Claudio Casula / 15.02.2024 / 14:26 / Foto: Rudolf Wildermann / 48 / Seite ausdrucken

Die Humor-Deportation am Aschermittwoch

Am gestrigen politischen Aschermittwoch keilten Politiker der Parteien, die sich so einig gegen Hass und Hetze zeigen, mit verbalen Vorschlaghämmern aufeinander ein. Manche können auch heute nicht damit aufhören. Eine Nachlese.

Einmal im Jahr müssen sich unsere Politiker volkstümlich geben. Am Aschermittwoch ist der längst verpönte Stammtisch angesagt, bei dem so richtig auf die Kacke gehauen und gegen den politischen Gegner geholzt wird. Nicht mit dem Florett, sondern mit der Dachlatte, die einst ein ehemaliger SPD-Ministerpräsident ins Spiel brachte.

Epizentrum des an verschiedenen Orten der Republik zelebrierten Phänomens ist stets ein Veranstaltungsort in Bayern, an dem der jeweilige Landesvater zitierfähig loswettert, er wird von den bayerischen Christsozialisten als „Deutschlands größter Stammtisch“ gerühmt. Hier keilte Mitte der 80er Jahre Franz Josef Strauß gegen SPD und Grüne und mahnte das Volk, sich „von diesen Rattenfängern“ nicht einfangen zu lassen. So wie kürzlich erst Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der das reichlich abgeranzte Rattenfänger-Bild dann wiederum auf die AfD münzte.

Einen Hauch von Brisanz erlangte der Aschermittwoch diesmal, weil einige hundert demonstrierende Bauern den Veranstaltungsort des politischen Aschermittwochs der Grünen in Biberach blockierten, wobei auch die wahrhaft schockierenden Rufe „Hau ab!“ und „Pfui!“ (!) zu hören waren. Woraufhin der als Redner vorgesehene Mimimi-Minister Cem Özdemir und andere Grünen-Spitzen das Treffen wegen Sicherheitsbedenken absagten. „Das ist ein Zustand, an den wir uns in einer Demokratie niemals gewöhnen dürfen!“, greinte daraufhin Ricarda Lang, Bundes-Chefin der Grünen, von der allerdings nichts derartiges zu vernehmen war, wenn Klima-Apokalyptiker Straßen oder Flughäfen blockierten oder Demonstranten AfD-Parteitage belagerten. Auch Bundesinnenministerin Nancy Faeser war schockiert: „Wenn eine politische Veranstaltung wegen Gepöbel und Gewalt abgesagt werden muss, dann ist eine rote Linie überschritten“, sagte die Ministerin, deren Chef 2021 meinte, für seine Regierung gebe es „keine roten Linien mehr“.

Verhöhnung staatstragender Parteien

„Pfui“- und Buhrufe von aufgebrachten Landwirten hin oder her, alle anderen Aschermittwochs-Veranstaltungen liefen störungsfrei ab, das Privileg auf „Gepöbel“ (Faeser) nahmen sich alle Parteien heraus. Von Union bis zur Linken: Alle, die angesichts der Massenaufmärsche „gegen rechts“ stets die große Einigkeit der Demokraten beschwören, beschimpften und verhöhnten (!) den politischen Gegner, dass es nur so eine Art hatte.

FDP-Frau Marie-Agnes Strack-Zimmermann arbeitete sich in Dingolfing an der Fraktionsvorsitzenden der AfD-Bundestagsfraktion, Alice Weidel, ab, redete von einer „Ausländermaut“ und davon, dass es in der Schweiz, wo Weidel wohne, „ab sofort die braune Vignette“ gebe. Puh. Den Eidgenossen riet die FDP-Spitzenkandidatin für die EU-Wahlen im Juni, „nach über 80 Jahren vielleicht mal die Grenze zuzumachen, wenn Nazis in ihr Land wollen.“ Den Nazi-Vorwurf hält die Frau, die jeden Monat hunderte Strafanzeigen wegen Beleidigung in sozialen Netzwerken stellt, offenbar nicht für justiziabel.

Beim Aschermittwoch der neu gegründeten Partei Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) in einem Wirtshaus wurde die Bellizismus-Beauftragte der früheren Liberalen selbst aufs Korn genommen. Wagenknecht titulierte Strack-Zimmerflak als „Marie-Agnes Strack-Rheinmetall“, Klaus Ernst nannte sie, ähnlich unoriginell, „Haubitzen-Agnes“. Sahra Putinknecht, wie manche sie zu nennen pflegen, schmähte die „Ampel“ übrigens nicht nur als die „dümmste“, sondern auch als „die gefährlichste Regierung in Europa.

Brandt und Schmidt rotieren im Grab

Da auch im Deutschland des Jahres 2024 nichts über Nazi-Anspielungen geht, bezeichnete der Thüringer CDU-Landeschef Mario Voigt den AfD-Landeschef Björn Höcke als „Möchtegern-Führer“. Dafür nannte die bayerische AfD-Fraktionsvorsitzende Katrin Ebner-Steiner Bayerns Ministerpräsident Markus Söder eine „Leni Riefenstahl für Arme“. Mehr Reichsparteigags nächstes Jahr.

