Dieter Prokop, Gastautor / 31.07.2020 / 15:45 / Foto: RIA Novosti / 20 / Seite ausdrucken

Die Infantilität der neuen Campingplatz-Gesellschaft

Hier möchte ich ein Fundstück vorstellen. Es stammt aus dem dritten Teil der Känguru-Chroniken von Marc-Uwe Kling. Das ist ein vierbändiger Episoden-Roman, dessen Hauptpersonen „das Känguru“ und der Autor als Ich-Erzähler sind. Im dritten Band tritt auch der Vater des Kängurus auf. Er heißt Ken und ist ein großer Guru. Ken fragt seinen Sohn (er spricht ein grammatikalisch verdrehtes Deutsch): 

„'Was dich hat zu mir geführt?'

'Äh ... also ... die Pinguine ...' sagt das Känguru [d.h. der Sohn].

 'Ah! Schon seit Anbeginn der Welt, dieser Kampf wird geführt', sagt Ken. 'Der Kampf zwischen den mit dem Strom schwimmenden Soldaten der Sklaverei, der Bevormundung und der Unterdrückung und den sprunghaften Kräften der Aufmüpfigkeit. Die epische Schlacht zwischen Kängurus und Pinguinen das ist.' 

[Die Kängurus sind in diesem ewigen Kampf die Kräfte der Aufmüpfigkeit, also die Guten; die Pinguine die Bösen.]

'Und was ist mit den Menschen?', frage ich. [...]

'Sich entscheiden jeder einzelne Mensch wird müssen', sagt Ken. Entweder für uns man ist oder gegen uns man ist.'

'Oder man steht in der Mitte', sage ich.

'Ja ... natürlich', sagt Ken. 'Auch das geht.'

'Es gibt bestimmt auch Leute, die sind eher aufmüpfig, aber auch ein bisschen angepasst', sage ich. 

'Ja', sagt Ken, 'wenn nachdenke genau ich darüber.'

'Aber auch total angepasste, die ab und zu ein wenig aufmüpfig sind', sage ich.

'Klar', sagt Ken. 

'Es gibt auch Leute, die sind in manchen Bereichen, zum Beispiel im Beruf, total angepasst, aber dafür in anderen Bereichen, zum Beispiel in ihrer Freizeit, krass aufmüpfig.'

'Schweige jetzt!', befiehlt  Ken.'" (1)

Weil es eben nicht aufmüpfig ist, in Lagern zu denken

Der Große Guru steht auf der Seite der sprunghaften Aufmüpfigen, und er grenzt sich von den Pinguinen ab, den mit dem Strom schwimmenden Soldaten der Sklaverei, der Bevormundung und der Unterdrückung. Aber aufmüpfig ist in diesem Dialog der Ich-Autor, und ihm befiehlt der große Guru, zu schweigen – warum? Weil er als großer Guru etwas praktiziert, was auch Politiker gern pflegen: Lagerdenken. Er denkt in festen Kategorien.

Da steht das Lager der Guten, der Kängurus, dem Lager der Bösen, der Pinguine gegenüber. Der große Guru befindet sich damit auf dem Niveau derer, die heute sagen, dass man entweder ein Rassist oder ein Antirassist sei, entweder Mutti oder ein Fascho etc. – Aber zu diesem Entweder/Oder hat der Autor etwas einzuwenden: Aufmüpfig verweigert er das Lagerdenken. 

Weil es eben nicht aufmüpfig ist, in Lagern zu denken.

Warum Benimmregeln nicht alles sein können

Heute befassen sich die Medien viel – zu viel – mit Benimmregeln. Das „korrekte“ Benehmen, das die „Aktivisten“ in den öffentlichen Umverteilungskämpfen einfordern, dient der Legitimation von Forderungen nach Staatsgeld, Posten, Privilegien und Quoten. Die „Aktivisten“ verlangen, dass Staatsgelder und Posten nicht aufgrund von Qualifikationen vergeben werden, sondern aufgrund der Zugehörigkeit zu einer Kategorie mit Opferstatus: „Geflüchteter“; „Migrant“, nichtweiße Hautfarbe; LGBTQ-Geschlecht etc. 

