Vielleicht ist es Ihnen noch nicht aufgefallen, aber hinter allem und jedem auf dieser Welt steht in Wahrheit die Türkei – beziehungsweise „der Türke“ an sich. Und falls Sie das im ersten Moment anzweifeln, findet sich garantiert auf den verschlungenen Pfaden des Internets irgendeine passende Verschwörungstheorie, die Sie genau zu diesem Ergebnis führt.
Dabei gibt es historisch gesehen viele Arten, Zeichen zu geben. Wenn es um akustische Signale geht, könnte man Trommeln, Hörner, Pfeifen, Sirenen, Gongs, Kirchenglocken oder Kanonendonner einsetzen. Ich möchte Sie heute jedoch mit einer völlig neuen Art des Zeichengebens bekannt machen: dem Hupen. Aber nicht, um zu warnen.
Was ich Ihnen heute erzähle, wird wohl den wenigsten bekannt sein: Die aufmerksamsten Lkw-Fahrer auf deutschen Autobahnen sind die türkischen. Selbst wenn sie todmüde sein sollten – die schiere Existenz ihrer Landsleute auf dem Asphalt lässt sie gar nicht erst in die Verlegenheit kommen, in einen Sekundenschlaf zu fallen. Wenn nämlich ein Türkischstämmiger auf der Autobahn fährt und einen Lkw mit türkischem Kennzeichen sieht, wird er schlagartig hellwach. Mein Gehirn schaltet dann sofort in den Scan-Modus und fängt an, kreuz und quer die Beschriftung auf der Plane des Lasters zu lesen. Woher aus der Türkei kommt er? Wie weit ist er von seinem Heimatort weg? Was transportiert er? Es ist, als würde ein lebendiges Stück Ex-Heimat direkt vor meiner Stoßstange fahren.
Ich gebe Gas
Auch wenn ich eigentlich gar nicht vorhatte zu überholen: Ich gebe Gas. Ich muss dem Fahrer einfach kenntlich machen, dass ich dieselben galoppierenden türkischen Gene in mir trage, die einen manchmal total aus der Bahn werfen können.
Dann passiert es. Auf gleicher Höhe angekommen, haue ich voller Inbrunst zweimal auf das Lenkrad. Weil ich dort bei meinem damals fabrikneuen Auto die Hupe vermute. Falsch! Chance vertan! Die Hupe war nämlich auf dem Blinkerarm. Wie blöd. In einer echten Gefahrensituation muss schon eine astronomisch seltene Planetenkonstellation zusammenkommen, damit man instinktiv den Blinkerarm und darauf den Hupknopf erwischt. Wirklich eine tolle Konstruktion.
Diesen ersten Fahrer konnte ich also nicht wachrütteln, um ihm Grüße aus der türkischen Heimat zu übermitteln – in der ich schon so lange nicht mehr war und wohl auch so schnell nicht mehr sein werde. Aber die nächste Chance kommt schnell – zumindest an Werktagen.
Diesmal: ein Lkw aus Antakya. Wieder Kopfkino. Antakya ist nämlich die Stadt, in der man die Türkei gefühlt schon hinter sich lässt, direkt an der syrischen Grenze. Die Strecke Türkei–Deutschland ist ja an sich schon ein schönes Stück Wegstrecke, aber dieser Lkw hat noch mehr geschafft: Von Istanbul nach Antakya ist es fast genauso weit, wie von Istanbul nach München. Antakya ist zudem jene Stadt, in der sich am 6. Februar 2023 das große Erdbeben der Stärke 7,8 ereignete und in deren Region annähernd 24.000 Menschen ums Leben kamen. Es gibt dort kaum eine Familie, die keine Verluste zu beklagen hatte.
„Papa, hup doch!“
Mein Sohn reißt mich aus den Gedanken und ruft vom Rücksitz: „Papa, hup doch!“ Übrigens, er lässt nur mich hupen, als guter Deutscher bleibt er dezent im Hintergrund.