Während Jörg Urban (AfD) mitteilte, sich darüber zu freuen (Achtung, Provokation!), dass es bei ihm in Sachsen „beim Bäcker noch Mohrenköpfe und Negerküsse gibt“, teilte Markus Söder (CSU) gegen die Ampel („Kiffer-Connection“) aus und schleimte sich bei den Bauern ein („Die Grünen machen so viel Mist, eigentlich müssten sie selbst unter die Düngeverordnung fallen“), bezeichnete die aus Ostdeutschland stammende Bundesumweltministerin Steffi Lemke als „grüne Margot Honecker“, meinte, er wäre „lieber Bulle in Bayern als ein Rindvieh in Berlin“ und watschte natürlich auch die AfD ab. Was die Grünen wiederum nicht davon abhielt, dem Franken zu unterstellen, er vertrete AfD-Positionen. Alles Rechte, außer Mutti.

Auch Friedrich Merz musste die Regierung der Unfähigkeit zeihen, wobei er das vor ihm schon mindestens zehntausendmal gehörte Bonmot bemühte, „den größten Fachkräftemangel haben wir auf der deutschen Regierungsbank“. No shit, Sherlock?! In Vilshofen trat SPD-Chef Lars Klingbeil derweil mit einer wahnwitzigen Behauptung vors Parteivolk: „Wir lassen uns Willy Brandt und Helmut Schmidt nicht von den anderen Parteien nehmen – sie würden komplett hinter der Politik der Bundesregierung stehen.“ Es ist nicht überliefert, ob im Saal darob stürmische Heiterkeit ausbrach.

Jetzt kommt das fleischgewordene Chat-GPT

Manche Aschermittwochsredner, die offenbar nicht rechtzeitig über das Wesen von Aschermittwochsreden in Kenntnis gesetzt wurden, zogen den gewohnt öden Stiefel einfach auch bei dieser Gelegenheit durch: Maria Noichl, grüne bayerische Spitzenkandidatin für Europa, rief zum Beginn der 40-tägigen Fastenzeit zum „Hass-Fasten“ auf; Kolja Müller, der Frankfurter SPD-Parteichef, forderte ein „Unterhaken für ein vielfältiges Europa“ (gäääähn!) und Kaweh Mansoori, seit kurzem hessischer Minister für Wirtschaft, Verkehr und Wohnen, warb für einen gemeinsamen Kampf, Achtung: gegen rechts. Dass tausende Menschen auf die Straßen gegangen seien, zeige: „Wir sind die Mehrheit!“ Oh weh, Kaweh, das klingt jetzt nicht wirklich logisch angesichts von mehr als 83 Millionen Einwohnern.

Ricarda Lang reiste extra von Berlin nach Landshut, um sich dort das Narrengewand überzuwerfen. Die Grünen-Vorsitzende, die nachweislich noch nie mit einer witzigen Bemerkung aufgefallen ist, weil humoristische Elemente beim Programmieren dieses fleischgewordenen Chat-GPT fatalerweise vergessen wurden, gab gleich zu, mit Volkstümlichem wie etwa Schafkopf nichts am Hut zu haben, doch von Teamplay und Weitsicht verstehe sie vieles: „Politik ist das, was passiert, wenn Menschen sich zusammensetzen" lautete der sinnfreie Satz, der ihren Zuhörern Rätsel aufgegeben haben dürfte. Bestätigt sie doch einmal mehr Karl Kraus‘ Feststellung: Es genügt nicht, sich keine Gedanken zu machen, man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken.

Aschermittwoch. Gut, dass er vorbei ist.

 

Claudio Casula arbeitet als Autor, Redakteur und Lektor bei der Achse des Guten.

Foto: Illustration Rudolf Wildermann

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Paypal via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Sam Lowry / 15.02.2024

Ich liebe Dali. Ihn für diese Collage zu missbrauchen ist Leichenschändung. Einfach nur das Bild “Salvador Dali: Sentimentales Colloquium” reinsetzen hätte genügt. Das ist nämlich genau das, was die Grööööönen uns wünschen und hart dran arbeiten!

Ilona Grimm / 15.02.2024

@Reinmar von Bielau: » Deutschland macht mich nur noch traurig. Es wurde von den Leuten gekidnappt, mit denen früher auf dem Schulhof Niemand spielen wollte.« - - Deshalb spielen sie jetzt mit Wonne mit uns Richter und Henker. - - Das macht uns, die wir ein besseres Deutschland in relativer Unbeschwertheit erleben durften, tief tief traurig.

aaron treppe / 15.02.2024

Das Lustige an den Aschermittwochtreffen war, dass die Parteien grob aufeinander losgingen und Diskurs, Argumente und Logik mal für einen Moment ausser acht liessen. So gesehen sind die Veranstaltungen nicht mehr notwendig, das wird einem von der Ample ganzjährig rund um die Uhr geboten, geboten wird ausserdem Arroganz, Blasiertheit, Heimtücke, Lüge und Zynismus. Und offene Dummheit dass es kracht.

