Dieter Prokop, Gastautor / 31.07.2020 / 15:45 / Foto: RIA Novosti / 20 / Seite ausdrucken

Die Infantilität der neuen Campingplatz-Gesellschaft

Hier möchte ich ein Fundstück vorstellen. Es stammt aus dem dritten Teil der Känguru-Chroniken von Marc-Uwe Kling. Das ist ein vierbändiger Episoden-Roman, dessen Hauptpersonen „das Känguru“ und der Autor als Ich-Erzähler sind. Im dritten Band tritt auch der Vater des Kängurus auf. Er heißt Ken und ist ein großer Guru. Ken fragt seinen Sohn (er spricht ein grammatikalisch verdrehtes Deutsch): 

„'Was dich hat zu mir geführt?'

'Äh ... also ... die Pinguine ...' sagt das Känguru [d.h. der Sohn].

 'Ah! Schon seit Anbeginn der Welt, dieser Kampf wird geführt', sagt Ken. 'Der Kampf zwischen den mit dem Strom schwimmenden Soldaten der Sklaverei, der Bevormundung und der Unterdrückung und den sprunghaften Kräften der Aufmüpfigkeit. Die epische Schlacht zwischen Kängurus und Pinguinen das ist.' 

[Die Kängurus sind in diesem ewigen Kampf die Kräfte der Aufmüpfigkeit, also die Guten; die Pinguine die Bösen.]

'Und was ist mit den Menschen?', frage ich. [...]

'Sich entscheiden jeder einzelne Mensch wird müssen', sagt Ken. Entweder für uns man ist oder gegen uns man ist.'

'Oder man steht in der Mitte', sage ich.

'Ja ... natürlich', sagt Ken. 'Auch das geht.'

'Es gibt bestimmt auch Leute, die sind eher aufmüpfig, aber auch ein bisschen angepasst', sage ich. 

'Ja', sagt Ken, 'wenn nachdenke genau ich darüber.'

'Aber auch total angepasste, die ab und zu ein wenig aufmüpfig sind', sage ich.

'Klar', sagt Ken. 

'Es gibt auch Leute, die sind in manchen Bereichen, zum Beispiel im Beruf, total angepasst, aber dafür in anderen Bereichen, zum Beispiel in ihrer Freizeit, krass aufmüpfig.'

'Schweige jetzt!', befiehlt  Ken.'" (1)

Weil es eben nicht aufmüpfig ist, in Lagern zu denken

Der Große Guru steht auf der Seite der sprunghaften Aufmüpfigen, und er grenzt sich von den Pinguinen ab, den mit dem Strom schwimmenden Soldaten der Sklaverei, der Bevormundung und der Unterdrückung. Aber aufmüpfig ist in diesem Dialog der Ich-Autor, und ihm befiehlt der große Guru, zu schweigen – warum? Weil er als großer Guru etwas praktiziert, was auch Politiker gern pflegen: Lagerdenken. Er denkt in festen Kategorien.

Da steht das Lager der Guten, der Kängurus, dem Lager der Bösen, der Pinguine gegenüber. Der große Guru befindet sich damit auf dem Niveau derer, die heute sagen, dass man entweder ein Rassist oder ein Antirassist sei, entweder Mutti oder ein Fascho etc. – Aber zu diesem Entweder/Oder hat der Autor etwas einzuwenden: Aufmüpfig verweigert er das Lagerdenken. 

Weil es eben nicht aufmüpfig ist, in Lagern zu denken.

Warum Benimmregeln nicht alles sein können

Heute befassen sich die Medien viel – zu viel – mit Benimmregeln. Das „korrekte“ Benehmen, das die „Aktivisten“ in den öffentlichen Umverteilungskämpfen einfordern, dient der Legitimation von Forderungen nach Staatsgeld, Posten, Privilegien und Quoten. Die „Aktivisten“ verlangen, dass Staatsgelder und Posten nicht aufgrund von Qualifikationen vergeben werden, sondern aufgrund der Zugehörigkeit zu einer Kategorie mit Opferstatus: „Geflüchteter“; „Migrant“, nichtweiße Hautfarbe; LGBTQ-Geschlecht etc. 

Kämpfe um Gleichheit sind eine gute Sache. Aber die Idee, jede gesellschaftliche Institution müsse die in der Gesellschaft real vorhandenen Status-Kategorien eins zu eins abbilden, zielt ja nicht auf die Chancengleichheit aller ab, sondern auf Posten und Privilegien für kategorial – und kategorisch – bestimmte Personengruppen. (Ganz abgesehen davon, dass Kategorien wie „Geflüchteter“ oder „Migrant“ fragwürdig sind.)