Kämpfe um Gleichheit sind eine gute Sache. Aber die Idee, jede gesellschaftliche Institution müsse die in der Gesellschaft real vorhandenen Status-Kategorien eins zu eins abbilden, zielt ja nicht auf die Chancengleichheit aller ab, sondern auf Posten und Privilegien für kategorial – und kategorisch – bestimmte Personengruppen. (Ganz abgesehen davon, dass Kategorien wie „Geflüchteter“ oder „Migrant“ fragwürdig sind.)

Unterhalb der dieser Politik der Kategorien („identity politics“) und der damit verbundenen politischen Verteilungskämpfe spielen sich die realen gesellschaftlichen Vorgänge ab. Auch sie sind von den Strukturveränderungen geprägt: dem Knapperwerden von Arbeit aufgrund von Automation, Digitalisierung, also Robotern und Computern. Aber im realen Leben der Bevölkerungen entstehen aus den Strukturveränderungen andere Dinge als „Rassismus“ und „Antirassismus“ und das Zerstören von Denkmälern; andere Dinge als die „Klimakatastrophe“, die Plastiktüten im Meer und den politisch korrekten Veggie-Burger. Und sicherlich ist der Streit, ob Corona eine Katastrophe ist, die regulierende staatliche Maßnahmen erfordert, oder bloß eine Grippe – sicherlich ist dieser Streit im Bereich der politischen Imagepflege von NGOs, Blogs und Parteien von Bedeutung.

Aber diesseits aller moralischen Quälereien um das „richtige“ Bewusstsein und Benehmen gibt es auf der Welt auch das alltägliche Handeln all jener Personen, die keine „Aktivisten“ sind (und auch keine Journalisten). Während die „Aktivisten“ (und auch die Journalisten von ARD und ZDF und Deutschlandradio) ständig Moralkeulen schwingen, haben die Leute ganz andere Probleme. Sie entwickeln eigene Lebens-Strategien, Strategien der Selbstbehauptung in unsicheren Zeiten. Dieses reale Leben der Leute (heute sagt man gern: „der Menschen“) zeigt sich nicht im Fäuste-Schütteln und Vorzeigen von Pappschildern, sondern in Veränderungen des Alltagslebens. 

Jetzt überall: der Campingplatz-Mann 

Jeder, gleich welchen Geschlechts, Alters etc., soll im Rahmen der Gesetze machen, was er will, also auch sich anziehen, wie er will. Als Soziologe darf man aber beobachten, was da geschieht: Auf der Einkaufsstraße in der Großstadt sind die Frauen gut angezogen, sei es konventionell, sei es innovativ mit Minirock oder langem Rock, der das Bein-zeigen ermöglicht. Ihre Partner aber laufen herum wie kleine Jungs. Entweder konventionell, dann sehen sie aus wie frisch vom Campingplatz, in verwaschenem T-Shirt, grauer kurzer Hose und ausgelatschten Turnschuhen.

Oder „modisch“, dann sind das T-Shirt und die kurze Hose schwarz und die Turnschuhe neu und weiß oder grasgrün. Zuerst, seit dem immer krawattenlosen Auftreten des linkspopulistischen Ministerpräsidenten Tsipras, verpönten die Männer die Krawatte. Jetzt wird, jedenfalls in der Freizeit-Öffentlichkeit, die lange Hose zum No-Go.   

Klar, dass man im Sommer eine kurze Hose trägt, weil es heiß ist. Aber es ist doch ein Unterschied, ob Frauen mit modischer Fantasie auftreten oder ob Männer, alte wie junge, in der Stadt herumlaufen wie auf dem Campingplatz. 