Klaus Keller / 15.02.2024

Man könnte glauben Deutschland sei ein Irrenhaus. Leider nicht, da in Irrenhäusern Irre auf den rechten Weg gebracht oder wenn das nicht geht, mit dem notwendigsten versorgt und untergebracht werden. Deutschland wir von Irren regiert. Das ist etwas völlig anderes.

Ralf.Michael / 15.02.2024

Der etwas andere Lap-Dance….mit Ricarda Lang ! Alleine nur die Vorstellung würde mich voll Antörnen !

Karsten Dörre / 15.02.2024

“Den Eidgenossen riet die FDP-Spitzenkandidatin für die EU-Wahlen im Juni…” - Wegen dieses Halbsatzes gegoogelt, dass ca. 1,7 Millionen Schweizer EU-wahlberechtigt sind. Etwas weniger als ein Viertel aller Schweizer.

Tina Kaps / 15.02.2024

Ich mag keinen Karneval. Keine Verkleidung. Keine Verstellung. Auch keinen Aschermittwoch. Politisch oder nicht. Aber die Rede gestern in Osterhofen vom AfD-Landesvorsitzenden Protschka Stephan: Di mog ich.

Peter Meyer / 15.02.2024

Man sollte der Ricarda ihren Spruch mal vorhalten, wenn der nächste Gastwirt oder Hotelier bedroht wird, weil er seinem Gewerbe nachgeht und AfDlern Räume vermietet und Getränke und Essen verkauft oder den Parteitagsdelegierten geraten wird, sich bei einem Stadtbummel nicht als AfDler erkennen zu geben, weil die „Zivilgesellschaft“ körperliche Gewalt angedroht hat - sofern der Parteitag überhaupt stattfinden kann, weil 3 Tage vorher mit Bedauern mitgeteilt wird, daß der Saal oder die Halle „nicht an Extremisten vermietet wird“; auch da haben oft entweder die anderen Parteien oder die AntiFa ihre Finger im Spiel.

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Claudio Casula / 15.04.2024 / 12:20 / 66

Die allerschärfsten Reaktionen auf den Iran-Angriff

Als der Iran Israel attackierte, war im deutschen Fernsehen kaum etwas dazu zu sehen. Auch die Politiker schwiegen. Aber nicht für immer, was noch schlimmer…/ mehr

Claudio Casula / 12.04.2024 / 16:00 / 49

Bundestag erlaubt den Griff nach dem neuen Geschlecht

Heute hat der Bundestag das umstrittene „Selbstbestimmungsgesetz“ verabschiedet. Die Aussprache war für den Beobachter ein ganz zähes Stück Fleisch. Dafür, dass so lange und erbittert um…/ mehr

Claudio Casula / 12.04.2024 / 06:00 / 101

Das große Ausbuyxen vor der Aufarbeitung

Die drohende Aufarbeitung der Corona-Politik bringt die Verantwortlichen in die Bredouille. Fast unisono barmen sie, Schuldzuweisungen unbedingt zu vermeiden. Wer den Sumpf trockenlegen will, heißt…/ mehr

Claudio Casula / 11.04.2024 / 06:15 / 42

EU entwickelt Zensur-Maschine

Am 1. April ist „Hatedemics“ angelaufen, ein neues, von der EU gefördertes Projekt, mit dem Künstliche Intelligenz bei der Unterdrückung kritischer Meinungen im digitalen Raum eingesetzt werden…/ mehr

Claudio Casula / 09.04.2024 / 14:00 / 57

Kriminalität schönreden mit Nancy Faeser

Die Polizeiliche Kriminalstatistik 2023 ist alarmierend. Allerdings nicht für die offenbar unbeteiligte Bundesinnenministerin, die so auch Kochrezepte hätte vorstellen können. Zuerst die gute Nachricht: Deutschland ist…/ mehr

Claudio Casula / 08.04.2024 / 12:00 / 92

Wann fordert Müller eine Amnestie für sich?

Berlins Ex-Regierungschef Michael Müller räumt „Fehler“ in der Corona-Politik ein, will aber keine Konsequenzen. Kein Wunder, schließlich war er einer der Treiber der „Pandemie"-Panik. In…/ mehr

Claudio Casula / 05.04.2024 / 06:15 / 147

Auftakt zur Polizei-Säuberung à la Faeser?

Das neue Disziplinarrecht, mit dem unliebsame Beamte ohne Gerichtsbeschluss aus dem Dienst entfernt werden können, ist – inklusive Beweislastumkehr – gerade in Kraft getreten. Und prompt…/ mehr

Claudio Casula / 03.04.2024 / 16:00 / 57

Systemkritiker im Staatsvertrags-Funk

Erstmals melden sich auch noch dort tätige Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit Protest und Forderung nach Reformen zu Wort.  Die zunehmende Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk wurde…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com