Unterhalb der dieser Politik der Kategorien („identity politics“) und der damit verbundenen politischen Verteilungskämpfe spielen sich die realen gesellschaftlichen Vorgänge ab. Auch sie sind von den Strukturveränderungen geprägt: dem Knapperwerden von Arbeit aufgrund von Automation, Digitalisierung, also Robotern und Computern. Aber im realen Leben der Bevölkerungen entstehen aus den Strukturveränderungen andere Dinge als „Rassismus“ und „Antirassismus“ und das Zerstören von Denkmälern; andere Dinge als die „Klimakatastrophe“, die Plastiktüten im Meer und den politisch korrekten Veggie-Burger. Und sicherlich ist der Streit, ob Corona eine Katastrophe ist, die regulierende staatliche Maßnahmen erfordert, oder bloß eine Grippe – sicherlich ist dieser Streit im Bereich der politischen Imagepflege von NGOs, Blogs und Parteien von Bedeutung.

Aber diesseits aller moralischen Quälereien um das „richtige“ Bewusstsein und Benehmen gibt es auf der Welt auch das alltägliche Handeln all jener Personen, die keine „Aktivisten“ sind (und auch keine Journalisten). Während die „Aktivisten“ (und auch die Journalisten von ARD und ZDF und Deutschlandradio) ständig Moralkeulen schwingen, haben die Leute ganz andere Probleme. Sie entwickeln eigene Lebens-Strategien, Strategien der Selbstbehauptung in unsicheren Zeiten. Dieses reale Leben der Leute (heute sagt man gern: „der Menschen“) zeigt sich nicht im Fäuste-Schütteln und Vorzeigen von Pappschildern, sondern in Veränderungen des Alltagslebens. 

Jetzt überall: der Campingplatz-Mann 

Jeder, gleich welchen Geschlechts, Alters etc., soll im Rahmen der Gesetze machen, was er will, also auch sich anziehen, wie er will. Als Soziologe darf man aber beobachten, was da geschieht: Auf der Einkaufsstraße in der Großstadt sind die Frauen gut angezogen, sei es konventionell, sei es innovativ mit Minirock oder langem Rock, der das Bein-zeigen ermöglicht. Ihre Partner aber laufen herum wie kleine Jungs. Entweder konventionell, dann sehen sie aus wie frisch vom Campingplatz, in verwaschenem T-Shirt, grauer kurzer Hose und ausgelatschten Turnschuhen.

Oder „modisch“, dann sind das T-Shirt und die kurze Hose schwarz und die Turnschuhe neu und weiß oder grasgrün. Zuerst, seit dem immer krawattenlosen Auftreten des linkspopulistischen Ministerpräsidenten Tsipras, verpönten die Männer die Krawatte. Jetzt wird, jedenfalls in der Freizeit-Öffentlichkeit, die lange Hose zum No-Go.   

Klar, dass man im Sommer eine kurze Hose trägt, weil es heiß ist. Aber es ist doch ein Unterschied, ob Frauen mit modischer Fantasie auftreten oder ob Männer, alte wie junge, in der Stadt herumlaufen wie auf dem Campingplatz. 

Warum gestatten die Frauen den Männern, sich anzuziehen wie kleine Jungs, denen nur noch die Sand-Schippe fehlt? Kommt das einer sadistischen Frauenfantasie entgegen: der Fantasie vom entmachteten Mann? Nein, der Mann entmachtet sich selbst. Die neue Fantasie des kurzbehosten Mannes ist die Sehnsucht nach dem Kindsein. Da muss man nur einmal das Gesicht eines auf einem Elektroroller („E-Scooter“) fahrenden Erwachsenen ansehen, der kurze Hosen anhat: Er lächelt glücklich, wie in seiner Kindheit, als er noch Roller fuhr.

Diese Männerfantasie richtet sich gesellschaftlich – nicht zuletzt wegen realer beruflicher Unsicherheiten – auf die flexible Arbeitszeit, den Halbtagsjob – oder die Rolle als Hausmann. Der bügelnde Mann ist heute ein gesellschaftliches Idealbild. Hinter der Hausmann-Fantasie steht eine weitere Fantasie: der allumfassende Versorgungsstaat. Der Staat soll gefälligst Staatsknete locker machen, fettes Grundgehalt, fette Prämien für ökologisch korrektes Benehmen und fettes Kindergeld. Bezahlen sollen das „die Reichen“. Und bis die Fantasie vom allumfassenden Versorgungsstaat Wirklichkeit wird, laufen jedenfalls die Männer schon mal demonstrativ in Spielhosen herum.

