Wolfgang Röhl / 08.01.2015 / 15:22 / 14 / Seite ausdrucken

Die ist bestimmt nicht Charlie

Den Namen des Satiremagazins „Titanic“ kennen viele, vor allem Journalisten. Die Titanic war mal richtig gut; damals, als sie noch den Kohl hatte und die Wiedervereinigung. Heute wird sie offenbar kaum mehr gelesen. Anders erschließt sich nicht, warum deutsche Medien gestern behaupteten, „inhaltlich“ sei „Charlie Hebdo der Titanic vergleichbar“. Hä? Charlie ist (oder war) eine Schnellfeuerkanone des anarchischen Brachialhumors, die wahrhaftig vor nichts zurückschreckt. Die Titanic wirkt dagegen wie eine mit kleinkalibrigem Ulk armierte Schwester von Gremlizas Klugscheißerkurier „Konkret“.

Die Frankfurter watschen jahraus, jahrein routiniert die immerselben, in linken Milieus handelsüblichen Zielgruppen und Personen ab. Union, FDP, Bildzeitung, die doofen Amis, die spießigen Deutschen, neuerdings die noch spießigere AfD; MerkelGabrielSeehofer usw., usf. Als eiserne Gag-Reserve führt der mutige Titanic-Redakteur stets einen Katholenböller im Scherztornister mit. Den Papst als bepissten Tattergreis aufs Cover zu stellen, bildete vor einiger Zeit den Höhepunkt der Gratiscourage. So etwas trägt den Satireerzeugern zwar keine Massaker, aber schon mal eine Unterlassungserklärung ein, welche sie für ein Weilchen im Gespräch hält.

Der Spaß hört beim Islam allerdings auf. Mit dessen zuweilen ja nicht unkomischen Erscheinungsformen oder mit „Islamkritik“ oder gar mit Mohammed-Anmache haben die Religionsverächter auf der Titanic wenig am Griffel. Stattdessen stänkern sie gern gegen den - im Gegensatz zur Titanic - ziemlich erfolgreichen Kabarettisten Dieter Nuhr. Der spottet als beinahe Einziger seiner Zunft regelmäßig auch über gewisse Ausübungen der Religion des Friedens.

Um ihre Ahnungslosigkeit über die Titanic unter Beweis zu stellen, riefen gestern diverse Blätter und Sender bei den Frankfurter Spaßgesellen an. Ob diese sich jetzt auch in Gefahr fühlten, wollte man wissen. Was sehr lustig war, denn ebenso gut hätte man einen Hartz IV-Empfänger fragen können, ob er sich von den neuen Gesetzen gegen Geldwäsche bedroht fühlt. Oder einen Menschen ohne Führerschein dazu interviewen können, wie empfindlich ihn die PKW-Maut treffen wird.

Der Titanic-Chefredakteur, die unverhoffte Aufmerksamkeit nutzend, machte sich kerzengerade. Dem Branchendienst „Meedia“ verriet er zum Beispiel, „keine Angst“ zu haben. Im Gegenteil, man wolle dem Wahnsinn die Stirn bieten: „Ich möchte, dass sich unsere Haltung nicht ändert, dass wir Relevantes und Witziges in Beiträge fassen und dabei wie bisher standhaft bleiben.“ Das hörte sich derart sperrholzdämlich an, dass man es fast für gelungene Satire hätte halten können.

Aber der heutigen Titanic eine solche zu unterstellen, ist möglicherweise denn doch ein bisschen abwegig.

 

 

 

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Sascha Ewen / 10.01.2015

Ahnungslosigkeit über die Titanic bzw. die deutsche Satire- und Kabarettszene hat vor allem der Autor dieses Textes unter Beweis gestellt. Charlie Hebdo bedient sich der “Anarcho Satire”. Die TITANIC schlug, meines Wissens nach, noch nie konsequent diese Richtung ein. Sie nutzte meist andere Stilmittel. Natürlich darf man darüber diskutieren ob die TITANIC in den letzten Jahren zu brav bzw. zahm geworden ist. Aber, wenn der Autor schon einen solch überheblichen Ton anschlägt; sollte er wenigstens darauf achten, dass seine untermauernden Argumente absolut wasserdicht sind. Es wird argumentiert, dass die TITANIC keine Islamkritik übt bzw. übte; dies ist schlichtweg falsch! Dann die absolut lächerliche Behauptung, dass Dieter Nuhr es wagt als “beinahe Einziger seiner Zunft” den Islam zu kritisieren. Ein glatte Lüge und vor allem; ein Schlag ins Gesicht vieler deutscher Kabarettisten, die die Misstände innerhalb des Islams sehr oft auf schärfste kritisieren bzw. bloßstellen.