Warum gestatten die Frauen den Männern, sich anzuziehen wie kleine Jungs, denen nur noch die Sand-Schippe fehlt? Kommt das einer sadistischen Frauenfantasie entgegen: der Fantasie vom entmachteten Mann? Nein, der Mann entmachtet sich selbst. Die neue Fantasie des kurzbehosten Mannes ist die Sehnsucht nach dem Kindsein. Da muss man nur einmal das Gesicht eines auf einem Elektroroller („E-Scooter“) fahrenden Erwachsenen ansehen, der kurze Hosen anhat: Er lächelt glücklich, wie in seiner Kindheit, als er noch Roller fuhr.

Diese Männerfantasie richtet sich gesellschaftlich – nicht zuletzt wegen realer beruflicher Unsicherheiten – auf die flexible Arbeitszeit, den Halbtagsjob – oder die Rolle als Hausmann. Der bügelnde Mann ist heute ein gesellschaftliches Idealbild. Hinter der Hausmann-Fantasie steht eine weitere Fantasie: der allumfassende Versorgungsstaat. Der Staat soll gefälligst Staatsknete locker machen, fettes Grundgehalt, fette Prämien für ökologisch korrektes Benehmen und fettes Kindergeld. Bezahlen sollen das „die Reichen“. Und bis die Fantasie vom allumfassenden Versorgungsstaat Wirklichkeit wird, laufen jedenfalls die Männer schon mal demonstrativ in Spielhosen herum.

Die neue Kindlichkeit 

Ein junges Paar auf dem Kinderspielplatz. Die Eltern schaukeln, auf zwei Schaukeln nebeneinander. Der Mann hat das Baby auf dem Schoß. Die jungen Eltern albern beim Schaukeln nicht herum, um das Baby zu amüsieren. Sie beachten es nicht. Nein, sie schaukeln ernst und jeweils in sich versunken, fast nachdenklich. 

Sie sind modebewusst gekleidet. In den Modeanzeigen der Illustrierten stehen erwachsene Models stets da wie kleine Mädchen, die Füße nach innen gestellt, so, als seien sie noch unbeholfene Kinder. Also gehört es heute zum Lifestyle, dass junge Eltern, wenn sie im Trend sein wollen, auch auf Kinderschaukeln schaukeln.  

Ein anderes Paar auf einer – für Kinder bestimmten – Korbschaukel. Der Mann liegt in dem Korb und lässt sich schaukeln, von der Frau, die über ihm auf dem Korb steht und die Schaukel in Bewegung bringt. Seitlich am Korb versucht verzweifelt die kleine Tochter, auch auf die Schaukel zu gelangen.

Die Bürgersteig-Hocker

Immer wieder hocken sich in den Städten erwachsene Leute auf den Rinnstein beziehungsweise auf das, was man einst den „Bürgersteig“ nannte. Wartende Kunden hocken ungeniert vor dem Geschäft auf dem Pflaster. Eltern hocken auf dem Bürgersteig und sehen stolz zu, wie ihr Kind sich im Schreien in den höchsten Tönen übt. Und zwei Frauen unterhalten sich auf dem Bürgersteig, hockend. Die eine hat einen Zeichenblock neben sich auf dem Pflaster ausgebreitet. Dabei hat die Stadt überall Bänke aufgestellt. Aber nein, die Leute sitzen auf dem Pflaster. 

Entweder steht dahinter eine politische Botschaft: demonstrativer Verzicht auf Luxus. Schließlich hat auch Gandhi stets auf dem Boden gesessen. Oder es gibt da noch etwas anderes: Da hocken Mütter und Väter auf dem Pflaster und malen mit farbigen Kreiden. An der Oberfläche sieht das so aus, als würden die Eltern ihren Kindern etwas beibringen. Aber die Eltern beachten ihre Kinder gar nicht. Sie sind selbst wieder Kinder geworden. Ihre Kinder stehen verblüfft dabei.