Die neue Kindlichkeit 

Ein junges Paar auf dem Kinderspielplatz. Die Eltern schaukeln, auf zwei Schaukeln nebeneinander. Der Mann hat das Baby auf dem Schoß. Die jungen Eltern albern beim Schaukeln nicht herum, um das Baby zu amüsieren. Sie beachten es nicht. Nein, sie schaukeln ernst und jeweils in sich versunken, fast nachdenklich. 

Sie sind modebewusst gekleidet. In den Modeanzeigen der Illustrierten stehen erwachsene Models stets da wie kleine Mädchen, die Füße nach innen gestellt, so, als seien sie noch unbeholfene Kinder. Also gehört es heute zum Lifestyle, dass junge Eltern, wenn sie im Trend sein wollen, auch auf Kinderschaukeln schaukeln.  

Ein anderes Paar auf einer – für Kinder bestimmten – Korbschaukel. Der Mann liegt in dem Korb und lässt sich schaukeln, von der Frau, die über ihm auf dem Korb steht und die Schaukel in Bewegung bringt. Seitlich am Korb versucht verzweifelt die kleine Tochter, auch auf die Schaukel zu gelangen.

Die Bürgersteig-Hocker

Immer wieder hocken sich in den Städten erwachsene Leute auf den Rinnstein beziehungsweise auf das, was man einst den „Bürgersteig“ nannte. Wartende Kunden hocken ungeniert vor dem Geschäft auf dem Pflaster. Eltern hocken auf dem Bürgersteig und sehen stolz zu, wie ihr Kind sich im Schreien in den höchsten Tönen übt. Und zwei Frauen unterhalten sich auf dem Bürgersteig, hockend. Die eine hat einen Zeichenblock neben sich auf dem Pflaster ausgebreitet. Dabei hat die Stadt überall Bänke aufgestellt. Aber nein, die Leute sitzen auf dem Pflaster. 

Entweder steht dahinter eine politische Botschaft: demonstrativer Verzicht auf Luxus. Schließlich hat auch Gandhi stets auf dem Boden gesessen. Oder es gibt da noch etwas anderes: Da hocken Mütter und Väter auf dem Pflaster und malen mit farbigen Kreiden. An der Oberfläche sieht das so aus, als würden die Eltern ihren Kindern etwas beibringen. Aber die Eltern beachten ihre Kinder gar nicht. Sie sind selbst wieder Kinder geworden. Ihre Kinder stehen verblüfft dabei.

Die Schuld der Eltern

„Es ist kein Wunder, dass die Kinder alle so nervig sind, wo doch die Eltern alle so nervig sind.“ (Das Känguru. In: Kling, 2. Bd.: 143)

In den Werbespots von Haribo im Fernsehen halten Erwachsene die eigentlich für Kinder bestimmten Haribos in der Hand, und sie reden darüber, welche Haribos sie am liebsten haben. Aber sie sprechen nicht wie Erwachsene, sondern ihnen sind kindliche Stimmen untergelegt, so, als steckten in den erwachsenen Körpern Vierjährige. – Unheimlich. 

Haribos gibt es immer und überall. Aber was wäre, wenn diese im falschen Körper steckenden Kinder nicht genug mit Haribos versorgt würden, was würden sie dann tun? Sie würden tun, was kleine Kinder tun, wenn sie etwas nicht kriegen: fürchterlich brüllen und um sich schlagen.

Selbstermächtigung in Turnschuhen

Im Sommer sind bei Frauen wie Männern riesige weiße Turnschuhe („Sneakers“) in Mode. Traditionell angezogene Frauen und Männer, Frauen in Miniröcken, Männer in kurzen Hosen: Sie alle tragen diese klobigen Dinger. – Warum?

Die riesigen weißen Turnschuhe sagen: Da schreitet jemand, der sich zu behaupten weiß! Damit wirkt jeder Schritt, als schreite ein gewaltiger Tyrannosaurus Rex daher und als würde bei jedem Schritt dieses gigantisch starken Lebewesens die Erde beben.

