soll er’s mal zahlen, das sollte es ihm schon wert sein!

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