Die Schuld der Eltern

„Es ist kein Wunder, dass die Kinder alle so nervig sind, wo doch die Eltern alle so nervig sind.“ (Das Känguru. In: Kling, 2. Bd.: 143)

In den Werbespots von Haribo im Fernsehen halten Erwachsene die eigentlich für Kinder bestimmten Haribos in der Hand, und sie reden darüber, welche Haribos sie am liebsten haben. Aber sie sprechen nicht wie Erwachsene, sondern ihnen sind kindliche Stimmen untergelegt, so, als steckten in den erwachsenen Körpern Vierjährige. – Unheimlich. 

Haribos gibt es immer und überall. Aber was wäre, wenn diese im falschen Körper steckenden Kinder nicht genug mit Haribos versorgt würden, was würden sie dann tun? Sie würden tun, was kleine Kinder tun, wenn sie etwas nicht kriegen: fürchterlich brüllen und um sich schlagen.

Selbstermächtigung in Turnschuhen

Im Sommer sind bei Frauen wie Männern riesige weiße Turnschuhe („Sneakers“) in Mode. Traditionell angezogene Frauen und Männer, Frauen in Miniröcken, Männer in kurzen Hosen: Sie alle tragen diese klobigen Dinger. – Warum?

Die riesigen weißen Turnschuhe sagen: Da schreitet jemand, der sich zu behaupten weiß! Damit wirkt jeder Schritt, als schreite ein gewaltiger Tyrannosaurus Rex daher und als würde bei jedem Schritt dieses gigantisch starken Lebewesens die Erde beben.

Der Aktivist hat diesen unwiderstehlichen Habitus des von weit her Kommenden, soeben Gelandeten. Eines Gesandten. So, als hätte ihn der Allmächtige – oder ein Zentralkomitee von Allmächtigen – in die Welt geschickt. Einmal gelandet, zeigt er sogleich mit dem Zeigefinger auf die Unterdrückungen dieser Welt und deren Opfer: Die Unterdrückten seien verblendet und müssen von ihrer Verblendung befreit werden. Dazu gelte es, Hebel anzusetzen, Knautschzonen herauszufinden, Konfliktzonen, Unzufriedenheiten, Kampfpotenziale, um dann Konflikte zu entfachen und gezielte Maßnahmen zu ergreifen. 

Und Staatsknete locker zu machen.

Die hysterische Öffentlichkeit

Die Struktur der hysterischen Öffentlichkeit entwickelt sich in fünf Schritten: 

Erster Schritt: Die Aktivisten machen Aktionen. Daraufhin erkennen die unterdrückten Klassen, Geschlechter etc. ihre Unterdrückung und ärgern sich erst einmal fürchterlich.

Zweiter Schritt: Die Unterdrückten werden sich ihrer objektiven Bedürfnisse bewusst und machen jene zu ihren subjektiven. 

Dritter Schritt: Zusammen mit allen anderen fortschrittlichen Kräften kämpfen sie dafür, dass den Reichen ihr Geld abgenommen und überhaupt das ganze Privateigentum abgeschafft wird.

Vierter Schritt: Mit der Abschaffung des Privateigentums erfolgt die Abschaffung der Familien und des privatistischen Herumhockens. Die privatistischen Fixierungen werden aufgebrochen. Aus den Medien wird die Personalisierung gesellschaftlicher Tatbestände eliminiert: all der nebensächliche Klatsch und Tratsch über Königshäuser, Filmstars und Politiker-Gattinnen. Vom Politbüro in Brüssel wird das fleischlose Wochenende eingeführt. Natürlich bleibt auch weiterhin das Rauchen streng verboten. Und auf den Weinflaschen steht jetzt: „Alkohol tötet Menschen!“ Die Fassaden der alten Rathäuser, Parlamente und Banken werden abgerissen, weil diese Herrschaftsarchitektur einen strukturellen Imperialismus, Machismus, Rassismus verkörpert. Schließlich werden auch aggressive Ballspiele, bei denen Lederbälle mit Füßen getreten werden, als archaisch-primitiv verboten. 