Der Aktivist hat diesen unwiderstehlichen Habitus des von weit her Kommenden, soeben Gelandeten. Eines Gesandten. So, als hätte ihn der Allmächtige – oder ein Zentralkomitee von Allmächtigen – in die Welt geschickt. Einmal gelandet, zeigt er sogleich mit dem Zeigefinger auf die Unterdrückungen dieser Welt und deren Opfer: Die Unterdrückten seien verblendet und müssen von ihrer Verblendung befreit werden. Dazu gelte es, Hebel anzusetzen, Knautschzonen herauszufinden, Konfliktzonen, Unzufriedenheiten, Kampfpotenziale, um dann Konflikte zu entfachen und gezielte Maßnahmen zu ergreifen. 

Und Staatsknete locker zu machen.

Die hysterische Öffentlichkeit

Die Struktur der hysterischen Öffentlichkeit entwickelt sich in fünf Schritten: 

Erster Schritt: Die Aktivisten machen Aktionen. Daraufhin erkennen die unterdrückten Klassen, Geschlechter etc. ihre Unterdrückung und ärgern sich erst einmal fürchterlich.

Zweiter Schritt: Die Unterdrückten werden sich ihrer objektiven Bedürfnisse bewusst und machen jene zu ihren subjektiven. 

Dritter Schritt: Zusammen mit allen anderen fortschrittlichen Kräften kämpfen sie dafür, dass den Reichen ihr Geld abgenommen und überhaupt das ganze Privateigentum abgeschafft wird.

Vierter Schritt: Mit der Abschaffung des Privateigentums erfolgt die Abschaffung der Familien und des privatistischen Herumhockens. Die privatistischen Fixierungen werden aufgebrochen. Aus den Medien wird die Personalisierung gesellschaftlicher Tatbestände eliminiert: all der nebensächliche Klatsch und Tratsch über Königshäuser, Filmstars und Politiker-Gattinnen. Vom Politbüro in Brüssel wird das fleischlose Wochenende eingeführt. Natürlich bleibt auch weiterhin das Rauchen streng verboten. Und auf den Weinflaschen steht jetzt: „Alkohol tötet Menschen!“ Die Fassaden der alten Rathäuser, Parlamente und Banken werden abgerissen, weil diese Herrschaftsarchitektur einen strukturellen Imperialismus, Machismus, Rassismus verkörpert. Schließlich werden auch aggressive Ballspiele, bei denen Lederbälle mit Füßen getreten werden, als archaisch-primitiv verboten. 

Letzter Schritt: Die Menschen, die nun kollektiv-solidarisch organisiert sind, befinden sich ständig unterwegs in politischer Aktion. Sie verweilen nie länger als eine Stunde auf einer Versammlung, dann müssen sie zur nächsten. Die kostenlosen Verkehrsmittel werden für die Zwecke der politischen Mobilität entscheidend verbessert. Sie werden schneller und können mehr Menschen fassen. Sie halten nur noch an den gerade politisch aktuellen Zentren, an denen NGOs, Blogger und Influencer zu Aktionen aufrufen, sich hinter Transparenten zu versammeln und „Sprengt die Ketten“ rufen.

Anzüge sind endgültig verschwunden, Krawatten sowieso

Die Kunst hat jetzt ausschließlich die Funktion, den Menschen das richtige Bewusstsein zu vermitteln. In den Museen hängen jetzt großformatige Bilder marschierender Massen mit Transparenten. Auch die legendäre Conchita Wurst ist im Museum zu sehen. Darüber hängt das Transparent: „We are unstoppable!“ Und Dürers betende Hände wurden in den Museumskeller verbannt. An deren Stelle zeigt ein Bild jetzt die faltigen Hände von alten Erbsenschotenpflückerinnen, die zwischen ihren gefalteten Händen Erbsenschoten halten, diese Produkte der reinen Natur.

Die derart mobilisierten Menschen tragen eine praktische Kleidung, zu der selbstverständlich Turnschuhe und ein Rucksack gehören. Die Männer tragen schwarze T-Shirts und kurze Hosen. Auch Politiker tragen jetzt kurze Hosen, Anzüge sind endgültig verschwunden, Krawatten sowieso. Die Frauen tragen praktische Leinenkleider, die man auf Reisen auch als Nachthemden verwenden kann. Die älteren Frauen färben ihre grauen Haare nicht. Die jungen Frauen färben sich ihre Haare grau.