Christof Lauritzen / 10.01.2015

Vielen Dank für den wunderbaren Artikel über die Titanic. Ergänzen sollte man noch, dass die Titanic im Mai 2013 den Mordanschlag auf den Politiker Markus Beisicht wie folgt kommentierte: “Bonner Polizei! Nachdem Du einen Anschlag von Salafisten auf einen rechtsextremen Politiker von Pro NRW vereitelt hattest (warum eigentlich?), durchsuchtest Du die Wohnung eines Verdächtigen, fandest Waffe und ein wenig Sprengstoff ...” Christof Lauritzen

George Urbanski / 09.01.2015

Das hätte ich nicht erwartet: Ausgerechnet die Gutachsenmenschen sind (internationale) Humor-Experten, vermutlich sind sie alle Charlie Hebdo-Abonnenten der ersten Stunde, unabhängig davon, ob sie der französischen Sprache mächtig sind. Und natürlich lesen sie auch seit Jahrzehnten alle Titanic-Ausgaben, sonst könnten sie ja gar nicht solche Vergleiche anstellen. Selten so gelacht! Beste Grüße George Urbanski

Heinz Thomas / 08.01.2015

Köstlich, köstlich, lieber Herr Röhl! Die Titanic aus Frankfurt/M. ist längst zum schlingernden Ruderboot verkommen und hat (und auch: hatte) mit der Namenspatronin noch nie was gemein. So stolz das Schiff, so mickrig die Witze im Heft. Dennoch, eine Gemeinsamkeit kann man voraussagen. Dem Untergang konnten/werden beide nicht entgehen.

Franz Hoffmann / 08.01.2015

Und die anderen auch nicht. Mein Leserbrief an DIE RHEINPFALZ: “Je suis Charlie”. In allen deutschen Zeitungen abgedruckt, auch im Fernsehen zu sehen. Ich habe selten einen solchen Fall von Leichenfledderei erlebt. Die gleichen Medien, die aus allen möglichen vorgeschobenen Gründen -ich meine eher aus Angst- die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen 2005 abgelehnt bis verdammt haben, stellen sich jetzt auf eine Stufe mit den mutigen ermordeten Journalisten von Charlie Hebdo. “Je suis Charlie Hebdo”? Ihr seid es sicher nicht. Das Relativieren geht im Kommentar von Frau Witte-Petit weiter. Extremisten gäbe es in jeder Religion und da haben christliche Fundamentalisten tatsächlich 2010 einen Arzt in den USA erschossen. Ach, da gibt es eine Bewegung christlicher Ärztekiller? Auf eine Gegenrechnung der Opferzahlen durch islamistischen Terror möchte ich verzichten… Mit der Pegida kenne ich mich nicht weiter aus, als Auslöser islamistischen Terrors dürfte sie alleine wegen ihres kurzen Bestehens schlecht in Frage kommen. Wenn Putinfreund Gauland das Thema für sich in Beschlag nimmt, macht er nichts anderes als Vizekanzler Gabriel. Immerhin hat sie das Wort Terrorist für die “verirrten Schafe” wieder entdeckt. Im Artikel über das islamistische Massaker an 130 Schülern in Pakistan waren die Täter nur “Angreifer, Männer, Attentäter” aber keine Terroristen. Man kommt ins Grübeln. Die Presse nennt sich ja gerne Verteidigern der Freiheit. Wer solche Verteidiger hat…

Hans Frommer / 08.01.2015

Es geht noch schlimmer: Heute wurde Jürgen Becker auf WDR5 (Westblick) zu diesem Thema interviewt. Nachdem er sich zunächst in Verteidigung der Meinungsfreiheit übte und den Anspruch erhob, daß jetzt erst recht Satire not tue, berichtete er über seine Teilnahme an der Veranstaltung “Kabarett am Minarett”. Da das Empörende an den dänischen Mohammed-Karikaturen der Verstoß gegen das Verbot der Darstellung des Propheten gewesen sei, habe er stattdessen ein “Fotografieren verboten”-Schild benutzt, und darüber hätten auch die Muslime gelacht. Daß er sich damit dem Bilderverbot des Islam noch in der “Satire” gebeugt hat, haben weder er noch der Moderator gemerkt. So sieht es also aus, wenn Satire alles darf ...

Ulrich Fischer / 08.01.2015

Die Titanic war mal ein wirklich gutes Blatt - als sie noch von gestandenen Autoren wie Gernhardt, Knorr, Henscheid, Eilert etc. gemacht wurde. Heute ist sie nicht mehr als eine tendenziell linksfaschistische Schülerzeitung - ebenso dumm wie langweilig.

Klaus Metzger / 08.01.2015

Ich ärgere mich jedes mal, wenn ich in meiner Bibliothek ein mit Steuergeldern finanziertes Exemplar der Titanic sehe. Ich vermute mal, dass diese Käseblatt in allen 14.300 Bibliotheken in Deutschland ausliegt. Das wären dann 15 % der gesamten Auflage. Ohne diese öffentliche Subvention wäre die Titanic schon lange pleite und keiner würde ihr eine Träne nachweinen.

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