Letzter Schritt: Die Menschen, die nun kollektiv-solidarisch organisiert sind, befinden sich ständig unterwegs in politischer Aktion. Sie verweilen nie länger als eine Stunde auf einer Versammlung, dann müssen sie zur nächsten. Die kostenlosen Verkehrsmittel werden für die Zwecke der politischen Mobilität entscheidend verbessert. Sie werden schneller und können mehr Menschen fassen. Sie halten nur noch an den gerade politisch aktuellen Zentren, an denen NGOs, Blogger und Influencer zu Aktionen aufrufen, sich hinter Transparenten zu versammeln und „Sprengt die Ketten“ rufen.

Anzüge sind endgültig verschwunden, Krawatten sowieso

Die Kunst hat jetzt ausschließlich die Funktion, den Menschen das richtige Bewusstsein zu vermitteln. In den Museen hängen jetzt großformatige Bilder marschierender Massen mit Transparenten. Auch die legendäre Conchita Wurst ist im Museum zu sehen. Darüber hängt das Transparent: „We are unstoppable!“ Und Dürers betende Hände wurden in den Museumskeller verbannt. An deren Stelle zeigt ein Bild jetzt die faltigen Hände von alten Erbsenschotenpflückerinnen, die zwischen ihren gefalteten Händen Erbsenschoten halten, diese Produkte der reinen Natur.

Die derart mobilisierten Menschen tragen eine praktische Kleidung, zu der selbstverständlich Turnschuhe und ein Rucksack gehören. Die Männer tragen schwarze T-Shirts und kurze Hosen. Auch Politiker tragen jetzt kurze Hosen, Anzüge sind endgültig verschwunden, Krawatten sowieso. Die Frauen tragen praktische Leinenkleider, die man auf Reisen auch als Nachthemden verwenden kann. Die älteren Frauen färben ihre grauen Haare nicht. Die jungen Frauen färben sich ihre Haare grau.

Wahlen im Jahr 2037

Die Erde war 2030 nicht untergegangen, obwohl die „Rettet die Welt“-Bewegung das zehn Jahre zuvor prognostiziert hatte. Aber die Wahlen haben sich verändert. Die Bundestagswahlen finden jetzt nur alle 8 Jahre statt. Das hatte die Große Koalition nach schmerzvollem Ringen durchgesetzt, mit dem Argument, es sei im Interesse späterer Generationen, dass die Regierenden nicht so viel beim Regieren gestört werden dürfen. Im Jahr 2037 geht man bei Wahlen nicht mehr in ein Wahllokal, das ist nicht mehr nötig. Da inzwischen die Technik der Gesichtserkennung in jedem Laptop und Smartphone eingebaut ist, können die Wählerinnen und Wähler zu Hause wählen. Die Computer haben ohnehin alle Daten, denn die Leute teilen ihrer personalisierten Cloud ununterbrochen mit, was sie denken und fühlen.

Außerdem speichern die Computer über Spracherkennungs-Module die wichtigsten Wörter aus den E-Mails, Telefongesprächen und Alexas der Leute. Die Computer errechnen für jede Wählerin und jeden Wähler punktgenau deren persönlichen politischen Willen. Das ist alles sehr praktisch, weil die Computer auch automatisch berücksichtigen, dass inzwischen freie Wahlen nicht mehr ganz so frei sind, denn die Länderparlamente und der Bundestag hatten auf Betreiben von Rot-Rot-Grün beschlossen, dass Wählerinnen und Wähler Quoten zu beachten haben: Frauen-Quoten, Migranten-Quoten, Quoten für Kinder und Jugendliche etc. Früher hatte das Wort „Gerechtigkeit“ dafür gestanden, dass Jede und Jeder die Chance erhält, sich für einen gewünschten Beruf zu qualifizieren und jenen auch zu erreichen.