Wahlen im Jahr 2037

Die Erde war 2030 nicht untergegangen, obwohl die „Rettet die Welt“-Bewegung das zehn Jahre zuvor prognostiziert hatte. Aber die Wahlen haben sich verändert. Die Bundestagswahlen finden jetzt nur alle 8 Jahre statt. Das hatte die Große Koalition nach schmerzvollem Ringen durchgesetzt, mit dem Argument, es sei im Interesse späterer Generationen, dass die Regierenden nicht so viel beim Regieren gestört werden dürfen. Im Jahr 2037 geht man bei Wahlen nicht mehr in ein Wahllokal, das ist nicht mehr nötig. Da inzwischen die Technik der Gesichtserkennung in jedem Laptop und Smartphone eingebaut ist, können die Wählerinnen und Wähler zu Hause wählen. Die Computer haben ohnehin alle Daten, denn die Leute teilen ihrer personalisierten Cloud ununterbrochen mit, was sie denken und fühlen.

Außerdem speichern die Computer über Spracherkennungs-Module die wichtigsten Wörter aus den E-Mails, Telefongesprächen und Alexas der Leute. Die Computer errechnen für jede Wählerin und jeden Wähler punktgenau deren persönlichen politischen Willen. Das ist alles sehr praktisch, weil die Computer auch automatisch berücksichtigen, dass inzwischen freie Wahlen nicht mehr ganz so frei sind, denn die Länderparlamente und der Bundestag hatten auf Betreiben von Rot-Rot-Grün beschlossen, dass Wählerinnen und Wähler Quoten zu beachten haben: Frauen-Quoten, Migranten-Quoten, Quoten für Kinder und Jugendliche etc. Früher hatte das Wort „Gerechtigkeit“ dafür gestanden, dass Jede und Jeder die Chance erhält, sich für einen gewünschten Beruf zu qualifizieren und jenen auch zu erreichen.

Heute, 2037, bedeutet „Gerechtigkeit“, dass Jeder*Jede überall in Wirtschaft, Politik, Gesellschaft so repräsentiert sein muss wie seine Kategorie, der er zugehört, im Gesamtsystem repräsentiert ist. (Was auch insofern praktisch ist, weil damit echte Minderheiten, deren Repräsentanz keiner Partei Stimmen bringen, von der Parité ausgeschlossen bleiben.) Manche Soziologen denken derart schlicht: Menschen erwerben im Lauf des Sozialisationsprozesses die Fähigkeit, soziale Rollen zu spielen; sie internalisieren schichtspezifische, geschlechtsspezifische etc. Rollen; diese sozialen Rollen machen ihre Identität aus. Manche schlicht denkenden Soziologen glauben sogar, dass Männer nur Männer, Frauen nur Frauen und Alte nur Alte wählen! So, als seien die Leute alle Maschinen. – Diese hanebüchene Auffassung von Gerechtigkeit hat sich aber nicht aus statistischer oder soziologischer Pedanterie durchgesetzt, sondern weil mit der Zugehörigkeit zu einer Quote die Garantie von Staatsgeldern, Posten und Privilegien verbunden ist. 

Übrigens ist es auch möglich, am Wahltag ins Customer Care Center zu gehen, dort in die Gesichtserkennungs-Kamera zu blicken, sich den vom Computer errechneten eigenen Wählerwillen anzusehen und dann feierlich den Zustimmungs-Knopf zu drücken. Die digitale Technik ist inzwischen so weit, dass dann auf einem Bildschirm der virtuelle Bundespräsident die Person, die gerade den Knopf gedrückt hat, persönlich beim Namen nennt und sich mit einigen Worten, die punktgenau auf das kategoriale Persönlichkeitsprofil, des*der Wählers*Wählerin ausgerichtet sind, für die Stimmabgabe bedankt.

Quelle

(1) Marc-Uwe Kling: Die Känguru-Tetralogie. 2020, 3. Bd.: 310 f., hier bestellbar.

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Lutz Serwuschok / 31.07.2020

Beobachtung am Rande ... Kling ist definitiv ein Linker, aber nicht link. Er denkt. Der Film ist Scheiße, die Texte sind gut. Er ist sich seiner Selbstreferentialität bewußt. Am besten sind die Hörbucher. Er liefert auf seine ganz eigene Art eine Kritik der Geistesgeschichte, welche er auch begründet mit dem Satz - ich verstehe dich nicht. Ob da noch irgendwas kommt, wage ich zu bezweiflen. mit einigem Recht, wie ich finde. Aber in der Sache sollten wir unseren Kindern und Enkeln dieses kulturelle Opus nicht auf langen Wegen im Automobil vorenthalten. Amen, LS

Max Wedell / 31.07.2020

Als ich kürzlich die NBC/Universal-TV-Serie “Schöne neue Welt” gesehen hatte, fragte ich mich, was Genies wie Huxley oder Orwell heute für eine Zukunftsvision entwerfen würden. Prokop hat ein fantastisches, leider plausibles Exposé für einen möglichen Klassiker der Zukunft geliefert. Jetzt müsste nur noch jemand den Roman schreiben.