Nun stehen wir also kurz vor dem großen Moment, den wir wegen der hohen Dichte türkischer Brummis eigentlich alle paar Minuten wiederholen könnten. Auf einer Höhe angekommen, ertönt es endlich: „Huuup, huup!“
Sofort reagiert der LKW-Fahrer, entweder mit zwei- oder mehrmaligem Antworten. Besonders imposant ist das in Tunneln – da glaubst du kurz, die Betonwand bebt. Und kurz nachdem ich ihn überholt habe, folgt im Rückspiegel noch ein mehrmaliges Grüßen durch die Lichthupe.
Mein Hupen bedeutete in diesem Moment: Schau, hier ist einer, der kommt auch daher, wo du herkommst. Auch wenn du glaubst, alleine und fern der Heimat unterwegs zu sein – nein, du bist nicht allein. Tatsächlich bedeutet das kurze Hupen, mindestens das, wenn nicht noch mehr.
Das Hupen des Lkw-Fahrers bedeutete: Ach, da ist schon wieder einer, der mich für Sekunden zu Hause fühlen lässt. Wo mag der Fahrer wohl herkommen? Wie lange lebt er schon in Deutschland? Der Junge hinten hat mir sogar zugewunken. Was mögen meine Kinder in der Heimat wohl gerade tun? Der Fahrer und ich, egal wo wir herkommen, woran wir glauben oder nicht, waren für diesen einen Augenblick absolut eins.
Wir vergaßen völlig die Zeit
Einmal vor Jahren hatte sich diese Situation abermals wiederholt. Nachdem ich den Lkw überholt und mich vor ihm platziert hatte, sah ich, dass in fünf Kilometern eine Raststätte kam. Also Fenster runter und ein klares Handzeichen gegeben, dass er rausfahren soll. Er blinkte brav, parkte ein, und ich stellte mich direkt hinter ihn.
Die Konversation lief natürlich auf Türkisch: „Hallo, Ahmet mein Name, sollen wir einen Kaffee trinken und etwas plaudern?“ Er hieß Hasan. Das Fuhrunternehmen, für das er arbeitete, kam zwar aus Antakya, aber er selbst stammte aus der Nachbarstadt Adana. Er wollte schon den Gaskocher auf der Fahrerstufe anwerfen, aber ich holte den Kaffee lieber direkt von der Raststätte. Besser 4,20 Euro für einen echten, zertifizierten Tank & Rast-Kaffee ausgegeben, als die aromatische Ungewissheit umsonst zu riskieren. Wir vergaßen völlig die Zeit, zumal ich beim Erzählen direkt bei Adam und Eva ausholte.
Wer von Ihnen also das nächste Mal per schnellem Kopfkino in die Türkei reisen möchte, hupt einfach zwei Mal einem türkischen Lkw-Fahrer zu. Sie machen den Fahrer damit glücklich und sich selbst auch. Er wird danach felsenfest davon ausgehen, dass Sie ebenfalls aus der Türkei stammen – aber warum nicht?
Huup, Huup!

Ich weiß, dass kaum noch Fahrer die Nationalität haben, auf den der Truck zugelassen ist. Das nationale Kennzeichen sagt nichts mehr aus, besonders bei Trucks, wo Anhänger und Auflieger unterschiedliche Länderkennzeichen haben.
Ich will keinen Türken glücklich machen, Herr Dener.
Und mit dem Satz
„Ach, da ist schon wieder einer, der mich für Sekunden zu Hause fühlen lässt. “
haben sie eindrücklich gezeigt, wie weit es her ist mit den Behauptungen „Deutscher“ zu sein.
Man wird, auch durch langen Aufenthalt in einem anderen Land nicht zu einem der dortigen Einheimischen. Ich würde mich auch verwahren, mit einem Rumänen gleichgesetzt zu werden, auch wenn ich fast 20 Jahre dort gewesen bin.
Auch meine türkischen Nachbarn in Deutschland, die sich für „Deutsche“ ausgeben, verströmen doch jederzeit und aus jeder Körperzelle, ihre eigentlich türkische Identität, und gerade Sie werden wissen, was das bedeutet.
Also nichts für ungut, und weiter viel Spaß beim Hupen.
Ich hupe hier auch kein vermeintlich „deutsches“ Auto an, weil, bereits am Fahrstil erkennbar, in den meisten ohnehin Rumänen sitzen. Auf Heimaturlaub, oder so.