Heute, 2037, bedeutet „Gerechtigkeit“, dass Jeder*Jede überall in Wirtschaft, Politik, Gesellschaft so repräsentiert sein muss wie seine Kategorie, der er zugehört, im Gesamtsystem repräsentiert ist. (Was auch insofern praktisch ist, weil damit echte Minderheiten, deren Repräsentanz keiner Partei Stimmen bringen, von der Parité ausgeschlossen bleiben.) Manche Soziologen denken derart schlicht: Menschen erwerben im Lauf des Sozialisationsprozesses die Fähigkeit, soziale Rollen zu spielen; sie internalisieren schichtspezifische, geschlechtsspezifische etc. Rollen; diese sozialen Rollen machen ihre Identität aus. Manche schlicht denkenden Soziologen glauben sogar, dass Männer nur Männer, Frauen nur Frauen und Alte nur Alte wählen! So, als seien die Leute alle Maschinen. – Diese hanebüchene Auffassung von Gerechtigkeit hat sich aber nicht aus statistischer oder soziologischer Pedanterie durchgesetzt, sondern weil mit der Zugehörigkeit zu einer Quote die Garantie von Staatsgeldern, Posten und Privilegien verbunden ist. 

Übrigens ist es auch möglich, am Wahltag ins Customer Care Center zu gehen, dort in die Gesichtserkennungs-Kamera zu blicken, sich den vom Computer errechneten eigenen Wählerwillen anzusehen und dann feierlich den Zustimmungs-Knopf zu drücken. Die digitale Technik ist inzwischen so weit, dass dann auf einem Bildschirm der virtuelle Bundespräsident die Person, die gerade den Knopf gedrückt hat, persönlich beim Namen nennt und sich mit einigen Worten, die punktgenau auf das kategoriale Persönlichkeitsprofil, des*der Wählers*Wählerin ausgerichtet sind, für die Stimmabgabe bedankt.

Quelle

(1) Marc-Uwe Kling: Die Känguru-Tetralogie. 2020, 3. Bd.: 310 f., hier bestellbar.

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Wolfgang Kaufmann / 31.07.2020

„Wir sind die erste Generation, die den gleichen Geschmack hat wie unsere Kinder.“ Das ist kein Ruhmesblatt, sondern das Eingeständnis eines abgrundtiefen Versagens. Wir Boomer sind nämlich die erste Generation, die nicht die Kinder zum Erwachsenwerden drängen, sondern uns beim Nachwuchs einschleimen, indem wir uns selber verkindern. Vor allem bei allein erziehenden Kindern (was man früher eine kaputte Familie genannt hätte) fraternisiert die Mutter mit dem Einzelkind; der Vater ist längst entsorgt, darf aber weiterhin die Selbstverwirklichungsparty dieser ewig infantilen Symbionten zwangsfinanzieren. Exzessiver Konsum von Whats App und Sozialen Medien, Spielsucht und Schulversagen sind dann noch das i-Tüpfelchen auf der Unfähigkeit, mit dem Hier und Jetzt klarzukommen. Und wo bleibt das Positive? Abstellgleis. Dieser Zug verendet hier. Vor unseren Augen.

Thomas Taterka / 31.07.2020

Über das Jahr 2037 mach ich mir so detailliert noch keine Sorgen, eher über den immer enger werdenden Weg dahin, der gesäumt sein wird von soviel ahnungsloser Dämlichkeit. Wenn man nicht saublöd ist, wird man sehr tapfer sein müssen.

Harald Unger / 31.07.2020

“Die Struktur der hysterischen Öffentlichkeit entwickelt sich in fünf Schritten:” Es werden, falls überhaupt, nur die ersten drei Erreicht. Danach übernehmen ganz andere, mit ausgesprochen reduzierten, maximal verengten Vorstellungen. Was aber kein Problem sein wird. Wer sich zum Maskenvieh abrichten lässt, jubelt jedem Abdecker zu.