Jörg Göhzold / 31.07.2020

Infantilität in dieser Gesellschaft, ein immer mehr sich aufdrängendes Thema. Den Schlussfolgerungen des Autors kann ich nicht in jeder Hinsicht folgen, aber als Voraussetzung für die bessere Manipulationsfähigkeit der Schafe ist sie nützlich. Die Beobachtungen sind sehr zutreffend. Ich erweitere um: Grelle, sinnlos beschriftete Camp-David-Klamotten, die besonders das reifere Alter zu bevorzugen scheint; Rentier-Geweih-Imitate zur Advendszeit, mit LED-Lämpchen blinkende Körperschmuckversuche; Roller mit und ohne Strom; Basecaps unter dem Fahrradhelm; neonfarbene Ganzkörperkondome (Radlerbekleidung); Segways; blöde bunte Brillen; kindische Tatoos in bunten Farben; Piratentücher; Red-Noses am Kühler zur Advendszeit; Regenbogenzeichnungen am Fenster usw.

Thomas Kammerer / 31.07.2020

Sprache ist ein Spiegelbild der Realität. Man kleidet sich nicht mehr, man trägt “Klamotten”. Und so wie das klingt, sieht es dann auch aus.

sybille eden / 31.07.2020

Den neuen Totalitarismus an kurzen Hosen und Turnschuhen zu erkennen halte ich für Blödsinn ! In den USA trägt man so etwas schon seit den 30ern. Und knielange Shorts würde ich auch nicht als kurze Hosen bezeichnen. Und Turnschuhe sind auch bei den täglichen Laufstrecken wesentlich gesünder für die Füsse als Lederschuhe mit klobigen Absätzen. Also man kann es auch übertreiben !

Rudolf George / 31.07.2020

Ich glaube das ist ein Trick der „Alten“ (70+). Man kann sich ewig an der Macht halten, weil die „Jungen“ (70-) einfach unfähig gehalten wurden. Beleg: man schaue sich US-Politiker an, wovon so viele stramm auf die 80 zugehen (Trump, Biden, Pelosi, Sanders, usw.) und keiner loslassen will.

Silvia Polak / 31.07.2020

Die Infantilisierung ist die direkte und logische Folge einer ausufernden Feminisierung der Gesellschaft, hat mit echter Emanzipation absolut nichts zu tun. Die Mode ist ehrlich, Form und Inhalt korrespondieren, schaut so aus als hätte mancher weiße, alte Mann endgültig resigniert.

Silvia Polak / 31.07.2020

Die Infantilisierung ist die direkte und logische Folge einer ausufernden Feminisierung der Gesellschaft, hat mit echter Emanzipation absolut nichts zu tun. Die Mode ist ehrlich, Form und Inhalt korrespondieren, schaut so aus als hätte mancher weiße, alte Mann endgültig resigniert.

Christa Born / 31.07.2020

Jaja und die Aufmüpfigen (Guten) sind natürlich immer noch die Mainstream-GrünLinken. Das hätten sie gern.

Markus Knust / 31.07.2020

Ich finde die Argumentation an den Haaren herbeigezogen. Sorry, aber wer wegen Rucksack und kurzen Hosen einen Aufriss veranstaltet und darin feminstische Machtphantasien vermutet, hat ein ebensolches Problem, wie seine Kombattanten. Die Infantilisierung der rechten Seite ist nämlich genauso zu beobachten. Oftmals sind die Kommentare hier sehr gut, aber bei einigen haben ich so das Gefühl, sie haben die letzten 40 Jahre irgendwie verpasst. Deswegen bespielen sie auch das von Linken genehmigte Feld und wundern sich ständig, warum nichts passiert. Man reißt eben keine Leute mit, indem man sich Aufregern der letzten oder vorletzten Dekade bedient. Das wirkt antiquiert und auch ein gutes Stück weltfremd. Die Welt hat sich weitergedreht, auch für mich selbst. Ich lebe heute wahrscheinlich progressiver als viele der linken Narren. Als viele der rechten Narren ganz sicher, obwohl ich mir bei denen ein wenig mehr 2020 wünschte. Dann könnten wir nämlich wirklich etwas verändern.

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