Henryk M. Broder / 26.09.2014 / 15:21 / 6 / Seite ausdrucken

Die hohe Kunst der Verspätung

Die Deutschen, sagen die Historiker, seien eine «verspätete Nation». Sie haben die Kleinstaaterei erst überwunden, als andere Völker längst zu Nationen gereift waren. Sie legten sich als letzte europäische Grossmacht Kolonien zu, um mit Frankreich, Grossbritannien, den Niederlanden und Belgien gleichzuziehen. «Wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne», erklärte der Staatssekretär im Auswärtigen Amt und spätere Reichskanzler Bernhard von Bülow im Reichstag am 6. Dezember 1897.

Auch die Demokratie konnte in Deutschland erst Fuss fassen, nachdem die Siegermächte kräftig nachgeholfen hatten. Und dann dauerte es noch einmal zwanzig Jahre, bis sich in der Bonner Republik eine «Friedensbewegung» etablierte. Parallel dazu nahm eine linke «Antifa» den Kampf gegen die Nazis auf. «Je länger das Dritte Reich tot ist, umso heftiger wird der Widerstand gegen Hitler und die Seinen», spottete der Journalist Johannes Gross noch in den neunziger Jahren.

Seitdem hat sich vieles getan. Unter anderem wurde die Wehrpflicht «ausgesetzt» – de facto abgeschafft. Niemand wird zum Militärdienst eingezogen, die neue Bundeswehr ist eine Berufsarmee, die wie ein Unternehmen geführt wird. Mit geregelten Arbeitszeiten, Sozialleistungen und einer Ministerin an der Spitze, die es sich vorgenommen hat, «die Vereinbarkeit von Dienst und Familie» zu verwirklichen.

Aber viele Deutsche trauen dem Frieden nicht. Bei der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerung und Frieden gehen «vermehrt Anfragen» ein, wie man den «Kriegsdienst» verweigern könnte, erzählte der «Friedensbeauftragte» der Evangelischen Kirche in Deutschland letzte Woche dem Evangelischen Pressedienst. Angesichts der zunehmenden Zahl kriegerischer Auseinandersetzungen wollten viele Menschen den Wehrdienst verweigern, obwohl sie gar nicht zur Bundeswehr müssten.

Darüber nachzudenken, wie man einen Militärdienst verweigern könnte, zu dem man nicht eingezogen werden kann, ist mehr als nur Radikalpazifismus. Es ist die hohe Kunst der Verspätung. Und die ist eine Meisterin aus Deutschland.

Zuerst erschienen in der Zürcher Weltwoche

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Leserpost

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Aaron Gal / 27.09.2014

Ja, es wäre rein theoretisch denkbar, dass die Kampfeslust heutiger Widerstandskämpfer gegen Hitler zu dessen Lebzeiten etwas etwas geringer ausgefallen wäre. Man weiß es nicht. Obwohl, Margot Käßmann hätte sicher damals schon gesagt: “Adolf, du verhältst dich nicht fair.” Und er hätte möglicherweise geantwortet:” Ich fahr wenigstens nicht besoffen Auto.” Aber wie gesagt, alles bloß Spekulation!

Pere Marti / 27.09.2014

Könnte denn jemand beziffern, wieviele “vermehrte Anfragen” das denn waren? Sie haben doch sonst auch ein Faible für absolute Zahlen.

Georg Schäfer / 27.09.2014

Verspätungen können auch von Vorteil sein. Wenn die Demokratie bei uns erst spät eingeführt wurde, dauert es bei uns vielleicht auch länger, bis sie wieder abgeschafft ist.

Michael Geier / 27.09.2014

Lb. Herr Broder, danke für diesen wieder einmal so köstlich entlarvenden Beitrag!:-)  Auch die “Kunst der Straßengräben” (rechte Seite = Totaler Krieg, linke = totaler Frieden) u. dazwischen schaut’s mau aus, ist eine Meisterin aus Deutschland. Wir haben nun mal keine gesunde Mitte, so wie sie sie meinetwegen die Briten bis zu Anfang der 90-iger immer noch hatten, ehe sie sich ja auch auf Teufel komm raus selbst abschaffen mussten. Immerhin bauen wir Deutsche dafür immer noch gute Autos und machen nach wie vor schlechte Filme, was Anlass zur Hoffnung gibt. Und wenn letztere schwindet, klammern wir uns mit letzter Kraft an unsere Moralischen Instanzen. Und die Karawane Germania zieht weiter…

Peter Arbogast / 26.09.2014

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben? Nein: wer zu spät kommt bestraft nicht mal der Tod.

Karl Krähling / 26.09.2014

„Auch die Demokratie konnte in Deutschland erst Fuss fassen, nachdem die Siegermächte kräftig nachgeholfen hatten.“ Werter Herr Broder, Sie sollten sich vom Geschichtsbild derer nicht täuschen lassen, die seit längerem ihre antideutschen Ressentiments mit großem Mut aufopferungsvoll pflegen. „Vor dem Ersten Weltkrieg, bevor im Westen die antideutsche Hysterie aufgepeitscht worden war, wurde Deutschland von amerikanischen Politikwissenschaftlern als vorbildliche Demokratie betrachtet, die der Westen nachahmen sollte.“ Noam Chomsky, 21.07.2005

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