Wiebke Ruschewski / 31.07.2020

Ich stelle nicht nur innerhalb der jetzigen Elterngeneration gewisse Fehlgriffe in der Kleiderwahl fest. Regelmäßig sehe ich auch Alte, die anscheinend jegliches Gespür für Peinlichkeit verloren haben. Z.B. der ältere Herr mit Base-Cap und Kapuzen-Shirt, der Weißkopfadler mit dem bodenlangen Kunstlederrock (kein Scherz), oder der verhutzelte alte Knacker mit den schrill-pinken (!) Haaren. Alles alte Säcke ab 70 aufwärts. Dass die Leute heute mehr Wert auf Bequemlichkeit legen ist eine Sache. Wenn sie wie Witzfiguren oder Heckenpenner aussehen eine andere. Auch die jugendliche Gossensprache hat längst Einzug gehalten bei Leuten, die die Lebensmitte bereits weit überschritten haben. Es soll wohl jung, spontan und frisch (und bloß nicht spießig!) rüberkommen. Wirkt aber eigentlich eher affig bis armselig. Und dann dieses kumpelhafte Geduze überall. Manchmal kommt es vor, dass ein fremder Mittelaltriger, nachdem ich ihn mit “Sie” angeredet habe sagt: “Du kannst mich ruhig duzen, so alt bin ich ja nun auch wieder nicht.” Boooaaahhhhhhh! Was soll man da erwiedern. Sehe ich alte Filme, oder solche, die in den Jahren 1920-1965 oder so spielen, dann bin ich immer wieder beeindruckt über die gewählte Ausdrucksweise und wie man damals auf sein Äußeres wert legte. Die Männer trugen Hüte und Krawatte. (Selbst die “niederen Schichten”.) Fast überall, außer im Bett und unter der Dusche, könnte man meinen. Das waren noch Zeiten. P.S. Die besagte Haribo-Werbung finde ich übrigens auch absolut furchtbar!

Hansgeorg Voigt / 31.07.2020

2037 ist das Jahr in dem die Chinesen beschlossen haben eine neue große Mauer zu bauen, an den Grenzen des ehemaligen Deutschlands. Alternativ gibt es kein Deutschland mehr, da es keine Deutschen mehr gibt.

Bechlenberg Archi W. / 31.07.2020

In der Psychoanalyse beschreibt der Begriff “Regression” dieses Verhalten. Zu den äußeren Erkennungsmerkmalen eines regressiven Charakters gehören das Werfen von Bärchen, das Wegsehen bei unangenehmen Fakten, das Verharmlosen der Grökaz als “Mutti” und das Reden mit “Silly voices” (Monty Python). Wer selbst als erwachsener Mann abseits von Fußballfeld und Campingplatz in der Öffentlichkeit kurze Hosen trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren. Er versucht, damit unbewusst (vordergründig wird natürlich die Temperatur als Grund genannt) eine Maßnahme zum Selbstschutz zu ergreifen. Laut dem deutschen Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie Reinhard Lempp dient die Regression dem “Schutz vor den Zumutungen der Gegenwart und seinen Selbstzweifeln und bietet Gelegenheiten des Durchatmens”(Das Kind im Menschen. 2003). Heute, 17 Jahre später, sind Schutzbedürfnis und Durchatmen notwendiger denn je. Ob das Tragen klumpfußmachender Turnschuhe einem ähnlichen Zweck dient, wäre zu untersuchen, ich halte es jedenfalls für plausibel. Schließlich sind diese Dinger “bequem” und eignen sich zum schnellen Wegrennen.

Rainer Niersberger / 31.07.2020

Gut beobachtet und zutreffend analysiert. Nur sollte man aus dem Umstand, dass sich Damen teilweise! wie Erwachsene kleiden, nicht fehlschliessen, dass sie erwachsen waeren. Das sind sie naemlich mitnichten, was sich in einem sehr kurzen Gespräch oder auch einer Verhaltensbeobachtung rasch herausstellt. Die Damen sind tatsaechlich (mindestens) so infantil wie, dazu aber deutlich ideologischer als die Herren mit Drei - oder Vier - oder Fuenfttagebart. An naiver Realitaetsverweigerung lassen sich sehr viele Damen nicht ueberbieten, von anderen Vermischungen zwischen Vorstellung, Traum und Realitaet abgesehen. Offenbar wechselt die Wahrnehmung des Nachwuchses ueber die vormalige Prinzen und Prinzessinnen und “Freunde/Freundinnen” nun zu einer spezifischen und kindertypischen Unterbeachtung von “Kind” zu Kind. Hoffentlich bleibt zumindest der frühere “Spielkamerad” zeitweise übrig.

Dirk Jungnickel / 31.07.2020

Apropos Wahlen: Anfrage an den Sender Jerewan : Die Grünen und ihre angeschlossenen Parteien wollen in Absurdistan das Teenager - Wahlrecht einführen. Welche Folgen sind absehbar ? Antwort des Senders Jerewan:  Bitte abwarten. Das Wahlrecht wird noch insofern modifiziert, als NUR DIE Teenager wählen dürfen, die vorher auf einem Formular quasi ihre Qualifikation bestätigt haben. Nämlich, dass sie links wählen werden.

Eva Schwabe / 31.07.2020

Wie schrecklich, wie nah.

Marc Blenk / 31.07.2020

Lieber Herr Prokop, einfach wunderbar Ihr Text. Danke.

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Dieter Prokop, Gastautor / 10.06.2020 / 16:00 / 9

Ohne Unterschiede keine Demokratie

Freiheit und Demokratie haben nicht nur eine strukturelle Dimension, also nicht nur rechtlich abgesicherte Strukturen zur Voraussetzung, die Freiheiten garantieren. Freiheit und Demokratie haben auch…/ mehr

Dieter Prokop, Gastautor / 09.06.2020 / 16:00 / 7

Die UN-Religion

Es gibt sie noch, die Welt als rationalen Gesellschaftsvertrag, wie ihn Hobbes, Locke und Montesquieu entwarfen und Voltaire, Jefferson und andere propagierten. In der heutigen…/ mehr

Dieter Prokop, Gastautor / 08.06.2020 / 12:00 / 11

Donald Trump: Weltmacht als Pokerspiel

„Weltordnung“, „Weltpolitik“ – das umfasst primär Hegemonialpolitik, Militärpolitik, Handelspolitik und Währungspolitik. Aber wenn Donald Trump, Präsident der USA seit 2017, permanent twittert – er hat…/ mehr

Dieter Prokop, Gastautor / 15.05.2020 / 15:00 / 13

Die Rationalität der Corona-Gratwanderung

Wenn durch die virologisch erforderliche Regulierung von Kontakten die Wirtschaft und die Finanzen massiv bedroht sind, können, sollen und müssen die Vertreter der Exekutive auch…/ mehr

Dieter Prokop, Gastautor / 11.03.2020 / 15:00 / 26

Das Fachkräfte-Paradies

Das „Fachkräfteeinwanderungsgesetz“ der Großen Koalition, das ab 1. März 2020 in Kraft trat, fasst unter „Fachkräfte“ auch den Krankenpfleger oder den Handwerker. Die Wirtschaftsjournalistin Heike…/ mehr

Dieter Prokop, Gastautor / 03.03.2020 / 16:00 / 14

Wieder aktuell: Der Mensch als edles Schaf für den Menschen

Jetzt sind sie halt wieder da, die illegal Einreisenden, und die potenzielle Kanzlerkandidatin der Grünen hat sie bereits Willkommen geheißen. Im Fernsehen wird gezeigt, wie…/ mehr

Dieter Prokop, Gastautor / 02.11.2019 / 06:15 / 101

Volkserziehung per „Lifestyle-Moralpolitik“

Ich fasse zusammen, was über die klimapolitische Weltlage manche schon wissen, andere vielleicht nicht:  Da ist ein „Weltrat“, der überall große Plakate mit dem Eisbären…/ mehr

Dieter Prokop, Gastautor / 08.10.2019 / 13:00 / 52

Sensation bei der Bundestagswahl 2021

Zitat aus der TAZ vom 15. Oktober 2005: „…Alle, die Angela Merkel eine kurze Amtszeit prophezeien, werden sich noch wundern. Diese Frau wird nicht einmal…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com